Sicher

SICHER

Die Innenstadt scheint einigermaßen sicher, jedoch bestimmt nicht mehr lange, vielleicht nur noch bis morgen. Der Gefechtslärm aus den Außenbezirken dringt näher und es geht das Gerücht, dass vereinzelt Stoßtrupps im Zentrum unterwegs sind. Eine ältere Frau, die vor etwa einer Stunde in den Keller kam, berichtete, sie habe einen Panzerwagen gesehen, begleitet von Soldaten, und einer der Soldaten hätte auf einen Hund geschossen, der über die Straße lief.
Haben sie ihn erwischt? fragte der Junge.
Ich weiß nicht, antwortete die Frau. Ich konnte es nicht genau sehen, ich stand hinter einer Hausecke und bin schnell weggelaufen, aber ich glaube nicht.
Ich weiß nicht, wo mein Hund ist, sagte der Junge leise.
Wo sind deine Eltern? fragte die Frau, aber der Junge schaute von ihr weg ohne zu antworten.
Der redet nicht viel, sagte ich. Lassen Sie ihn einfach.
Und das stimmte, der redete wirklich nicht viel. Ich war gerade auf die Straße hinaus getreten, früh heute morgen, als irgendwo in der Nähe ein Geschoss einschlug, und da war dieser Junge, vielleicht zehn Jahre alt, und wir sind ins Haus zurück in den Keller gelaufen, und bis er die Frau nach dem Hund fragt hatte er noch kein Wort gesagt.
Haben Sie ein wenig Wasser hier? fragte die Frau.
Hier unten nicht, antwortete ich. Aber ich kann welches holen, ich wohne oben unter dem Dach. Ich hole welches, wiederholte ich, wenn es dunkel ist, dann ist es sicherer. Die zielen auf die Dächer, wissen Sie.
Ja, ich weiß, sagte die Frau. Ich komme gerade vom Brunnen und ich hab mich nicht getraut, zu mir nach Hause zu laufen, das sind zwei Blocks um die Ecke. Die Haustür oben stand offen.
Die ist kaputt, erklärte ich ihr. Der Hauswirt kümmert sich nicht darum, der kommt schon länger nicht mehr her. Alle sind weg, im Haus ist keiner mehr. Da war ein Einschlag in der Nähe, heute Morgen, und ich bin mit dem Jungen hier herunter. Ist plötzlich vor mir gestanden, also nehm ich ihn eben mit. Sie haben wohl kein Wasser bekommen?
Nein, antwortete die Frau. Der Brunnen war völlig zugeschüttet, nur Dreck und Steine.
Ich hole nachher welches, versicherte ich. Ich hab ein paar Flaschen abgefüllt, bevor die Leitung ausfiel.
Die Frau musterte mich neugierig. Ich trage noch den Anzug, mit dem ich heute morgen auf dem Weg zum Sender war, und sie zieht ein Gesicht, wie sie mich da auf der Holzkiste sitzen sieht, staubig, mit zerknittertem Anzug, die Krawatte fest gebunden.
Die Frau ist ganz in schwarz gekleidet, wie eine Witwe; langer Rock, Strümpfe, klobige Schuhe, einen dicken, breiten Umhang über den Schultern. Der Junge trägt zerschlissene Jeans, ein buntes Hemd über der Hose, Sandalen ohne Socken; einfach ein Junge.
Ich war auf dem Weg zur Arbeit, sagte ich verlegen.
Ach so, murmelte sie ohne Interesse.
Ich arbeite beim Sender, ergänzte ich. Nichts Großes, nur Texte schreiben und so.
Meistens Veranstaltungshinweise, fügte ich hastig hinzu.
Ich wollte die Mittagsnachrichten sehen, sagte die Frau, aber die senden nichts mehr, nur so ein Testbild. Es heißt, irgendwelche Antennen seien getroffen.
Ach ja? sagte ich leichthin.
Aber ich wusste schon seit Tagen, dass etwas im Gange war, als alle Kanäle bis auf einen stillgelegt wurden. Es hieß, man brauche die Kapazitäten für die laufenden Nachrichten und für Eilmeldungen. Doch schon gestern bekam ich keine aktuellen Texte zur Bearbeitung mehr, jedoch sollten wir uns heute einfinden, um ein Unterhaltungsprogramm vorzubereiten; ein Quiz, irgendetwas mit Musik.
Ich hab Durst, sagte der Junge.
Warte noch ein bisschen, bis es ganz dunkel ist, erwiderte ich. Ist noch nicht sicher genug.
Mein Hund ist noch nie weggelaufen, sagte der Junge wie zu sich selbst.
Wie alt ist er denn? fragte die Frau.
Weiß nicht, antwortete der Junge. Es ist ein Schnauz.
Ein Schnauzer? fragte die Frau.
Ein Schnauz, rief der Junge ungeduldig.
Das ist ein schöner Hund, sagte ich beschwichtigend, aber der Junge hatte sich schon wieder abgewandt.
Die Schießerei aus den Vororten hatte nachgelassen; wegen der Unterhaltung hatte ich es nicht gleich bemerkt. Das war vor etwa einer Stunde, und nun ist es fast dunkel und ich ahne, dass es hier nicht mehr lange sicher ist, vielleicht noch heute Nacht, aber bestimmt nicht mehr bis morgen Abend.
Ich frage mich, ob wir einfach hier ausharren sollen. Wir könnten natürlich zurück um den Block herum gehen, dann die Brücke unter der Hauptstraße hindurch und hinauf auf den Hügel, ins Ostviertel, da müssten unsere Leute sein, wenn überhaupt. Tote habe ich draußen noch keine gesehen; hier im Viertel wird zum Glück noch nicht gekämpft, aber wer weiß schon, was die Einschläge angerichtet haben und was die Frau gesehen hat, und ich muss auch an den Jungen denken. Im Fernsehen zeigen sie selten irgendwelche Schäden oder gar Tote, aber es wird ja sowieso nicht mehr gesendet; vielleicht noch im Radio, da haben sie die Sendestation noch vor Ausbruch der Kämpfe verlegt. Ich habe vor, ein Radio mitzubringen, wenn ich das Wasser hole; vielleicht erfährt man etwas.
Plötzlich wird wieder geschossen; ganz in der Nähe, fürchte ich. Man täuscht sich leicht in Entfernungen, wenn es dunkel und ansonsten still ist, aber ich bin sicher, dass der Lärm von der Brücke im Westen drüben am Stadttor herkommt, und das ist verdammt nahe, höchstens ein Kilometer. Man sieht jetzt nur noch schlecht hier unten, und ich glaube, der Junge und die Frau sind eingenickt. Ich würde gerne rauchen, aber ich getraue mich nicht, mein Feuerzeug zu benutzen, man könnte den Lichtschein durch das Kellerfenster sehen, ganz abgesehen vom Rauch.
Seit Tagen gehen immer wieder Granaten und was weiß ich für Geschosse auf die Stadt nieder. Vorgestern habe ich selbst gesehen, wie ein Haus getroffen wurde, nur ein paar Straßen weiter, aber ich glaube, da war keiner drin; es gab jedenfalls kein Geschrei und keine Sirenen. Es hieß, die Wohnhäuser wären sicher, aber wer hat das schon geglaubt? Und wenn die hier Licht sehen – wer weiß? Außerdem bin ich mir beinahe sicher, dass schon Soldaten in der Stadt sind, und die werden auf alles schießen, was sich bewegt.
So war es auch vor zwei Jahren; damals hieß es, es wäre ein Versehen, und unsere Leute hätten absichtlich Zivil getragen. Ich weiß nicht, ob das stimmt; jedenfalls hatten die meisten von uns keine Uniformen. Woher auch, es gab ja kaum noch Lieferungen aus dem Ausland, seit die Zeitungen von Aufständischen sprachen und selbst die Nachrichtenleute vom Fernsehen nicht recht wussten, wie man uns sonst nennen könnte, obwohl es klar war, dass wir damit ziemlich isoliert sein würden in der Welt draußen. Aufständische hört sich nun mal gefährlich an, da interessiert sich keiner dafür, warum es einen Aufstand gibt und gegen wen; und wenn es heißt, wegen der Armut, dann fürchtet sich alle Welt vor einem und das Mitleid kommt erst später, wenn man Glück hat. Hier sind alle arm, sogar die Besatzer; aber vielleicht fühlt man sich weniger arm, wenn man das Sagen hat und irgendwem etwas wegnehmen kann, wenn es auch nichts taugt. Im Fernsehen heißt es nur, dass uns Unrecht geschieht, und dass wir gewinnen werden; aber das sagen die anderen auch, und jetzt, wo nicht mehr gesendet wird, weiß keiner recht was los ist, außer dass gekämpft wird und man nicht weiß wohin.
Es ist jetzt stockfinster, trotzdem schließe ich die Augen. Ich bin müde. Mir ist, als höre ich Stimmen, irgendwo draußen auf der Strasse. Ich halte den Atem an, und da…da ist etwas, ein Geräusch…Stimmen…etwas berührt mich am Rücken…Ich fahre nervös hoch, meine Hände sind feucht, wie ich hinter mich fasse, doch es ist nur der Schweiß, der mir vom Haaransatz herab unter das Hemd läuft. Ich muss eingenickt sein, und meine Schläfen pochen. Draußen scheint es still zu sein. Ich lausche angestrengt – es ist wirklich still, aber die Stille bringt keine Entspannung mit sich. Hier im Keller sind leise, regelmäßige Atemzüge zu hören, und die Frau und der Junge fallen mir wieder ein. Meine Kehle ist rau und ausgetrocknet; ich räuspere mich und schlucke, und die Frau gibt einen erschrockenen Laut von sich.
Tut mir leid, murmle ich.
Sie haben geschlafen, sagt die Frau.
Ja, möglich, erwidere ich ärgerlich. Es kam mir gar nicht so vor. Dann…werd ich jetzt mal das Wasser holen, füge ich beschwichtigend hinzu. Ich beeile mich.
Die Frau erwidert nichts, aber ich höre, wie sie ihren Atem zu unterdrücken versucht, und ich fühle mich auf einmal unbehaglich in ihrer Gegenwart.
Möchtest du etwas? frage ich rasch in Richtung des Jungen. Etwas zu Essen, vielleicht einen Apfel oder einen Keks?
Der schläft, sagt die Frau. Aber Durst hat er sicher.
Ich geh ja schon, brumme ich.
Meine Gelenke sind völlig steif, wie ich aufstehe; ich habe die Knie zu sehr angezogen und mich fröstelt.
Haben Sie eine Decke oben? fragt die Frau. Es ist kühl geworden, ich habe meinen Umhang dem Jungen gegeben, der ist auch eingenickt vorhin, auf dem kalten Boden. Können Sie eine Decke oder vielleicht einen Schlafsack mitbringen?
Möchtest du einen Schlafsack? wendet sie sich an den Jungen.
Lassen Sie ihn doch schlafen, sag ich mürrisch. Sie sagten doch, dass er schläft.
Die schießen nicht mehr, sagt der Junge plötzlich.
Nein, jetzt nicht, versichert ihm die Frau. Vielleicht schlafen die. Morgen gehen wir von hier weg, hoch auf den Hügel, weißt du?
Schießen die auch auf den Hügel? fragt der Junge.
Ich weiß nicht, entgegne ich ihm, wie ich mich an der Kellertür umdrehe. Ich glaube nicht.
Die wollen nur wieder in die Stadt, wegen…Unsere Leute sind sicher auch beim Hügel, vielleicht…bestimmt auch dein Hund. Hunde sind nicht dumm, weißt du; die laufen zu Menschen, zu Bekannten, wegen Futter und so.
Das Gerede ist mir unangenehm, ich weiß nicht recht, was ich sagen soll. Ich will nicht mit dem Jungen reden, und mir ist auch nicht klar, wie wir bei Tageslicht zu dem Hügel kommen sollen, alle drei. Aber hier ist es nicht mehr sicher; morgen bestimmt nicht mehr, soviel ist klar. Man müsste eher heute Nacht weg, wo es noch einigermaßen ruhig ist. Nachts feuern die kaum in die Stadt hinein; es heißt, ihre Zielerfassung funktioniert nicht gut, und da sparen sie lieber die Munition. Man bräuchte nur ein bisschen was zu essen, das Wasser natürlich, Decken, ein Radio und vielleicht eine Taschenlampe, Batterien, solange, bis wieder Strom da ist.
Tja, dann…geh ich mal, murmle ich unschlüssig. Es dauert nicht lange. Hier…hier unten ist es sicher.
Ich glaub mein Hund ist tot, sagt der Junge leise.
 
Zuletzt bearbeitet von einem Moderator:

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Gerold,

eine gute Geschichte, die gekürzt noch besser wäre!

Vielleicht solltest Du auch die Anführungszeichen der wörtlichen Rede setzen, dann wird es klarer, wenn jemand spricht.

Gruß DS
 
Danke für das Lob!
So unterschiedlich kann das Empfinden sein - obige Story ist schon ein (leicht) gekürzte Fassung! (Und, ehrlich gesagt, wüsste ich auch gar nicht, was und wo ich noch kürzen sollte.)
Was die Anführungszeichen betrifft, so muss ich gestehen, dass ich selbige einfach nicht besonders mag; keine Ahnung, warum. (Muss eine ästhetische Sache sein, irgendein Jugendtrauma aus dem Deutsch-Unterricht :) !)
Gruß, Gerold
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Ich habe mal etwas gekürzt, diese Stellen sind eigentlich nicht nötig, um die Geschichte zu verstehen und bringen sie auch nicht voran:


Die Innenstadt scheint einigermaßen sicher, jedoch bestimmt nicht mehr lange, vielleicht nur noch bis morgen. Der Gefechtslärm aus den Außenbezirken dringt näher und es geht das Gerücht, dass vereinzelt Stoßtrupps im Zentrum unterwegs sind. Eine ältere Frau, die vor etwa einer Stunde in den Keller kam, berichtete, sie habe einen Panzerwagen gesehen, begleitet von Soldaten, und einer der Soldaten hätte auf einen Hund geschossen, der über die Straße lief.
Haben sie ihn erwischt? fragte der Junge.
Ich weiß nicht, antwortete die Frau. Ich konnte es nicht genau sehen, ich stand hinter einer Hausecke und bin schnell weggelaufen, aber ich glaube nicht.
Ich weiß nicht, wo mein Hund ist, sagte der Junge leise.
Wo sind deine Eltern? fragte die Frau, aber der Junge schaute von ihr weg ohne zu antworten.
Der redet nicht viel, sagte ich. Lassen Sie ihn einfach.
Und das stimmte, der redete wirklich nicht viel. Ich war gerade auf die Straße hinaus getreten, früh heute morgen, als irgendwo in der Nähe ein Geschoss einschlug, und da war dieser Junge, vielleicht zehn Jahre alt, und wir sind ins Haus zurück in den Keller gelaufen, und bis er die Frau nach dem Hund fragt hatte er noch kein Wort gesagt.
Haben Sie ein wenig Wasser hier? fragte die Frau.
Hier unten nicht, antwortete ich. Aber ich kann welches holen, ich wohne oben unter dem Dach. Ich hole welches, wiederholte ich, wenn es dunkel ist, dann ist es sicherer. Die zielen auf die Dächer, wissen Sie.
Ja, ich weiß, sagte die Frau. Ich komme gerade vom Brunnen und ich hab mich nicht getraut, zu mir nach Hause zu laufen, das sind zwei Blocks um die Ecke. Die Haustür oben stand offen.
Die ist kaputt, erklärte ich ihr. Der Hauswirt kümmert sich nicht darum, der kommt schon länger nicht mehr her. Alle sind weg, im Haus ist keiner mehr. Da war ein Einschlag in der Nähe, heute Morgen, und ich bin mit dem Jungen hier herunter. Ist plötzlich vor mir gestanden, also nehm ich ihn eben mit. Sie haben wohl kein Wasser bekommen?
Nein, antwortete die Frau. Der Brunnen war völlig zugeschüttet, nur Dreck und Steine.
Ich hole nachher welches, versicherte ich. Ich hab ein paar Flaschen abgefüllt, bevor die Leitung ausfiel.
Die Frau musterte mich neugierig. Ich trage noch den Anzug, mit dem ich heute morgen auf dem Weg zum Sender war, und sie zieht ein Gesicht, wie sie mich da auf der Holzkiste sitzen sieht, staubig, mit zerknittertem Anzug, die Krawatte fest gebunden.
Die Frau ist ganz in schwarz gekleidet, wie eine Witwe; langer Rock, Strümpfe, klobige Schuhe, einen dicken, breiten Umhang über den Schultern. Der Junge trägt zerschlissene Jeans, ein buntes Hemd über der Hose, Sandalen ohne Socken; einfach ein Junge.
Ich war auf dem Weg zur Arbeit, sagte ich verlegen.
Ach so, murmelte sie ohne Interesse.
Ich arbeite beim Sender, ergänzte ich. Nichts Großes, nur Texte schreiben und so.
Meistens Veranstaltungshinweise, fügte ich hastig hinzu.
Ich wollte die Mittagsnachrichten sehen, sagte die Frau, aber die senden nichts mehr, nur so ein Testbild. Es heißt, irgendwelche Antennen seien getroffen.
Ach ja? sagte ich leichthin.
Aber ich wusste schon seit Tagen, dass etwas im Gange war, als alle Kanäle bis auf einen stillgelegt wurden. Es hieß, man brauche die Kapazitäten für die laufenden Nachrichten und für Eilmeldungen. Doch schon gestern bekam ich keine aktuellen Texte zur Bearbeitung mehr, jedoch sollten wir uns heute einfinden, um ein Unterhaltungsprogramm vorzubereiten; ein Quiz, irgendetwas mit Musik.
Ich hab Durst, sagte der Junge.
Warte noch ein bisschen, bis es ganz dunkel ist, erwiderte ich. Ist noch nicht sicher genug.
Mein Hund ist noch nie weggelaufen, sagte der Junge wie zu sich selbst.
Wie alt ist er denn? fragte die Frau.
Weiß nicht, antwortete der Junge. Es ist ein Schnauz.
Ein Schnauzer? fragte die Frau.
Ein Schnauz, rief der Junge ungeduldig.
Das ist ein schöner Hund, sagte ich beschwichtigend, aber der Junge hatte sich schon wieder abgewandt.
Die Schießerei aus den Vororten hatte nachgelassen; wegen der Unterhaltung hatte ich es nicht gleich bemerkt. Das war vor etwa einer Stunde, und nun ist es fast dunkel und ich ahne, dass es hier nicht mehr lange sicher ist, vielleicht noch heute Nacht, aber bestimmt nicht mehr bis morgen Abend.
Ich frage mich, ob wir einfach hier ausharren sollen. Wir könnten natürlich zurück um den Block herum gehen, dann die Brücke unter der Hauptstraße hindurch und hinauf auf den Hügel, ins Ostviertel, da müssten unsere Leute sein, wenn überhaupt. Tote habe ich draußen noch keine gesehen; hier im Viertel wird zum Glück noch nicht gekämpft, aber wer weiß schon, was die Einschläge angerichtet haben und was die Frau gesehen hat, und ich muss auch an den Jungen denken. Im Fernsehen zeigen sie selten irgendwelche Schäden oder gar Tote, aber es wird ja sowieso nicht mehr gesendet; vielleicht noch im Radio, da haben sie die Sendestation noch vor Ausbruch der Kämpfe verlegt. Ich habe vor, ein Radio mitzubringen, wenn ich das Wasser hole; vielleicht erfährt man etwas.
Plötzlich wird wieder geschossen; ganz in der Nähe, fürchte ich. Man täuscht sich leicht in Entfernungen, wenn es dunkel und ansonsten still ist, aber ich bin sicher, dass der Lärm von der Brücke im Westen drüben am Stadttor herkommt, und das ist verdammt nahe, höchstens ein Kilometer. Man sieht jetzt nur noch schlecht hier unten, und ich glaube, der Junge und die Frau sind eingenickt. Ich würde gerne rauchen, aber ich getraue mich nicht, mein Feuerzeug zu benutzen, man könnte den Lichtschein durch das Kellerfenster sehen, ganz abgesehen vom Rauch.
Seit Tagen gehen immer wieder Granaten und was weiß ich für Geschosse auf die Stadt nieder. Vorgestern habe ich selbst gesehen, wie ein Haus getroffen wurde, nur ein paar Straßen weiter, aber ich glaube, da war keiner drin; es gab jedenfalls kein Geschrei und keine Sirenen. Es hieß, die Wohnhäuser wären sicher, aber wer hat das schon geglaubt? Und wenn die hier Licht sehen – wer weiß? Außerdem bin ich mir beinahe sicher, dass schon Soldaten in der Stadt sind, und die werden auf alles schießen, was sich bewegt.
So war es auch vor zwei Jahren; damals hieß es, es wäre ein Versehen, und unsere Leute hätten absichtlich Zivil getragen. Ich weiß nicht, ob das stimmt; jedenfalls hatten die meisten von uns keine Uniformen. Woher auch, es gab ja kaum noch Lieferungen aus dem Ausland, seit die Zeitungen von Aufständischen sprachen und selbst die Nachrichtenleute vom Fernsehen nicht recht wussten, wie man uns sonst nennen könnte, obwohl es klar war, dass wir damit ziemlich isoliert sein würden in der Welt draußen. Aufständische hört sich nun mal gefährlich an, da interessiert sich keiner dafür, warum es einen Aufstand gibt und gegen wen; und wenn es heißt, wegen der Armut, dann fürchtet sich alle Welt vor einem und das Mitleid kommt erst später, wenn man Glück hat. Hier sind alle arm, sogar die Besatzer; aber vielleicht fühlt man sich weniger arm, wenn man das Sagen hat und irgendwem etwas wegnehmen kann, wenn es auch nichts taugt. Im Fernsehen heißt es nur, dass uns Unrecht geschieht, und dass wir gewinnen werden; aber das sagen die anderen auch, und jetzt, wo nicht mehr gesendet wird, weiß keiner recht was los ist, außer dass gekämpft wird und man nicht weiß wohin.
Es ist jetzt stockfinster, trotzdem schließe ich die Augen. Ich bin müde. Mir ist, als höre ich Stimmen, irgendwo draußen auf der Straße. Ich halte den Atem an, und da…da ist etwas, ein Geräusch…Stimmen…etwas berührt mich am Rücken…Ich fahre nervös hoch, meine Hände sind feucht, wie ich hinter mich fasse, doch es ist nur der Schweiß, der mir vom Haaransatz herab unter das Hemd läuft. Ich muss eingenickt sein, und meine Schläfen pochen. Draußen scheint es still zu sein. Ich lausche angestrengt – es ist wirklich still, aber die Stille bringt keine Entspannung mit sich. Hier im Keller sind leise, regelmäßige Atemzüge zu hören, und die Frau und der Junge fallen mir wieder ein. Meine Kehle ist rau und ausgetrocknet; ich räuspere mich und schlucke, und die Frau gibt einen erschrockenen Laut von sich.
Tut mir leid, murmele ich.
Sie haben geschlafen, sagt die Frau.
Ja, möglich, erwidere ich ärgerlich. Es kam mir gar nicht so vor. Dann…werde ich jetzt mal das Wasser holen, füge ich beschwichtigend hinzu. Ich beeile mich.
Die Frau erwidert nichts, aber ich höre, wie sie ihren Atem zu unterdrücken versucht, und ich fühle mich auf einmal unbehaglich in ihrer Gegenwart.
Möchtest du etwas? frage ich rasch in Richtung des Jungen. Etwas zu Essen, vielleicht einen Apfel oder einen Keks?
Der schläft, sagt die Frau. Aber Durst hat er sicher.
Ich geh ja schon, brumme ich.
Meine Gelenke sind völlig steif, wie ich aufstehe; ich habe die Knie zu sehr angezogen und mich fröstelt.
Haben Sie eine Decke oben? fragt die Frau. Es ist kühl geworden, ich habe meinen Umhang dem Jungen gegeben, der ist auch eingenickt vorhin, auf dem kalten Boden. Können Sie eine Decke oder vielleicht einen Schlafsack mitbringen?
Möchtest du einen Schlafsack? wendet sie sich an den Jungen.
Lassen Sie ihn doch schlafen, sag ich mürrisch. Sie sagten doch, dass er schläft.
Die schießen nicht mehr, sagt der Junge plötzlich.
Nein, jetzt nicht, versichert ihm die Frau. Vielleicht schlafen die. Morgen gehen wir von hier weg, hoch auf den Hügel, weißt du?
Schießen die auch auf den Hügel? fragt der Junge.
Ich weiß nicht, entgegne ich ihm, wie ich mich an der Kellertür umdrehe. Ich glaube nicht.
Die wollen nur wieder in die Stadt, wegen…Unsere Leute sind sicher auch beim Hügel, vielleicht…bestimmt auch dein Hund. Hunde sind nicht dumm, weißt du; die laufen zu Menschen, zu Bekannten, wegen Futter und so.
Das Gerede ist mir unangenehm, ich weiß nicht recht, was ich sagen soll. Ich will nicht mit dem Jungen reden, und mir ist auch nicht klar, wie wir bei Tageslicht zu dem Hügel kommen sollen, alle drei. Aber hier ist es nicht mehr sicher; morgen bestimmt nicht mehr, soviel ist klar. Man müsste eher heute Nacht weg, wo es noch einigermaßen ruhig ist. Nachts feuern die kaum in die Stadt hinein; es heißt, ihre Zielerfassung funktioniert nicht gut, und da sparen sie lieber die Munition. Man bräuchte nur ein bisschen was zu essen, das Wasser natürlich, Decken, ein Radio und vielleicht eine Taschenlampe, Batterien, solange, bis wieder Strom da ist.
Tja, dann…geh ich mal, murmele ich unschlüssig. Es dauert nicht lange. Hier…hier unten ist es sicher.
Ich glaub mein Hund ist tot, sagt der Junge leise.
 
Die längeren Kürzungen gegen Ende der Geschichte erscheinen mir absolut gerechtfertigt - zu eindeutig spricht hier der Autor an Stelle seines Protagonisten, was der Atmosphäre doch ein wenig abträglich ist. (Ich wünschte, mir wäre dies schon beim Schreiben aufgefallen!)
Die anderen Kürzungen halte ich jedoch nicht für signifikant: Es sind kleine, atmosphärische bzw. szenische Details, durch die man etwas über den Ich-Erzähler erfährt, ohne dass dies den Lesefluss "stört", würde ich meinen.
Auf jeden Fall ein großes Dankeschön für die Anregungen!
Gerold
 

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