serberuß (hexameter in reimstrophen)

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Mondnein

Mitglied
[ 4]serberuß


jene welten so manche schon hab ich durchwandert – erfahren
einige ja – gleich unterhalb derer die ich dir verschwiegen
himmel in die ich ein lied hinein schrieb von geschlossenen augen
nie wollte mir die blutige tinte der tränen versiegen

mikro spiegel versprühn sie gelächter im winkel der falten
jene vergeblichkeits höllen – von einer will ich dir berichten
neugierig machte das markt geplänkel von käufer und bieter
mich: ich stand an dem stand mit den blut wein tinte gedichten

bist du so fragte er mich von den eigenen tränen betrunken?
komm: ich zeige dir küsten und buchten da singen sirenen
dich um den letzten verstand und die männer erzählen sich witze
an deinem lachen sieht jeder: du siehst wie nach sinn sie sich sehnen

erster kontakt so fand ich mich ein kam zum ersten kontakt hof
sang so mein erster kontakt lied da sprang mir der hofhund entgegen
serberuß biß sich fest im kontakt bis der strom die sandalen
löste da er gen himmel fuhr durch den feuerwerks regen

klebte noch kurz an der decke fest die den aufstieg verhindert
klatschte dann platt wieder vor mir auf er sah aus wie die kreiden
die uns die jungs von der spurensicherung um diese leichen
zeichnen wenn sie hier landen im lande der schmerzlosen leiden

gern sing ich ihm ein lied das beruhigt die nerven und zeigt ihm
daß auch ich schon weiß wie man beißt aber nie die kontakte
selbst wenn der erste kontakt mit nem anderen toten hier ansteht
der aber biß mich weg und ich fiel in die nil katarakte

sieben stufen hinab und hinab von strophe zu strophe
sieben lieder die sang ich die ältesten die ich gefunden
als ich sprechen gelernt und davor noch im schoße der liebe
lethe trank ich die heilte mich von jenen bissen und wunden



mein "erster kontakt lied" siehe im Gereimten https://www.leselupe.de/lw/titel-erster-kontakt-126938.htm
 

hermannknehr

Mitglied
Hallo Mondnein,
ein Gedicht von Dir, was mich anspricht, wenn mir auch der Inhalt nicht ganz klar ist. Die Form in Hexametern ist dem Thema angemessen; das neudeutsche Wort "Spurensicherung" fällt da etwas unschön heraus. Alles in allem ein Gedicht, das man öfter als einmal lesen sollte.
Gruß
Hermann
 

Mondnein

Mitglied
"spurensicherung" - der Eingangsbereich des Totenreiches wird als Mordkommission imaginiert (vgl. die Bürokratisierung des Totenreichs in Cocteaus "Orphée").
Der "kontakt" funkt als Stromkontakt, dreifach aufgespaltene Metapher: denn der "erste Kontakt" der Science fiction und der "Kontakthof" der Freudenhäuser wird mit angesprochen.
 

Mondnein

Mitglied
Danke für die Bewertung, Walther, und vor allem für den Widerhall der Katarakte in Deinem Schifflied!
 

James Blond

Mitglied
Serpentinen-Septimen in Hexametern?
Ja, was gib's denn da zu zetern?

Nur weil so'n Höllenwauwi ein wenig geknurrt hat, brauchst du doch nicht gleich in die Wasser der Lethe zu hopsen. Mensch, hast du keine Eier? Kontakthöfe sind nun mal keine Freudenhäuser: Das Angebot ist riesig und für keinen etwas dabei. Da taucht auch schon mal Stimmung ab.
Zeig doch, dass du kein Warmduscher bist und dich von den Platzmumien nicht beeindrucken lässt! Hier wird auch nur mit Blut gewischt sobald die Sirenen schlafen. Nur mit deinen Hexamschüssen wirst du hier nichts erlegen. Verlegen steigst du die sieben Stufen hinab, durchwandelst uncool die Toten und mogelst dich - an Kerberos vorbei - zurück ans Tageslicht. Grausiger Anblick: Die Welt.

Grüße
JB

P.S.
Punkte werden grundsätzlich nicht vergeben.
 

Mondnein

Mitglied
Ich habe mich nicht selber gesperrt, sondern wurde. Für immer.

Wie sagt man so schön? "Forget it!". Ist sonst nicht mein Spruch, auch hier nicht. Ich wurde.

Hier schreibe ich weiter, auch wenn ich neuerdings von gestandenen Deutscheforumschriftstellern von der Wand gewischt werde. Schließlich ist schon die Aufzählung von "Frauen" und "ein Bewunderer" in einem Liedvers "sexistisch", da heulen die lupae auf und blecken ihr Gebiß. Oder auch nur eine.

Forget it. I love Lethe.
 
S

shoshin

Gast
Lieber Mondnein,

An Texten, wo Hexameter drüber steht, kann ich natürlich nicht vorbeigehen.

Allerhand! Köstlich deine Fantasie und Audrucksweise, mit der du diese irren Markt/Kontakthof :)/Szenarien zeichnest; ausgesprochen treffend wie ich finde ;)

Ich habe einige Lieblingsstellen gefunden, zB das hier

die uns die jungs von der spurensicherung um diese leichen
(X)x xX xxXxXxx //? xXxXx
zeichnen wenn sie hier landen im lande der schmerzlosen leiden
Xx xXxXx // xXx xXxxXx
Den Hexa hast du teilweise eher frei ausgelegt (vor allem bei einzelnen "Senkungsfüllungen", ein paar schwächlichen Hebungen - siehe zB oben als (X) gekennzeichnet - und fragliche/praktisch nicht vorhandenen Zäsuren (oben zB als //? gekennzeichnet), was mich persönlich aber bei einzelnen Verse nicht so stört, wobei ich aber das Gefühl habe, du weißt schon genau, wies "richtig" ginge.

Die Zeichensetzung sollte mE in diesen langen Versen nicht fehlen, das hindert nur das flüssige Lesen, sodass man sowohl von Rhythmus als auch Inhalt abgelenkt ist.

Auch die Reime stören mich - nämlich richtig!

Also nicht die Reime an sich, die sind gut, mir ist kein einziger "reimgeschuldetes" Wort aufgefallen. Aber ich finde, es stört den Bewegungsvers auf unangenehme Weise, wenn ihm hinten diese Klangversfracht aufgebürdet wird, dass er so "abganglastig" wird.

Noch eine Kleinigkeit: Ich würde als Abwechslung im Hexa für mehr schwere Silben am Ende plädieren, wie ich nur eines gefunden habe: "ansteht". Ich denke aber, es ist als Text ein kompaktes Ganzes, sodass du kaum nocht daran herumdoktern wirst.

Deshalb ein freundliches "Wufff!!"

Es grüßt Dich
shoshin

aus dem Lande der schmerzlosen Leiden
 

Mondnein

Mitglied
Liebe Shoshin,

ich bin begeistert, daß da jemand von Hexametern eher angezogen als abgestoßen wird.
Du beobachtest gut:
[blue]die[/blue] uns die jungs von der spurensicherung [blue]um[/blue] diese leichen
dieser Vers hat in der Tat zwei etwas schwächliche Betonungen.
Auch, daß ich die "Zäsuren"-Pflichten bzw. Möglichkeiten eher vernachlässige - so auch beim Durcharbeiten klassischer lateinischer Hexameter: Mich interessiert da eher der klangliche Sprachfluß, und da bekomme ich bei Vergil schon mal Schwierigkeiten, während bei Ovid alles so glatt fließt, mit den schönen Binnensymmetrien - der ist mein lieber Meister.

Gerne widerspreche ich Dir bei der "Abgangslastigkeit":

Du hast natürlich recht, die Verse werden - gereimt oder nicht gereimt - abgerundet, von einander abgesetzt, also sie haben ein richtiges Ende, auch dann, wenn ein Enjambement die Lesung in den Folgevers hinüberfließen läßt.

Doch eben diese Klauselwirkung haben gerade die klassischen Hexameter immer.
Denn zum einen enden sie (mit wenigen Ausnahmen, die die Regel bestätigen) üblicherweise auf einen Adoneus, und zum zweiten ist die letzte Silbe eben deshalb "anceps" (d.h. in Wirklichkeit immer lang, vergleichbar den Positionslängen nach kurzen Vokalen), weil eine Pause den Vers vom folgenden absetzt.

Es gibt einen dritten, aber nicht weniger wichtigen, Grund: Klassische Verse wurden nicht schlicht gelesen, sondern rezitiert, auf einer Art von Vortragsmelodie, einer durchgehenden Tonhöhe, die am Ende des Verses (wohl weniger im Wechsel von Betonungen zu Unbetonten) in einer Klausel abgesenkt wurde, um vielleicht drei Höhenstufen (Töne), wie es heute noch in der orthodoxen und in der katholischen Kirche (Hochamt) beim Vortrag der Evangelien üblich ist, und natürlich in den Synagogen bei hebräischer Bibellesung.

Ich kenne es so auch aus Indien (bin Indologe), wo das dortige epische Versmaß, der Shloka, genau so rezitiert wird (z.B. alles auf der Terz über dem Grundton, und in der Klausel dann auf den Grundton hinab, z.B. eeee eeee ee cde dc c, was beim Shloka damit zu tun hat, daß er in der ersten Hälfte eher trochäisch "geht", am Ende aber ins Iambische umschlägt, so daß dieses "edcc" des letzten Versviertels xXxX "abgangslastet".
Und das ist immerhin auch eine Längen-Kürzen-Metrik, ja die alten Texte haben sogar die Akzente (Akut, Gravis, Circumflex) so wie die Homerischen: als "chinesische" Tonhöhen (abwärts, aufwärts, geschlenkert), nicht als "deutschen" Iktus.

Ein interessantes Auseinandersetzungs-Feld, nicht wahr?

grusz, hansz
 
S

shoshin

Gast
Haha! Ich hätte vorher nachsehen sollen, was für ein Kaliber ich mir da für meine Kritik ausgesucht habe: Latein, Griechisch, Hebräisch, Indologie und erfahrener Dichter! Ich bin beeindruckt. Ich freu mich, da kann ich noch viel lernen. Das muss ich ausnützen: Darf ich dich gleich mit mit vielen Fragen löchern?:

Das ist alles sehr interessant, beim indischen Versmaß bin ich dann endgültig ausgestiegen ;) - da kann ich mir gar nichts mehr darunter vorstellen - im Grunde hat das aber nichts mit dem "Reimproblem" zu tun, das ich angesprochen habe.

Vermutlich habe ich mich da auch falsch ausgedrückt mit "abgangslastig".

Denn zum einen enden sie (mit wenigen Ausnahmen, die die Regel bestätigen) üblicherweise auf einen Adoneus, und zum zweiten ist die letzte Silbe eben deshalb "anceps" (d.h. in Wirklichkeit immer lang, vergleichbar den Positionslängen nach kurzen Vokalen), weil eine Pause den Vers vom folgenden absetzt.
Ja, das mag schon sein und wird beim deutschen "Nachbau" von Voß & Co vermutlich eben mit Spondeen am Versende nachgebaut, wie eben dein "ansteht"

Aber soweit ich weiß ist auch der griechische Hexameter nicht gereimt (ist der lateinische nicht eigentlich auch nur ein "Nachbau" des griechischen?) oder irre ich mich da?

Beim deutschen "Nachbau" nach Voß & Klopstock wird jedenfalls nicht gereimt.

Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, was der Grund dafür ist, ich vermute vielleicht einfach weil es ein Erzählvers ist (?) und daher nicht auf einen Reim hinarbeiten soll, der die Aufmerksamkeit bindet, die eher der Geschichte und dem Rhythmus (Bewegung) gelten soll (?). Mir scheint jedenfalls, dass durch die Kombination von Reim und Adoneus die "Klauselwirkung" noch verstärkt wird - sprich es leiert (mehr).


LG
shoshin
 

Mondnein

Mitglied
Die Griechen und Römer haben nicht gereimt. Das ist klar.

Aber zu behaupten, Reime würden die Verse leiern lassen, klingt so, als würde die Formung tonaler Melodien eine Musik leiern lassen. So, wie überhaupt all die musikalischen Stilmittel gesprengt werden müßten, weil sie zu große Vertrautheit, Gewöhnung, Erwartbarkeit - kurz: zu alten Kaffee servieren.

Dem würde ich sogar zustimmen.

Aber ich finde es ausgesprochen reizvoll, einen provozierend billigen Schlager hinzurotzen, um die Avantgardisten avangardistisch zu beleidigen. Das ist Pop Art.

grusz, hansz
 
T

Trainee

Gast
Mondnein schreibt:

Ich habe mich nicht selber gesperrt, sondern wurde. Für immer.

Wie sagt man so schön? "Forget it!". Ist sonst nicht mein Spruch, auch hier nicht. Ich wurde.

Hier schreibe ich weiter, auch wenn ich neuerdings von gestandenen Deutscheforumschriftstellern von der Wand gewischt werde. Schließlich ist schon die Aufzählung von "Frauen" und "ein Bewunderer" in einem Liedvers "sexistisch", da heulen die lupae auf und blecken ihr Gebiß. Oder auch nur eine.

Forget it. I love Lethe.
Gilt dir das als konstruktiver Beitrag? ist der für andere User, textbezogen, interessant? Und: Was ficht dich eigentlich an?
Du bist doch selber seit Ende 2016 Mitglied bei DSFO, wenn auch ohne erkennbaren Widerhall. Und bist ebenfalls aktiver User auf anderen Plattformen. - Dass du von einer gesperrt worden bist, tut mir leid, lässt sich aber aus dem vorgestellen Gedicht nicht wirklich entnehmen.
Immerhin erkennt James Blond einen Zusammenhang, so dass es vielleicht doch einen geben wird.
Shoshins Reimkritik (in Hexametern) schließe ich mich an. Andererseits bin ich Experimenten gegenüber aufgeschlossen und erkenne die gewohnt geschulte Technik.
Insofern ein "ordentliches" Werk. :)

Trainee
 
S

shoshin

Gast
... zu große Vertrautheit, Gewöhnung, Erwartbarkeit ...
-

Ja, das ist es, wofür ich nicht die richtigen Worte fand. Deshalb passt Reim und Hexa vermutlich nicht zusammen, weil der Hexa ja gerade von der Nichterwartbarkeit, vom ständigen Variieren lebt; deshalb ist wohl Reim und Adoneus am Versende zuviel.

Du findest dein Gedicht sei hingerotzt? Schlager? Nein.
Aber, vielleicht ist so etwas zu schreiben (wenn man es denn auch kann) heute tatsächlich bereits avantgardistisch und die "freischreibende Avantgarde" ist in Wahrheit das verkrustete Dichter-Establishment; meinst du das?

LG
shoshin
 

Mondnein

Mitglied
neinnein, Shoshin,

dieses hier ist nicht so ein "Schlager", ich dachte an andere Beispiele.

Und dieses hier ist als Gedicht gemeint, d.h. nicht als Reportage, sondern als anlaßunabhängige Sprachmusik.
Es ist natürlich, so wie es hier steht, kein Avantgarde-Stück. Ich würde es auch nicht rezitierend "singen".
Ich wollte nur das allgemeinere Zusammenhangs- und Vergleichsgewebe mit in den Blick nehmen, wie es ja auch sonst bei Kunstwerken aller Gattungen üblich sein sollte (und hier zu wenig geschieht, außer bei Trainee, die dafür uneingeschränkt zu loben ist, zumal sie als einzige in der Lupe gelegentlich die poetologischen Blicke auf Rimbaud und deutsche Expressionisten öffnet).

Anlaßabhängige "Satiren" sind mir nicht lieb; das hier ist eben keine, es ist in meinen Leseraugen mehrdimensional, also auch ein Stück über Unterwelten und Kontaktsteckdosen, über den "ersten Kontakt" der filmischen Scifi-Trivialliteratur und Freudjunglustleidhäuser, über Lektorenonkel und Debütanten, und über allvergessenden Schlaf und die Nilkatarakte des Todes, und natürlich einiges mehr, woran ich nicht gedacht habe (beim Lesen; die Gedanken des Schreibers beim Schreiben dürfen uns nicht kümmern, wir sind ja keine Telepathen).

grusz, hansz
 

Mondnein

Mitglied
Liebe Trainee!

Dieses Gedicht habe ich, kurz nachdem ich es geschrieben habe, hier veröffentlicht. Sonst rücke ich die Gedichte in der chronologischen Reihenfolge ihres Entstehens hier ein, d.h. ist bin mit dem Schreiben etwa anderthalb Jahre voraus, oder andersherum ausgedrückt: Jetzt, im Mai 2018, sind die Gedichte von Anfang 2017 dran, genaugenommen dieses hier, der "Serberuß".

Beim Nachlesen der alten Kommentare fällt mir auf, daß Du, Trainee, den Zusammenhang nicht richtig begriffen und be-echot hast. Ich bin nicht von "einem" Leser oder einer einzelnen Autorenperson des sogenannten Deutschen Schriftstellerforums gesperrt worden, sondern absolut. Ich kann da nichts schreiben, an keiner Stelle, ich bin in jeder Hinsicht dort "gesperrt". Lesen darf ich alles, aber nichts schreiben. Und das gilt auch nicht befristet, sondern für immer, wie ich überprüft habe. Dieses "Serberuß"-Gedicht habe ich den Redakteuren dort geschickt, allen einzeln, aber es hat ihnen vermutlich nicht gefallen.

Bitte schreibt mir jetzt nicht, warum es denen nicht gefallen hat. Ich verstehe es auch ohne Anwaltspost ganz gut. Und ich weiß auch so, daß diese Zensoren mich nicht so gut verstehen, wie ich sie verstehe. So ist es unter Dichtern - poeta poetae lupa (auf deutsch "Leselupe"?)

Aber das kümmert mich nur insoweit, als es der Richtigstellung bedarf, wenn falsche Dinge über mich behauptet werden.

Ich habe natürlich bis heute keine Antwort auf meine Frage erhalten, warum dieses Gedicht hier als "unterdurchschnittlich" bewertet werden kann. Ich vermute, es ist ein Redakteur des sogenannten Deutschen Schriftstellerforums, der sich durch dieses Gedicht hier angesprochen fühlt, einer, der sich "den Schuh anzieht", wie man so sagt. Aber das ist mir nach über einem Jahr etwa so wichtig wie ein Schnupfen im letzten Herbst. (Ich glaube, ich hatte keinen.)

grusz, hansz
 

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