Semibiografisch

Isengardt

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Text. Einfach nur so dahingerotzt. Wahrscheinlich im Vollsuff...dachte sie und nickte dem Schriftsteller mit einem leicht verspielten Lächeln zu. „Soll ich es ihnen vielleicht signieren?“
„Aber gerne doch. Schreiben sie die Widmung bitte an Liza. Eine Bekannte von mir.“
„Soso. Lisa also.“ sagte er und war schon froh darüber das er überhaupt mit Widmung signieren sollte. So landet es wenigstens nicht bei Ebay und würde für Unsummen verhökert werden, waren seine Gedanken als er den Stift ansetzte. „Haben sie es denn gelesen?“ fragte er sie sogleich und sie, abgelenkt durch das Interieur des Raumes, drehte sich wieder zu ihm um. „Ich? Ja natürlich habe ich es gelesen! Ich habe es geradezu verschlungen.“ log sie ihn an, gänzlich ohne rot zu werden.
„Was hat ihnen denn am besten gefallen?“ Sie zögerte etwas und legte dann los: „Ich denke das wird das lösen des Missverhältnisses zwischen den zwei Hauptprotagonisten am Ende sein, die sich auf den Tod nicht ausstehen können, aber sich doch immer wieder wie zwei Magnete anziehen, nur um sich im farbenfrohen Polwechsel dann wieder abzustoßen.“ Dabei ging ihr dieses ständige wechsel-dich-Spielchen beim Lesen gehörig auf den Senkel. Aber das verschwieg sie gekonnt und brachten ein weiteres, diesmal noch strahlenderes Lächeln zustande.
„Das finde ich ja interessant!“ antwortete der Autor und grinste verschmitzt zurück. Ihm gingen diese Signierstunden inzwischen ziemlich auf den Geist. Ständig die gleichen Fragen, die nach immer den gleichen Antworten verlangten. Er vermisste die Zeit als er noch ein aufstrebender Jungautor war und auch mal Sachen wagen konnte. Aber seitdem er im immer gleichen textlichen Fahrwasser dümpelte hat sich nichts mehr wirklich bewegt. Klar, die Erde drehte sich noch immer, aber sein eigener Kosmos stagnierte dagegen.
„So, bitteschön!“ sprach er im freundlichsten Ton, den er auflegen konnte und überreichte ihr die frisch signierte Hardcover Ausgabe seines letzten Buches. „Für Lisa…“ betonte er noch einmal und wendete sich schon der nächsten Person in der Schlange zu, als er von ihr den Hinweis bekam, das Liza mit z geschrieben wird und nicht wie er es tat mit s, also Lisa. „Oh, das tut mir jetzt aber leid!“ sagte er in einem aufgebrachten Tonfall und schaute hinter sich auf den Stapel an Taschenbuchausgaben seines letzten Werkes. „Soll ich ihnen eine andere Ausgabe signieren?“
Er war inzwischen ziemlich genervt von dem Ganzen Trubel den er hier seit knapp drei Stunden veranstaltete. Zuerst die zwei Stunden Lesung, dann noch zwei weitere Stunden, die für die Signierstunde eingeplant waren und jetzt das. Er als Autor hätte es besser wissen müssen und eventuell nachhaken sollen.
„Ja, allerdings sind das nur die Taschenbuchausgaben und nicht die gebundene Ausgabe, die sich meine Freundin vor einiger Zeit besorgt hat. Des Weiteren müsste ich ja für dieses Taschenbuch noch extra draufzahlen.“ erwiderte sie und sah ihn mit erwartungsvollen Augen an, als wolle sie ihn aus der Reserve locken damit er ihr die Taschenbuchausgabe vielleicht sogar schenkte. Er spielte das Spielchen mit. „Ok, ok. Ich will mal nicht so sein und schenke ihnen ein Exemplar.“ Hinter ihnen in der Schlange wurde es unruhig. „Wirklich?“ Dieses mal setzte sie ein echtes, siegessicheres Lächeln auf. „Ja, hier! Bitteschön!“ Er griff hinter sich, packte eine Ausgabe von „Drama um Tamara“ vor sich auf den Tisch und sagte noch: „Also für Liza mit einem z?!“ „Ja, genau. Liza mit einem z.“ „Soll ich sonst noch etwas anfügen?“ „Nein, das dürfte genügen. Vielen Dank.“
Er schaute während er schrieb auf und sah die Schlange, die sich bis zum Eingang des Gebäudes erstreckte. Es standen noch etwa dreißig bis vierzig Leute in der Reihe. Dann schaute er nervös auf die Uhr. Ob er es bis in knapp einer Stunde schaffen würde war fraglich. Dabei sehnte er sich nach einer Flasche Feierabendbier. Oder vielleicht auch mehreren. Zuweilen trank er in letzter Zeit häufiger.
„Sooo, das hätten wir dann auch geschafft.“ Er lächelte nicht mehr ganz so besonnen und überreichte ihr das Werk. „Oh da wird sie sich aber freuen. Zumindest hoffe ich, dass ich ihr das mit dem Taschenbuch erklären kann und sie es verstehen wird.“ „Ja, das hoffe ich auch.“ sagte er geistesabwesend die Hand schon zur nächsten Ausgabe hinstreckend die ein älterer Herr vor sich hinhielt. „Da wäre nurnoch eine klitzekleine Sache.“ erwiderte sie. Er unterbrach seine Geste mit der Hand und der ältere Herr seufzte.
„Ja, was ist denn noch?“ Man merkte ihm an das er ungeduldig wurde. Sie ignorierte jedoch den Unterton, den er in seine Stimme legte. „In ihrem Buch…wie soll ich es ausdrücken…basiert das auf wahren Ereignissen? Sie schreiben als hätten sie das schon einmal erlebt.“ Von hinten kam ein Durchruf „Hey…wir wollen auch noch drankommen. Wird das heute noch was?“ Dieses mal war er es der seufzte. Er kam wohl nicht umhin ihr eine Antwort zu geben, also gab er ihr die, bei welcher die Wahrscheinlichkeit am geringsten ist, das darauf eine weiter Frage folgte. „Nein. Es ist nicht semibiografisch, wenn sie das damit meinen.“ „Oh, ok. Das hätte ich jetzt nicht gedacht. Weil wissen sie, die Ausschmückung ihrer Dialoge, die wirkt so echt?“ log sie wieder und schaute dieses mal aber etwas beschämt zur Seite. „Würden sie jetzt bitte den nächsten Herren vorlassen, das ich mich seiner Ausgabe widmen kann?“ Über das abrupte Abwürgen ihres inzwischen an die fünf Minuten andauernden Dialogs war sie sichtlich nicht erfreut. Sie bekam Farbe im Gesicht und schnauzte zurück: „Na danke für das Gespräch!!!“ „Fräulein,“ antwortete er in einem kühlen Ton, „wenn sie jetzt nicht augenblicklich den Platz freigeben, dann muss ich die Security bitten sie netterweise aus dem Gebäude zu begleiten.“ „Die Security? Ich glaub es geht los. Was erlauben sie sich? Ich kann mich schon selbst aus dem Gebäude begleiten. Und überhaupt, was fällt ihnen denn ein mich Fräulein zu nennen? Mein Name ist Unger, Tamara Unger! Merken sie sich das!“ Und damit machte sie auf der Stelle kehrt und verließ schnellen Schrittes das Gebäude.

Er sah ihr noch eine ganze Weile nach, auch nachdem er sie schon aus den Augen verloren hatte.
 

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