Sommer

4,30 Stern(e) 3 Bewertungen
Sommer

Auf der Einbahnstraße schmilzt der Teer,
Und der blinde Mann verliert den Stock,
Hört und guckt und sagt: «Ich danke sehr!»
Und es riecht so angenehm nach Wind und Rock.

«Können kleine Kinder Kinder kriegen?»
Fragt der Pit die Tutti, die er liebt,
Während sie im Schwimmbadschatten liegen.
«Viel zu heiß, als dass es sowas gibt.»

Hannchen Hacke legt sich nackt auf die Terrasse,
Weil der Nachbar, wie sie hörte, schwer begreift,
Und vorübertrampelt eine Bubenklasse,
Welche angesichts der Dinge pfeift und reift.

Sonntagabends stürzt sich jemand vom Balkon,
Wegen Paul, weil der mit Dido geht.
Über dunkle Dächer steigt ein Luftballon
Und ist leise, leise weggeweht.
 

Oscarchen

Mitglied
Hi Joe,
Zwei Strophen mehr hätten nicht geschadet.
Reizende Dialoge.
Wie immer frei weg von der Leber!
LG
Oscarchen
 
Schieb ich demnächst vielleicht nach, Oscarchen. Habs gerade mit den Sommergedichten. Das für meinen Geschmack schönste dieser Gattung hat Ulrich Scheele geschrieben – es ist kurz, ich zitiers mal (in der Hoffnung, dass man es nicht weglöscht). Übrigens ein seltenes Exemplar humoriger Dichtung in freien Rhythmen:

Im Sommer
Steckten sich die Freunde
Meines älteren Bruders
Tannenzapfen in die Badehose
Und stolzierten damit
Vor den verschämt wegschauenden Mädchen
Auf und ab.
Dieser Betrug flog auf
Als ich mir
Zwei Tannenzapfen
In die Badehose
Steckte.

Gruß Joe
 

Tula

Mitglied
den Trick muss ich merken :)

die letzte Strophe wäre in ihrer Tragik vielleicht nicht notwendig gewesen. Ich rede mir jetzt ein, dass es der Balkon vom Erdgeschoss war

LG
Tula
 
Hi Tula,
dieses Werk ist ein Zusammenschluss von Stimmungsbildern – und das ist das Problem bei der Sache. Aus jeder der vier Strophen könnte man eine eigenständige Geschichte machen, und Oscarchens Hinweis, er hätte gern noch zwei Strophen dazugehabt, deutet es an: Es ist ein Endlosgedicht, es passt immer noch eine Strophe dran. Aber auch nach fünfzehn Strophen wird nichts Zusammenhängendes daraus werden, es bleiben fünfzehn Farbtupfer. Das war mir zu Beginn blödsinnigerweise nicht bewusst, ich hab drauflosgesommert, der Tag heute ist verantwortlich.
Noch ein Wort zum Tannenzapfen-Gedicht: Wenn du es dir noch einmal ansiehst. es plätschert so dahin, dann macht der Vortragende eine Pause, keine Einsekunden-Pause, es werden drei Sekunden, bei ausgeprägtem Publkumsgespür des Vortragenden können es fünf Sekunden werden – dann sagt er "zwei Tannenzapfen" – du kannst dir das Gelächter im Publikum nicht vorstellen, das dann losbricht. Der Mut zur Pause entscheidet über die Wirkung des Gedichts.
Gruß Joe
 

Tula

Mitglied
Kann ich mir gut vorstellen! - ich musste in der Tat zweimal lesen, um den Gag zu kapieren :)
Grüße
Tula
 

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Joe,

dieses Gedicht verbindet auf ausgezeichnete Art Schmunzeln mit einem Schuss Melancholie.
Die letzte Strophe ist ein passender Abschluss.
Sehr gerne gelesen!

Liebe Grüße
Manfred
 
Danke für die Aufmunterung, Manfred. Den "Schuss Melancholie" nehme ich als stimmigen Abschluss einer "unendlichen Impression". Eine durchgehende "Handlung" hätte die Sache vielleicht einfacher gemacht.
Gruß Joe
 

Franke

Foren-Redakteur
Teammitglied
Hallo Joe,

ein Gedicht muss keine durchgehende Handlung haben, es kann auch aus Impressionen bestehen und trotzdem funktionieren.
Aber genau das wurde mir bei einer Kurzprosa auch schon vorgeworfen.

Liebe Grüße
Manfred
 
Hallo Manfred,
Anfang Oktober werde ich es "aus Trotz" mit ein paar Impressionen zu einem Herbst-Gedicht noch einmal versuchen. Habe mir gerade Kästners "Juni" angesehen (aus seiner wunderbaren Sammlung "Die dreizehn Monate") – auch das eine Folge kleiner Impressionen mit Knallpointe.
Gruß Joe
 
Zuletzt bearbeitet:

Oben Unten