Schwedentrunk

Breimann

Mitglied
Schwedentrunk
Weiter hinten, da, wo die grelle Sonne eine grüne Lichtung aufleuchten ließ, da konnte er endlich die verkrüppelten Kiefern erkennen, die er seit zwanzig Minuten suchte.
„Jetzt kann´s nicht mehr weit sein“, seufzte er und betrachtete zum fünfzigsten Mal das Papier, das er in der Brusttasche seines schwarzen Hemdes aufbewahrte; es sah entsprechend zerknittert aus – und schweißgetränkt.
Er lief nun immerhin schon länger als zwei Stunden durch diese menschenleeren Wälder, die sich ständig in Bewuchs, Dichte und Art veränderten. Über ihm rauschte es gleichmäßig; der steife, heiße Südwind orgelte durch die Kiefernwipfel, ließ die Nadeln singen. Sein Schritt auf dem weichen, federnden Nadelkissen war fast unhörbar.
Der Schweiß lief ihm unter den Achseln weg, nässte das Hemd und versickerte im Hosenbund. Das Laufen machte ihm Probleme; er ging fast nie zu Fuß, hasste jeden Sport.
Seine flache Brust hob und senkte sich schnell; er war ja auch schwach gebaut. Auf einem dürren Oberkörper saß ein schmaler Kopf mit schütterem Blondhaar und einem hohlen Gesicht, das von einem zittrigen Ziegenbart verschönert -, männlicher - gemacht werden sollte. Er war zwar noch jung, hatte gerade mit dem sechsten Semester des Soziologie-Studiums begonnen, aber er hatte einfach keine Kondition. Das hier, das war mehr, als er sonst im ganzen Jahr lief.
„Sport ist was für geistig verarmte Menschen, mein Junge!“, hatte seine Mama entschieden, als er im Fach Sport ein fettes „Mangelhaft“ bekommen hatte.
„Wozu brauch ich Muskeln?“, fragte er heftig zurück, wenn man ihn wegen seiner dürren Gestalt hänselte. „Für´s Sitzen brauch ich keine Kondition, ich hab meine Kondition im Kopf – und davon hab ich ne Menge!“

Er war schon in der Morgendämmerung losgefahren, hatte das Auto im letzten Dorf abgestellt. Er war keinem Menschen auf den engen Straßen begegnet; hinter leicht bewegten Gardinen hatte er allerdings Beobachter vermutet, die den Fremden abwägend, misstrauisch betrachteten.
Er musste sich beeilen, wenn er um zwölf Uhr am Ziel sein wollte; das war die dick unterstrichene Forderung des Professors.
Der Professor! Wer mochte der Mann sein, der ihn ausgewählt hatte, der ihn für gut genug hielt? Was mochte ihn so beeindruckt haben?
„Wahrscheinlich war es meine letzte Story - auf die hat er sich doch auch bezogen“, dachte er.
So ganz hatte er den Sinn dieses Events, das Auswahlverfahren und auch die genau vorgeschriebene Vorgehensweise nicht verstanden.
„Ist ja auch egal!“, dachte er und schob alle Bedenken an die Seite; er war von seiner einmaligen Qualität überzeugt – und andere waren es wohl auch.
„Meine letzte Story! Mann, war die gut! Was für eine Reaktion! Diese Stubenhocker und Bedenkenträger! Diese Weicheier und Märchen-Schreiberlinge! - Was hab ich die geschockt!“
Er kannte diese letzte Geschichte fast auswendig, konnte die harten Szenen vor seinem Auge ablaufen lassen wie einen Film. Er hatte aber auch was reingeschoben, Mann, oh Mann! Die Geschichte hatte ja ganz harmlos angefangen - das machte er immer so, es verlockte auch die Weicheier zum Weiterlesen. Aber dann! Zeile für Zeile - ein Schock nach dem anderen!
„Da hat euch rabbit666 wieder mal was zum Verdauen gegeben!“
Eigentlich hieß er ja Erwin Schulze, aber das brauchte keiner zu wissen; der Name kam ihm dämlich vor.
„Gut, dass man anonym bleiben kann im Internet! Rabbit666 ist mein Künstlername“, hatte er gedacht. Er liebte Kaninchen, hatte als Kind selber sechs Stück gehabt; daher stammte sein Pseudonym.
Als rabbit666 war er ein Hit, ein Markenzeichen. Keine Story ohne Blut, ohne detaillierte Beschreibung von Gewalt in jeder Form. Früher, bevor er ins Internet rein konnte, da hatte er in Schulhefte geschrieben, hatte sich grausige Bilder ausgedacht und gemalt; die Farbe Rot war ständig aufgebraucht. Die Sachen hatte er hinter den alten Büchern verstecken müssen, denn Mama war sehr streng gewesen – und das war sie heute noch.
Mama putzte seinen Schreibtisch fast täglich, er wusste genau, dass sie alles las, was da rum lag; sie durchwühlte sogar die Schreibtischfächer und seine Aktentasche.
„Mama passt auf wie ein Schießhund!“, hatte er dem Videoverleiher erklärt, als der sich wunderte, weil er die Videos immer in eine Hülle steckte, die zu „Frau Holle“ gehörte.
Aber ins Internet, da konnte sie nicht reingucken, davon hatte sie zum Glück keine Ahnung. Und mit dem Pseudonym rabbit666 konnte sie eh nichts anfangen.
„Mach nur nichts mit diesem Sexzeugs, Junge! Man hört so viel von diesem schrecklichen Kram im Internet“, hatte sie gesagt. „Sonst muss ich dir das da wegnehmen!“ Dabei hatte sie mit Abscheu und Widerwillen den Bildschirm angesehen, als ob der an all dem Internet-Elend schuld sei.
Heute las die ganze Welt seine Geschichten; er war wer; er war stark und mächtig. Wer wollte ihm vorschreiben, was er schreiben sollte? Etwa diese Bedenkenträger? Bloß gut, dass es Literaturportale gab, die alles aufnahmen und jede Zensur ängstlich vermieden.
„Meine Phantasie ist beispiellos! Das hat der Professor in der letzten Geschichte auch klar erkannt. Wie Shock da die Weiber auf den Boden wirft, sie mit dem Messer aufschneidet! Hat schon mal einer besser beschrieben, wie sich das anhört, wenn das Messer...? Wohl kaum. Ihre Schreie! Ich kann´s eben realistisch beschreiben – wer kann das schon? Und dann das Blut! Ich hab´s doch nur so strömen lassen! Die haben so viel Blut drin gehabt, dass es noch in der letzten Zeile wie wild auf den Boden tropfte. – Ha, ha! Ja, das ist lebendige Literatur! Hart ist das Leben, und das muss man hart beschreiben, – Blödmänner, die das nicht begreifen!“
Es gab so viele Leser, die ihm zehn Punkte für diese Geschichte gegeben hatten; damit hatte er fast nicht gerechnet. Und die Kommentare erst! Ganz große Klasse! Er hatte sich überhaupt nicht zu verteidigen brauchen wegen der Verrisse; das hatten alles die Leser übernommen; die hatten diesen Weicheiern die Meinung gesagt. Na ja, die hatten ja auch bald resigniert - die würden es nie lernen.
Wenn diese Schreiberlinge wüssten, dass er eine Einladung von Professor Apparent bekommen hatte! „Geil“, dachte er. „Das ist ne klasse Auszeichnung!“ Er hatte zwar noch nie von diesem Mann gehört, aber das musste nichts heißen.
„Einladung zum Sondertreffen der Literaturfreunde!!“ stand quer über dem Blatt.
„Lieber rabbit666, wir brauchen dich bei unserem Treffen! Deine sehr harten, brutalen Erzählungen, besonders aber die letzte Geschichte, haben uns auf dich aufmerksam gemacht.“
Man wolle besonders wortgewaltige Autoren zusammenrufen, die in der Lage waren, auch harte, sehr harte Details zu beschreiben. Sie sollten bei einem speziellen Event Eindrücke sammeln und daraus eine Geschichte entwickeln – mit allen blutigen und brutalen Einzelheiten. Die beste Geschichte würde prämiert, bekäme eine international anerkannte Auszeichnung. Man habe nur die Besten hierzu eingeladen; die Teilnehmer müssten sich also anstrengen und ihr Bestes geben.

Sie hatten einen Anreiseplan mitgeschickt, der Zeit und Ort mit genau beschriebenen Wegemarken enthielt. Treffpunkt war ein „Haus“, mitten im Wald.
„Warum muss das Treffen in dieser Wildnis stattfinden? Wahrscheinlich gehört das zu dem angekündigten Ereignis. Ist wohl wirklich sehr geheim! Mann, hoffentlich find ich hier jemals wieder raus!“
Der Schweiß lief ihm von der Stirn, die Haare klebten am Kopf; je höher die Sonne stieg, desto heißer wurde es, sogar hier im Schatten der Bäume war die Luft unerträglich. Erschöpft blieb er stehen, lehnte sich an einen Baumstamm, als er merkte, dass seine Beine zitterten und die Fußsohlen brannten.
Nach einem nochmaligen Studium des Plans ging er langsam weiter. Als er endlich die Lichtung erreicht hatte, bog er ab, wie der Plan es vorsah, arbeitete sich wohl eine halbe Stunde zwischen niedrigem Gebüsch durch und erreichte den nächsten Hochwald. Hier gab es lockeren Mischwald aus Birken, Eichen und Buchen, und dazwischen wucherten Brombeerbüsche und Brennnesseln.
Es gab keinen Fußweg, keine Markierungen. Er holte noch einmal den Plan heraus, der an dieser Stelle einen geraden Strich bis mitten in den Wald aufzeigte. An der Stelle, an der die Handeintragung endete, stand fett: „Haus“; sonst gab der Plan nichts her.
Er ging wieder los, verkratzte sich Hände und Arme; lose hängende Zweige schlugen in sein Gesicht. Mit jedem Schritt wurde er wütender – und unsicherer.
War er hier richtig? War das Ganze vielleicht ein Spaß, wollte man ihn reinlegen? Kommilitonen vielleicht? War das eine Falle?
„Verdammt, verdammt! Wenn das hier Scheiße ist, dann kann dieser Professor Apparent was erleben, - oder wer da hinter steckt. Ich krieg raus, wer das ist!“
Und dann stand er plötzlich am Rand einer kleinen, grasbewachsenen Lichtung, in deren Mitte tatsächlich so etwas wie ein Haus stand.
„Ha, ha! Dass ich nicht lache! Ein Haus! Bruchbude würde ich das nennen!“, murmelte er.
Das Dach war mit verwitterten, windzerzausten Holzschindeln bedeckt, die kaum noch Regen abhalten konnten. Die Wände bestanden aus grob geschnittenen Holzbrettern mit fingerdicken Fugen und etlichen großen Astlöchern. Das einzige Fenster war lieblos mit Brettern vernagelt; eine schmale, sehr niedrige Tür ohne Klinke ergänzte das Bild; alles war ohne Farbe, grau und verwaschen.
„Uralt sieht der Mist aus“, murrte er. „Das ist bloß ein Schuppen! Verdammt! Ich bin doch hoffentlich richtig? Soll das hier ein Seminarraum sein, oder was?“
Die Tür war nicht verschlossen; es genügte ein leichter Druck. Sie schwang lautlos auf, gab einen fast völlig dunklen Raum frei, der leer und kahl im Zwielicht lag. Der Bretterboden war mit Staub bedeckt, keine Fußspur war zu sehen.
Er blinzelte, versuchte etwas zu entdecken; aber da war nichts. Auf der anderen Seite des schmalen Raumes konnte er eine Tür erkennen, und die hatte eine Klinke.
„Da geht’s wieder raus. Was soll das alles?“
Er trat hastig vor, spürte einen harten Schlag an seiner Stirn und stürzte zu Boden. Den mächtigen, tief hängenden Türbalken hatte er einfach übersehen. Es wurde dunkel vor seinen Augen, und als er nach langer Zeit das Dämmerlicht wieder sehen konnte, fühlte er einen wüsten Kopfschmerz.

Mühsam drückte er sich vom schmutzigen Boden hoch, duckte sich sehr tief unter dem Türbalken, durchquerte diesmal vorsichtig – und ziemlich wütend - den Raum, fasste die Klinke und drückte die leicht bewegliche Tür auf.
Er starrte völlig überrascht auf das Bild, das sich ihm darbot. Vor ihm lag ein Raum, in dem ein grob gezimmerter Tisch mit blank gescheuerter weißer Holzplatte den Mittelpunkt bildete.
Auf dem Tisch verkündeten vier leere hölzerne Teller, neben denen je eine Holzgabel mit groben Zinken lag, dass dies ein bewohnter Raum war.
Helles Licht flutete durch zwei kleine Fenster, ließ schwebende, tanzende Staubkörner erkennen. Völlig verblüfft trat rabbit666 in den Raum, die Tür bewegte sich hinter ihm sehr langsam, schloss sich mit einem schmatzenden Geräusch. Er blickte sich neugierig um. Vier grob geschnitzte Stühle standen an den Querseiten des Tisches. Links erhob sich ein rußgeschwärzter Karminabzug über einer erloschenen Feuerstelle bis zur niedrigen, dunklen Decke.
Mitten auf der grauen Fläche des Karmines schwebte ein Falke, ein ausgestopfter Falke, der seinen Schnabel weit geöffnet hatte; er glaubte einen Augenblick lang, der Falke hätte seine Augen bewegt. Aber da musste er sich geirrt haben; der Vogel war tot; ein Flügel hing schlaff - wie gebrochen - herunter.
Ein schmiedeeisernes Gestell stand mitten unter dem Kaminzug. Drei schwere, schwarze Töpfe hingen an dem kantigen Eisen. An der Wand, neben dem Kamin, lehnte ein spitzes, langes Eisen, das wohl benutzt wurde, um die Holzstücke zu drehen und sie richtig ins Feuer zu drücken.
Ein breites und wandlanges Bord vervollständigte die Einrichtung. Mehrere einfache Tonteller und vier große Tassen mit dicken Henkeln, alle in Erdfarbe, standen ordentlich auf diesem grob gezimmerten Brett.
„Kann ja wohl kaum der Seminarraum sein!“, dachte rabbit666 missmutig.
Er ging verwirrt bis zum gardinenlosen Fenster und prallte zurück. Er hatte doch gerade eben noch gesehen, dass hinter der windschiefen Bude der Wald begann; wuchtige Eichenäste hatten über dem Dach gehangen; da war nicht ein der geringste Platz gewesen - er war so sicher, wie man es nur sein kann.
Und da draußen dehnte sich nun ein verdreckter, von Wagenradspuren durchzogener, großer Platz, der von flachen, windzerzausten Häusern umsäumt wurde.
Weiter hinten, dicht vor den Bäumen, ragte der plumpe Turm einer Holzkirche hoch; in der Mitte des Turms sah er ein Loch, in dem die Umrisse einer kleinen Glocke schwach erkennbar waren.
Zwei Pferdefuhrwerke mit vorgespannten Pferden standen am Rand des Platzes, – und wohl ein Dutzend Menschen konnte er mit einem Blick erkennen.
Die Männer trugen knielange, dunkelbraune Hemden mit einem Ledergürtel, an dem Messer und Beutel hingen. Weite, stirnbedeckende Kapuzen - lilafarbene Hauben - hingen bis auf die Schultern herunter.
Vier Frauen standen in einer Gruppe zusammen. Sie waren mit knöchellangen gelblichweißen Hemden bekleidet, deren einzige Verzierung ein kleines ovales Dekollete war. Sie versteckten ihre Haare unter großen weißen Hauben, die mit einem Kinnband festgebunden waren. Auch die Frauen hatten Gürtel um die Taille gebunden, an denen Stoffbeutel und Schlüssel hingen.
Einige Männer werkelten an den Wagen; einer spannte ein Pferd aus, andere trugen schwere Bündel Holz von einem der Wagen in einen Schuppen.
„Das Abenteuer! Hier spielt also das Abenteuer!“, dachte er benommen, obwohl dies das friedlichste Bild war, das man sich denken konnte.
„Die haben keine Mühen gescheut, um hier was aufzubauen. He, - toll! Sieht aus wie im Mittelalter, echt gut gemacht! Bin gespannt, wann die Metzelei losgeht.“
Er ging jetzt beschwingt zur Tür, die auf den Platz führte, und trat vor das Haus. Die Luft war eigentümlich fest, wie eine Haut spürte er sie, glatt, sanft und weich. Es war gar nicht so heiß, wie er es in Erinnerung hatte. Die Sonne war weg, über ihm hing eine graue Glocke.
Niemand nahm ihn wahr; keiner drehte sich um, keiner beachtete ihn. Er schritt langsam vorwärts, zögernd, fast tastend; er suchte einen zuständigen Ansprechpartner – etwa einen Regisseur, oder den Professor Apparent.
Beim Näherkommen sah er die Gesichter der Menschen; sie sahen müde, blass und elend aus.
Zwei Frauen standen in seiner Nähe, unterhielten sich offensichtlich sehr erregt. Sie zeigten immer wieder zum Wald, der im Hintergrund schwarz zum bleifarbenen Himmel wuchs.
Ihre Stimmen hörten sich eigentümlich an; er dachte zuerst, er hätte einen Pfropf im Ohr, denn er hörte alles wie durch Watte gedämpft. Hinzu kam, dass die Worte und Sätze eigentümlich im Klang, im Aufbau waren, manche Worte kannte er nicht; sie besprachen offensichtlich das Drehbuch, übten ihre Texte.
„Schwedenbande“, „morden und brennen“, und „sie haben meines Knans Haus und Hof zernichtet! Knan und Meuder sind tot!“, hörte er und andere Worte verstand er überhaupt nicht.
„Kupfer und Zinngeschirr nehmet sie!“
„Mägde traktieren sie so, dass der Herrgott sie nicht mehr ansehen kann!“
„Guten Tag! Sagen Sie, meine Damen, wann geht´s denn los? Wo ist Professor Apparent?“
„Sie schlagen Ofen und Fenster ein, Mordbuben und Gesindel sind das!“
„Haben Sie mich verstanden? Ich möchte wissen, wo der Professor steckt!“
Sie gaben ihm keine Antwort, ignorierten ihn, taten so, als sei er Luft.
„Blöde Weiber! Typisch Schauspieler!“, murmelte er wütend und ging auf drei Männer zu, die eines der großen Pferdefuhrwerke abluden.
Sie unterhielten sich stockend, während sie Brennholz, das sie wohl gerade aus dem Wald geholt hatten, auf die Schultern packten. Auch hier hatte er das Gefühl, die Worte durch einen Wattebausch zu hören.
„Die Reuter sind die schlimmsten Mordbuben! Wenn die Schwedenreuter kommen, kommt der Tod!“
Die übten also auch noch ihre Texte, dachte er, und fragte sich beim Näherkommen, warum diese Männer eine so überflüssige Arbeit machten, die offensichtlich anstrengend und schweißtreibend war; das Stück hatte ja noch nicht einmal angefangen.
„Verdammt! Das sind doch Schauspieler! Was soll der Unsinn? Ist das alles noch Übung, oder hat die Scheiße schon angefangen?“
„He! Mein Name ist Erwin Schulze, bekannt als rabbit666, wenn euch das mehr sagt. Wisst Ihr, wo der Professor ist?“
„Sie nehmet die Federn aus den Betten und füllet hingegen Speck und anderes, sie finden, hinein.“
„Und anderes verbrannt sie, ob Stühl, ob Bett, ob Haus!“
Sie sahen ihn nicht an, reagierten in keiner Weise auf ihn.
„Die üben tatsächlich noch! Dummes Schauspielerpack!“, dachte er.
Es reichte ihm! Er stellte sich mitten auf den Platz, stemmte die Hände in die Seiten und schrie mit sich überschlagender Stimme, dass es von den Häusern in einem sich überschlagenden Echo widerhallte.
„Seid Ihr alle schwerhörig? He, Ihr Schauspieler! Ich hab genug von eurem Scheißspiel! Wo ist Professor Apparent? Wer ist hier der Verantwortliche?“
Nicht einer auf dem Platz reagierte, drehte sich um, machte den Eindruck, als habe er etwas gehört. Er schnaufte wütend und genervt.
Schräg hinter sich hörte er plötzlich ein helles Lachen, etwas gedämpft allerdings, wie bei den anderen. Er drehte sich blitzschnell um, glaubte, er sei die spöttisch belachte Zielscheibe.
Vor dem hohen, aber schmalen Tor der Kirche, das man wahrlich nicht Portal nennen konnte, stand ein Mädchen neben einem Pfarrer, der seiner Begleiterin über das blonde Haar strich.
Das Mädchen war gekleidet wie die anderen Frauen, es fehlte aber die weiße Haube; das blonde, lange Haar wurde in einem Zopf gebändigt, der um den Kopf geschlungen war.
Ihr Gesicht! Er starrte in dieses schöne Gesicht, als sehe er ein Wunder. Große Augen, hohe Backenknochen, eine schmale, gerade Nase und ein weicher, geschwungener Mund.
„Mann, ist das ´ne Wucht!“, dachte er und ging auf die beiden zu. Der Pfarrer, groß und mit breiten Schultern, trug eine schmuddelige Soutane. Ein derber Strick, mit einem großen Knoten um den Bauch gebunden, zeigte die enorme Leibesfülle, die dieser Diener Gottes herum trug.
„Gut, dass du das Lachen wiedergefunden hast, mein Kind! In dieser Zeit! Gott bewahre uns! Geh, mein Kind! Gott und die Jungfrau Maria werden dich beschützen“, sagte er zu dem Mädchen und gab ihm einen zärtlichen Schubs.

Sie kam direkt auf ihn zu; bei jedem Schritt, den sie näher kam, wuchs seine Erregung. Er war zwar schon immer leicht entflammbar gewesen, aber die hier, das wusste er selber, hatte ihn lichterloh brennen lassen.
„Hallo, hübsches Mädchen! Darf ich dich was fragen?“
Sie ging an ihm vorbei, als sei er Luft. Beleidigt und gekränkt folgte er ihr mit den Blicken. Ihre Figur war einfach fantastisch; groß war sie, schlank, und hatte einen Busen, der ihn träumen ließ.
„Mann, oh Mann! Na warte! Die wird meine Qualitäten noch kennen und schätzen lernen. Ich muss an die ran kommen! Egal, was dieser Professor dazu sagt - ist mir doch scheißegal!“, stöhnte er, stiefelte los, folgte ihr über den weiten Platz.
Plötzlich blieb das Mädchen stehen, drehte sich um, starrte ihn mit weit geöffneten Augen an, riss den Mund auf, als wollte sie aufschreien.
„He! He! Ich tue dir nichts! Brauchst keine Bange zu haben, Kleine. Du gefällst mir! Ich bin rabbit666, wirst mich ja wohl kennen, oder? Hast du schon was vor, wenn wir hier fertig sind? Könnte dir eine von meinen irren Geschichten erzählen, wenn du weißt, was ich meine.“
Während er plapperte und nur Augen für das Gesicht des Mädchens hatte, ging sie langsam rückwärts, als wollte sie vor ihm fliehen. Er schwieg irritiert, dann erst entdeckte er, dass sie nicht ihn ansah, sondern, haarscharf an seinem Kopf vorbei, zur Kirche starrte.
Er drehte sich um und erblickte mindestens ein Dutzend Reiter, die aus dem Wald quollen, ihre Pferde zum Dorfplatz drängten.
„Es geht los!“, rief er dem Mädchen zu. „Endlich! Wurd´ ja auch Zeit! Bis nachher! Ich muss aufpassen, dass ich nichts versäume!“
Die Reiter trugen Metallhelme, an denen Federbüsche herab hingen, eiserne Brustpanzer, die bis auf den Schoß reichten, und Hosen, die unter dem Knie bauschig zusammengebunden waren. Alle hielten Waffen in den Händen; er sah lange, klobige Schwerter und spitze Lanzen. Einige Reiter trugen in der linken Hand einen Schild, den sie an den Körper pressten.
Die Pferde drängten nervös vorwärts; der vorderste Reiter, der einen roten Überwurf auf der Schulter hatte, hielt direkt neben dem Pfarrer, der noch vor der Kirchentür stand wie angewurzelt auf die Fremden starrte.
Der Reiter sprach kein Wort, bückte sich, griff in die langen, grauweißen Haare des Pfarrers, zog den schweren Mann mit einem heftigen Ruck zu sich heran und gab seinem Pferd die Sporen.
Das Pferd warf den Kopf hoch, wieherte laut und galoppierte erschrocken los, der Reiter hielt dabei den Pfarrer an den Haaren fest, schleifte den Mann neben sich her. In der Mitte des Platzes ließ er den Stürzenden los.
Die Menschen auf dem Platz bewegten sich nicht, wirkten wie erstarrt. Aus den Häusern strömten die übrigen Bewohner, die Männer vornweg, dahinter Frauen und Kinder; sie verharrten in der Nähe ihrer Häuser, als sie den Grund des Lärms erkannten. Die Reiter stiegen ab, führten ihre Pferde mit sich, blickten sich sichernd um und blieben neben dem Pfarrer stehen.
„Na Klasse!“, murmelte rabbit666.
Ein lautes Kommando ertönte; ein Reiter schritt steifbeinig zum Pferdewagen, wühlte in den Holzbündeln und hielt lachend ein Stück Holz hoch, das ihnen wohl passend erschien, denn einige Soldaten nickten beifällig.
Ein weiteres Kommando ließ einen anderen Soldaten zu einem der Häuser laufen. Er griff sich einen Melkkübel, der an einem Eisenhaken hing, ließ sich auf die Knie fallen und tauchte ihn in die Jauchegrube, die neben dem Haus offen stand. Den überschwappenden Eimer trug er unter dem Gejohle seiner Kameraden zu der Gruppe, die sich rund um den Pfarrer aufgestellt hatte.

Die Dorfbewohner standen noch immer steif, rührten sich nicht, sprachen kein Wort. Rabbit666 hatte die Hände in die Taschen gesteckt, ging auf die Soldaten zu und lachte voller Vorfreude; er liebte solche Szenen, die auf seinen Leihvideos wie echt aussahen - die knallharten Videos, die er so liebte, waren voll davon. Da hatte er schon manche gute Anregung bekommen.
Die Soldaten beachteten rabbit666 nicht, taten so, als sei er nicht da. Der Reiter mit dem roten Umhang beugte sich herunter, betrachtete den Pfarrer ausgiebig.
„Hör zu, Pfaff! Du sagst den Herren hier, wo vergraben seien deine goldenen Kelch, Monstranz und all die anderen gut Schätze. Wir trinken aus deinen Bechern euren Wein – mit dir - und du wirst den Schwedentrunk nicht fürchten müssen.“
Der Pfarrer, das konnte rabbit666 gut sehen, stierte mit großen Augen die Soldaten an, schüttelte langsam den Kopf. Rabbit666 war begeistert, das Stück fing gut an, die Spannung wuchs.
„Nun, so mag´s beginne!“, sagte der Soldat mit dem Umhang und zeigte auf den Melkkübel. Zwei Soldaten knieten sich neben den Pfarrer, rissen seinen Mund auf, quetschten das Holz als Maulsperre hinein. Mit dicken Stricken banden sie ihm Beine und Arme fest zusammen.
Rabbit666 lachte grell und laut auf; der Pfarrer sah mit seinem aufgesperrten Mund und den sich wie wild bewegenden Augen einfach zu komisch aus.
Routiniert goss der Soldat, der den Kübel geholt hatte, langsam, stetig zunehmend, treffsicher die Jauche in den Mund des Pfarrers. Die ekelige braune Brühe lief ihm über das Gesicht, in die verzweifelt rollenden Augen.
„Nun, Pfaff? Schmecket dir der Trunk? Oder zeigest du uns die Schätze?“
Der Pfarrer schüttelte den Kopf.
„Weiter!“
Die Befragung wiederholte sich noch mehrmals. Immer wieder schüttelte der Pfarrer den Kopf, allerdings deutlich schwächer. Die Soldaten schrieen, lachten, zeigten sich gegenseitig die Zuckungen des armen Mannes, seine vergeblichen Bemühungen, dem erstickenden Zeugs zu entkommen.
„Das muss ich mir merken! Einfach spitze!“, rief rabbit666 und klatschte begeistert Beifall.
Die Soldaten hörten nicht auf, bis der Pfarrer die Augen schloss, die Glieder noch einmal konvulsivisch streckte - und der Kübel leer war.
Rabbit666 sah aus den Augenwinkeln das blonde Mädchen, das mit großen Schritten auf den Holzwagen zulief. Aber die Szene vor ihm fesselte ihn so, dass er nicht weiter auf sie achtete.
Hinter rabbit666 ertönte ein schriller Schrei; das Mädchen mit dem langen Zopf hatte sich unbemerkt einen armdicken Knüppel vom Wagen geholt, schwang ihn über ihrem Kopf und stürmte auf die Soldaten zu.. Der Gottesmann! Sündige Schwedenbande! Lasset ihn leben, er ist unser Heiliger!“
Die Soldaten lachten, fingen das Mädchen mühelos ab, rissen ihr den Knüppel aus der Hand, schlugen ihr mit den Schwertergriffen auf den Kopf und warfen das besinnungslose Mädchen wuchtig auf den Boden.
Als wäre das ein Signal gewesen, sprangen alle Männer des Dorfes los, brüllend liefen sie zum Holzwagen, zerrten Knüppel aus dem Gewirr, stürzten sich auf die Soldaten. Die Pferde wichen von sich aus zurück, machten das Kampffeld frei.
„Schwedische Galgenvögel!“
„Ergreifet sie!“
„Schlaget sie tot!“, schrieen die Männer und drangen auf die Soldaten ein, die ihre Schwerter gezogen hatten.
Rabbit666 trat ein paar Schritte zurück und feuerte die angreifenden Bauern an: „Zeigt denen mal, was ne Harke ist. Ich will was sehen! Los, los!“

Was nun kam, sprengte alles, was rabbit666 jemals gesehen, geschrieben, geträumt hatte. Die Soldaten hatten leichtes Spiel; sie schlugen den Männern die Arme ab. Knüppel, an denen noch die Arme hingen, fielen in den Dreck; sie hieben den Bauern die Köpfe ab; wenn sie auf dem Boden lagen, stachen sie mit den Lanzen in die Leiber.
Es war ein irrsinniges, grausames Gemetzel. Die Schreie der Getroffenen, das Brüllen der Soldaten ließ rabbit666 fast schwindelig werden.
Das Blut spritzte, Gliedmaßen lagen auf dem Boden, die Söldnerschar schrie und lachte bei der Ausübung ihres gut gelernten üblen Handwerks, als sei dies das größte Vergnügen, als hätten sie nur auf diesen sinnlosen Angriff gewartet - und rabbit666 staunte, vor allen Dingen über die unwahrscheinlichen Tricks, mit denen hier gearbeitet wurde.
Als alle Männer leblos auf dem Boden lagen, rannten einige Soldaten los, griffen sich die fliehenden Kinder, erschlugen sie im Laufen und lachten dabei noch greller – und bei diesem unglaublichen Ereignis verstand rabbit666 plötzlich, dass hier was nicht stimmen konnte.
Bis zu diesem Augenblick hatte er an Tricks, an Effekte und an ein gelungenes Brutaldrehbuch geglaubt, bis ihm die Erkenntnis dämmerte, dass dies wirklich kein Theater war, dass hier ein fürchterliches Gemetzel stattfand.
Es war blutiger Ernst, im wahrsten Wortsinn, das begriff er nun mit einem fassungslosen Staunen. Da floss Blut in Strömen und versickerte schnell im aufgewühlten Boden; abgetrennte Gliedmaßen und Köpfe lagen herum, als wären sie Teile von Schaufensterpuppen.
Rabbit666 befiel ein Schwindel, ihm wurde schlecht vor Angst.
“Ich bin in Lebensgefahr - in allergrößter Lebensgefahr! Ich bin mitten im Krieg; ich muss um mein Leben kämpfen.“
Als er das begriff, drehte er durch. Mit einem Schrei, voller Angst und Panik, stürmte er los, stolperte über einen abgetrennten Arm, stemmte sich schreiend hoch, rannte vorwärts, stolperte erneut über einen leblosen Rumpf und fiel auf den Rücken. Er starrte in den bleigrauen Himmel, hörte das Gejohle näher kommen und verlor fast den Verstand.
Mit einem jubelnden Aufschrei griffen sich die Söldner die Frauen, die vergeblich zu flüchten versuchten; sie rissen ihnen die Kleider herunter und fielen über sie her.
„Tut mir nichts, liebe Soldaten! Lasst mich leben! Ich bin auf eurer Seite! Ich mache alles, was ihr wollt! Hört ihr? Ich bin rabbit666, ich bin Gast von Professor Apparent! Lasst mich leben!“
Niemand antwortete; dann hörte er, wie dicht neben seinem Kopf eine Frau laut aufschrie. Ihr Hilfeschrei ging ihm durch und durch.
„Weg! Weg! Ich muss weg, solange sie noch die Weiber haben!“, dachte er in panischem Entsetzen, erhob sich, stolperte blindlings los. Dann fiel er erneut; er stürzte auf die Beine des blonden Mädchens, das regungslos dalag, angsterfüllt in die Luft starrte.
„Hilfe!“, flüsterte sie, aber sie sah ihn dabei nicht an. Ihr Verstand war völlig durcheinander.
„Mach, dass du wegkommst!“, brüllte er das Mädchen an. „Du bist mir im Weg!“
Er stieß sie hart an, rappelte sich auf und rannte weiter, auf die Bäume am Rand des Platzes zu.
Hinter dem ersten Baum blieb er japsend stehen, suchte verzweifelt hinter dem Stamm Deckung. Er hatte so starkes Seitenstechen, dass er sich beim Atmen die Fäuste in die Seiten drücken musste; die Luft pfiff ihm nur so aus dem angstgeweiteten Mund.
Er sah rüber zu der Stelle, an der sich das Mädchen soeben hochstemmte. Es taumelte, wankte, und dann waren mehrere Männer bei ihr. Sie lachten laut; rabbit666 lief der Angstschweiß den Nacken herunter. Er stierte und gaffte gebannt.
Er konnte nicht sehen, was sie mit ihr machten; seine Phantasie machte ihn fast irre. Es dauerte sehr lange, er hörte ihre Schreie, die dann plötzlich aufhörten. Als die Männer auseinander gingen, lachend und grölend, trug einer ihren Kopf auf seiner Lanze und streckte ihn hoch in den mitleidlosen Himmel.
Seine Angst wuchs ins Unermessliche, als die Gruppe auf ihn zukam; er fühlte, wie sich seine Blase entleerte, dann fiel er in Ohnmacht, war lange nicht bei Bewusstsein.
Als er aufwachte, sich durch den Nebelschwaden gearbeitet hatte, die Erinnerung einsetzte, sah er die Lanze dicht vor sich im Boden stecken; er blickte langsam hoch; das blonde Mädchen sah ihn aus weit geöffneten Augen an. Er erbrach sich, stemmte sich stöhnend und zitternd auf die Knie hoch, stierte zum Platz, auf dem die Leichen lagen.
Die schwedischen Söldner befestigten große Bettbezüge, gefüllt mit ihrer Beute, an die Pferdesättel. Einige Männer streiften umher, suchten wohl nach Überlebenden. Er wagte es nicht, noch einmal zu dem Kopf hoch zu sehen, das hätte er nicht mehr ertragen.
„Ich muss hier raus! Ich muss das Haus wiederfinden!“

Es gab nur einen Fluchtweg für ihn. Er blickte sich gehetzt um, suchte das nächste Haus; es war nur wenige Meter entfernt. Mühsam kroch er auf den Knien durch die dornigen, wild ineinander verflochtenen Büsche, blickte sich ständig um.
Die Hintertür stand offen, im Haus war es halbdunkel. Er kroch in den Raum, fand die Tür auf der Rückseite und riss sie auf. Aus einer dunklen Kammer strömte der Geruch von geräuchertem Fleisch; das war nicht das richtige Haus.
Hinter dem Haus kroch er wieder in das dornige Gebüsch, darin fühlte er sich zwar einigermaßen sicher, konnte sich aber nur mühsam vorwärts bewegen. Es dauerte ewig, bis er am nächsten Haus ankam. Er lauschte lange, bevor er sich hinein wagte.
Auch hier führte die Tür in ein Kämmerchen, aber es hatte ein Fenster, und er konnte ein niedriges Holzbett erkennen. Er fiel auf den Rücken, total erschöpft und hoffnungslos.
„Diese Riesenscheiße! Mann, was war das bloß? Träum´ ich? Spinn´ ich? Schweden? Wo gibt´s hier Schweden? Ob die Schauspieler durchgedreht sind? Jedenfalls ist es hier lebensgefährlich!“
Erst nach einigen Minuten rappelte er sich auf, schlich aus dem Haus, kroch wieder in das Gebüsch. Er musste das Haus finden, durch das er gekommen war. Das war der einzige Ausweg; nur so hatte er eine Chance..
Auch die nächsten Häuser enttäuschten ihn. Es wurde langsam dunkel, und er wagte es, um die Ecke eines Hauses auf den Dorfplatz zu schielen. Die bepackten und gesattelten Pferde standen immer noch da; aber alle Reiter waren weg.
„Die suchen mich!“ In neuer Panik kroch er hastig zurück ins Gebüsch, lauschte, hörte Lachen, fremdartige Laute und dann roch er den Rauch.
„Verdammte Scheiße! Die fackeln die Häuser ab! Die verbrennen meinen Ausgang. Lieber Gott, hilf mir!“
Er vergaß alle Angst, sprang auf und hastete zum nächsten Haus. Wieder nichts! Weiter! Das nächste Haus.
Gelbgraue Rauschschwaden wälzten sich über das Hausdach. Weiter oben flackerte es; der Bleihimmel hatte einen Rotstich bekommen.
Er riss die Tür auf, und dann sah er im Halbdunkel des Raumes die glänzenden Augen des Falken.
„Oh, mein Gott! Das ist es!“
Er stürmte zur rückwärtigen Wand und griff, tastete, wischte in der Dunkelheit über die glatte Fläche der Tür. Keine Klinke!
Mit den Handflächen fuhr er über die Bretter, suchte das Schloss. Aber er fand nur eine glatte Fuge, in der er das Türschloss vermutete.
Draußen hörte er Schritte, polternde und rücksichtslos zutretende Schritte, dumpfes Gelächter.
„Verflucht, verflucht! Sie kommen! Sie kommen!“ Er hastete zum Kamin, ertastete das Kamineisen, mit dem das Holz gewendet wurde, stürzte zur Tür zurück, suchte erneut die Fuge, fand sie endlich, steckte das spitz geschmiedete Eisen hinein und riss es mit einem heftigen Ruck.
Mit einem Seufzer öffnete sich die Tür. Er warf das Eisen hinter sich; es fiel klirrend auf den Boden – es war ihm egal. Er stürmte durch die Tür und zog sie hinter sich zu. Mit großen Schritten stürmte er aus der Bude. Hier war es finster, nur Umrisse der Bäume waren zu erkennen. Mit einem verzweifelten Hechtsprung erreichte er den Rand der Lichtung und das schützende Brombeergebüsch.
Mit einem gequälten Quieken fiel er auf den Boden und wurde ohnmächtig. Als er erwachte, starrte er in einen schwarzen Himmel voller Sterne, die durch die Blätter blinkten.
Kein Geräusch war zu hören – oder doch? Über ihm rauschten die Flügel eines großen Nachtvogels; der heisere Schrei galt seinem Gefährten.
Er wusste plötzlich, was da draußen, in diesem eigentümlichen Dorf gefehlt hatte. Da hatte kein Vogel gesungen, nicht ein einziger Vogel. Da war totale Stille gewesen, wenn die Menschen nicht sprachen. Er lauschte angestrengt, hörte den Ruf der Vögel, und dann liefen ihm die Tränen pausenlos, es wollte nicht aufhören. Er hatte ein unendliches Mitleid mit sich, er musste einfach weinen.
„Mann, was hab ich erlebt! Ob mir das einer glaubt? Das war Krieg! Aber ich hab´s wie ein Mann durchgestanden!“

Trotz der Dunkelheit wagte er den Rückweg; er verirrte sich, lief kreuz und quer durch die Wälder. Er machte nur Pausen, wenn das Seitenstechen zu schlimm wurde.
Dann sah er plötzlich zwischen den Bäumen den Schein einer Straßenlampe. Sie warf ihr weißes Licht auf eine Straße aus Asphalt - er war in Sicherheit! Er hatte es geschafft. Er lief einfach los auf der Straße; sie würde schon in einen Ort führen.
Dann sah er die Häuser. Der Ort lag still, kein Mensch war zu sehen. Sein Wagen stand noch am gleichen Platz. Als er den Zündschlüssel drehte, ging das Radio an; eine unbekannte Frauenstimme sang von Liebe und Leid. Und da musste er schon wieder weinen. Er hatte kein Taschentuch dabei und wischte das Salzwasser mit dem Ärmel weg.

Sein Kopf schmerzte, als er sein Zimmer betrat. Seine Mama schlief wohl schon, er konnte kein Licht im Wohnzimmer erkennen. Er hatte bereits vor der Haustür die Schuhe ausgezogen, war ohne Licht durch den Flur geschlichen.
Er setzte sich vor den PC und drückte den Einschaltknopf. Es dauerte ewig, bis er sich einwählen konnte. Die Seite seines Literaturportals hatte er als Startseite festgelegt, er war sogleich drin.
Dann sah er sich seinen Posteingang noch einmal an. Es gab keine Email von einem Professor Apparent! Er kontrollierte jede Nachricht der letzten vierzehn Tage, schaute in den Ordner für gelöschte Nachrichten, suchte sogar im Papierkorb des PCs.
„Aber die war doch da! Verdammt noch mal! Ich spinn doch nicht!“
Er griff an seine Hemdenbrusttasche – leer! Er lehnte sich erschöpft zurück, überlegte angestrengt, wo er den Plan und die Email-Nachricht verloren haben könnte. Er fand keine Lösung. Sein Kopf schmerzte, und es pochte an der Stirn. Er hatte eine mächtige Beule an der Stelle, an der ihn der Türbalken getroffen hatte.
„Die Schweine haben mich reingelegt! Aber was war das dann? Wie können die das gemacht haben? Scheißegal! Ich reagier einfach nicht drauf! Aber Stoff für meine nächste Geschichte, Freunde, den hab ich!“
Er rief sein Textprogramm auf und schrieb die Überschrift:
„Der Schwedentrunk!“
Alles andere würde er am nächsten Tag schreiben; er war todmüde.

Erst nach einer Woche fand Erwin Schulze, alias rabbit666, den Mut, sich in seinen Wagen zu setzen und in das stille Dorf zu fahren. Er stellte den Wagen auf dem gleichen Platz ab, der diesmal sehr belebt war, ging durch das Gebüsch am Straßenrand und suchte den Weg durch die Wälder.
Er hatte keine große Mühe, obschon er ohne Plan suchen musste. Bei den verkrüppelten Kiefern blieb er stehen: Er zitterte und seine Beine waren wie Gummi. Dann ging er weiter, durchquerte den Mischwald und fand tatsächlich die Lichtung.
Da stand das verfallene, windgebeutelte Haus, das mehr eine Bruchbude war. Der Raum war noch immer völlig leer. Auf dem Boden lag dicker Staub, nicht eine Fußspur war darin zu erkennen.
Noch einmal nahm er allen Mut zusammen. Er bückte sich, um sich nicht wieder den Kopf an dem dicken Türbalken zu stoßen. Im Dämmerlicht sah er die Tür an der Rückwand und die matt leuchtende Klinke. Seine Hand brauchte ewig, um sie zu ergreifen und nach unten zu drücken.
Die Tür ächzte und quietschte, als er sie mit der Schulter aufdrückte. Etwas stemmte sich von außen dagegen; nur mühsam konnte er die Tür halbwegs öffnen. Brennnesseln und Brombeergebüsch quollen durch die Öffnung in den Raum, wucherten draußen meterhoch an der Tür, hatten ein richtiges Bollwerk geschaffen. Unmittelbar dahinter erhoben sich kräftige Eichenbäume. Die Lichtung, auf der das Haus stand, war wirklich sehr klein.
 

Sigfrid

Mitglied
Du schreibst sehr spannend und hast einen sehr schönen Schreibstil.
Du schaffst es, daß man sich die Hauptfigur als richtig hassenswerten Egozentriker vorstellen kann.
Nur hat Deine Geschichte am Anfang ein paar Längen, die einem das weiterlesen erschweren können.
Aber insgesamt eine fesselnde und aufregende Geschichte.
Es kann eben niemand wissen, ob nur das existiert, was wir sehen und fassen können.
 

Breimann

Mitglied
Was wissen wir schon?

hallo Sigfrid, neben unserer schmalen Sicht wird es (hoffentlich) noch mehr geben, als nur das, was wir bewusst sehen.
Zu der Anfangslänge: Sie ist hier bewusst gewähltes Stilmittel, langsam, harmlose Abläufe, eingehende Beschreibubg der hauptfigur und das herantasten an das Ziel; dann das Eintauchen in etwas Überraschendes und Erschreckendes.
Danke für die Kritik
eduard
 

Breimann

Mitglied
Danke

Lieber Sigfrid, ich danke für die gute abschließende Kritik. Ich hoffe, dass viele Leser die nicht einmal versteckte Kritik in meiner rabbit666-Geschichte verstanden haben.
Man muss Gewalt beschreiben, das ist so selbstverständlich wie das Schreiben überhaupt. Es gibt kein Element unseres Lebens, das nicht in einer Geschichte aufgeführt werden kann und darf. Es kommt, wie so oft im Leben, auf das Wie und auf die Art an; letztendlich allerdings geht es darum, ob man Gewalt der Gewalt wegen beschreibt (siehe ausführliche Diskussion des Beitrags von urte).
Liebe Grüße
eduard
 

gladiator

Mitglied
Hallo Breimann,

ich habe die von Dir in der Geschichte verarbeitete Kritik verstanden und finde sie auch richtig. Ich bin gespannt, was dienjenigen, an die sie gerichtet ist, dazu sagen werden.

Trotzdem habe ich ein paar Probleme mit Deiner Geschichte.

1. Dein rabbit666 ist schon ein ziemlich widerlicher Typ. Aber eigentlich auch eine arme Sau. Wäre es nicht treffender gewesen, mehr die arme Sau als den widerlichen Typen zu beschreiben?
So freundet man sich mit der Figur gar nicht erst an, sondern wartet darauf, daß er endlich das bekommt, was er verdient.
Ich hätte es besser gefunden, dem Leser zu verdeutlichen, daß viele Leute schon wirklich arme Schweine sind, es aber trotzdem keinen wirklichen Grund gibt, daß sie sich die Ventile suchen, wie wir sie leider kennen.

2. Im Grunde landet rabbitt666 in der Welt, die er selbst in seinen Geschichten beschreibt. Ich hätte das allerdings deutlicher gemacht, ihn mit den Figuren konfrontiert, die er in seinen Geschichten quälen läßt, oder noch besser, ihn zu einem Opfer seiner eigenen Figuren gemacht. Oder ist das bereits der Fall? Dann kommt es nicht klar genug raus.

3. Wie Du die Gewalt beschreibst, ist schon ziemlich hart. Aber sie ist nichts im Vergleich zu dem, was wir ab und zu hier und in anderen Foren lesen müssen. Einerseits ehrt Dich das, andererseits bleibst Du aber letztlich vor dem letzten Schritt, nämlich die perverse Gewaltschilderung der Splatter-Schreiber zu entlarven.

Insgesamt eine gute und für die LL wichtige Geschichte.

Gruß
Gladiator
 

Breimann

Mitglied
Lieber Gladiator,
ich habe, und das ist fast ein Prinzip, etwas gegen ganz präzise im Typus festgelegte Gestalten. Es liegt wohl daran, dass ich nicht glaube, dass es die überhaupt gibt. Wir sind oft selber gespalten, erleben den anderen als „mal-so-mal-so-Typ“ oder auch als „sowohl-als-auch-Wesen“. rabbit666 wollte ich erstens nicht sympathisch machen, ihn zweitens als schwaches, von Mama beaufsichtigtes Element beschreiben, das sich in seine widerliche Fantasien flüchtet.
Hier mag – unter Umständen – oder auch in ähnlichen Entwicklungen, die Flucht in solche Abartigkeiten ein Ventil sein.

Rabbit666 wird - zumindest wäre das für jeden normal empfindenden Menschen so - in furchtbarer Weise mit dem konfrontiert, was er nur aus Videos und aus seiner Fantasie kennt. Er erlebt das Ganze ja als Realität. Aber anders als viele andere Menschen, sucht er nur sich selber zu befreien, ohne Rücksicht auf andere (was seiner Ich-Bezogenheit entspringt), zweitens vergisst er nach der „Rettung“ sofort die Wirklichkeit und transportiert sie in seine wieder auflebende Blutfantasie.

Die Beschreibung der Gewalt war für mich ein wahrer Drahtseilakt. Ich glaube nicht, dass ich durch diese Geschichte in den Ruf eines Gewaltverherrlichers abrutsche - so leicht wohl nicht. Immerhin hat diese Erzählung eine Moral, so mindestens habe ich sie angelegt; sie ist nicht Selbstzweck!
Aber es hat mir weh getan, die Vorkommnisse so zu beschreiben, wie sie nun einmal da stehen müssen, um den „Helden“ rabbit666 in seiner Lage richtig zu beleuchten.
Ich bin Hobbyhistoriker und für mich ist der Dreißigjährige Krieg immer ein Betrachtungsschwerpunkt gewesen. Das Material über die Gräuel, die alle Seiten vollzogen haben, stehen den Beschreibungen des Holocaust kaum nach. Ich musste entschärfen und habe wie ein Chirurg die richtigen Schnittstellen gesucht. Ich hoffe, lieber Gladiator, dass ich niemandem mit dem übrig gebliebenen Teil, den ich ohne Detailschilderung gelassen habe, weh tue.
Ich bin froh, dass die Geschichte nicht ungelesen bleibt. Ich will keine neue Gewaltdiskussion einleiten; ich möchte nur unser Empfinden schärfen.
Vielen Dank für deine Darlegungen, lieber Gladiator
Dein
eduard
 

gladiator

Mitglied
Hallo Breimann,

schon recht. Ich hatte meine Anmerkungen zu rabbit666 nur gemacht, weil ich glaube, daß sich die, die Du vielleicht mit Deiner Kritik erreichen wolltest, nicht wirklich getroffen fühlen...Aber so wichtig ist es auch nicht.

Ich glaube nicht, dass ich durch diese Geschichte in den Ruf eines Gewaltverherrlichers abrutsche - so leicht wohl nicht. Immerhin hat diese Erzählung eine Moral, so mindestens habe ich sie angelegt; sie ist nicht Selbstzweck!
Auf keinen Fall! Das meinte ich auch nicht. Im Gegensatz zu den Geschichten, die Du kritisierst, hat von Dir geschilderte Gewalt einen Sinn. Und wie gesagt: Sie ist hart, aber harmloser, was die Splatterpunker verzapfen. Aber das ist ja auch ganz gut so.

Gruß
Gladiator
 

Breimann

Mitglied
Es macht Mut,

dass Gladiator und Sigfrid diese Geschichte so kommentiert haben, bevor sie von anderen mit einem bestimmten Kommentar in eine Ecke gestellt werden konnte. Dann kann man nur noch verteidigen - und das ist, wie immer im Leben, viel schwerer.
Ich bedanke mich für die solidarischen, nicht selbstverständlichen, Kommentare.
eduard
 

flammarion

Foren-Redakteur
Teammitglied
endlich

bin auch ich dazu gekommen, deine geschichte zu lesen. erst wollte ich auch meinen, sie sei zu lang, aber dann dachte ich: nee, genauso muß sie sein. gratuliere dir ebenfalls. aber ich hätt mir gewünscht, daß dieses fiese karnickel mehr abbekommt als nur ne beule am kopf. ganz lieb grüßt
 

Breimann

Mitglied
Leider nicht,

liebe flamarion. Hätte ich ihn mehr leiden lassen, diesen selbstverliebten rabbit666, dann hätte es ja möglicherweise Mitleid mit der armen, von seiner Mutter unterdrückten, Seele gegeben.
Das Ziel war ja auch so erreich- und darstellbarbar: Gewalt ist das Widerlichste, was es gibt. Dazu braucht man nicht erst den Schock aus den USA.
Und dies darzustellen, die Verherrlicher von Gewalt gegen Menschen und Tiere, gegen Fremde und gegen Frauen, gegen Kinder und gegen jeden, dessen Meinung einem nicht passt, bloß zu stellen, das, so glaube ich wenigstens, ist die Sache aller Autoren, denen es um Kultur und um die Literatur geht.
Liebe Grüße
eduard
 

flammarion

Foren-Redakteur
Teammitglied
also,

ich glaube, mitleid hätte er wohl nur von denen bekommen, die solcher art "literatur" mögen. ich dachte an einen denkzettel, der ihm auf die sprünge hilft. er sollte am eigenen leib spüren, was schmerz ist, damit er aufhört, davon zu schwärmen. lg
 

Breimann

Mitglied
Den Wunsch,

liebe flammarion, habe ich oft gehabt, wenn ich die Elaborate dieser gedankenlosen Gewaltspinner gelesen habe. Leider, leider...
eduard
 

Breimann

Mitglied
Schweigen

ist typisch für die Leute um die es ja geht, bei solchen Theman, für Leute also, die hier eigentlich gemeint waren. Kontrovers, das war mir klar, wird dieses Thema kaum diskutiert werden können - leider. Das wäre ansonsten ja mal eine Chance, die Denke, die Hintergründe, die Motive solcher Gewaltverherrlicher kennen zu lernen.
eduard
 

Breimann

Mitglied
Kaum zu hoffen,

liebe flammarion, dass das geschieht. Eher lande ich da! Aber ich will ja nicht immer so böse Geschichten schreiben; diese hat mir, alleine schon wegen der notwendigen Gewaltschilderung, große Probleme gemacht. Aber es geht manchmal um andere Dinge, und diese Geschichte hatte ja einen Zweck!
Liebe Grüße
eduard

PS: Ich kann nur sehr selten schreiben, weil mein PC gehimmelt ist. Er befindet sich jetzt im PC-Himmel und berichtet dort von der Quälerei, die er bei mir erlitten hat. Ich schreibe auf dem PC eines Freundes, der so nett ist, mich zwischendurch mal für eine halbe Stunde "ran zu lassen". Nur Emails kann ich im Augenblick weder lesen noch schreiben. Aber das wird bald wieder.
eduard
 

Ralph Ronneberger

Foren-Redakteur
Teammitglied
Schwedentrunk

Hallo Eduard,

diese Geschichte ist ein Hammer. Hier stimmt nach meiner Auffassung (fast) alles.

1. Idee und Anliegen
Nachdem ich hier einige Splatter-Geschichten lesen "durfte", kam ich auch auf die Idee, etwas in ähnlicher Form wie Du zu schreiben. Nur so aus Wut. Ich bin stecken geblieben und freue mich um so mehr, daß es jemand verstanden hat, meine eigenen Empfindungen viel besser umzusetzen, als ich es selbst vermocht hätte. Ich glaube, dafür gebührt dir der Dank all jener, die solche Geschichtenschreibern entgegen treten möchten.

2. Aufbau
"...langsame, harmlose Abläufe, eingehende Beschreibung der Hauptfigur und das Herantasten an das Ziel, dann das Eintauchen in etwas Überraschendes und Erschreckendes."
Das sind deine eigenen Worte, und dem habe ich nichts hinzu zu fügen.

3. Genauigkeit der Details
Die aus dem dreißigjährigem Krieg entlehnte Szene hat es mir besonders angetan. Ich fand sie keineswegs zu grausam, denn Du beschränkst dich im Wesentlichen auf das, was unbedingt notwendig ist, um das Grauen zu vermitteln. Ich fühlte mich an einen meiner Lieblingsromane (Und haben nur den Zorn) erinnert. Selbst die Sprache der Protagonisten ist original. (Was habe ich mich beim "Simplicissimus Teutsch" damit herum gequält.

4. Spannung
Der Spannungsbogen baut sich kontinuierlich auf und sinkt erst rapid ab, als rabbit666 im Auto sitzt. Bis dahin hält man den Atem an. Dann wird es ruhig, fast zu ruhig, und auch die Pointe (bzw. der Schluß) ist vorhersehbar. Wieder neige ich dazu, diese Geschichte eher unter dem Begriff "Erzählung" einzuordnen.

5. Schluß
Wie schon gesagt: Fast vorhersehbar und unspektakulär. Und wenn ich etwas nennen soll, was mir nicht so ganz gefallen hat (siehe das kleine "fast" ganz oben in Klammern), so ist es die Tatsache, daß rabbit666 trotz dieser grauenvollen Erlebnisse nichts dazu gelernt hat, sondern die durchlebten Szenen flugs zu einer neuen Geschichte verarbeiten will. Mit meinem Sinn für Ge(räch)tigkeit hätte ich ihn schon lieber selbst zu einem Schwedentrunk verurteilt gesehen.


Gruß Ralph
 

Breimann

Mitglied
Hallo Ralph,

ich sage es gerne noch einmal: So tief gehende, analytische Kritik ist selten. Die war ich von urte gewohnt, die leider nicht mehr in der LL schreibt.
Dafür zunächst einmal ein Dankeschön mit Aufatmen. Zum Schluss der Geschichte: Ich habe tatsächlich zwei Fassungen gehabt. In der anderen kam rabbit666 zur Besinnung. Er war fassungslos über die "Realität", wollte nie mehr schreiben. Nachdem er den PC hochgefahren hatte, löschte er alle seine Beiträge, seine ID und trug sich aus dem Autorenverzeichnis aus.
Dann kam der Augenblick, in dem ich ihn so darstellen wollte, wie er wohl ist: unbelehrbar! Er ist also eigentlich ein Splatter, der keine Lernwilligkeit - oder -fähigkeit besitzt.
Nun ja, ich sagte ja schon an anderer Stelle, man kann über solche Varianten trefflich "streiten", das ist ja das, was mich animiert, in der LL zu veröffentlichen.
Danke noch einmal
eduard
 

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