Simplicius Simplicissimus – letztes Kapitel (5)

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Simplicius Simplicissimus – Kapitel fünf

ERZÄHLER
Paris lag hinter ihnen. Der Simplicius war guter Ding und malt sich unterwegs in Gedanken aus, wie man im Lippischen ihn aufnehmen werde. Aber den zweiten Abend, nachdem sie den Tag über durch etliche Dörfer geritten, die von einer Seuche heimgesucht worden, bekommt der Simplicius …

SIMPLICIUS
… wie als Straf für all meine Sünden vom Himmel heruntergeschickt! …

ERZÄHLER
… einen Ausschlag.

SIMPLICIUS
Ich hatt‘ mich in einer dörflichen Herberg zum Schlafen hingelegt, und in der Nacht wach ich auf, mir dröhnt der Kopf, als hätt man drauf herumgehauen, ich lieg die Nacht über wach, und am folgenden Morgen wars mir ohnmöglich, weiterzureiten. Mit roten Flecken im Gesicht und an Armen und Bein gab ich ein Bild wie ein Höllenwurm.

ERZÄHLER
In der Herberge der Wirt wollt dem Kranken gegen etliche Dublonen weiterhin Unterkunft geben …

SIMPLICIUS
… und der Arzt, den er geholt, sieht mich an und sagt: «Haha, die Blattern, wie schön! Da kann Er sich bis aller Tage End den Spiegel sparen!»

ERZÄHLER
Der Simplicius lag im Fieber. Beim Pfarrer wurd er zum letzten Stündlein gemeldet. Unterdess räumte der Wirt dem Kranken die Packtasche leer
.
SIMPLICIUS
Im Gesicht sah ich jetzt aus, als hätt man drin Erbsen gedroschen. Und wie mir die Haut eintrocknet, so dörrn mir die Blattern den Hals und die Stimm aus.

ERZÄHLER
Die schwarzen Locken, in denen sich manch Weiberlächeln verfangen, die fielen dem Simplicius bald büschelweis aus.

SIMPLICIUS
Hässlich wurd alles an mir. Statt der Locken wuchsen mir Sauborsten – dass ich also hinfort eine Perück würd tragen müssen. Meine Augen, in denen das Liebesfeuer geglüht, sie entzünden sich zu Trieftöpfen. Und über allem: Ich bin in einem fremden Land, weder Hund noch Mensch kennt mich, und meine Taschen sind leer.

ERZÄHLER
Als der Simplicius nicht mehr bezahlen kann, stiehlt ihm der Wirt auch noch das Pferd weg und setzt den Habenichts dann kurzerhand vor die Tür.

SIMPLICIUS
Wohin geh ich jetzt?

ERZÄHLER
Der Weg führt den Simplicius aufs Geratewohl aus dem Dorf weg und weiter von Dorf zu Dorf und endlich in eine kleine Stadt, in der er eine Apotheke findet. Gegen ein Seidenhemd und ein Sacktuch mit Stickerei, das er mit einigem andern noch im Kleidersack mit sich geführt, tauscht ihm der Apotheker eine Salbe. Auch gab er dem Simplicius Hoffnung: Binnen einer Woch oder zwei werd von den Blattern nicht viel mehr zu sehen sein bis auf die hart gewordenen Narben.

SIMPLICIUS
Und weil Markt war in der Stadt, in die ich gekommen, geh ich hin, vielleicht, um mir ein Brot zu kaufen oder ein paar Rüben, und ich seh da einen Quacksalber, der mit allerlei Kräutergemeng und Pülverchen den Leuten die Geldstück aus der Tasch zieht. «Simplicius Simplicissimus», sag ich da zu mir selbst, «da hast du doch nicht umsonst beim Doktor Canard im Laboratorium geforscht, so kannst du‘s doch auch! Hast dir doch so im Handumdrehn dein Maulfutter verdient!»

ERZÄHLER
Und also beschloss der Simplicius, ein Arzt zu werden. Beim Apotheker und bei den Händlern auf dem Markt tauscht er Hemd und Hos, Ringe und Diamantenes, alles, was ihm von seinen Reichtümern grad noch geblieben – tauscht es gegen Pülverchen, Mittelchen, Kräuter, Essenzen und Gerätschaft.

SIMPLICIUS
Den Theriak wollt ich mir mischen, so hatt ichs im Kopf, jenes Wundermittelchen aus dem Laboratorium meines Doktors. Auch rührt ich mir obendrein aus Kräutern, Wurzeln, Butter und etlichen Ölen eine grüne Salb, womit man gar ein wundgescheuert Pferd hätt heilen können. Und aus Zinkpulver, Kieselstein, Krebsaugen, Schmirgel und Talkum komponiert ich ein Gemisch, womit die Zähn blitzweiß zu reiben waren. Und endlich: Mit blauwässriger Laug aus Kupfer, Salmiak und Kampfer hatt ich überdies eine Mixtur gebraut gegen die Mundfäule und das Augenwässern. Dann besorgt ich mir blecherne Büchsen und Holzfässchen, Papierbogen und etliche Gläser, um meine Mittelchen dahinein zu schmiern und zu pressen und zu packen. Auch, damit es ein Ansehen haben möcht, ließ ich mir Zettel in französischer und deutscher Aufschrift konzipiern und drucken, worauf zu lesen stand, wie all meine unvergleichlichen Arzneien zu konsumiern, einzuschlucken und aufzutragen seien.

ERZÄHLER
In kaum drei Tagen war der Simplicius mit aller Vorbereitung fertig.

SIMPLICIUS
Also pack ich mir das Reiselaboratorium auf den Rücken und will bis nach Deutschland hinein wandern und meine Waren unterwegs anpreisen.

ERZÄHLER
Da sitzt der Simplicius also auf eine Kanne Bier in einer Schänke, und dort hört er vom Wirt, dass die Nachmittage immer allerhand Leut vorm Haus zusammenhockten. Viele kämen herüber aus Deutschland, und bei denen wär was zu verkaufen, sagt der Wirt, wenn der Herr Doktor aus dem Hessischen, als welcher sich ihm der Simplicius vorgestellt, wenn er denn auch wirklich guten Theriak hätt. Allein, weil man im Ort und überall immer auf Betrügerei rechne, säß den Leuten das Geld nicht eben locker. Sollt er aber, der Herr Doktor, die Probe auf seine Medizin im voraus geben können, wie es die Doctoribus in den Städten machten, «na, das gäb dann wohl auch bei uns im Dorf ein Geschäft!» sagt ihm der Wirt.

SIMPLICIUS
Da hatt ich einen Einfall. Ich bat in der Wirtsküch um eine Zang, mit der man die Gurken greift, und ließ ein Glas um drei Viertel voll vom Straßburger Branntwein bereitstellen, das ich mir später auf den Tisch holen wollt. Fing mir unterdess hinterm Haus eine Kröte von der Art, die man «das giftig Möhmlein» nennt, welche im Frühling und Sommer in den Pfützen sitzen und singen und sind rotgelb und unten am Bauch schwarz gefleckt – hässlich anzusehn und kreuzgiftig. Die Kröt setz ich in ein Schoppenglas mit Wasser und stells dann zu meinen Waren und neben das Glas mit dem Straßburger Branntwein auf den Tisch, den mir der Wirt vor die Schänke geschafft.

ERZÄHLER
Wie nun die Leut kommen und versammeln sich und stehen um den Simplicius herum, packt da einen Bauernjungen der Schalk und er fragt, ob der Doktor möcht mit der Gurkenzang den Leuten die Zähn ausbrechen?

SIMPLICIUS
Ich aber nehm das Lachen rundum ohn Murren hin und sag: «Ihr Ärre et bon Frönd» – und das war eine Sprach gemischt aus dem Französisch und dem Deutsch und meiner Fantasterei, wies grad kam – «bin ich non Brech-dir-die-Zahn-aus, aber toute fois hab ich gut Tröpf für die Aug, weil, das treibt all die Flüss aus die entzündet Pupills.»

ERZÄHLER
«Ha», ruft einer dagegen, «man siehts an deine Pupills, die sich dir drehn im Gesicht wie die Mücken!»

SIMPLICIUS
Ich entgegne: «Wohl wahr, guet Männli, wenn ich aber für mich nich gehabt hätt die Augengetröpf, na, guck, da im Fläsch, wär ich längst gar blind gemüsst für all Zeit et à jamais! Doch ich verkauf ja auch gar nit die Tröpf nit, non! Aber der Theriak und der Reibgepulver für die weiße Zähn und das Wundgesalb gegen die Blutstöß will ich verkauf, und der Tröpf für die Aug schenk ich ohn Geld et sans sujet obdrauf, denn bin ich nämlich kein Schreihals und Bescheiß-dir-die-Leuts-Kerl, biet ich mein Theriak doch erst an und verkaufs, wenn Ihr sie habt probiert! Und wenn nit gefallt, so müsst nix ihr kauft von mein Theriak, n‘est-ce pas?»

ERZÄHLER
Indem hieß der Simplicius einen der Gaffer eins von den Theriakbüchslein auf dem Tisch auswählen …

SIMPLICIUS
… und ich greif zum Glas mit dem Branntwein! «Da hab ich excellent gut Wasser!» sag ich den Leut und halt ihnen das Glas mit dem Branntwein hoch. «Da trink ich Schlück Wasser aus mein Glas!», sag ich und tus … und nehm dann erbsgroß ein Stück von dem Theriak aus der Büchs heraus, lass es in das Glas mit dem Branntwein fallen: «Jeder kann sehn», sag ich, «tu ich rein in Wasser den Theriak!» – ich zerstoß es, trink wieder einen Schluck aus dem Glas und schüttel mich auch gleich in Wohlgefallen und losbrechender Gesundheit, ah! … und krieg dann mit der Zang das Möhmlein aus dem andern Glas und sag: «Seht nur gueti hin, Freund und Fraunsleut: Wann dies tres giftig Würm kann mein Theriak ohn weiters schluck und mein Theriak treibt nit aus der Leib von der Würm das schlimm Gift in Sekünd, alors, so ist mein Theriak nix nütz, dann ihr nix kauft nix ab, eh?»

ERZÄHLER
Und schon platscht die arme Kröt, die im Wasser geborn und erzogen und kein ander Element konnt aushalten, in das Glas mit dem Branntwein, und der Wunderdoktor Simplicius deckt ein Papier darüber, dass sie nicht herausspringt.

SIMPLICIUS
Da fing die Kreatur dergestalt im Branntwein an zu wüten und zu zappeln, als hätt ichs auf glühende Kohlen geschmissen – ist im Augenblick verreckt und schiebt alle Viere von sich. «Da ihrs geseht», ruf ich den Leuten zu, «hat mein Theriak aus die Mömlein mit ein Schlag all die Gift herausgetreibt und bringt zur Ruh die Mömlein, wies wird tun auch und treibt aus euer Körper die Gift und die Krankheit, garanti!»

ERZÄHLER
Die Bauern sperrten Augen und Mäuler auf. Denn: Da sie gerad untrüglich eine Probe des Wundermittels gesehn, war ihnen das Geld im Beutel jetzt locker.

SIMPLICIUS
Ich kam gar nicht nach mit dem Einfüllen und Nachfüllen und Einwickeln und Geldeinsacken. Da gabs keinen bessern Theriak in der Welt, und jeder wollt seinen Teil davon. Zehn Kronen hatt ich bis zum Abend in der Tasch – und macht mich dann auch schleunigst auf und davon und ins nächste Dorf, denn fürchten musst ich, dass eins von den Bäuerlein daheim die Prob mit dem Mömlein könnt nachtun. Und dann misslingts, und mir wird der Buckel gebläut!

ERZÄHLER
Und so – hochgeehrte Herren und großgütige Damen – geht der Simplicius weiter die Wege von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt und hinein in den Krieg und wieder heraus, und es ist noch eine lange Geschicht mit ihm, die wir aber fürs Erste nun zu einem End bringen wollen.
Eines Morgens ist er in einem Gasthof im Elsässischen erwacht, und mit dem Aufgehen der Morgensonn singt er sich ein Liedchen, das er sich ausgedacht, auf dass es ihm Mut machen soll für den Tag und eine neue Qucksalberei.

LIED
Misch ich, rühr ich, perlutier ich,
Resolvier ich insgeheim,
Calcinier und digerier ich,
Alle gehn mir auf den Leim.
Alkümistisch komprimier ich,
Meng ich Eisenwurzel ein,
Bitterlauge sublimier ich,
Tu ich Spinnenbauchspeck drein.

Hab ich Schlangenblut filtrieret
Dickgeschäumt und abgeschmeckt,
Hab mit Krötenschweiß mulltieret,
Bin ich gar nicht dran verreckt.

Hau ich Rattenzahn in Stücke,
Mach ich Liebespulver draus,
Schneid ich blaubetupfte Mücke
Rein und schmier mit Wurmfett aus.

Hab ich Medizin in Büchslein,
Hab ich Salb in Blatt gerollt,
Mal ich auf mein Büchs viel Glücksschwein,
Sag ich, dass ich Guts gewollt.

All Doktoribus berühmen
Sich, dass sie den Tod bezwängt,
Zieh ich Saft aus Butterblümen,
Streu ich drüber Kieselkrümen,
Hab ich Lebenssaft gemengt.
 
Manchmal ist es zum Heulen, dass man Einträge nach einem Tag nicht mehr überarbeiten kann. Das letzte Kapitel der Simplicius-Erzählung ist das sechste (6) Kapitel und nicht, wie es oben drübersteht, das fünfte. Zum Heulen!
JF
 

Tula

Mitglied
Gräm dich nicht, Joe, dann hat der Leser Kapitel 5 eben zweimal gelesen :)
Eine letzte Frage: in welcher Zeit ging das Stück über die Bühne?
LG
Tula
 
Hi Tula,
Gesamtspieldauer zwei Stunden mit Pause (20 Minuten). – Ich gräm mich nicht, ich ärgere mich. Gibt es für diese Beschränkung überhaupt eine Begründung? Du kennst das doch auch: Da guckst du nach einem oder zwei Tagen noch mal auf einen Text, und unvermittelt fällt dir etwas auf, das du vorher nicht gesehen hast. Mir passiert das dauernd. Ich habe schon überlegt, einige Texte von der Moderation löschen zu lassen, um sie dann (nach Überarbeitung) zwei drei Wochen später neu zu präsentieren. Das hätte den Vorteil, dass die Sachen auch wieder zur Diskussion gestellt würden.
Ich mach jetzt mal ein paar Tage Lupen-Pause, sortiere und überarbeite die Bilder-Texte (die letzten sind alle von einem Tag auf den nächsten entstanden, ist überhaupt nicht meine Arbeitsweise, hab ich als Test betrachtet) – denn: deine Anregung! Es wird ein Buch! Mitte November muss es gedruckt auf dem Tisch liegen. Im Dezember kommen einige Bühnenprogramme auf mich zu, da liegen die Bücher dann zum Verkauf aus.
Gruß Joe
 

Tula

Mitglied
Hallo Joe
Ja natürlich, geht mir auch so. Manchmal richtig blöde Fehler ... was soll's, die Begründung dafür ist rein technischer Natur.

Viel Glück mit dem Buch und den Bühnenprogrammen

LG
Tula
 

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