Selbstbewusstsein?

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Anders Tell

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Ja, liebe Petra,
letztlich kommt es darauf an, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Der geniale Önder hat hier in einem Gedicht beschrieben, dass die Existenz einfach nur im Sein den Weg zu sich selbst ebnet.
Wenn ich in eine Verantwortung hineinwachse, muss ich lernen, mich selbst zurück zu nehmen. Einfach weil es nicht um mich geht. Im Rahmen einer Ausbildung habe ich gelernt, dahin zu gelangen. Es war sehr entlastend und wirkt bis heute nach. Nur manchmal muss ich mich daran erinnern. Ich möchte jetzt nicht ins Detail gehen, weil soviel mag ich nicht über mich und mein Leben preisgeben.
Anders
 

wirena

Mitglied
Liebe Petra
Da gibst Du mir ja ein ganzes Buch, beinahe hätte ich geschrieben, ein ganzes Leben, zum Nachdenken, zum Verdauen…ich kann vorerst nur versuchen etwas zu, Zitat:

"Mir leuchtet auch das Begriffspaar 'Innerlichkeit und Selbstdarstellung' nicht ein" Zitatende

schreiben. Portmann stört sich daran, dass die Biologen sich nur auf die Fakten der Leistung, der Nützlichkeit einer Naturbegebenheit beziehen. Denke das hat mit dem Darwinismus zu tun. Kenne diesen noch nicht, werde ich aber noch mit Störig’s Geschichte zur Philosophie kennenlernen. Portmann geht davon aus, ich bin erst auf Seite 136 von 379 Seiten, dass alle Lebewesen, die gesamte Pflanzen, Tierwelt und inkl. Seeanemonen etc. einfach so, naturgegebene Muster, Farbenpracht oder was auch immer haben. Und nicht nur aus Fortpflanzungsgründen, Balz, Bestäubung oder Abschreckung/Tarnung etc.

Auf den Menschen bezogen. Erlebe ich, dass auch wir eine Innerlichkeit haben und eine Selbstdarstellung. Immer und einfach so durch unser Dasein. Unsere Gestalt, Kleidung, Ausstrahlung etc. Wir wirken. Dies kann bewusst sein inkl. Makeup oder bewusst nicht, da Verbot, siehe Verschleierung. Meiner Meinung nach bestimmt die Innerlichkeit eines Menschen, wie er sich darstellt, darstellen möchte und dadurch wirkt. Dies so meine eigenen Gedanken, mein Verständnis davon, was ich bisher gelesen habe. Die Aufsätze von Portmann zur Anthropologie kenne ich noch nicht und bin gespannt, ob ich da Bestätigung finde oder ob es mich auf ein Neuland führt.

LG wirena

PS:
Selbsterkenntnis ist dagegen ein kontinuierlicher Prozess und kann durchaus - wie Arno anmerkte - in die Irre gehen.
so gesehen Petra, kann ich Dir beistimmen, aber nur wenn Grössenwahnsinn keine Krankheit ist - sorry - muss wieder tief durchatmen -
 

petrasmiles

Mitglied
Zum Abschluss will ich noch eine sehr skeptische Stelle bei Musil ("Der Mann ohne Eigenschaften", 1. Teil, Kapitel 8) anführen, als Erwiderung auf den von Petra angeführten Begriff des "Ureigenen":

"Denn ein Landesbewohner hat mindestens neun Charaktere, einen Berufs-, einen National-, einen Staats-, einen Klassen-, einen geographischen, einen Geschlechts-, einen bewussten, einen unbewussten und vielleicht auch noch einen privaten Charakter, er vereinigt sie in sich, aber sie lösen ihn auf, und er ist eigentlich nichts als eine kleine, von diesen Rinnsalen ausgewaschene Mulde, in die sie hineinsickern und aus der sie wieder austreten, um mit anderen Bächlein eine andere Mulde zu füllen. Deshalb hat jeder Erdbewohner auch noch einen zehnten Charakter, und dieser ist nichts als die passive Phantasie unausgefüllter Räume; er gestattet dem Menschen alles, nur nicht das eine: das ernst zu nehmen, was seine mindestrens neun anderen Charaktere tun und was mit ihnen geschieht; also mit anderen Worten, gerade das nicht, was ihn ausfüllen sollte. Dieser, wie man zugeben muß, schwer zu beschreibende Raum ist in Italien anders gefärbt und geformt als in England, weil das, was sich von ihm abhebt, andere Farbe und Form hat, und ist doch da und dort der gleiche, eben ein leerer, unsichtbarer Raum, in dem die Wirklichkeit darinsteht wie eine von der Phantasie verlassene kleine Steinbaukastenstadt."

Da haben wir es: das Ich als kleine ausgewaschene Mulde und dazu die passive Phantasie unausgefüllter Räume ...
Lieber Arno,

was soll man 'gegen' Musil sagen und seine vorzügliche Beschreibung, was der Mensch alles sein kann?
Ich empfinde seine Beobachtungen gleichzeitig faszinierend und erschreckend - und über die passive Phantasie, die unausgefüllten Räume, darüber muss man (ich) länger nachdenken. (Habe den Mann ohne Eigenschaften immer noch nicht gelesen ...)
Was mir aber sofort dazu einfällt, ist diese Spezies eines uninspirierten 'Alltagsmenschen' - der sicher in jedem von uns vorhanden ist - den er hier zum Gegenstand seiner Betrachtungen wählt.
Und mir fällt auf, dass der Blick von außen immer gnadenloser ist als der von innen auf das 'Heldenepos'.
Und doch. Musil scheint nicht zu glauben, dass dieses Konzert der Charaktere innerhalb eines Menschen ein Ich verfestigt, im Gegenteil alles sich verflüssigen würde. Das finde ich als Bild spannend und bedenkenswert, aber es bringt mich nicht davon ab: Auch dieser Mensch hat sein Ureigenes und die Momente, in denen er es 'erhascht'.

Liebe Grüße
Petra
 

petrasmiles

Mitglied
Liebe Petra, herzlichen Dank für Deine Worte – ich habe noch eine Frage: Was verstehst Du unter

«gebundenen» Wahrheiten, und was ist oder sind die «ungebundenen»?



Das sehe ich genau so. Meiner Meinung nach, schenkt uns das Leben solche Momente nicht nur um Kraft zu tanken, darin zu verweilen, sondern um, wie Du so schön schreibst, mit diesem Erleben weiterzugehen – LG wirena
Danke.
Gebundene Wahrheiten betrachte ich als kontextgebundene Wahrheiten - wie eben das Beispiel 'Selbsterkenntnis ist Selbstbetrug' - das kann ja unter bestimmten Voraussetzungen stimmen.
Demgegenüber meine ich mit ungebundenen Wahrheiten die allgemeingültigen, die nicht nur in einem bestimmten Kontext stimmen (können).
Das Thema beschäftigt ich schon lange und ich wage auch gar nicht, solche Wahrheiten zu benennen, weil man darüber sorgfältig nachdenken muss und vieles abwägen. Ich denke dabei an solche fundamentalen Dinge, wie auf der biologischen Seite - dass jeder Mensch atmen muss, Nahrung aufnehmen und ausscheiden muss, ins Leben hinein und wieder hinaus wächst. Solche Sachen. Sie dürfen nur nicht trivial sein wie z.B. 'alle Menschen brauchen Liebe', ich bin da eher spirituellen Wahrheiten auf der Spur, aber in meinem Kopf wabern Nebel - seit Jahren. Da sind zu viele Charaktere in meinem zerfließenden Bewusstein unterwegs, aber die (Hirn-)schale bleibt leer :)
 

wirena

Mitglied
Gebundene Wahrheiten betrachte ich als kontextgebundene Wahrheiten - wie eben das Beispiel 'Selbsterkenntnis ist Selbstbetrug' - das kann ja unter bestimmten Voraussetzungen stimmen.
Demgegenüber meine ich mit ungebundenen Wahrheiten die allgemeingültigen, die nicht nur in einem bestimmten Kontext stimmen (können).
Das Thema beschäftigt ich schon lange und ich wage auch gar nicht, solche Wahrheiten zu benennen, weil man darüber sorgfältig nachdenken muss und vieles abwägen. Ich denke dabei an solche fundamentalen Dinge, wie auf der biologischen Seite - dass jeder Mensch atmen muss, Nahrung aufnehmen und ausscheiden muss, ins Leben hinein und wieder hinaus wächst.
ich bin da eher spirituellen Wahrheiten auf der Spur, aber in meinem Kopf wabern Nebel

Danke Petra - verstehe - bitte nicht vergessen "Seele baumeln lassen" - einverstanden?
Nun aber meinerseits zum Schluss, nochmals kurz zu Portmann: Das Kapitel "Anthropologie" eröffnet er mit einem Sprachaufsatz, in dem er darlegt, dass es ihm um den Geist der Sprache geht, um ein reiches geistiges Leben in einer uns ursprünglich zugemessenen Welt. Für mich ein spannendes Thema - übrigens, das Buch ist im Internet käuflich -

Petra, ich wünsche Dir e gueti Zyt und wir lesen uns sicher wieder zu gegebener Zeit - Ich muss erstmal verdauen, was Du da alles geschrieben hast - bin echt überfordert :) LG wirena
 
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petrasmiles

Mitglied
Liebe Wirena,

danke für die erneute Rückmeldung.
Ich habe heute auch erfahren, dass Denken ganz schön anstrengend sein kann ;)
Und ja, Seele baumeln lassen - man (ich) muss aufpassen, dass es nicht 'denken statt leben' wird. So spannend es ist und auch beglückend, wir sind nicht nur Kopf :)

Dir auch eine gute Zeit!

Liebe Grüße
Petra
 



 
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