Liselotte Kranich
Mitglied
Seine Hoheit, der Zufall oder Zufallsfanatikerin
Nicht jeder Plan geht auf. Man überlässt den Lauf der Dinge oftmals einem Zufall. Diesbezüglich vertraute Anne allerdings ihrer eigenen bewährten Überzeugung, dass der beste Zufall gut geplant werden musste.
Anfang Januar hegten Chris und Anne den sehnlichen Wunsch, dem Winter zu entkommen, und planten eine Kreuzfahrt in warme Länder. Das war der grobe Plan. Die Details überließen sie, wie gewohnt, einem Zufallsverfahren mit zwei Auswahlkriterien: Wetter und Preis-Leistungs-Verhältnis.
Eines schönen Tages verkündete Chris erleichtert: „Die Würfel sind gefallen. In einer Woche geht es mit der AIDAsol in die Karibik." Anne war mit allem einverstanden. „Gut gemacht", lobte sie ihren Mann. „Maile mir bitte die gebuchte Route zu. Ich schaue vor dem Kofferpacken nach dem dortigen Wetter."
„Was gibt es da groß zu schauen? 30 Grad und Sonne. Die Karibik halt", belehrte Chris seine Frau und fügte hinzu: „Du wirst aber bitte dieses Mal keines deiner Kunstwerke in der Schiffsgalerie platzieren."
Anne musste lachen. Sie erinnerte sich an ihre letzte Kreuzfahrt mit AIDAnova. Ihr heimlich angebrachtes Bild hing über Nacht bis zum nächsten Mittag stolz neben den renommierten Künstlern. Dann war es weg. Der Galerist begrüßte Anne an dem Tag vor der Kunstauktion mit einem auffallend breiten Lächeln, sagte jedoch weiter nichts. Anne ließ sich ebenfalls nichts anmerken. Am Ende des nächsten Landgangstages fanden Chris und Anne das besagte Bild mit einem freundlichen Begleitschreiben versehen in ihrer Kabine wieder. Annes Streich hatte beiden Parteien viel Spaß gemacht. So lernte Anne den Galeristen Carsten kennen. Dieses Mal führte Anne nichts derartiges im Schilde. „Ich mache einfach Urlaub", versicherte sie ihrem Mann. Und dabei wäre es sicherlich geblieben, wenn nicht doch der Zufall ins Spiel gekommen wäre.
Anne bevorzugte die Druckversion der Bordzeitung. Auch wenn alle Informationen kostenlos digital zugänglich waren, jagte sie tagtäglich dem Bordblatt hinterher, das in der letzten Zeit in einer kleinen Auflage gedruckt wurde und bald ganz abgeschafft werden sollte, nach der Auskunft der Rezeption. Dieses Mal hatte Anne noch ihr Vergnügen. Sie schlug die erste Ausgabe auf und musste kurz überlegen, auf welchem Schiff sie sich gerade befand. In der Zeitung war das Foto vom Galeristen Carsten. Wie sich später herausstellte, hatte er die kalte Nordroute gegen die heiße Karibiktour getauscht. Nach einer netten, inspirierenden Unterhaltung mit Carsten entwickelte Anne prompt einen Plan und benötigte dafür Papier und Bleistift, die sie sich unkompliziert an der Rezeption besorgte. Der anfänglich fehlende Radiergummi ließ sich nach längeren Überlegung im Kidsclub finden. Anne war wieder in ihrem Element.
In der zweiten Woche wurde Chris krank, Halsschmerzen machten ihm zu schaffen. Irgendwann hatte er auf gar nichts mehr Lust und wollte nur seine Ruhe in der Kabine haben. Anne war einen Moment traurig. Der Urlaub ging aber weiter. An Entertainment mangelte es an Bord nicht. Schon allein im Theatrium fanden gewöhnlich an zwei Terminen Abendshows statt. Eines Abends eilte Anne nach der ersten Vorstellung in die Kabine. Sie berichtete ihrem Mann ganz begeistert von zwei unterhaltsamen ‚Bluesbrothers from different mothers': „Die Jungs sind gut. Ich möchte während der zweiten Vorstellung ein paar Aufnahmen mit meinem Smartphone machen." Der Abend samt Aufnahmen waren gelungen. Anne hatte gute Unterhaltung und einen neuen Plan für den nächsten Tag: Sie wolle die ‚Bluesbrothers' malen und das Bild dem ‚Brother' Mike schenken. Dank ihm seien ihre Aufnahmen besonders gut geworden.
Einen Tag später war die Zeichnung fertig. Zwei Tage später schon erwachten jedoch Zweifel in Anne, ob ihre Idee so brillant war, wie sie ihr am Anfang zu sein schien. Ihr ging durch den Kopf: „Bestimmt hat ‚Brother‘ Mike kein Interesse an meiner Zeichnung. Vielleicht ist sie gar nicht gut." Drei Tage später verwarf Anne ihren Plan ganz. Sie ließ am letzten Reisetag ihre Zeichnung einfach an der Rezeption zurück, als Dankeschön für den ausgeliehenen Bleistift.
Die Kreuzfahrt war zu Ende. Chris und Anne saßen auf dem Flughafen in La Romana und warteten auf ihren Flug nach Frankfurt am Main. Anne schlug die Zeit tot, indem sie bei Facebook stöberte. Jemand schickte ihr eine Freundschaftsanfrage. Anne schaute nach und konnte ihren Augen kaum trauen. Mike bedankte sich für Annes freundliche Geste. ‚Seine Hoheit, der Zufall' hat alles in die richtigen Wege geleitet.
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