Arno Abendschön
Mitglied
Die jährliche Massenparty war zu Ende. Bevor es zur Fähre ging, umarmten sich einander mehr oder weniger Fremdgebliebene mit dem beschwörend vorgebrachten Abschiedsgruß: See you next year at Fire Island! Es war die Standardformel. Nur einer, der sie auch gebrauchte, ist mir im Gedächtnis geblieben über die Jahrzehnte. Ich hatte im Verlauf des Wochenendes ein paar Sätze mit dem hübschen und freundlichen Jungen gewechselt. Seine Gutartigkeit lag offen zu Tage und sein Optimismus kontrastierte mit seiner Behinderung. Er war ein Contergan-Kind gewesen und konnte auf Dauer nur an zwei Krücken gehen. Jeder fand ihn rührend und in dieser Wolke kameradschaftlicher Sympathie schien er sich wohl und sicher zu fühlen. Ich warf noch einen Blick auf ihn: Ja, auch seinetwegen wiederkommen …
Ich traf ihn schon in der übernächsten Woche erneut. Es war in Boston, wo er zu Hause war, in einer Bar. Er hatte Freunde um sich, humpelte an seinen Krücken zum Billardtisch, um selbst eine Partie zu spielen. Er erkannte mich gleich wieder als einen von den Deutschen auf Fire Island. Wir sprachen eine Zeitlang miteinander. Ich fragte ihn, ob er einer Arbeit nachgehe. Nein, das sei nicht der Fall, er bekomme eine kleine Rente und sei zufrieden. Ich blieb nur drei Tage in Boston und am letzten Abend versicherten wir einander wieder: See you next year at Fire Island!
Tatsächlich bin ich nie mehr auf diese Insel gekommen und habe ihn auch nicht wieder gesehen. Doch vergeht kein Jahr, in dem ich nicht einige Male an ihn denke. Hat er die schweren AIDS-Jahre überlebt? Es sind ihm damals hoffentlich keine Freunde weggestorben? Und die Opioid-Epidemie hat einen Bogen um ihn und seinen Kreis gemacht? Hat er trotz Finanzkrise immer noch genug zum Leben? Ich kann ihn mir nicht anders vorstellen als unkompliziert freundlich und auf seine schlichte Weise lebensfroh.
Der Junge aus Boston bleibt für mich immer nur höchstens zwanzig, Seltsam, dass die für einen so gut wie Gestorbenen ebenso wie die wirklich Toten in unserem Kopf nicht mehr weiter altern. Es ist fast wie in der Geschichte vom Bergwerk zu Falun, die so viele inspiriert hat. Alt geworden erblicken auch wir diese Junggebliebenen: uns so fern und zugleich so nah.
Ich traf ihn schon in der übernächsten Woche erneut. Es war in Boston, wo er zu Hause war, in einer Bar. Er hatte Freunde um sich, humpelte an seinen Krücken zum Billardtisch, um selbst eine Partie zu spielen. Er erkannte mich gleich wieder als einen von den Deutschen auf Fire Island. Wir sprachen eine Zeitlang miteinander. Ich fragte ihn, ob er einer Arbeit nachgehe. Nein, das sei nicht der Fall, er bekomme eine kleine Rente und sei zufrieden. Ich blieb nur drei Tage in Boston und am letzten Abend versicherten wir einander wieder: See you next year at Fire Island!
Tatsächlich bin ich nie mehr auf diese Insel gekommen und habe ihn auch nicht wieder gesehen. Doch vergeht kein Jahr, in dem ich nicht einige Male an ihn denke. Hat er die schweren AIDS-Jahre überlebt? Es sind ihm damals hoffentlich keine Freunde weggestorben? Und die Opioid-Epidemie hat einen Bogen um ihn und seinen Kreis gemacht? Hat er trotz Finanzkrise immer noch genug zum Leben? Ich kann ihn mir nicht anders vorstellen als unkompliziert freundlich und auf seine schlichte Weise lebensfroh.
Der Junge aus Boston bleibt für mich immer nur höchstens zwanzig, Seltsam, dass die für einen so gut wie Gestorbenen ebenso wie die wirklich Toten in unserem Kopf nicht mehr weiter altern. Es ist fast wie in der Geschichte vom Bergwerk zu Falun, die so viele inspiriert hat. Alt geworden erblicken auch wir diese Junggebliebenen: uns so fern und zugleich so nah.