Schuld an eigenen Problemen

Flori

Mitglied
Das Dunkel

Das Dunkel

Dunkel, kalt und feucht war der Lehm um ihn herum, er schaufelte mit bloßen Händen blind und mit der Gewißheit, dass er hier von allein nicht raus kommen würde. Seine Finger preßte er zu zwei kleinen Spaten zusammen, sie schmerzten vom Graben. Wie ein Maulwurf, dachte er, wie ein Maulwurf und er versuchte es komisch zu finden.
Aber statt Lachen kroch Entsetzen seinen Hals hinauf. Schnell weitergraben, mit den Händen, ohne Chance, ganz egal, nur weitergraben ( wie ein Maulwurf)
Es war ein schlechter Witz des Schicksals, dass gerade er hier unten saß. Ein grausamer unwahrscheinlicher Zufall. Aber, seine Gedanken stolperten immer wieder darüber, es war passiert,-lebendig begraben-. Er, der Egoist, der Spötter war in dieser Lehmgrube metertief unter der Erde verschüttet. Ohne Licht, mit wenig Luft, und es war kalt.
Er hätte es ahnen können als er diesen Weg entlanglief. Wohin hatte er nur gewollt? Aber er, der sich immer geweigert hatte, seinen Anteil für die Grubenrettung zu entrichten, er, der immer davon gesprochen hatte, wie leicht es für jeden war, mit ein bißchen Vorsicht den Lehmgruben fern zu bleiben, er hatte an diesem Morgen einfach nicht an die Gefahr gedacht.
Er spürte wie seine Füße froren, sie waren naß, die dicken Wollsocken sogen Wasser auf wie ein Schwamm. Das Wasser läuft am Grund der Grube zusammen, dachte er. Das Wasser lief immer am Grund der Grube zusammen! Er stellte sich vor, dass das Wasser gelb war, wie Senf, undurchsichtig und dickflüssig von all dem Lehm. Seine neuen Schuhe waren jetzt sicher schon gelb besudelt und er musste an einen ertrunkenen Maulwurf denken, den er einst in seiner Goldgrube gefunden hatte. Sein Fell war ganz gelb gewesen.... Weitergraben!
Wieder gruben sich seine Hände in den kalten Lehm. Langsam kratzte er ihn von der Decke seines Loches ab und ließ ihn unter sich fallen. Er arbeitete sehr vorsichtig, weil er Angst hatte, die Decke zum Einsturz zu bringen. Noch hatte er wenigstens etwas Luft zum Atmen, aber wenn er ganz von Lehm umschlossen war, beim Einatmen nur Erde im Mund....KLAUSTROPHOBIE... Nein! Noch hatte er genug Kontrolle über seinen Kopf um daran nicht zu denken.
Er versuchte sich auf seine Frau zu konzentrieren, aber das machte ihn auch nicht viel glücklicher. Sie wird keine Witwenrente kriegen von der Genossenschaft, überlegte er. Nur weil mir diese ewigen Mitgliedsversammlungen immer zu wichtigtuerisch waren.
Sie wird keine Witwenrente kriegen, wiederholte er tonlos. Dieser Satz ging davon aus, dass er schon tot war.
Er befühlte seine Hände und versuchte den Dreck unter seinen Nägeln raus zu kratzen. Denk nicht an den Maulwurf, sprach er laut, schrie er fast. Dann noch einmal leiser, zitternd, -Maulwurf -. Diese verdammte weiche Pampe, dachte er, und schlug patschend gegen das Lehmwasser um seine Füße.
Es ist so dunkel, was ist, wenn ich verrückt werde, fragte er sich?
Von Neuem schlug er die Hände in den Lehm über seinem Kopf. Jetzt achtete er nicht mehr auf die nachrutschenden Brocken. Er wollte raus, an die Luft, an das Tageslicht. Seine Faust ballte sich, ohne dass er etwas dazu tun musste. Sie schlug gegen die Erdmassen mit all seinem Hass auf den Lehm und das Dunkel. Alle Kraft seines 40 jährigen Körpers lag darin. Es blieb dunkel. Er hörte das Schmatzen von Lehm, der sich löste. Schleimige, kalte Krümel regneten auf sein Gesicht, auf seinen Körper. Sie fielen platschend ins Wasser, so dass er die Spritzer an seinen Händen fühlte.
Ein Teil der Decke war eingestürzt. Er sah es nicht, aber er fühlte, dass jetzt etwas mehr Luft über seinem Kopf war. Sein Körper war halb von Lehm bedeckt und es kostete ihn Mühe, sich neu zu orientieren. Unbewusst hob er die Nase und witterte nach dem feuchten Erdreich wie ein Maulwurf. Alles war schwarz.
Seine Gedanken verloren den Halt. Er dachte an die Zeit als er jung gewesen war. Damals als er mit dem Goldsuchen angefangen hatte. Seine Hände spürten das rauhe Holz des Spatens. Die Arbeit war ihm hart vorgekommen und das Durchsieben des Lehms war seit damals nicht leichter geworden. Nur die Lehmhügel in der Landschaft waren mehr geworden. Wälder dachte er, hier standen einmal grüne Wälder!
Er gab sich selbst eine Ohrfeige. Sie schallte gedämpft in seinem Loch nach. Er fühlte wieder die Kälte. Dass er in eine Traumwelt abgedriftet war erschreckte ihn. Sauerstoffmangel dachte er, und fröstelte.
Würden sie nach ihm suchen? Er zweifelte. Aber man konnte ihn doch nicht krepieren lassen weil er die Beiträge nicht gezahlt hatte. Er würde sie ja nachzahlen! Er hatte sich über die Grubenretter lustig gemacht, Weicheier hatte er sie genannt, Maulwurfsretter, und Drückeberger. Die Worte, wie sie so nacheinander in seinen Gedanken aufleuchteten, erschlugen ihn. Er haßte sich selbst. Er begriff, dass auch Worte etwas endgültiges waren, man konnte sie nicht wieder zurücknehmen.
Wieder löste sich etwas Lehm von der Decke. Mit dem Lehm fiel etwas weiches, behaartes in seinen Schoß, etwas das Stank. Er griff in die Tasche seiner Jacke und holte ein nasses Feuerzeug heraus. Er wusste dass es leer war, ließ den Daumen über Feuerstein und Gashebel streichen und eine gelbe Flamme erschien. Er guckte nach unten, in seinem Schoß lag ein toter Maulwurf.
 

Yossarian

Mitglied
6/10

Die Geschichte is gut geschrieben, nur finde ich wird die Situation zu wenig beschrieben. Ich verstehe zum Beispiel nicht ganz wieso der Typ in einer Lemhöhle steckt, ich meine wieso ist auch über ihm Lem, wie soll ich mir das ganze Vorstellen ?, Wie ist er da überhaupt reingekommen ?.
Das alles wird in keiner Silbe geschrieben. Als Aussenstehender bleibt man ziemlich im Regen stehen. Allgemein aber gelungen.

Grüsse, Yossarian
 

Flori

Mitglied
Antwort

Ich hatte versucht durch die Passage mit dem Goldsuchen anzudeuten, das in dieser Lehmlandschaft viel Bergbau betrieben wird. Bei viel Bergbau dachte ich mir, könnten dann da so unterirdische Hohlräume sein in die man reinfallen und dabei verschüttet werden könnte.

Du hast sicher recht wenn du schreibst, daß das nicht all zu schlüssig ist. Aber wenn man so ein Ding schreibt und es sich dabei oft durchliest, steckt man so drin, daß man solche Unklahreiten nur noch schwer erkennen kann.

Außer dem kam es mir eigentlich mehr auf die Sittuation an, aber ich glaube die ist auch nicht so rüber gekommen wie ich es mir gedacht hatte.
 

 
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