Sodom in Bachhausen

ARIIOOL

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Franz Stachoiveß holte aus und schlug mit aller in seinem hohen Alter verblieben Kraft auf den Kopf. Das hohle Geräusch erzürnte ihn noch mehr. Es klang, als würde sich in dem mühsam zusammengezimmerten Sarg nur weitere warme Luft befinden. Alles war von dieser Hitze durchzogen. Der Raum, das Dorf und selbst seine Gedanken. Zwei weitere Schläge, und der Nagel verschwand in dem Holz. Angewidert warf er den Hammer zu Boden, wischte sich die feuchten Handflächen am Unterhemd ab und spie auf den Deckel des Sargs.
»Wie ist das? Bequem?«
Ohne auf eine Antwort zu warten, schloss er von innen die einzige Tür des Schuppens auf, öffnete sie und schaute sich um. Der Hof lag wie ausgestorben, selbst die Hühner hatten das Weite gesucht.
Die Sonne war längst untergegangen. Vom nahen Bach drangen das Gemurmel des Wassers und das nervtötende Gezirpe der Grillen herüber. Neben dem Brunnen lag die Brechstange. Er trat näher und stieß sie mit dem Fuß an.
»Herrgott, du Idiot!« Dass er sie vergessen hatte, war unverzeihlich. Er hob sie auf, hielt sie über den Rand des Brunnens und zögerte.
»Idiot und blöd dazu.« Andächtig lehnte er das Werkzeug gegen den gemauerten Brunnenrand, ließ den Eimer ab und zog ihn wieder herauf. Auf der Oberfläche des Wassers tanzten die Sterne. Mit beiden Händen griff er in das kühle Nass, als könnte er es in einem Stück herausziehen.
»Hundsfott, das brauch ich net jeden Tag«, brummte er und schlug die Hände vors Gesicht. Das Wasser ran an ihm herab, und zum ersten Mal seit Stunden überkam ihm so etwas wie Stolz. Er hatte es geschafft, alles richtig gemacht und selbst daran gedacht, mit der beschmutzten Brechstange nicht seinen Brunnen zu vergiften.
Der Geistliche hatte ihn gewarnt. Vielleicht unbewusst, doch in Franz Stachoiveß klangen dessen Worte nach, als würde er immer noch vor der Kanzel knien.
Da ließ der HERR Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra.
Für das Sodom hatten diese komischen Leute im Ort gesorgt. Dahergelaufene, die auf Traditionen schissen. Aus der einzigen Dorfkneipe war ein Bioladen geworden. Statt der lokalen Fußballmannschaft finanzierte der neue Bürgermeister Ballettaufführungen. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, dass der wahre Teufel der Erde einen Besuch abstattete. Und wenn Franz Stachoiveß eins mehr hasste als Ballett, dann war es Teufelszeug.
Er hatte ihn erwartet. Nicht so, wie man auf Regen wartet und ständig den Hals zum Himmel verrenkt. Aber vorbereitet war er gewesen. An der Hintertür des Wohnhauses die rostige Flinte und vorne die Brechstange. Keinen Laut hatte der Leibhaftige von sich gegeben, als Franz sie ihm über den garstigen Schädel zog.
»Ich sollte …« Er nickte mehrmals, goss den Eimer Wasser über die blutige Stange und schlurfte ins Haus.
»Michael, ich hab ihn erwischt«, raunte er, nachdem am anderen Ende der Leitung abgehoben wurde. Michael war sein Jugendfreund, der von sich behauptete, trotz seiner sechundneunzig Jahre nicht verkalkt zu sein. Natürlich war das gelogen, und genau deswegen waren sie Freunde.
»Das ist gut. Ich dacht schon, ihr verpasst euch.« Aus dem Hörer klang ein heiseres Lachen.
»Verpasst is gut. Die dumme Fresse hat keinen Mucks gemacht. Und morgen verbuddel ich ihn auf dem Gemeindefriedhof. Der wird schmoren, falls er noch mal aufwacht.«
»Hat uns der Arzt nicht den Fusel verboten? Du redest Mist.« Aus dem Telefon klang dumpfes Klopfen, als würde Michael mit dem Knöchel die Sprechmuschel prüfen.
»Ach, und bevor ich’s vergesse, dein Sohn ist auf die Idee gekommen, dir mitten in der Nacht sein neustes Cosplay Kostüm vorzustellen. Ich weiß, du findest dass albern, aber spring über deinen Schatten und begrüß ihn nett.«
 



 
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