See in Brandenburg

Zum See hinab geht es auf schmalem Seitenpfad am alten Forsthaus vorbei. Da ist Brennholz zu verkaufen, es steht handgeschrieben auf einem Schild. Denkt einer im August schon an den Winter? Wo der Sommer gerade auf seinem Höhepunkt? Doch ist er es noch? Leise Zweifel regen sich schon.

Unten am Steg liegen in langer Reihe vertäut die alten Holzkähne. Mit ihnen kann man auf den See hinausrudern, um zu fischen. Doch heute tut es keiner. Am Ufer gibt es nicht eine Bank zum Niedersitzen, der Rundblick fällt also kurz aus: das Seeufer eine fast kreisrunde Linie, ringsum bewaldet, eine tiefgrüne Wand aus Buchen, einzelne artfremde Kiefern sind in ihr geduldet. Weder Mensch noch Tier lässt sich blicken, nicht einmal ein Vogel in der Luft. Dafür Stille, nichts als Stille.

Man kehrt zurück zum breiten Forstweg oben und biegt noch einmal von ihm ab. Da ist ein Parkplatz, vollkommen leer, und hinter ihm die kleine Badestelle im Wald, leicht abfallender sandiger Grund mit einzelnen hohen Kiefern. Ein Mann ist verbotenerweise mit seinem Jungen hinuntergefahren. Jetzt stapft er unschlüssig ein paar Schritte auf und ab, betrachtet den Motorroller, sagt etwas zu dem Kleinen. Der Junge hängt in der Krümmung eines schief gewachsenen Baumstammes und gibt keine Antwort. Vielleicht denkt er: Wie langweilig Ferien sein können.

Am Himmel wechseln sich Sonne und Wolken ruhevoll ab. Die Schwüle der vergangenen Tage hat nachgelassen. Es ist nicht mehr Hoch-, doch auch noch kein Spätsommer. Es ist einer der Tage, an denen sich nichts zu entwickeln scheint, weder Blühen noch Reifen noch Vergehen.

Der Sand ist noch zu feucht von nächtlichen Regenschauern, als dass man auf ihm sich lagern könnte. Um einen umgelegten Baumstamm sammelt sich der Abfall früherer Besucher: Plastikmüll, leere Flaschen. Man sitzt dann unbequem auf der Bohlenumrandung des Parkplatzes und verzehrt sein Mitgebrachtes.

Ein Auto hält und zwei Männer um die dreißig steigen rasch aus. „Hallo“, ruft der eine schon herüber, es klingt etwas zu vertraulich und zugleich vorsichtig sondierend, wie: Ich bin kein Feind – und was bist du? – Hierher kommen sonst keine Ortsfremden, nur die Bewohner der kleinen Stadt. Die beiden gehen zum See hinunter und umklammern jeder seine drei, vier Bierflaschen. „Nein“, sagt der eine noch, „regnen wird es heute nicht.“

Kurz darauf braust noch ein Auto mit zwei weiteren jungen Männern heran, die auch schnell zum Seeufer wollen. Verabredet oder nicht, sie werden sich unten zusammentun. Es wird sich beleben der See, sein Gestade. Man muss doch seine Zeit nutzen, seine jungen Tage nutzen – wenn man nur wüsste wie. Wenn man nur wüsste …
 

Charmaine

Mitglied
Hallo Arno,

der Text ist leicht melancholisch. Der Erzähler scheint in einer verhaltenen, unschlüssigen Stimmung zu sein. Man wartet auf etwas, der Erzähler, wie der Leser.
Was geschieht, stimmt weniger nachdenklich, aber nachdenklich klingt der Text aus:

Man muss doch seine Zeit nutzen, seine jungen Tage nutzen – wenn man nur wüsste wie. Wenn man nur wüsste …
Die Antwort gibt der Subtext, die Gegebenheiten des natürlichen Umfelds. Es ist fast ganz und gar menschengemacht.

Schöner Text.

LG
Charmaine
 
Danke, Charmaine, fürs Lob.

Mit dem Schluss verhält es sich so: Die letzten anderthalb Sätze, von dir herausgehoben, sind eine Kombination aus zwei relativ bekannten Literaturzitaten (Goethe und Tschechow), als ironischer Kommentar des Erzählers.

Schönen Abendgruß
Arno
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ein ruhiger Text, so ruhig wie der See in Brandenburg. Die beschriebene Stimmung kommt gut rüber.
Vielleicht kannst Du das unpersönliche "Man" durch Ich oder Er ersetzen, dann wirkt das Ganze m.E. noch mehr.

LG Doc
 
Zum See hinab geht es auf schmalem Seitenpfad am alten Forsthaus vorbei. Da ist Brennholz zu verkaufen, es steht handgeschrieben auf einem Schild. Denkt einer im August schon an den Winter? Wo der Sommer gerade auf seinem Höhepunkt? Doch ist er es noch? Leise Zweifel regen sich schon.

Unten am Steg liegen in langer Reihe vertäut die alten Holzkähne. Mit ihnen kann man auf den See hinausrudern, um zu fischen. Doch heute tut es keiner. Am Ufer gibt es nicht eine Bank zum Niedersitzen, der Rundblick fällt also kurz aus: das Seeufer eine fast kreisrunde Linie, ringsum bewaldet, eine tiefgrüne Wand aus Buchen, einzelne artfremde Kiefern sind in ihr geduldet. Weder Mensch noch Tier lässt sich blicken, nicht einmal ein Vogel in der Luft. Dafür Stille, nichts als Stille.

Der Wanderer kehrt zurück zum breiten Forstweg oben und biegt noch einmal von ihm ab. Da ist ein Parkplatz, vollkommen leer, und hinter ihm die kleine Badestelle im Wald, leicht abfallender sandiger Grund mit einzelnen hohen Kiefern. Ein Mann ist verbotenerweise mit seinem Jungen hinuntergefahren. Jetzt stapft er unschlüssig ein paar Schritte auf und ab, betrachtet den Motorroller, sagt etwas zu dem Kleinen. Der Junge hängt in der Krümmung eines schief gewachsenen Baumstammes und gibt keine Antwort. Vielleicht denkt er: Wie langweilig Ferien sein können.

Am Himmel wechseln sich Sonne und Wolken ruhevoll ab. Die Schwüle der vergangenen Tage hat nachgelassen. Es ist nicht mehr Hoch-, doch auch noch kein Spätsommer. Es ist einer der Tage, an denen sich nichts zu entwickeln scheint, weder Blühen noch Reifen noch Vergehen.

Der Sand ist noch zu feucht von nächtlichen Regenschauern, als dass man auf ihm sich lagern könnte. Um einen umgelegten Baumstamm sammelt sich der Abfall früherer Besucher: Plastikmüll, leere Flaschen. Der Wanderer sitzt dann unbequem auf der Bohlenumrandung des Parkplatzes und verzehrt sein Mitgebrachtes.

Ein Auto hält und zwei Männer um die dreißig steigen rasch aus. „Hallo“, ruft der eine schon herüber, es klingt etwas zu vertraulich und zugleich vorsichtig sondierend, wie: Ich bin kein Feind – und was bist du? – Hierher kommen sonst keine Ortsfremden, nur die Bewohner der kleinen Stadt. Die beiden gehen zum See hinunter und umklammern jeder seine drei, vier Bierflaschen. „Nein“, sagt der eine noch, „regnen wird es heute nicht.“

Kurz darauf braust noch ein Auto mit zwei weiteren jungen Männern heran, die auch schnell zum Seeufer wollen. Verabredet oder nicht, sie werden sich unten zusammentun. Es wird sich beleben der See, sein Gestade. Man muss doch seine Zeit nutzen, seine jungen Tage nutzen – wenn man nur wüsste wie. Wenn man nur wüsste …
 
Doc, ich bedanke mich für die gute Meinung und den Tipp. Ja, "man" ist problematisch, doch konnte ich mich weder für "ich" noch für "er" entscheiden. Von einem Ich auch nur zu reden, wo es möglichst nur um die beobachtete Außenwelt geht, rückt den Beobachter auf hier unerwünschte Weise doch noch ein wenig in den Mittelpunkt. Also noch ein "Er"? Es gibt im Text schon welche - dann muss man auf die Abgrenzung untereinander achten, wo der Fremde doch eben gerade nicht zu ihnen gehört. Ich habe mich dann für "der Wanderer" entschieden.

Schönen Nachmittagsgruß
Arno Abendschön
 

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