Medias Argento
Mitglied
Sie stand vor ihrer neuen Klasse. Alle Augen waren auf sie gerichtet. Der Lehrer sagte: „Nun
lies schon, wir hören ganz gespannt zu."
Sie konnte nicht.
Der Lehrer war jung und trug enge Jeans, und sie kam in die Klasse mit einer Empfehlung
ihrer Deutschlehrerin aus Petersburg. Frau Martha hatte einen Brief an die neue Schule
geschrieben, und den hatte der neue Lehrer auch gelesen. Sie stand da, und die Blätter in ihrer
Hand verloren allmählich ihre Griffigkeit. Ihr wurde warm und kalt zugleich. Ihre Wangen
brannten. Die Hände waren nass.
Der Lehrer sagte, wenn es ihr nicht wohl wäre, könnte sie sich wieder hinsetzen. Er blickte
schon in die Liste, wer als Nächstes dran war.
„Nein", sagte sie, „ich fange an."
Und sie begann zu improvisieren. Sie schaute auf ihren Text und bildete ganz andere Sätze,
Sätze über Petersburg und den kleinen See. Sie sprach über die Bäume dort, die alt und
knorrig waren. Über die Tiere auf und unter dem Wasser. Sie sprach über das Licht, das sich
in den kleinen Wellen brach. Alles in kurzen, trockenen Sätzen. Subjekt. Prädikat. Objekt.
Torsten las der Klasse vor, wie er mit seinem Vater beim Motocross war und die letzte Woche
der Sommerferien im Fußballcamp verbrachte. Sie saß ganz vorne und ihre Hände waren nur
noch warm. Sie überflog ihren eigenen Text. Sie las langsam, ging mit dem Finger Reihe für
Reihe durch. Sie sprach die Wörter anders aus als Torsten. Das G bei ihr war hart.
Sie hatte den Sommer in Petersburg verbracht. Jetzt war Herbst und sie war am Gymnasium.
In der Gesamtschule war sie in einer Vorbereitungsklasse gewesen, mit Kindern aus vielen
Nationen und verschiedenen Altersstufen. Zunächst waren sechs Monate geplant. Es wurde
länger als ein Jahr.
Die Jungs kamen alle auf die Hauptschule. Sie dagegen ging aufs Gymnasium in Halle. Ihre
Mutter war stolz auf sie. Sie ein wenig auch.
Sie wohnte mit ihrer Mutter in einem Zimmer. Das Zimmer war klein, sie konnten gerade mal
aneinander vorbeigehen. Ein Kleiderschrank. Zwei Schlafsofas. Ein Fenster.
Gemeinschaftliches Bad. Das Haus war einstöckig und schnell gebaut worden. Es lag
versteckt hinter alten Häusern mit gepflegten Gärten und neuen Zäunen. Die Zäune um diese
Gärten waren schön. Das Asylbewerberheim war grau.
Im Heim hatte sich ihre Mutter mit Roswitha angefreundet. Die Frauen saßen in der
gemeinschaftlichen Küche, rauchten und tranken Kaffee. Roswitha lachte oft und hatte
schlechte Zähne. Sie saß in ihrem Zimmer am Ende des Ganges und konnte ihre Mutter und
Roswitha immer noch hören. Die Rigipsplatten zwischen ihnen hallten.
In ihrem Text hatte sie über das Haus geschrieben. Sie erwähnte darin nicht, wie sie Helmut
und Roswitha beim Geschlechtsverkehr belauscht hatte. Die Luft um sie war träge,
Sonnenstrahlen fielen kerzengerade durch das abgedunkelte Fenster. Staub tanzte darin,
unaufhörlich. Ihre Mutter war früh rausgegangen, Roswithas Sohn Werner war noch in der
Schule. Es war sehr stickig im Zimmer. Sie hielt die Luft an, als die beiden begannen. Später,
als sie fertig waren, blieb sie still. Das Klatschen der Häute aneinander klang merkwürdig
trocken. Helmut war klein und hatte einen runden Bauch.
Ihre Mutter färbte sich die Haare blond. Sie trug gerne Schmuck, den sie immer vorsorglich
abnahm, wenn sie zu den Behörden nach Merseburg fuhren. Sie übersetzte für ihre Mutter.
Sie sprach langsam. Sie kannte wenige Wörter, die sprach sie aber sauber aus. Nur ihre
Mutter bereitete ihr Schwierigkeiten. Die Frau war laut und stritt sich gerne. Es war viel Feuer
in ihr. Warum, wusste sie nicht.
Ihre Mutter hatte Harald kennengelernt. Er hatte sie besucht und große Augen gemacht. Ihre
Mutter schloss daraus, dass ihnen ein größeres Zimmer zustünde. Sie erwähnte das beim
nächsten Amtsgang. Das Paar im Erdgeschoß bewohne bereits ein zu großes Zimmer, und die
Frau habe ihr gesagt, sie würden ein zweites dazu bekommen. Die Frau war schwanger und
sehr scheu. Ihre Mutter sagte, das sei ungerecht. Die Beamtin hatte genickt und ihr
zugestimmt. Sie hatte sich nichts dabei gedacht.
Sie hatte über das Licht in den Räumen der Behörden geschrieben. Über die Gerüche der
wartenden Menschen dort. Den Klang ihrer Sprachen. Die Art, wie sie ihre Körper trugen. Sie
nannte einige Kinder dort beim Namen. Die Sachbearbeiter waren immer gleich.
***
Sie sah den Mann nicht kommen, obwohl die Tür weit offen war. Die Hitze war drückend. Sie
und ihre Mutter standen leicht bekleidet zwischen Tür und offenem Fenster. Es gab keinen
Windzug. Werner ging nebenan ein und aus. Der Mann stand vor ihnen und begann in einer
Sprache zu sprechen, die sie nicht verstand. Sie sah die weißen Farbflecken an seinen Händen.
An seinen Schuhen auch. Sie sah das Weiße seiner Augen, von roten Äderchen durchzogen.
Sie roch den Alkohol in seiner Stimme. Der Mann wurde immer lauter. Kleine
Speichelbläschen landeten auf ihrer Haut.
Ihre Mutter schrie auch. Sie stand zwischen ihrer Mutter und dem Mann, und ihr lief etwas
Kaltes den Rücken herunter. Ihre Haut wurde taub.
Der Mann trug einen Gürtel mit Werkzeug, und daraus holte er einen Cutter. Er griff ihre
Mutter bei der Kehle und hielt ihr den Cutter an den Hals. Ihre Mutter wurde still. Sie stand
da.
Ihre Mutter weinte. Der Mann drehte sich um und schaute sie an. Dann ging er zu seiner Frau
und seiner Tochter. Der Mann war sonst still und zurückgezogen. Er hielt die Augen gesenkt,
wenn sie ihn sah.
Ihre Hände zitterten. Sie versuchte, ihre Turnschuhe anzuziehen. Die Schnürsenkel glitten ihr
aus der Hand. Ihre Mutter telefonierte mit Harald. Ihre Mutter sagte: „Ich muss hier raus.“
Sie saß in der Tram und fuhr zu Ayleen, obwohl ihre Mutter es ihr verboten hatte. Ayleen
sagte, bei ihr in Neustadt sei es die ganze Zeit so. Erst letzte Woche habe es vor einer
Shishabar einen Toten gegeben. Auch eine Messerstecherei. Sie war dort geboren und kannte
die Stadt. Ayleen wollte sich von einem Cutter nicht beeindrucken lassen.
Sie saßen im Park und rauchten. Ayleen nahm sie doch in den Arm. Die Menschen gingen
träge vorbei.
„Du kommst im Herbst aufs Gymnasium und aus dem Heim seid ihr bald auch raus."
Sie sagte, dass sie ihren Vater vermisse. Sie weinte. Später gingen sie zu McDonald's.
Sie fuhr mit der Tram wieder zurück und ihre Mutter war bei Harald. Sie sprach mit
Roswitha, die ihr auch riet, die Polizei zu rufen. Helmut sagte dasselbe. Nur Werner schwieg.
Sie sah das Gleiche in seinen Augen. Er war auch dabei.
Sie schlief spät ein und dachte an den Duft ihres Vaters. Sie fragte sich, wie es wohl unter der
Erde roch und ob sich sein Körper schon zersetzt hatte. Sein Grab lag weit weg auf einem
kahlen Hügel. Dort war es trocken, und auf der Erde wuchs kaum Gras.
Sie träumte nichts. Der neue Tag war hellblau und einfach da.
Sie ging wieder zu Ayleen, nach Halle, und die Mädchen gingen ins Rolltreppenviertel. Sie
gingen zum H&M, saßen im Foyer und aßen Eis. Ayleen kaufte sich ein neues Case für ihr
Telefon. Sie sahen die anderen Mädchen auch nicht kommen.
Ayleen war laut, sie spannte den Oberkörper an und nannte die anderen jungen Frauen
Namen. Dicke Venen traten an ihrem Hals hervor. Sie schlug auch als Erste zu — da standen
sie vor Deichmann. Ayleen nahm ihre Hand und sie rannten aus dem Einkaufshaus.
Sie rannten ins Freie, und die anderen waren ihnen auf den Fersen. Sie liefen die Große
Steinstraße entlang. Sie gingen. Sie liefen wieder. Sie bogen links ab. Es gab Bäume und
einige Büsche. Ayleen wartete. Sie hatte ein Messer in der Hand.
Das erste Mädchen kam um die Ecke. Ayleen schlug ihr ins Gesicht. Sie traf das Kinn, und
das Mädchen ging zu Boden. Die anderen blieben stehen. Sie mischten sich nicht ein.
Sie aber warf sich nach vorne und trat nach dem Mädchen. Das Mädchen war dick und hatte
eine schlechte Haut. Sie roch würzig, nach altem Schweiss, und trug viel Make-up und viel
Parfüm. Sie hatte glasige, schwere Augen. Sie trat zu, bis ihr der Fuß wehtat.
Sie liefen durch die Stadt. Die Lichter gingen an. Der Verkehr nahm ab.
Sie saßen eng beieinander auf dem Boden. Vor dem Hauptbahnhof waren jetzt wenige
Menschen unterwegs. Das Case sei schön, sagte sie, so in Gold und Schwarz gehalten. Vor
ihnen fuhren Taxis vor. Die Scheinwerfer blendeten sie. Die Taxis fuhren wieder ab. Sie
rauchten. Es war dunkel geworden, und das Licht war anders. Ayleen war ernst, und ihre
Lippen waren grau.
Beim Abschied hatte sie Ayleen versichert, dass sie auf sich aufpassen könne. Ayleen gab ihr
das Messer und sie steckte es in die Hosentasche. Ayleen zeigte ihr ein Herz durch das
Fenster der Tram. Sie war ganz allein im Abteil.
Sie sah auf ihre Hände und sah, dass die Finger ihr gehorchten. Die Finger waren lang, die
Nägel kurz gehalten. Sie drehte die Handgelenke nach innen und außen, sie bog die Finger,
drückte die Fingernägel in die offene Hand. Ihre Hände waren warm. Sie konnte ihren Puls
sehen am Unterarm.
In Sennewitz hielt die Tram länger. Sie schaute nach draußen, in die Nacht, und hörte sie
nicht kommen. Die Männer trugen den Betrunkenen herein und legten ihn ins Abteil. Der
Mann konnte nicht aufrecht sitzen. Er lehnte sich vor und zurück. Seine Freunde gingen
wieder, die Türen gaben einen singenden Ton von sich und Druckluft zischte. Sie sah die
Farbflecken auf dem weißen Overall. Sie sah, dass er uriniert hatte. Sie sah seine Augen. Die
Tram fuhr los und sie hielt die Luft an.
lies schon, wir hören ganz gespannt zu."
Sie konnte nicht.
Der Lehrer war jung und trug enge Jeans, und sie kam in die Klasse mit einer Empfehlung
ihrer Deutschlehrerin aus Petersburg. Frau Martha hatte einen Brief an die neue Schule
geschrieben, und den hatte der neue Lehrer auch gelesen. Sie stand da, und die Blätter in ihrer
Hand verloren allmählich ihre Griffigkeit. Ihr wurde warm und kalt zugleich. Ihre Wangen
brannten. Die Hände waren nass.
Der Lehrer sagte, wenn es ihr nicht wohl wäre, könnte sie sich wieder hinsetzen. Er blickte
schon in die Liste, wer als Nächstes dran war.
„Nein", sagte sie, „ich fange an."
Und sie begann zu improvisieren. Sie schaute auf ihren Text und bildete ganz andere Sätze,
Sätze über Petersburg und den kleinen See. Sie sprach über die Bäume dort, die alt und
knorrig waren. Über die Tiere auf und unter dem Wasser. Sie sprach über das Licht, das sich
in den kleinen Wellen brach. Alles in kurzen, trockenen Sätzen. Subjekt. Prädikat. Objekt.
Torsten las der Klasse vor, wie er mit seinem Vater beim Motocross war und die letzte Woche
der Sommerferien im Fußballcamp verbrachte. Sie saß ganz vorne und ihre Hände waren nur
noch warm. Sie überflog ihren eigenen Text. Sie las langsam, ging mit dem Finger Reihe für
Reihe durch. Sie sprach die Wörter anders aus als Torsten. Das G bei ihr war hart.
Sie hatte den Sommer in Petersburg verbracht. Jetzt war Herbst und sie war am Gymnasium.
In der Gesamtschule war sie in einer Vorbereitungsklasse gewesen, mit Kindern aus vielen
Nationen und verschiedenen Altersstufen. Zunächst waren sechs Monate geplant. Es wurde
länger als ein Jahr.
Die Jungs kamen alle auf die Hauptschule. Sie dagegen ging aufs Gymnasium in Halle. Ihre
Mutter war stolz auf sie. Sie ein wenig auch.
Sie wohnte mit ihrer Mutter in einem Zimmer. Das Zimmer war klein, sie konnten gerade mal
aneinander vorbeigehen. Ein Kleiderschrank. Zwei Schlafsofas. Ein Fenster.
Gemeinschaftliches Bad. Das Haus war einstöckig und schnell gebaut worden. Es lag
versteckt hinter alten Häusern mit gepflegten Gärten und neuen Zäunen. Die Zäune um diese
Gärten waren schön. Das Asylbewerberheim war grau.
Im Heim hatte sich ihre Mutter mit Roswitha angefreundet. Die Frauen saßen in der
gemeinschaftlichen Küche, rauchten und tranken Kaffee. Roswitha lachte oft und hatte
schlechte Zähne. Sie saß in ihrem Zimmer am Ende des Ganges und konnte ihre Mutter und
Roswitha immer noch hören. Die Rigipsplatten zwischen ihnen hallten.
In ihrem Text hatte sie über das Haus geschrieben. Sie erwähnte darin nicht, wie sie Helmut
und Roswitha beim Geschlechtsverkehr belauscht hatte. Die Luft um sie war träge,
Sonnenstrahlen fielen kerzengerade durch das abgedunkelte Fenster. Staub tanzte darin,
unaufhörlich. Ihre Mutter war früh rausgegangen, Roswithas Sohn Werner war noch in der
Schule. Es war sehr stickig im Zimmer. Sie hielt die Luft an, als die beiden begannen. Später,
als sie fertig waren, blieb sie still. Das Klatschen der Häute aneinander klang merkwürdig
trocken. Helmut war klein und hatte einen runden Bauch.
Ihre Mutter färbte sich die Haare blond. Sie trug gerne Schmuck, den sie immer vorsorglich
abnahm, wenn sie zu den Behörden nach Merseburg fuhren. Sie übersetzte für ihre Mutter.
Sie sprach langsam. Sie kannte wenige Wörter, die sprach sie aber sauber aus. Nur ihre
Mutter bereitete ihr Schwierigkeiten. Die Frau war laut und stritt sich gerne. Es war viel Feuer
in ihr. Warum, wusste sie nicht.
Ihre Mutter hatte Harald kennengelernt. Er hatte sie besucht und große Augen gemacht. Ihre
Mutter schloss daraus, dass ihnen ein größeres Zimmer zustünde. Sie erwähnte das beim
nächsten Amtsgang. Das Paar im Erdgeschoß bewohne bereits ein zu großes Zimmer, und die
Frau habe ihr gesagt, sie würden ein zweites dazu bekommen. Die Frau war schwanger und
sehr scheu. Ihre Mutter sagte, das sei ungerecht. Die Beamtin hatte genickt und ihr
zugestimmt. Sie hatte sich nichts dabei gedacht.
Sie hatte über das Licht in den Räumen der Behörden geschrieben. Über die Gerüche der
wartenden Menschen dort. Den Klang ihrer Sprachen. Die Art, wie sie ihre Körper trugen. Sie
nannte einige Kinder dort beim Namen. Die Sachbearbeiter waren immer gleich.
***
Sie sah den Mann nicht kommen, obwohl die Tür weit offen war. Die Hitze war drückend. Sie
und ihre Mutter standen leicht bekleidet zwischen Tür und offenem Fenster. Es gab keinen
Windzug. Werner ging nebenan ein und aus. Der Mann stand vor ihnen und begann in einer
Sprache zu sprechen, die sie nicht verstand. Sie sah die weißen Farbflecken an seinen Händen.
An seinen Schuhen auch. Sie sah das Weiße seiner Augen, von roten Äderchen durchzogen.
Sie roch den Alkohol in seiner Stimme. Der Mann wurde immer lauter. Kleine
Speichelbläschen landeten auf ihrer Haut.
Ihre Mutter schrie auch. Sie stand zwischen ihrer Mutter und dem Mann, und ihr lief etwas
Kaltes den Rücken herunter. Ihre Haut wurde taub.
Der Mann trug einen Gürtel mit Werkzeug, und daraus holte er einen Cutter. Er griff ihre
Mutter bei der Kehle und hielt ihr den Cutter an den Hals. Ihre Mutter wurde still. Sie stand
da.
Ihre Mutter weinte. Der Mann drehte sich um und schaute sie an. Dann ging er zu seiner Frau
und seiner Tochter. Der Mann war sonst still und zurückgezogen. Er hielt die Augen gesenkt,
wenn sie ihn sah.
Ihre Hände zitterten. Sie versuchte, ihre Turnschuhe anzuziehen. Die Schnürsenkel glitten ihr
aus der Hand. Ihre Mutter telefonierte mit Harald. Ihre Mutter sagte: „Ich muss hier raus.“
Sie saß in der Tram und fuhr zu Ayleen, obwohl ihre Mutter es ihr verboten hatte. Ayleen
sagte, bei ihr in Neustadt sei es die ganze Zeit so. Erst letzte Woche habe es vor einer
Shishabar einen Toten gegeben. Auch eine Messerstecherei. Sie war dort geboren und kannte
die Stadt. Ayleen wollte sich von einem Cutter nicht beeindrucken lassen.
Sie saßen im Park und rauchten. Ayleen nahm sie doch in den Arm. Die Menschen gingen
träge vorbei.
„Du kommst im Herbst aufs Gymnasium und aus dem Heim seid ihr bald auch raus."
Sie sagte, dass sie ihren Vater vermisse. Sie weinte. Später gingen sie zu McDonald's.
Sie fuhr mit der Tram wieder zurück und ihre Mutter war bei Harald. Sie sprach mit
Roswitha, die ihr auch riet, die Polizei zu rufen. Helmut sagte dasselbe. Nur Werner schwieg.
Sie sah das Gleiche in seinen Augen. Er war auch dabei.
Sie schlief spät ein und dachte an den Duft ihres Vaters. Sie fragte sich, wie es wohl unter der
Erde roch und ob sich sein Körper schon zersetzt hatte. Sein Grab lag weit weg auf einem
kahlen Hügel. Dort war es trocken, und auf der Erde wuchs kaum Gras.
Sie träumte nichts. Der neue Tag war hellblau und einfach da.
Sie ging wieder zu Ayleen, nach Halle, und die Mädchen gingen ins Rolltreppenviertel. Sie
gingen zum H&M, saßen im Foyer und aßen Eis. Ayleen kaufte sich ein neues Case für ihr
Telefon. Sie sahen die anderen Mädchen auch nicht kommen.
Ayleen war laut, sie spannte den Oberkörper an und nannte die anderen jungen Frauen
Namen. Dicke Venen traten an ihrem Hals hervor. Sie schlug auch als Erste zu — da standen
sie vor Deichmann. Ayleen nahm ihre Hand und sie rannten aus dem Einkaufshaus.
Sie rannten ins Freie, und die anderen waren ihnen auf den Fersen. Sie liefen die Große
Steinstraße entlang. Sie gingen. Sie liefen wieder. Sie bogen links ab. Es gab Bäume und
einige Büsche. Ayleen wartete. Sie hatte ein Messer in der Hand.
Das erste Mädchen kam um die Ecke. Ayleen schlug ihr ins Gesicht. Sie traf das Kinn, und
das Mädchen ging zu Boden. Die anderen blieben stehen. Sie mischten sich nicht ein.
Sie aber warf sich nach vorne und trat nach dem Mädchen. Das Mädchen war dick und hatte
eine schlechte Haut. Sie roch würzig, nach altem Schweiss, und trug viel Make-up und viel
Parfüm. Sie hatte glasige, schwere Augen. Sie trat zu, bis ihr der Fuß wehtat.
Sie liefen durch die Stadt. Die Lichter gingen an. Der Verkehr nahm ab.
Sie saßen eng beieinander auf dem Boden. Vor dem Hauptbahnhof waren jetzt wenige
Menschen unterwegs. Das Case sei schön, sagte sie, so in Gold und Schwarz gehalten. Vor
ihnen fuhren Taxis vor. Die Scheinwerfer blendeten sie. Die Taxis fuhren wieder ab. Sie
rauchten. Es war dunkel geworden, und das Licht war anders. Ayleen war ernst, und ihre
Lippen waren grau.
Beim Abschied hatte sie Ayleen versichert, dass sie auf sich aufpassen könne. Ayleen gab ihr
das Messer und sie steckte es in die Hosentasche. Ayleen zeigte ihr ein Herz durch das
Fenster der Tram. Sie war ganz allein im Abteil.
Sie sah auf ihre Hände und sah, dass die Finger ihr gehorchten. Die Finger waren lang, die
Nägel kurz gehalten. Sie drehte die Handgelenke nach innen und außen, sie bog die Finger,
drückte die Fingernägel in die offene Hand. Ihre Hände waren warm. Sie konnte ihren Puls
sehen am Unterarm.
In Sennewitz hielt die Tram länger. Sie schaute nach draußen, in die Nacht, und hörte sie
nicht kommen. Die Männer trugen den Betrunkenen herein und legten ihn ins Abteil. Der
Mann konnte nicht aufrecht sitzen. Er lehnte sich vor und zurück. Seine Freunde gingen
wieder, die Türen gaben einen singenden Ton von sich und Druckluft zischte. Sie sah die
Farbflecken auf dem weißen Overall. Sie sah, dass er uriniert hatte. Sie sah seine Augen. Die
Tram fuhr los und sie hielt die Luft an.