Helmut Loinger
Mitglied
Schweiß auf meinen Handflächen, meine Atmung wie nach einem hundert-Meter-Sprint, ihre Hand zum Greifen nah, meine Kehle wie zugeschnürt und trocken wie ein leeres Flussbett. Ich muss sie berühren, will ihre Haut spüren. Langsam und tief atmen, ermahne ich mich. Wir sind am Boden, beide, hocken nebeneinander mit dem Rücken zur Wand, kühler Beton. Ob sie mein Herz klopfen hört? Der Akku in meinem Smartphone ist noch nicht ganz leer. Immer wenn ich hier unten im Keller sitze, stecke ich mein Headset an, Wackelkontakt links, vernünftige Tonqualität rechts. Dann das unverkennbare Ukulele-Intro, gefolgt von diesem sanften und langgezogenen uh-uh-uh … somewhere over the rainbow…
Es ist das einzige Lied auf meinem Smartphone. Ohne Internet kein Streaming, kein Radio, nichts. Ich spiele es in Dauerschleife. Solange bis der Hagel vorbei ist und wir wieder raus dürfen. Oftmals mehrere Stunden. Vorsichtig rücke ich näher zu ihr, nehme den funktionierenden Lautsprecherknopf aus meinem rechten Ohr, halte ihn ihr mit fragend hochgezogenen Augenbrauen vors Gesicht. Sie sieht mich an und sofort drohe ich, in ihren dunklen Manga-Augen zu versinken. Das warme Lächeln, das ihre Mundwinkel umspielt, lässt mich endgültig dahinschmelzen.
Where troubles melt like lemon drops…
Ich neige meinen Kopf nach rechts, näher zu ihr und stecke ihr den vom Regenbogen trällernden Knopf ins Ohr. Schon als ich dabei ihr Ohrläppchen berühre, ist es, als ob mein ganzer Körper von einem Schwall wohliger Hitze geflutet wird. In unseren Gehörgängen klimpert nun die hawaiianische Ukulele. Sie lächelt. Wir scheinen tatsächlich diesem regenbogenlosen Jetzt und Hier ein wenig entfliehen zu können. Way up high, and the dreams that you dream of…
Meine Finger wagen nun endlich, die ihren zu berühren. Sie weichen nicht zurück, bewegen sich sogar den meinen entgegen, streicheln einander. Ihr Kopf lehnt sich an meinen. Ich drücke ihre Hand. Mein Puls gleicht jetzt dem Flügelschlag eines Kolibris. Wie lange hält mein Herz das aus? Aber ich atme tief und ruhig wie ein schlafendes Baby.
Dreams really do come true…
Vor ein paar Tagen, bei einem der letzten Hagel, habe ich sie das erste Mal gesehen. Mitten in der hektischen Menge, die sich zu uns nach unten drängte, war sie plötzlich da, wie die hell leuchtende Venus am dämmernden Abendhimmel. Niemand schien bei ihr zu sein, obwohl sie von einem Menschenknäuel umringt war. Unendliche Erschöpfung stand ihr ins Gesicht geschrieben, Spuren von Panik und Todesangst. Ihr langes schwarzes Haar klebte auf ihrer Stirn und in ihrem Gesicht. Sie war wunderschön. Staub auf ihrer sonnengebräunten Haut, blutige Kratzer an ihren Unterschenkeln. Ich habe sie nicht gesucht. Man sucht alles Mögliche an solchen Orten und in solchen Zeiten, nur keine Liebe. Aber ich habe sie dennoch gefunden. Oder hat sie mich gefunden? Als sie mir nur einige Meter gegenübersaß, auf dem rissigen Betonboden, ihre Arme um die angezogenen Beine geklammert und einen Hauch von Sicherheit um sich spürte, trafen sich unsere Blicke zum ersten Mal. Ganz kurz nur, aber einen winzigen Moment länger als üblich.
Ich war außer Stande, sie anzusprechen und hätte ohnehin keinen sinnvollen Satz zustande gebracht. Sie würde beim nächsten Hagel wieder hier sein. Da war ich mir sicher. Wo sonst?
Der Wunsch sie endlich wieder zu sehen, war so groß, dass ich das irre Pfeifen der auf die Stadt herunterprasselnden Unheilbringer gefolgt von diesem erbarmungslos lauten Trommeln beinah herbeigesehnt habe. Dass dies früher oder später so kommen würde, war nicht nur mir klar. Wir haben das alles schon so oft erlebt. Todesangst und Panik wurden unsere täglichen Begleiter, sind zur Routine geworden. Und die Routine hat mit der Zeit der Angst den Schrecken genommen. Die Sehnsucht ihr nahe zu sein, war größer als jene nach Ruhe, Geborgenheit oder einem von Stille durchtränkten Himmel. Als ich vorhin in den Keller hetzte, begleitet vom Hämmern der Einschläge, sah ich sie bereits dort sitzen. Sie hat es geschafft. Ich weiß nicht, wo sie die Tage zwischen den Hageln verbracht hatte und wie sie es geschafft hat zu überleben. Jetzt hocke ich neben ihr, ganz nah.
Someday I’ll wish upon a star…
Während die friedvolle Melodie in einem Ohr säuselt und versucht, uns aus diesem Keller zu träumen, hält uns im anderen Ohr das Schluchzen der Kinder und das Jammern der verwitweten Mütter in diesem völlig überfüllten, nach Fäkalien stinkenden Schutzbunker gefangen. Draußen trommeln die Bomben im Rhythmus eines Heavy-Metal-Songs. Hier unten im Bunker besingt Israel die Schönheit der Welt wieder und wieder: what a wonderful world. Und ich kann sie tatsächlich sehen, die wundervolle Welt, weil sich unsere Hände ineinander verschlingen, sich ganz fest verschränken und Schmetterlinge in meinem Bauch flattern wie auf einer Frühlingsblumenwiese.
Bluebirds fly…
Behutsam, so dass ihr die Musik nicht verloren geht, legt sie sich seitlich auf den Boden, kauert sich zusammen wie ein Fötus im Mutterleib. Dabei zieht sie mich zu sich und ich kuschle mich von hinten an sie, lege ihr meine Wärme und
Liebe wie einen Mantel um ihren zerbrechlichen Körper. Glückshormone überfluten meine Blutbahnen, machen mich zu einem Junkie, der nicht genug davon bekommen kann.
And the dreams that you dare to dream…
Die Frau, deren Namen ich nicht kenne und deren Stimme ich noch nie gehört habe, aber mit der ich zum vermutlich fünfundzwanzigsten Mal von diesem Regenbogen träume, ist mir so nah wie ein Mensch einem nur nah sein kann. Ich beobachte mich dabei, wie ich sie unablässig streichle. Von ihrem Hals abwärts über ihren Nacken verfolgen meine Finger die Topographie ihres Körpers. Über die samtweiche Haut ihrer Schulter, entlang ihres Armes wo ich sanft über ein Tattoo gleite. David, 2.2.2018 und Samuel, 3.9.2019 lese ich und verdränge die grausamen Vorstellungen in meinem Kopf vom Verbleib ihrer beiden Söhne. Als ich ihre Hand erreiche, greift sie fest danach, will sie nicht mehr loslassen.
Luka, hauche ich ihr ins headsetlose Ohr. Ich sehe sie lächeln. Anna, haucht sie zurück, schließt ihre Augen und erfährt die Gnade eines hoffentlich alptraumlosen Schlafes.
Wann es genau aufgehört hat, kann ich nicht sagen. Irgendwann wurde es ruhig draußen, kein Trommeln mehr. Dann stiegen die ersten wieder nach oben, um sich in ihre Verschläge, Zelte und Häuser - oder was davon noch übrig war - zu verkriechen. Anna schien den Schlaf aufzuholen, der ihr in der letzten Zeit geraubt wurde. Wir sind die letzten, die den schützenden Bunker wieder verlassen. Nach einem Bombenhagel schmeckt die Luft immer nach Metall, riecht nach schwefeligem Rauch. Irgendetwas brennt immer irgendwo.
Warmer Sommerregen prasselt auf die zerbombte Stadt. Er bemüht sich vergeblich, das Unheil und den Tod aus ihr raus zu waschen. Kleine Rinnsale bilden sich auf der schlammigen Straße. Bei jedem Schritt schmatzt es unter unseren Füßen. Ich halte Annas Hand. Anna hält meine Hand. Unsere Fetzen, die wir seit langem tragen, kleben pitschnass auf unseren ausgemergelten Körpern. Als sich die fetten, grauen Wolken zurückziehen und die Sonne dazwischen durchbricht, tüncht sie den Himmel über der Stadt in warme Goldtöne. Ein schillernder Regenbogen spannt sich über die Ruinen der Stadt und zaubert ein müdes Lächeln auf unsere Gesichter. Wake up where the clouds are far behind me.
Und dieses Lächeln bleibt, selbst als wir die Umrisse der Kampfflugzeuge erkennen, die direkt aus dem Regenbogen mit dumpfem Getöse auf uns zu donnern. Anna, wir müssen zurück in den Bunker. Doch Anna sieht mich nur an, drückt meine Hand, macht einen Schritt nach vorne und summt leise …
somewhere over the rainbow…
Es ist das einzige Lied auf meinem Smartphone. Ohne Internet kein Streaming, kein Radio, nichts. Ich spiele es in Dauerschleife. Solange bis der Hagel vorbei ist und wir wieder raus dürfen. Oftmals mehrere Stunden. Vorsichtig rücke ich näher zu ihr, nehme den funktionierenden Lautsprecherknopf aus meinem rechten Ohr, halte ihn ihr mit fragend hochgezogenen Augenbrauen vors Gesicht. Sie sieht mich an und sofort drohe ich, in ihren dunklen Manga-Augen zu versinken. Das warme Lächeln, das ihre Mundwinkel umspielt, lässt mich endgültig dahinschmelzen.
Where troubles melt like lemon drops…
Ich neige meinen Kopf nach rechts, näher zu ihr und stecke ihr den vom Regenbogen trällernden Knopf ins Ohr. Schon als ich dabei ihr Ohrläppchen berühre, ist es, als ob mein ganzer Körper von einem Schwall wohliger Hitze geflutet wird. In unseren Gehörgängen klimpert nun die hawaiianische Ukulele. Sie lächelt. Wir scheinen tatsächlich diesem regenbogenlosen Jetzt und Hier ein wenig entfliehen zu können. Way up high, and the dreams that you dream of…
Meine Finger wagen nun endlich, die ihren zu berühren. Sie weichen nicht zurück, bewegen sich sogar den meinen entgegen, streicheln einander. Ihr Kopf lehnt sich an meinen. Ich drücke ihre Hand. Mein Puls gleicht jetzt dem Flügelschlag eines Kolibris. Wie lange hält mein Herz das aus? Aber ich atme tief und ruhig wie ein schlafendes Baby.
Dreams really do come true…
Vor ein paar Tagen, bei einem der letzten Hagel, habe ich sie das erste Mal gesehen. Mitten in der hektischen Menge, die sich zu uns nach unten drängte, war sie plötzlich da, wie die hell leuchtende Venus am dämmernden Abendhimmel. Niemand schien bei ihr zu sein, obwohl sie von einem Menschenknäuel umringt war. Unendliche Erschöpfung stand ihr ins Gesicht geschrieben, Spuren von Panik und Todesangst. Ihr langes schwarzes Haar klebte auf ihrer Stirn und in ihrem Gesicht. Sie war wunderschön. Staub auf ihrer sonnengebräunten Haut, blutige Kratzer an ihren Unterschenkeln. Ich habe sie nicht gesucht. Man sucht alles Mögliche an solchen Orten und in solchen Zeiten, nur keine Liebe. Aber ich habe sie dennoch gefunden. Oder hat sie mich gefunden? Als sie mir nur einige Meter gegenübersaß, auf dem rissigen Betonboden, ihre Arme um die angezogenen Beine geklammert und einen Hauch von Sicherheit um sich spürte, trafen sich unsere Blicke zum ersten Mal. Ganz kurz nur, aber einen winzigen Moment länger als üblich.
Ich war außer Stande, sie anzusprechen und hätte ohnehin keinen sinnvollen Satz zustande gebracht. Sie würde beim nächsten Hagel wieder hier sein. Da war ich mir sicher. Wo sonst?
Der Wunsch sie endlich wieder zu sehen, war so groß, dass ich das irre Pfeifen der auf die Stadt herunterprasselnden Unheilbringer gefolgt von diesem erbarmungslos lauten Trommeln beinah herbeigesehnt habe. Dass dies früher oder später so kommen würde, war nicht nur mir klar. Wir haben das alles schon so oft erlebt. Todesangst und Panik wurden unsere täglichen Begleiter, sind zur Routine geworden. Und die Routine hat mit der Zeit der Angst den Schrecken genommen. Die Sehnsucht ihr nahe zu sein, war größer als jene nach Ruhe, Geborgenheit oder einem von Stille durchtränkten Himmel. Als ich vorhin in den Keller hetzte, begleitet vom Hämmern der Einschläge, sah ich sie bereits dort sitzen. Sie hat es geschafft. Ich weiß nicht, wo sie die Tage zwischen den Hageln verbracht hatte und wie sie es geschafft hat zu überleben. Jetzt hocke ich neben ihr, ganz nah.
Someday I’ll wish upon a star…
Während die friedvolle Melodie in einem Ohr säuselt und versucht, uns aus diesem Keller zu träumen, hält uns im anderen Ohr das Schluchzen der Kinder und das Jammern der verwitweten Mütter in diesem völlig überfüllten, nach Fäkalien stinkenden Schutzbunker gefangen. Draußen trommeln die Bomben im Rhythmus eines Heavy-Metal-Songs. Hier unten im Bunker besingt Israel die Schönheit der Welt wieder und wieder: what a wonderful world. Und ich kann sie tatsächlich sehen, die wundervolle Welt, weil sich unsere Hände ineinander verschlingen, sich ganz fest verschränken und Schmetterlinge in meinem Bauch flattern wie auf einer Frühlingsblumenwiese.
Bluebirds fly…
Behutsam, so dass ihr die Musik nicht verloren geht, legt sie sich seitlich auf den Boden, kauert sich zusammen wie ein Fötus im Mutterleib. Dabei zieht sie mich zu sich und ich kuschle mich von hinten an sie, lege ihr meine Wärme und
Liebe wie einen Mantel um ihren zerbrechlichen Körper. Glückshormone überfluten meine Blutbahnen, machen mich zu einem Junkie, der nicht genug davon bekommen kann.
And the dreams that you dare to dream…
Die Frau, deren Namen ich nicht kenne und deren Stimme ich noch nie gehört habe, aber mit der ich zum vermutlich fünfundzwanzigsten Mal von diesem Regenbogen träume, ist mir so nah wie ein Mensch einem nur nah sein kann. Ich beobachte mich dabei, wie ich sie unablässig streichle. Von ihrem Hals abwärts über ihren Nacken verfolgen meine Finger die Topographie ihres Körpers. Über die samtweiche Haut ihrer Schulter, entlang ihres Armes wo ich sanft über ein Tattoo gleite. David, 2.2.2018 und Samuel, 3.9.2019 lese ich und verdränge die grausamen Vorstellungen in meinem Kopf vom Verbleib ihrer beiden Söhne. Als ich ihre Hand erreiche, greift sie fest danach, will sie nicht mehr loslassen.
Luka, hauche ich ihr ins headsetlose Ohr. Ich sehe sie lächeln. Anna, haucht sie zurück, schließt ihre Augen und erfährt die Gnade eines hoffentlich alptraumlosen Schlafes.
Wann es genau aufgehört hat, kann ich nicht sagen. Irgendwann wurde es ruhig draußen, kein Trommeln mehr. Dann stiegen die ersten wieder nach oben, um sich in ihre Verschläge, Zelte und Häuser - oder was davon noch übrig war - zu verkriechen. Anna schien den Schlaf aufzuholen, der ihr in der letzten Zeit geraubt wurde. Wir sind die letzten, die den schützenden Bunker wieder verlassen. Nach einem Bombenhagel schmeckt die Luft immer nach Metall, riecht nach schwefeligem Rauch. Irgendetwas brennt immer irgendwo.
Warmer Sommerregen prasselt auf die zerbombte Stadt. Er bemüht sich vergeblich, das Unheil und den Tod aus ihr raus zu waschen. Kleine Rinnsale bilden sich auf der schlammigen Straße. Bei jedem Schritt schmatzt es unter unseren Füßen. Ich halte Annas Hand. Anna hält meine Hand. Unsere Fetzen, die wir seit langem tragen, kleben pitschnass auf unseren ausgemergelten Körpern. Als sich die fetten, grauen Wolken zurückziehen und die Sonne dazwischen durchbricht, tüncht sie den Himmel über der Stadt in warme Goldtöne. Ein schillernder Regenbogen spannt sich über die Ruinen der Stadt und zaubert ein müdes Lächeln auf unsere Gesichter. Wake up where the clouds are far behind me.
Und dieses Lächeln bleibt, selbst als wir die Umrisse der Kampfflugzeuge erkennen, die direkt aus dem Regenbogen mit dumpfem Getöse auf uns zu donnern. Anna, wir müssen zurück in den Bunker. Doch Anna sieht mich nur an, drückt meine Hand, macht einen Schritt nach vorne und summt leise …
somewhere over the rainbow…