Show, don’t tell!
13.06. 14:04:00... 01... 02. Ein schöner Sommertag und irgendwo ein Kind. Es freut sich.
Die Mutter: 13:50:51 ... 52 ... 53 ...
Ein Dschungel aus Wärme. Jeder Schritt ist ein Kampf, meine Beine wollen sich setzen. Die Kleidung ist durchnässt und klebt. Ich sehne mich nach einem Hauch von Kälte, ist das zu viel verlangt? Wir sitzen in einem Park mit Bäumen am Rand. In der Mitte steht ein kleiner Brunnen, umgeben von Rasen. Manchmal rascheln die Blätter, dann folgt der Wind.
»Ich will nicht mehr …«, sagt mein Mann.
»Du kannst mir das nicht antun. Uns ...«, antworte ich ihm.
»Hör bitte auf. Ich kann nicht mehr.«
»Nein, du hörst auf damit. Wieso tust du mir das an? Liebst du mich nicht mehr?«
»Ich weiß nicht …«
»Du weißt es nicht?« Das Wasser im Brunnen plätschert, er schaut zu Boden, aber antwortet mir nicht. Dann trittst du heran. »Schau mal, Papa!« Und deine Stimme zerreißt die Leere.
Marie: 13:51:54 – 55 – 56 –
»Was für ein schönes Wetter heute, oder nicht?«, sage ich. »Nicht zu warm, nicht zu kalt. Bin mal gespannt, wie das Wetter nächste Woche wird, in Spanien«
»Mhm«, antwortet mir Vanessa. Wäre ihr jüngster Sohn nicht mit meinem so gut befreundet, läge ich jetzt in meinem Bett.
»Es reicht!«, schreit jemand. Ich drehe mich um. Ein Mann, eine Frau und ein Kind. Die gegenüberliegende Parkbank. Schaue zu Vanessa. mit aufgerissenen Augen schaut sie auf die andere Seite des Parks. Ich verliere meinen Punkt –
– dann sucht Vanessa meinen Blick, sie wartet darauf, dass ich etwas sage, dein Leben ist wohl nicht so interessant wie meins, oder Vanessa, sie wartet darauf, dass ich mich bewege, »Es tut mir leid, Marie« –
Der Junge: 13:53:30 : ( 31 : ( 32 : (
»Wieso musst du immer so laut sein?!«, sagt die Hexe, die in meiner Mutter lebt.
»Es tut mir leid. Es tut mir leid, Mama.« Das Schild bricht gleich, sei stark, sage ich mir, doch sie holt bereits ihre Hand aus. Mein Gesicht bereitet sich vor. Hitze schießt mir in die Augen. Tränen. Sei stark. Halt deinen Zauberstab fest.
K
N
A
L
L
!
»Ich hab dir gesagt, du sollst uns kurz allein lassen.«
Marie: 13:54:57 – 58 – 59 –
– also frage ich »Ihr habt also noch keine Urlaubspläne?«, »Nein«, antwortet Vanessa wieder, ihre Augen wandern wieder zu der Mutter auf der gegenüberliegenden Seite des Parks, tja, wie schade, Vanessa, deine kurzen Antworten verraten dich, das tun sie immer, »Wie kannst du dich sich so behandeln lassen?«, »Wie kann dieser Mann es nur wagen, dich so bloßzustellen?«, Fragen an das Spiegelbild, und dann packt dich der Wald, lässt dich nicht entkommen, immer tiefer und du versuchst zu fliehen, doch heute nicht, heute lasse ich mich nicht reinziehen, »Können wir mal reden?«, im Strandstuhl des Grauens, heute ist das Wetter schön, oder Vanessa, du siehst das auch so, oder Vanessa, »Schau mal, Mama«, mein jüngster Sohn tritt an die Parkbank heran, er hält einen Stein, ich nehme ihn entgegen, drehe ihn um, dann drehe ich ihn zurück, doch statt dem Stein sehe ich den Wald, den Wald, du musst das doch auch so sehen, oder Vanessa, »Wie wäre es diesen Sommer mit Spanien?«, ja, wie wäre es mit Spanien Geliebter, jedes verdammte Jahr nach Spanien, damit du dich immer wieder daran erinnerst, was er dir gesagt hat, in diesem verdammten Strandstuhl, an diesem verdammten regnerischen Tag, an diesem verdammten Strand –
Die Mutter: 13:55:13 ... 14 ... 15 ...
Ich höre dich weinen. Egal wie sehr ich es versuche, mein Kopf dreht sich nicht zu dir. Eine Brise trocknet die Spuren auf meinen Wangen. »Wieso macht er das mit uns – warum tut er uns das an?«, sage ich.
»Es tut mir leid, Mama –« Du trittst näher an mich heran und legst deine Hände auf meinen Schoß, dein Gesicht in meinen Rock und gräbst deine Tränen hinein. Ich hindere dich nicht und dein nasses Gesicht durchnässt den leichten Stoff. Während du dich ausweinst, immer noch den Stock in der Hand, versuche ich den Frust zu schlucken, doch mit jedem Mal schnürt sich meine Kehle enger. Ich streiche dir über das Haar. Hoffe, dass du es irgendwann verstehst. Verstehst was ich damit meine. Schau mich an, denke ich, ohne es laut auszusprechen. Du vergräbst dein Gesicht noch tiefer, während auf der anderen Seite des Parks die Kinder lachen. Ich setze erneut an, will dir noch einmal über deinen Kopf streichen. Dann weht der Wind durch die Bäume, als wollte er mich aufhalten. Er zersaust dir dein Haar, flieht dann in die Stadt. Darf ich dich überhaupt da rausziehen aus diesem Moment der Wärme?
Marie: 13:59:56 – 57 – 58 –
– also sage ich zu meinem Sohn »Oh, was für ein schöner Stein. Den nehmen wir mit nach Hause«, »Nein, den werfe ich wieder weg!«, sagt er und grinst mich an, dein Kind ist nicht so süß wie meins, oder Vanessa, »Nein, das hast du nicht getan, ich verbiete – ich verbiete dir das!«, es sind immer die Kinder, die Kinder, wären die Kinder nicht gewesen, immer lauter kommt der Wald auf mich zu, siehst du das auch Vanessa, wie der Wald kommt, siehst du es schon in meinem Gesicht, er wird uns irgendwann alle holen, doch heute nicht, heute mal nicht, »Oh, wirklich? Das ist doch so ein schöner Stein«, pass auf, Marie, er soll ihn nicht sehen, den Wald, den Stein muss er nicht wegwerfen, ich zeige ihm den Weg zurück, er soll ihn behalten, mich nicht vergessen, was ich, was ich für ihn getan habe, und ich erwarte keinen Dank oder Mitleid, »Wie wäre es mit einem Eis?« frage ich meinen Sohn, und ich erwarte auch keinen Stein, aber jedes Jahr nach Spanien, jedes Jahr zurück an diesen Strand –
Die Mutter: 14:00:12 ... 13 ... 14 ...
»Hast du Lust auf ein Eis?« Ich stupse dich an und du siehst zu mir auf, reibst dir die letzten Tränen aus den Augen. Dein Gesicht ist noch nass, aber für den Moment hat es aufgehört zu regnen. Es tut mir leid, dass ich dich geschlagen habe. Mit einem trockenen Stück meines Rocks wische ich über dein Gesicht, wie die Schatten der Wolken, die still über eine Landschaft ziehen. »Möchtest du eine Kugel Eis?« Wieso tue ich uns das an? »Sollen wir uns ein Eis holen?« Du zögerst, schaust auf den Stock und dann wieder zu mir.
»Mama, ich mache das«, sagst du mit entschlossener Stimme und nickst.
»Alleine?« Du nickst erneut. Der Laden ist nicht weit entfernt. Aber ich möchte dich nicht alleine lassen. Darf ich das? Du bist bereits fest entschlossen, oder? Ich sollte dich nicht hindern. »Denkst du auch daran ‚bitte‘ zu sagen? Machst du das?« Warum kann ich keine gute Mutter sein?
»Versprochen« sagst du und gehst, ich sehe dir nach.
»Kann ich nicht doch mit dir kommen?«, rufe ich. Wieder zögerst du, schaust auf deinen Stock und dann wieder zu mir. Du schüttelst den Kopf. Du darfst auch alleine reden, möchte ich sagen. Doch die Worte kommen nicht heraus.
Der Junge: 14:02:01 :/ 02 :/ 03 :/
»Ein Schokoladeneis«, sage ich, als sich der Eisverkäufer vor mir aufbaut. Ich bin auf Mission in einem fremden Reich, und er empfängt mich in seinem Schloss.
»So, so, Schokoladeneis also?«, antwortet der Eisverkäufer.
»Bitte!«, schiebe ich hinterher. Fast vergessen. Doch ich kenne die Regeln dieses Landes.
»Bist du ein Zauberer« fragt der Eisverkäufer und zeigt auf meinen Zauberstab. Ich nicke, er lächelt und wendet sich dem Eis unter der Glasscheibe zu.
»Und noch ein Eis für meine Mama, bitte«
»Nun. Wenn das so ist...«, antwortet er und schabt eine große Portion Eis aus dem Behälter. »Sag mal, ist das deine Mama da drüben?« Er beugt sich aus dem Laden und zeigt auf die Parkbank. Die Hexe ist nicht zu sehen. Nur meine Mutter. Also nicke ich wieder. »Mag deine Mama auch Schokoladeneis? Oder Zitroneneis?« Vanille, Vanille, Vanille, bahnt sich ein Zug in meinen Kopf. Statt ihm zu antworten, zeige ich mit dem Finger drauf. »Verstehe, also Vanille! Damit liegt man nie falsch«, sagt er und ich ziehe schon die Münzen aus der Tasche. »Ach, lass. Du brauchst mir nichts zu geben«. Er macht eine komische Handbewegung. Dann stecke ich die Münzen halt wieder ein. »Aber ich glaube, den Stab musst du hierlassen. Du kannst nicht beides tragen«, sagt der Eisverkäufer. Nein auf keinen Fall lasse ich den Stab zurück. Er ist viel zu mächtig, und wenn die Hexe wiederkommt, muss ich mich verteidigen. Der Eisverkäufer hat keine Ahnung davon und ich darf ihm nichts davon erzählen. Ein normaler Mensch würde das nicht verstehen.
»Ein schwieriges Problem, in der Tat«, sagt der Eisverkäufer. Weiß er doch von der Hexe? »Wie wäre es, wenn ich deinen Stab hier in meinem Laden aufbewahre. Du kannst das Eis essen und dann deinen Zauberstab wieder abholen. In Ordnung?« Ich halte den Stab jetzt noch fester umschlossen und schaue dem Eisverkäufer tief in die Augen, immer tiefer und tiefer dringe ich in seine Augen ein, so tief, dass ich seine Seele erkennen kann. Doch keine Spur der Hexe. »Keine Sorge. Ich will dir deinen Stab nicht wegnehmen – auch wenn es ein ausgesprochen schöner Stab ist. Nun, vielleicht überlege ich es mir doch noch anders.« Meine Mundwinkel zucken nach oben. Verdammt. Er muss mich mit einem Zauber getroffen haben. Das heißt, er ist einer von uns. Nun gut, ich kann schließlich nicht beides tragen.
Marie: 14:03:17 – 18 – 20 –
– also sagen die Kinder »Das ist unfair, Mama. Wieso hat der Junge zwei Eis bekommen?«, »Ja, wieso hat er so viel Eis bekommen?«, »Schaut genau hin, er bringt auch seiner Mama ein Eis«, sagt Vanessa, ich muss auch irgendwas sagen, um eine gute Mutter zu sein, »Es ist so eine Hitze heute, da ist ein Eis genau das Richtige, oder?«, sage ich ohne darüber nachzudenken, und Vanessa sticht hinein, »Meintest du nicht, dass das Wetter heute schön ist?«, fragt sie mich, und es ist ihre erste Frage heute, und sie lässt mich erschauern, und die Sonne knallt auf meine Haut, »Ja, ich meinte es ist ganz schön, aber in Spanien –«, Spanien, Spanien, Spanien, »– ist es eine andere Hitze als hier –«, »Trenn dich von ihm« »–viel erträglicher«, sage ich und versuche mich noch zu retten –
–doch ich stehe wieder in meinem Wald, die kalte Luft peitscht meine Füße, verbrennt meine Knöchel, ich höre das Rascheln von Laub hinter mir. »Du bist so erbärmlich«, sage ich zu meinem Spiegelbild, also renne ich los, »Es tut mir leid«, höre wie Äste unter meinen Füßen brechen, »Wieso tust du mir das an«, die Dunkelheit verschlingt den Weg, immer dichter wird der Wald, Büsche stechen in die Waden, bluten, jeder Schritt schmerzt, stürze, du bist schuld, immer tiefer, du bist schuld, bis mir die verdammte Hitze durch den Körper schießt, du bist schuld, bis mir der Knall in der Brust die Rippen zerreißt, mein Blick flieht zu den Bäumen, mein Atem ist schnell, mein Hals pulsiert, ich reiße meinen Kopf nach oben, starre zum Mond, und ich schreie!
...
Erst dann höre ich sie wieder: die Stille des Waldes und den Punkt am Ende des Satzes.
Und ich ziehe die Kälte bewusst in mich hinein. Und lasse die Tränen raus. Ich heule los. Hier wo mich niemand hören kann und der Wald es nicht verrät. Hier kann ich es sagen: Marie. Es ist nicht deine Schuld. Ich atme ein und ich atme aus. Hätte es nur damals nicht geregnet
...
»Du hast wohl zu viel Sonne abbekommen, Marie«, sagt Vanessa, ich stehe wieder in der Schlange vor dem Eisladen.
»Ja. Ja, vielleicht hast du recht.«
14:03:51 : ) 52 : )) 53 : )))
Ich kehre zu meiner Mutter zurück, statt dem Stab halte ich in beiden Händen jeweils eine Schale Eis. Mit jedem Schritt wird der Zauber des Eisverkäufers stärker und mein Grinsen breiter.
14:03:54 ... 55... 56 ...
Die nasse Kleidung klebt an meiner Haut und wenn ich meine Arme auch nur anhebe, spüre ich ihn, den Dschungel aus Wärme: – Also höre ich die Vögel, sie zwitschern oben in den Bäumen, sie können fliegen, wann immer sie wollen, ich sitze hier und die Wärme lähmt meine Bewegung, du kommst zu mir zurück und lächelst mir zu, wie ein tropischer Regen, deine Tropfen durchnässen meine Kleidung, langsam nehmen sie mir die Wärme von der Brust, ich bleibe sitzen, sammle den Regen, damit er nicht in der Erde seine Wurzeln schlägt, war es das jetzt, frage ich mich, wird es so enden, heute ist nur ein Tag im Sommer, ein schöner Tag im Sommer –
14:03:57 : )))) 58 : ))))) 59 : ))))))
Der Junge freut sich: Eine große Kugel Schokoladeneis und das Lächeln seiner Mutter.
14:04:00.
13.06. 14:04:00... 01... 02. Ein schöner Sommertag und irgendwo ein Kind. Es freut sich.
Die Mutter: 13:50:51 ... 52 ... 53 ...
Ein Dschungel aus Wärme. Jeder Schritt ist ein Kampf, meine Beine wollen sich setzen. Die Kleidung ist durchnässt und klebt. Ich sehne mich nach einem Hauch von Kälte, ist das zu viel verlangt? Wir sitzen in einem Park mit Bäumen am Rand. In der Mitte steht ein kleiner Brunnen, umgeben von Rasen. Manchmal rascheln die Blätter, dann folgt der Wind.
»Ich will nicht mehr …«, sagt mein Mann.
»Du kannst mir das nicht antun. Uns ...«, antworte ich ihm.
»Hör bitte auf. Ich kann nicht mehr.«
»Nein, du hörst auf damit. Wieso tust du mir das an? Liebst du mich nicht mehr?«
»Ich weiß nicht …«
»Du weißt es nicht?« Das Wasser im Brunnen plätschert, er schaut zu Boden, aber antwortet mir nicht. Dann trittst du heran. »Schau mal, Papa!« Und deine Stimme zerreißt die Leere.
Marie: 13:51:54 – 55 – 56 –
»Was für ein schönes Wetter heute, oder nicht?«, sage ich. »Nicht zu warm, nicht zu kalt. Bin mal gespannt, wie das Wetter nächste Woche wird, in Spanien«
»Mhm«, antwortet mir Vanessa. Wäre ihr jüngster Sohn nicht mit meinem so gut befreundet, läge ich jetzt in meinem Bett.
»Es reicht!«, schreit jemand. Ich drehe mich um. Ein Mann, eine Frau und ein Kind. Die gegenüberliegende Parkbank. Schaue zu Vanessa. mit aufgerissenen Augen schaut sie auf die andere Seite des Parks. Ich verliere meinen Punkt –
– dann sucht Vanessa meinen Blick, sie wartet darauf, dass ich etwas sage, dein Leben ist wohl nicht so interessant wie meins, oder Vanessa, sie wartet darauf, dass ich mich bewege, »Es tut mir leid, Marie« –
Der Junge: 13:53:30 : ( 31 : ( 32 : (
»Wieso musst du immer so laut sein?!«, sagt die Hexe, die in meiner Mutter lebt.
»Es tut mir leid. Es tut mir leid, Mama.« Das Schild bricht gleich, sei stark, sage ich mir, doch sie holt bereits ihre Hand aus. Mein Gesicht bereitet sich vor. Hitze schießt mir in die Augen. Tränen. Sei stark. Halt deinen Zauberstab fest.
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»Ich hab dir gesagt, du sollst uns kurz allein lassen.«
Marie: 13:54:57 – 58 – 59 –
– also frage ich »Ihr habt also noch keine Urlaubspläne?«, »Nein«, antwortet Vanessa wieder, ihre Augen wandern wieder zu der Mutter auf der gegenüberliegenden Seite des Parks, tja, wie schade, Vanessa, deine kurzen Antworten verraten dich, das tun sie immer, »Wie kannst du dich sich so behandeln lassen?«, »Wie kann dieser Mann es nur wagen, dich so bloßzustellen?«, Fragen an das Spiegelbild, und dann packt dich der Wald, lässt dich nicht entkommen, immer tiefer und du versuchst zu fliehen, doch heute nicht, heute lasse ich mich nicht reinziehen, »Können wir mal reden?«, im Strandstuhl des Grauens, heute ist das Wetter schön, oder Vanessa, du siehst das auch so, oder Vanessa, »Schau mal, Mama«, mein jüngster Sohn tritt an die Parkbank heran, er hält einen Stein, ich nehme ihn entgegen, drehe ihn um, dann drehe ich ihn zurück, doch statt dem Stein sehe ich den Wald, den Wald, du musst das doch auch so sehen, oder Vanessa, »Wie wäre es diesen Sommer mit Spanien?«, ja, wie wäre es mit Spanien Geliebter, jedes verdammte Jahr nach Spanien, damit du dich immer wieder daran erinnerst, was er dir gesagt hat, in diesem verdammten Strandstuhl, an diesem verdammten regnerischen Tag, an diesem verdammten Strand –
Die Mutter: 13:55:13 ... 14 ... 15 ...
Ich höre dich weinen. Egal wie sehr ich es versuche, mein Kopf dreht sich nicht zu dir. Eine Brise trocknet die Spuren auf meinen Wangen. »Wieso macht er das mit uns – warum tut er uns das an?«, sage ich.
»Es tut mir leid, Mama –« Du trittst näher an mich heran und legst deine Hände auf meinen Schoß, dein Gesicht in meinen Rock und gräbst deine Tränen hinein. Ich hindere dich nicht und dein nasses Gesicht durchnässt den leichten Stoff. Während du dich ausweinst, immer noch den Stock in der Hand, versuche ich den Frust zu schlucken, doch mit jedem Mal schnürt sich meine Kehle enger. Ich streiche dir über das Haar. Hoffe, dass du es irgendwann verstehst. Verstehst was ich damit meine. Schau mich an, denke ich, ohne es laut auszusprechen. Du vergräbst dein Gesicht noch tiefer, während auf der anderen Seite des Parks die Kinder lachen. Ich setze erneut an, will dir noch einmal über deinen Kopf streichen. Dann weht der Wind durch die Bäume, als wollte er mich aufhalten. Er zersaust dir dein Haar, flieht dann in die Stadt. Darf ich dich überhaupt da rausziehen aus diesem Moment der Wärme?
Marie: 13:59:56 – 57 – 58 –
– also sage ich zu meinem Sohn »Oh, was für ein schöner Stein. Den nehmen wir mit nach Hause«, »Nein, den werfe ich wieder weg!«, sagt er und grinst mich an, dein Kind ist nicht so süß wie meins, oder Vanessa, »Nein, das hast du nicht getan, ich verbiete – ich verbiete dir das!«, es sind immer die Kinder, die Kinder, wären die Kinder nicht gewesen, immer lauter kommt der Wald auf mich zu, siehst du das auch Vanessa, wie der Wald kommt, siehst du es schon in meinem Gesicht, er wird uns irgendwann alle holen, doch heute nicht, heute mal nicht, »Oh, wirklich? Das ist doch so ein schöner Stein«, pass auf, Marie, er soll ihn nicht sehen, den Wald, den Stein muss er nicht wegwerfen, ich zeige ihm den Weg zurück, er soll ihn behalten, mich nicht vergessen, was ich, was ich für ihn getan habe, und ich erwarte keinen Dank oder Mitleid, »Wie wäre es mit einem Eis?« frage ich meinen Sohn, und ich erwarte auch keinen Stein, aber jedes Jahr nach Spanien, jedes Jahr zurück an diesen Strand –
Die Mutter: 14:00:12 ... 13 ... 14 ...
»Hast du Lust auf ein Eis?« Ich stupse dich an und du siehst zu mir auf, reibst dir die letzten Tränen aus den Augen. Dein Gesicht ist noch nass, aber für den Moment hat es aufgehört zu regnen. Es tut mir leid, dass ich dich geschlagen habe. Mit einem trockenen Stück meines Rocks wische ich über dein Gesicht, wie die Schatten der Wolken, die still über eine Landschaft ziehen. »Möchtest du eine Kugel Eis?« Wieso tue ich uns das an? »Sollen wir uns ein Eis holen?« Du zögerst, schaust auf den Stock und dann wieder zu mir.
»Mama, ich mache das«, sagst du mit entschlossener Stimme und nickst.
»Alleine?« Du nickst erneut. Der Laden ist nicht weit entfernt. Aber ich möchte dich nicht alleine lassen. Darf ich das? Du bist bereits fest entschlossen, oder? Ich sollte dich nicht hindern. »Denkst du auch daran ‚bitte‘ zu sagen? Machst du das?« Warum kann ich keine gute Mutter sein?
»Versprochen« sagst du und gehst, ich sehe dir nach.
»Kann ich nicht doch mit dir kommen?«, rufe ich. Wieder zögerst du, schaust auf deinen Stock und dann wieder zu mir. Du schüttelst den Kopf. Du darfst auch alleine reden, möchte ich sagen. Doch die Worte kommen nicht heraus.
Der Junge: 14:02:01 :/ 02 :/ 03 :/
»Ein Schokoladeneis«, sage ich, als sich der Eisverkäufer vor mir aufbaut. Ich bin auf Mission in einem fremden Reich, und er empfängt mich in seinem Schloss.
»So, so, Schokoladeneis also?«, antwortet der Eisverkäufer.
»Bitte!«, schiebe ich hinterher. Fast vergessen. Doch ich kenne die Regeln dieses Landes.
»Bist du ein Zauberer« fragt der Eisverkäufer und zeigt auf meinen Zauberstab. Ich nicke, er lächelt und wendet sich dem Eis unter der Glasscheibe zu.
»Und noch ein Eis für meine Mama, bitte«
»Nun. Wenn das so ist...«, antwortet er und schabt eine große Portion Eis aus dem Behälter. »Sag mal, ist das deine Mama da drüben?« Er beugt sich aus dem Laden und zeigt auf die Parkbank. Die Hexe ist nicht zu sehen. Nur meine Mutter. Also nicke ich wieder. »Mag deine Mama auch Schokoladeneis? Oder Zitroneneis?« Vanille, Vanille, Vanille, bahnt sich ein Zug in meinen Kopf. Statt ihm zu antworten, zeige ich mit dem Finger drauf. »Verstehe, also Vanille! Damit liegt man nie falsch«, sagt er und ich ziehe schon die Münzen aus der Tasche. »Ach, lass. Du brauchst mir nichts zu geben«. Er macht eine komische Handbewegung. Dann stecke ich die Münzen halt wieder ein. »Aber ich glaube, den Stab musst du hierlassen. Du kannst nicht beides tragen«, sagt der Eisverkäufer. Nein auf keinen Fall lasse ich den Stab zurück. Er ist viel zu mächtig, und wenn die Hexe wiederkommt, muss ich mich verteidigen. Der Eisverkäufer hat keine Ahnung davon und ich darf ihm nichts davon erzählen. Ein normaler Mensch würde das nicht verstehen.
»Ein schwieriges Problem, in der Tat«, sagt der Eisverkäufer. Weiß er doch von der Hexe? »Wie wäre es, wenn ich deinen Stab hier in meinem Laden aufbewahre. Du kannst das Eis essen und dann deinen Zauberstab wieder abholen. In Ordnung?« Ich halte den Stab jetzt noch fester umschlossen und schaue dem Eisverkäufer tief in die Augen, immer tiefer und tiefer dringe ich in seine Augen ein, so tief, dass ich seine Seele erkennen kann. Doch keine Spur der Hexe. »Keine Sorge. Ich will dir deinen Stab nicht wegnehmen – auch wenn es ein ausgesprochen schöner Stab ist. Nun, vielleicht überlege ich es mir doch noch anders.« Meine Mundwinkel zucken nach oben. Verdammt. Er muss mich mit einem Zauber getroffen haben. Das heißt, er ist einer von uns. Nun gut, ich kann schließlich nicht beides tragen.
Marie: 14:03:17 – 18 – 20 –
– also sagen die Kinder »Das ist unfair, Mama. Wieso hat der Junge zwei Eis bekommen?«, »Ja, wieso hat er so viel Eis bekommen?«, »Schaut genau hin, er bringt auch seiner Mama ein Eis«, sagt Vanessa, ich muss auch irgendwas sagen, um eine gute Mutter zu sein, »Es ist so eine Hitze heute, da ist ein Eis genau das Richtige, oder?«, sage ich ohne darüber nachzudenken, und Vanessa sticht hinein, »Meintest du nicht, dass das Wetter heute schön ist?«, fragt sie mich, und es ist ihre erste Frage heute, und sie lässt mich erschauern, und die Sonne knallt auf meine Haut, »Ja, ich meinte es ist ganz schön, aber in Spanien –«, Spanien, Spanien, Spanien, »– ist es eine andere Hitze als hier –«, »Trenn dich von ihm« »–viel erträglicher«, sage ich und versuche mich noch zu retten –
–doch ich stehe wieder in meinem Wald, die kalte Luft peitscht meine Füße, verbrennt meine Knöchel, ich höre das Rascheln von Laub hinter mir. »Du bist so erbärmlich«, sage ich zu meinem Spiegelbild, also renne ich los, »Es tut mir leid«, höre wie Äste unter meinen Füßen brechen, »Wieso tust du mir das an«, die Dunkelheit verschlingt den Weg, immer dichter wird der Wald, Büsche stechen in die Waden, bluten, jeder Schritt schmerzt, stürze, du bist schuld, immer tiefer, du bist schuld, bis mir die verdammte Hitze durch den Körper schießt, du bist schuld, bis mir der Knall in der Brust die Rippen zerreißt, mein Blick flieht zu den Bäumen, mein Atem ist schnell, mein Hals pulsiert, ich reiße meinen Kopf nach oben, starre zum Mond, und ich schreie!
...
Erst dann höre ich sie wieder: die Stille des Waldes und den Punkt am Ende des Satzes.
Und ich ziehe die Kälte bewusst in mich hinein. Und lasse die Tränen raus. Ich heule los. Hier wo mich niemand hören kann und der Wald es nicht verrät. Hier kann ich es sagen: Marie. Es ist nicht deine Schuld. Ich atme ein und ich atme aus. Hätte es nur damals nicht geregnet
...
»Du hast wohl zu viel Sonne abbekommen, Marie«, sagt Vanessa, ich stehe wieder in der Schlange vor dem Eisladen.
»Ja. Ja, vielleicht hast du recht.«
14:03:51 : ) 52 : )) 53 : )))
Ich kehre zu meiner Mutter zurück, statt dem Stab halte ich in beiden Händen jeweils eine Schale Eis. Mit jedem Schritt wird der Zauber des Eisverkäufers stärker und mein Grinsen breiter.
14:03:54 ... 55... 56 ...
Die nasse Kleidung klebt an meiner Haut und wenn ich meine Arme auch nur anhebe, spüre ich ihn, den Dschungel aus Wärme: – Also höre ich die Vögel, sie zwitschern oben in den Bäumen, sie können fliegen, wann immer sie wollen, ich sitze hier und die Wärme lähmt meine Bewegung, du kommst zu mir zurück und lächelst mir zu, wie ein tropischer Regen, deine Tropfen durchnässen meine Kleidung, langsam nehmen sie mir die Wärme von der Brust, ich bleibe sitzen, sammle den Regen, damit er nicht in der Erde seine Wurzeln schlägt, war es das jetzt, frage ich mich, wird es so enden, heute ist nur ein Tag im Sommer, ein schöner Tag im Sommer –
14:03:57 : )))) 58 : ))))) 59 : ))))))
Der Junge freut sich: Eine große Kugel Schokoladeneis und das Lächeln seiner Mutter.
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