Friedrichshainerin
Mitglied
Hunger in NY
Junge Mädchen allerdings findet man zuweilen davor. Denn es gibt eine Menge junger Mädchen in den Museen, die fortgegangen sind irgendwo aus den Häusern, die nichts mehr behalten. … Sie sind aus guter Familie. Aber wenn sie jetzt beim Zeichnen die Arme heben, so ergibt sich, daß ihr Kleid hinten nicht zugeknöpft ist oder doch nicht ganz. Es sind da ein paar Knöpfe, die man nicht erreichen kann. Denn als dieses Kleid gemacht wurde, war noch nicht davon die Rede gewesen, daß sie plötzlich allein weggehen würden. In der Familie ist immer jemand für solche Knöpfe. Aber hier, lieber Gott, wer sollte sich damit abgeben in einer so großen Stadt.
Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
Roman von Rainer Maria Rilke
In einem Podcast wurde das Buch „Damals“ von Siri Hustvedt in den Himmel gelobt. Von dieser Autorin hatte ich schon gehört aber noch nie etwas von ihr gelesen. Die angesagten Bestseller oder so was in der Art interessieren mich eigentlich nicht. Warum nun griff ich zu ausgerechnet diesem Buch?
Ich wurde neugierig, als die Podcast Sprecherin von einer hungrigen Studentin erzählte, die so abgebrannt ist, dass sie in öffentlichen Papierkörben nach Essbarem kramt. Ich dachte: „Vielleicht tue ich der Autorin, in der ich immer eine beinharte Bildungsbürgerin – allein schon wegen ihrem Ehemann –, die in einem gepflegten, weitläufigen Loft auf den Hudsonriver schaut, vermutete, „unrecht“. Gespannt lud ich mir ihr Werk auf Kindle. Das mache ich immer so, weil ich keinen Platz mehr für Bücher habe.
Der Anfang war geil. Eine junge Frau mietet sich ein dunkles Apartment für ein Jahr, weil sie einen Roman schreiben will. Danach hat sie ein Stipendium an der Uni für irgendwas Geisteswissenschaftliches. Sie ist aus der Provinz nach NY gekommen und kennt niemanden. Sie besitzt bloß eine Schaustoffmatratze und zwei Tassen und zwei Teller. Das Geld könnte ein Jahr reichen, wenn sie jeden Pfennig drei Mal umdreht. Was sie natürlich nicht macht. Sie fährt mit Öffentlichen fast gratis durch NY, um sich die Stadt anzusehen. Habe ich auch als Neuberlinerin gemacht.
Das Interessante an ihr ist, dass sie so was von überintellektuell ist, wie es mir noch nie bei einer Frau begegnete. Ständig hat sie Verszeilen von Walt Whitman im Kopf, während sie durch die Gegend läuft oder fährt. Auch haufenweise andere ausgefallene Dichter, die ich nicht kannte, geistern durch ihr Hirn. Man merkt der Schriftstellerin an, welche Studien sie betrieben hat. Natürlich war mir klar, dass sie sich damit ideologisch über Wasser hielt, da sie sonst nichts hatte. Jedenfalls momentan nicht.
Bei mir war das erstes Buch, was ich in meiner ersten Wohnung in der Käthe-Niederkirchener im Prenzlauer Berg las, nicht von Walt Whitman, sondern es war ein Band Erzählungen von Andre Gide, den ich aus der Bibliothek hatte. Es waren Liebesgeschichten über Liebende, die nicht zusammenkommen konnten.
Erst später, nach der Wende, hörte ich davon das Gide wohl schwul war oder bi. Jetzt konnte ich mir erklären, warum diesen Lovestorys zwischen Männern und Frauen irgendwas gefehlt hatte, sie unecht wirkten. Die Erinnerung an diese bedrückenden Geschichten ist jetzt bei mir untrennbar verknüpft mit den dunkel lackierten, staubigen Dielenbrettern, die das Sonnenlicht reflektierten, und aus denen der Fußboden meines Zimmers bestand.
Und Sonne hatte ich, denn es war Mai, und ich wohnte zwar auf dem Hinterhof aber ganz oben. Ich war glücklich, denn ich war mein Lebtag noch niemals echt allein gewesen. Ich begriff, dass ich ab jetzt machen konnte, was ich wollte.*
Mir wäre lieber gewesen, die Schriftstellerin wäre bei der jungen Frau, fast noch ein Mädel, geblieben, denn die interessierte mich am meisten. Den Satz fand ich cool, als sie über ihre dunkle, ärmliche Bude schreib: sinngemäß „Wenn ich nicht so viele Bücher gelesen hätte und so´n inneren Film gehabt hätte, was mal aus mir werden könnte, wäre ich jetzt total unglücklich gewesen.
Sie will sich sexuell ausleben in der Großstadt und macht eigenartige Erfahrungen. Ein Mann kommt auf der Straße auf sie zu und stößt übelste Beschimpfungen gegen sie aus. Sie versteht die Welt nicht mehr. In einem Café kommt sie mit einem Mann, einem Studenten ins Gespräche. Nach einer Weile sagt er nur noch Obszönitäten. Sie möchte wegen ihrem Verstand und ihrer Persönlichkeit begehrt werden und nicht nur wegen ihres Körpers. So ging es mir auch.
Langsam wird ihr klar, dass das auch in den schwerintellektuellen Kreisen, in die sie rein gerät, nur ein Wunschtraum ist. Sie könnte genauso wie in ihren Cafés auch in einer Hafenarbeiterkneipe sitzen.
Die Akademiker, mit denen sie zu tun hat, unterscheiden sich von den Männer dort nicht einen Deut was ihre Haltung zu Frauen angeht, auch wenn sie tun, als wenn das nicht so ist. Auch ich staunte darüber, dass alle, denen ich meine Adresse gab, das als Aufforderung zum ... betrachteten und nichts in mir sahen. Dabei versuchte ich nur, mir einen Freundeskreis aufzubauen.
Der Höhepunkt ist eine „versuchte“ - vielleicht auch eine vollendete – Vergewaltigung. Auch ein Student aus guter Familie, den sie einfach nicht mehr los wird, und der ihr in ihr Apartment folgt. Es greift wohl noch rechtzeitig jemand aus der Nachbarschaft ein. Ich hoffe, dass war nicht nur eine Wunschvorstellung. Eventuell hätte es das jetzt gewesen sein können mit der zukünftigen Schriftstellerin Siri. Sie wehrt sich, er drückt ein bisschen fester zu, das Ende kann man sich ausmalen. Sie hat aber überlebt aber bis heute – und das war damals Achtundsiebzig – Alpträume.
Das Merkwürdige ist, dass sie und ihre feministischen Freundinnen, die sie inzwischen kennengelernt hatte, ihn nicht angezeigt haben. Er wäre leicht zu ermitteln gewesen, da sie seine Kreise kannte. Vielleicht hat sie sich gesagt, dass ein geschickter Rechtsverdreher die Anzeige abwimmeln kann, aber die Anzeige wegen Vergewaltigung wäre in seiner Akte gewesen.
Ich vermute, dass dieser Mann das nicht das erste Mal und nicht das letzte Mal gemacht hat. Ich lese in diesem Buch eine geballte Ladung Literaturwissenschaft aber wegen der nicht erfolgten Anzeige schreibt sie nichts. So hatte die Fiktion in ihren Büchern, die sie las, das Leben eingeholt. Mit Gedichte rezitieren kam sie da auch nicht weiter.
Der Ehrlichkeit halber muss ich gestehen, dass ich es nicht anders gemacht habe, als ich in der selben Situation wie sie war. Auch keine Anzeige.
Inzwischen war es ihr gelungen, einem Kreis anzugehören. Wie sie junge Intellektuelle. Das Problem war bloß, dass diese im Gegensatz zu ihr, von Haus aus recht gut situiert waren und ihre Studien ohne Druck betreiben konnten. Um mit den Anderen mithalten zu können, überzieht sie ihr Budget.
Sie kann gerade noch eine Monatsmiete bezahlen, hat dann aber keinen Pfennig mehr. Jetzt müsste man eigentlich denken: „Warum fragt sie nicht ihre begüterteren Freunde um Rat?“ Ich glaube, das traut sie sich nicht. Sie will sich nicht die Blöße vor ihnen geben. Im Grunde ist ihr klar, dass dann wahrscheinlich die Freundschaft aus sein würde, wenn den Anderen klar werden würde, dass sie bettelarm ist.
Selbst ihre beste Freundin, die sie noch heute hat, fragt sie nicht. Lieber streift sie im Park umher und schaut in den Papierkörben nach Essbarem.
Ein totaler Tiefpunkt. Einmal beobachtet eine Frau sie dabei, wie sie nach einem weggeworfenen Sandwich angelt und wirft ihr einen zutiefst angeekelten Blick zu. Anstatt zu fragen, ob sie Hilfe braucht.
Überhaupt: Frauen und Hilfsbereitschaft für andere Frauen. Das ist ein dunkles Kapitel. Simone de Beauvoir hat mal in geschrieben: „Die Frau ist ein Wesen, was denkt, dass es ohne die Solidarität seiner eigenen Art klarkommt, sogar Feindschaft gegen diese empfindet.“ Ist nur vom Sinn her wiedergegeben. Oder soll ich etwa noch stundenlang in „Sitte und Sexus der Frau“ rumblättern.
Männer dagegen helfen sich und wissen den Wert von Solidarität zu schätzen.
Ein junges, hübsches, gutgekleidetes Mädchen, dass aber keinen Pfennig auf Tasche hat. Viele Bettler werden ihr vorwurfsvoll hinterhergeblickt haben, weil sie ihnen kein Geld gegeben hat. Dabei hatte sie noch weniger. „Wie kann solche Misere bloß entstehen?“, fragt man sich. Die Netzwerke total versagt.
Die Autorin beschreibt, dass sie als junge Frau kein „Kind von Traurigkeit“ - so hatte meine Mutter das immer bezeichnet - war und einige Affären oder One-Night-Stands hatte. Nun fragt man sich: „Warum konnte sie einen der Herren nicht um Hilfe bitten?“. Wenigstens den, den sie geliebt hat, und der sie nach zweieinhalb Monaten verließ.
Die Antwort kennt jeder. Wenn ein Mann dir zu verstehen gibt, dass er keine Beziehung zu dir will nach dem Sex, oder dass er aus einer bestehenden Beziehung raus will, erwartet er von dir, dass du ihn in Ruhe lässt und möglichst seine Kreise meidest. Das endet völlig im Nichts. Vielleicht wechselt er sogar die Straßenseite, wenn er dich trifft. Als möglicher hilfsbereiter Freund fällt er völlig aus. Ist, glaube ich, ein ungeschriebenes Gesetz.
Sogar die Punkies, die vor dem Supermarkt sitzen, sind besser dran, als die junge Neu New-Yorkerin. Sie haben wenigstens Freundeskreise, wo nicht jeder so tun muss, als wenn er super klar kommt, wie das scheinbar in ihrer Intellektuellenclique so Usus war. S.H. kommt sich vor wie in dem Roman „Hunger“ von Knut Hamsun, ein Buch, das ich nie zu Ende gelesen habe, da es mir zu deprimierend war.
Sie findet aber zum Glück eine Job bei einer begüterten, jüdischen Frau, die ihre Erinnerungen aufschreibt und einen Ghostwriter braucht. Beim Bewerbungsgespräch gelingt es ihr heimlich fünf Kekse zu essen. Das hatte ihre zukünftige Arbeitgeberin wohl bemerkt. Sie stammte von armen Hausierern ab. Vielleicht lag es daran, dass sie Mitleid hatte und ihrer Mitarbeiterin, die noch nicht mal angefangen hatte zu arbeiten, gleich hundert Dollar gab. So was habe ich noch nie erlebt. Eine Menschenfreundin? "Manche haben mir nur Lebensmittelmarken gegeben, bei manchen konnte ich eine Mahlzeit einnehmen", sagte einmal jemand, die als sogenanntes U-Boot in B die Verfolgung überlebt hatte. Irgendwann schreibe ich mal was darüber. Vogelfrei auf den Straßen Berlins. Aber irgendwie bin ich noch nicht so weit.
Siri kann sich endlich mal wieder satt essen.
Warum interessiert mich der ganze Quatsch eigentlich so? Antwort. Selber erlebt. Kein Geld. Hunger. Freunde, die sich abgewendet haben, wenn man sie um Hilfe gebeten hat. Übergriffige Männer.
Am Ende des Romans wieder das Übliche was Autoren, deren Haupthaar weiß geworden ist, eben so schreiben. Die guten Freunde von einst, die in alle Welt zerstreut sind, von denen alle was geworden sind, und die sich heute, nachdem ihre Freundin erfolgreiche Bücher veröffentlicht hat, mit ebendieser Freundschaft schmücken werden. Die herrliche Ehe. Die Tochter, die sich super entwickelt hat.
Mach ja alles sein. Aber ich sehe ich immer noch die zukünftige Autorin, die in Mülltonen wühlt, vor mir, und die, die sich nicht traut, ebendiese herrlichen Freunde um Hilfe zu bitten. Im Grunde hätten sie es ja damals wissen müssen, dass etwas nicht stimmt. Wenigstens ihre beste Freundin. Aber auch die Anderen. Wollten sie wohl nicht.
*An der Stelle habe ich mal wieder ein bisschen von den "Neuen Leiden des jungen W." von Ulrich Plenzdorf geklaut. Aber S.Hustvedt lässt sich ja auch ständig bei anderen Autoren inspirieren.
Junge Mädchen allerdings findet man zuweilen davor. Denn es gibt eine Menge junger Mädchen in den Museen, die fortgegangen sind irgendwo aus den Häusern, die nichts mehr behalten. … Sie sind aus guter Familie. Aber wenn sie jetzt beim Zeichnen die Arme heben, so ergibt sich, daß ihr Kleid hinten nicht zugeknöpft ist oder doch nicht ganz. Es sind da ein paar Knöpfe, die man nicht erreichen kann. Denn als dieses Kleid gemacht wurde, war noch nicht davon die Rede gewesen, daß sie plötzlich allein weggehen würden. In der Familie ist immer jemand für solche Knöpfe. Aber hier, lieber Gott, wer sollte sich damit abgeben in einer so großen Stadt.
Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
Roman von Rainer Maria Rilke
In einem Podcast wurde das Buch „Damals“ von Siri Hustvedt in den Himmel gelobt. Von dieser Autorin hatte ich schon gehört aber noch nie etwas von ihr gelesen. Die angesagten Bestseller oder so was in der Art interessieren mich eigentlich nicht. Warum nun griff ich zu ausgerechnet diesem Buch?
Ich wurde neugierig, als die Podcast Sprecherin von einer hungrigen Studentin erzählte, die so abgebrannt ist, dass sie in öffentlichen Papierkörben nach Essbarem kramt. Ich dachte: „Vielleicht tue ich der Autorin, in der ich immer eine beinharte Bildungsbürgerin – allein schon wegen ihrem Ehemann –, die in einem gepflegten, weitläufigen Loft auf den Hudsonriver schaut, vermutete, „unrecht“. Gespannt lud ich mir ihr Werk auf Kindle. Das mache ich immer so, weil ich keinen Platz mehr für Bücher habe.
Der Anfang war geil. Eine junge Frau mietet sich ein dunkles Apartment für ein Jahr, weil sie einen Roman schreiben will. Danach hat sie ein Stipendium an der Uni für irgendwas Geisteswissenschaftliches. Sie ist aus der Provinz nach NY gekommen und kennt niemanden. Sie besitzt bloß eine Schaustoffmatratze und zwei Tassen und zwei Teller. Das Geld könnte ein Jahr reichen, wenn sie jeden Pfennig drei Mal umdreht. Was sie natürlich nicht macht. Sie fährt mit Öffentlichen fast gratis durch NY, um sich die Stadt anzusehen. Habe ich auch als Neuberlinerin gemacht.
Das Interessante an ihr ist, dass sie so was von überintellektuell ist, wie es mir noch nie bei einer Frau begegnete. Ständig hat sie Verszeilen von Walt Whitman im Kopf, während sie durch die Gegend läuft oder fährt. Auch haufenweise andere ausgefallene Dichter, die ich nicht kannte, geistern durch ihr Hirn. Man merkt der Schriftstellerin an, welche Studien sie betrieben hat. Natürlich war mir klar, dass sie sich damit ideologisch über Wasser hielt, da sie sonst nichts hatte. Jedenfalls momentan nicht.
Bei mir war das erstes Buch, was ich in meiner ersten Wohnung in der Käthe-Niederkirchener im Prenzlauer Berg las, nicht von Walt Whitman, sondern es war ein Band Erzählungen von Andre Gide, den ich aus der Bibliothek hatte. Es waren Liebesgeschichten über Liebende, die nicht zusammenkommen konnten.
Erst später, nach der Wende, hörte ich davon das Gide wohl schwul war oder bi. Jetzt konnte ich mir erklären, warum diesen Lovestorys zwischen Männern und Frauen irgendwas gefehlt hatte, sie unecht wirkten. Die Erinnerung an diese bedrückenden Geschichten ist jetzt bei mir untrennbar verknüpft mit den dunkel lackierten, staubigen Dielenbrettern, die das Sonnenlicht reflektierten, und aus denen der Fußboden meines Zimmers bestand.
Und Sonne hatte ich, denn es war Mai, und ich wohnte zwar auf dem Hinterhof aber ganz oben. Ich war glücklich, denn ich war mein Lebtag noch niemals echt allein gewesen. Ich begriff, dass ich ab jetzt machen konnte, was ich wollte.*
Mir wäre lieber gewesen, die Schriftstellerin wäre bei der jungen Frau, fast noch ein Mädel, geblieben, denn die interessierte mich am meisten. Den Satz fand ich cool, als sie über ihre dunkle, ärmliche Bude schreib: sinngemäß „Wenn ich nicht so viele Bücher gelesen hätte und so´n inneren Film gehabt hätte, was mal aus mir werden könnte, wäre ich jetzt total unglücklich gewesen.
Sie will sich sexuell ausleben in der Großstadt und macht eigenartige Erfahrungen. Ein Mann kommt auf der Straße auf sie zu und stößt übelste Beschimpfungen gegen sie aus. Sie versteht die Welt nicht mehr. In einem Café kommt sie mit einem Mann, einem Studenten ins Gespräche. Nach einer Weile sagt er nur noch Obszönitäten. Sie möchte wegen ihrem Verstand und ihrer Persönlichkeit begehrt werden und nicht nur wegen ihres Körpers. So ging es mir auch.
Langsam wird ihr klar, dass das auch in den schwerintellektuellen Kreisen, in die sie rein gerät, nur ein Wunschtraum ist. Sie könnte genauso wie in ihren Cafés auch in einer Hafenarbeiterkneipe sitzen.
Die Akademiker, mit denen sie zu tun hat, unterscheiden sich von den Männer dort nicht einen Deut was ihre Haltung zu Frauen angeht, auch wenn sie tun, als wenn das nicht so ist. Auch ich staunte darüber, dass alle, denen ich meine Adresse gab, das als Aufforderung zum ... betrachteten und nichts in mir sahen. Dabei versuchte ich nur, mir einen Freundeskreis aufzubauen.
Der Höhepunkt ist eine „versuchte“ - vielleicht auch eine vollendete – Vergewaltigung. Auch ein Student aus guter Familie, den sie einfach nicht mehr los wird, und der ihr in ihr Apartment folgt. Es greift wohl noch rechtzeitig jemand aus der Nachbarschaft ein. Ich hoffe, dass war nicht nur eine Wunschvorstellung. Eventuell hätte es das jetzt gewesen sein können mit der zukünftigen Schriftstellerin Siri. Sie wehrt sich, er drückt ein bisschen fester zu, das Ende kann man sich ausmalen. Sie hat aber überlebt aber bis heute – und das war damals Achtundsiebzig – Alpträume.
Das Merkwürdige ist, dass sie und ihre feministischen Freundinnen, die sie inzwischen kennengelernt hatte, ihn nicht angezeigt haben. Er wäre leicht zu ermitteln gewesen, da sie seine Kreise kannte. Vielleicht hat sie sich gesagt, dass ein geschickter Rechtsverdreher die Anzeige abwimmeln kann, aber die Anzeige wegen Vergewaltigung wäre in seiner Akte gewesen.
Ich vermute, dass dieser Mann das nicht das erste Mal und nicht das letzte Mal gemacht hat. Ich lese in diesem Buch eine geballte Ladung Literaturwissenschaft aber wegen der nicht erfolgten Anzeige schreibt sie nichts. So hatte die Fiktion in ihren Büchern, die sie las, das Leben eingeholt. Mit Gedichte rezitieren kam sie da auch nicht weiter.
Der Ehrlichkeit halber muss ich gestehen, dass ich es nicht anders gemacht habe, als ich in der selben Situation wie sie war. Auch keine Anzeige.
Inzwischen war es ihr gelungen, einem Kreis anzugehören. Wie sie junge Intellektuelle. Das Problem war bloß, dass diese im Gegensatz zu ihr, von Haus aus recht gut situiert waren und ihre Studien ohne Druck betreiben konnten. Um mit den Anderen mithalten zu können, überzieht sie ihr Budget.
Sie kann gerade noch eine Monatsmiete bezahlen, hat dann aber keinen Pfennig mehr. Jetzt müsste man eigentlich denken: „Warum fragt sie nicht ihre begüterteren Freunde um Rat?“ Ich glaube, das traut sie sich nicht. Sie will sich nicht die Blöße vor ihnen geben. Im Grunde ist ihr klar, dass dann wahrscheinlich die Freundschaft aus sein würde, wenn den Anderen klar werden würde, dass sie bettelarm ist.
Selbst ihre beste Freundin, die sie noch heute hat, fragt sie nicht. Lieber streift sie im Park umher und schaut in den Papierkörben nach Essbarem.
Ein totaler Tiefpunkt. Einmal beobachtet eine Frau sie dabei, wie sie nach einem weggeworfenen Sandwich angelt und wirft ihr einen zutiefst angeekelten Blick zu. Anstatt zu fragen, ob sie Hilfe braucht.
Überhaupt: Frauen und Hilfsbereitschaft für andere Frauen. Das ist ein dunkles Kapitel. Simone de Beauvoir hat mal in geschrieben: „Die Frau ist ein Wesen, was denkt, dass es ohne die Solidarität seiner eigenen Art klarkommt, sogar Feindschaft gegen diese empfindet.“ Ist nur vom Sinn her wiedergegeben. Oder soll ich etwa noch stundenlang in „Sitte und Sexus der Frau“ rumblättern.
Männer dagegen helfen sich und wissen den Wert von Solidarität zu schätzen.
Ein junges, hübsches, gutgekleidetes Mädchen, dass aber keinen Pfennig auf Tasche hat. Viele Bettler werden ihr vorwurfsvoll hinterhergeblickt haben, weil sie ihnen kein Geld gegeben hat. Dabei hatte sie noch weniger. „Wie kann solche Misere bloß entstehen?“, fragt man sich. Die Netzwerke total versagt.
Die Autorin beschreibt, dass sie als junge Frau kein „Kind von Traurigkeit“ - so hatte meine Mutter das immer bezeichnet - war und einige Affären oder One-Night-Stands hatte. Nun fragt man sich: „Warum konnte sie einen der Herren nicht um Hilfe bitten?“. Wenigstens den, den sie geliebt hat, und der sie nach zweieinhalb Monaten verließ.
Die Antwort kennt jeder. Wenn ein Mann dir zu verstehen gibt, dass er keine Beziehung zu dir will nach dem Sex, oder dass er aus einer bestehenden Beziehung raus will, erwartet er von dir, dass du ihn in Ruhe lässt und möglichst seine Kreise meidest. Das endet völlig im Nichts. Vielleicht wechselt er sogar die Straßenseite, wenn er dich trifft. Als möglicher hilfsbereiter Freund fällt er völlig aus. Ist, glaube ich, ein ungeschriebenes Gesetz.
Sogar die Punkies, die vor dem Supermarkt sitzen, sind besser dran, als die junge Neu New-Yorkerin. Sie haben wenigstens Freundeskreise, wo nicht jeder so tun muss, als wenn er super klar kommt, wie das scheinbar in ihrer Intellektuellenclique so Usus war. S.H. kommt sich vor wie in dem Roman „Hunger“ von Knut Hamsun, ein Buch, das ich nie zu Ende gelesen habe, da es mir zu deprimierend war.
Sie findet aber zum Glück eine Job bei einer begüterten, jüdischen Frau, die ihre Erinnerungen aufschreibt und einen Ghostwriter braucht. Beim Bewerbungsgespräch gelingt es ihr heimlich fünf Kekse zu essen. Das hatte ihre zukünftige Arbeitgeberin wohl bemerkt. Sie stammte von armen Hausierern ab. Vielleicht lag es daran, dass sie Mitleid hatte und ihrer Mitarbeiterin, die noch nicht mal angefangen hatte zu arbeiten, gleich hundert Dollar gab. So was habe ich noch nie erlebt. Eine Menschenfreundin? "Manche haben mir nur Lebensmittelmarken gegeben, bei manchen konnte ich eine Mahlzeit einnehmen", sagte einmal jemand, die als sogenanntes U-Boot in B die Verfolgung überlebt hatte. Irgendwann schreibe ich mal was darüber. Vogelfrei auf den Straßen Berlins. Aber irgendwie bin ich noch nicht so weit.
Siri kann sich endlich mal wieder satt essen.
Warum interessiert mich der ganze Quatsch eigentlich so? Antwort. Selber erlebt. Kein Geld. Hunger. Freunde, die sich abgewendet haben, wenn man sie um Hilfe gebeten hat. Übergriffige Männer.
Am Ende des Romans wieder das Übliche was Autoren, deren Haupthaar weiß geworden ist, eben so schreiben. Die guten Freunde von einst, die in alle Welt zerstreut sind, von denen alle was geworden sind, und die sich heute, nachdem ihre Freundin erfolgreiche Bücher veröffentlicht hat, mit ebendieser Freundschaft schmücken werden. Die herrliche Ehe. Die Tochter, die sich super entwickelt hat.
Mach ja alles sein. Aber ich sehe ich immer noch die zukünftige Autorin, die in Mülltonen wühlt, vor mir, und die, die sich nicht traut, ebendiese herrlichen Freunde um Hilfe zu bitten. Im Grunde hätten sie es ja damals wissen müssen, dass etwas nicht stimmt. Wenigstens ihre beste Freundin. Aber auch die Anderen. Wollten sie wohl nicht.
*An der Stelle habe ich mal wieder ein bisschen von den "Neuen Leiden des jungen W." von Ulrich Plenzdorf geklaut. Aber S.Hustvedt lässt sich ja auch ständig bei anderen Autoren inspirieren.
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