So tickt es

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Mondnein

Mitglied
Hallo, Binsenbrecher!
Ich gehe gleich ins Einzelne:

Wie beim Greifen so beim Denken
kann man schwer sich was verrenken.
doppeldeutig: Fällt es schwer, sich beim Denken zu verrenken? - so habe ich es beim ersten Lesen gelesen. Der weitere Fortgang kippt eher zu dem Verständnis: "schwer" ist ein bloßes Steigerungswort. Etwas flapsig von Dir hingeworfen, also wahrscheinlich nicht so ernst gemeint.
Wer da meint, ganz viel zu ticken
kann doch nur drei Meter blicken
Aus der flapsigen Redensweise, wo "ticken" für "begreifen" oder "verstandesmäßig funktionieren" steht (aber ich kann da auch danebenliegen, das ist bei neumodischen Redensarten nie ganz sicher), leite ich als Leser ab: "Wer glaubt, viel zu begreifen, ist verdammt kurzsichtig".
Das wird durch folgendes Verspaar bestätigt:
und wer klug sich wähnt und weise
hat die allergrößte Meise.
Aber welcher Besserwisser behauptet das und nimmt sich selbst von dieser Beurteilung aus?
Ist das persiflierende Selbstkritik?
Nur wer noch staunt vorm Phänomen
kann was von der Welt verstehn.
Also die Vernunft, die staunend vor einem mathematischen Beweis steht, kann von der Welt nichts verstehen?

Nein, ich stimme dem nicht zu.

grusz, hansz
 
Hallo Mondnein,

vielen Dank für Deine interpretierenden Ausführungen!

Möglicherweise hast Du dich, was eine Deutung des Textleins betrifft, intensiver damit befasst als der Autor.

Stimmt schon, so ein bisschen locker-flapsig sollte das durchaus klingen, besserwisserisch eher nicht, vielleicht skeptisch, ja, das schon.

Und ich finde, was den allgemeinen diskursiven Output, egal wo man mal intensiver reinhört, betrifft und was als Gedanke daherkommt zeigt schon, dass sich beim Denken (wie beim Be-Greifen, wenn auch die Vorsilbe dort nicht steht) oft ordentlich sich was was verrenkt wird.

Ob man einen mathematischen Beweis als Phänomen bezeichnen kann / soll, wage ich allerdings zu bezweifeln.

Grüße, Binsenbrecher
 

Mondnein

Mitglied
Lieber Binsenbrecher!

Gerade deshalb, weil der mathematische Beweis kein Phänomen ist, trifft Deine streng ausschließliche Schluß-Sentenz nicht zu, sie ist verfehlt, schlicht falsch.

Denn wer einen mathematischen Beweis nachvollzieht oder einen findet, der versteht etwas von der Welt, auch ohne irgendwelche Phänomene heranziehen zu müssen. Mathematische Erkenntnisse sind keine phainomena, sie sind nooumena, "Gedankendinge", oder wie Kant übersetzt: "Dinge an sich".

(Allerdings nicht bei Kant selbst; dort bewegen sich die mathematischen Beweise im Feld der reinen Anschauungsformen, sie sind die absolut gültigen Gesetzmäßigkeiten der Raum- und Zeit-Strukturen, "a priori", unabhängig von aller Erfahrung, zugleich Grundlage aller Erfahrung.

Sie sind - also auch bei Kant - keine phainomena, keine Erscheinungen.

Als eigentliches "Ding an sich" gilt bei Kant außerdem nur die sich selbst bestimmende praktische Vernunft, der freie Wille. Der ist damit natürlich auch kein Phänomen, das kann er gar nicht sein. Er ist ein nooumenon.)

grusz, hansz
 
Lieber Hansz,

ich weiß ja nicht, wo in meinen bescheidenen paar Reimen ich von Mathematik, Erkenntnistheorie, allgemeinen Gesetzmäßigkeiten, gar Raum- und Zeitstrukturen handele, aber schön, dass Du so etwas damit assoziieren kannst.

Nur: Daraus folgende Schlüsse gehen ganz und gar auf Dein Konto.

Insofern sind meine wenigen Zeilen vielleicht gar nicht mal so schlecht.

Ganz der Deine

Binsenbrecher
 

blackout

Mitglied
Hallo Binsenbrecher,

ja, wer kennt sie nicht, die Gescheitle, mit bösem Willen kann man aber durchaus auch den Eindruck von "Intelligenzfeindlichkeit" von deinem Gedicht gewinnen. Du verdammst die sich intellektuell gebenden Alleswisser, und das ist nicht verkehrt, nein, wahrlich nicht. Wobei intellektuell immer auch heißt: abgehoben, um den Kern des Themas herumzureden, sich selbst die Glanzrolle zu verpassen.

Was mir aber auffällt: Du kannst dich nicht entscheiden, über dieses Thema so humorvoll zu schreiben, dass es zündet, weil du vermutlich schon die allerschlimmsten Erfahrungen mit solchen Alles-und-besser-Wissern gemacht und dich noch nicht ganz davon gelöst hast. Ich lese zwischen den Versen eine anständige Prise Zorn heraus. Beispiel: die "Meise". Zu solchen Begriffen kommt man nur, wenn es immer noch ein bisschen wehtut, man macht sich Luft.

Wenn du im Gegenteil gerade die Nervtöter überwältigend loben würdest, könnte ich mir vorstellen, dass dieses Gedicht vernichtend wirken würde. So würde ich es machen, aber ich bin natürlich nicht du.

Und absolut nichts gegen die "Flapsigkeit". Man muss eben nicht immer die Seriosität bemühen.

blackout
 
Hallo blackout,
danke für Deine einfühlsame Würdigung meiner Zeilen. Da gebe ich Dir recht, dass ein - vielleicht nicht ganz offensichtliches - ironisches Hochloben von "Alles-und-besser-Wissern" stärker wäre als so eine eher schulhofmäßige Ettikettierung als Meise - dann könnte allerdings wieder etwas von der erwünschten Leichtig- oder Flapsigkeit verloren gehen.
 

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