Sommer in Berlin

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Es ist heiß in Berlin.

Unserem Haus sieht man an, es wäre einmal gern höher geworden. Wegen der Ein- und Abflugschneise von Tegel ist es seinerzeit, in den Sechzigern, sozusagen nur ein Bonsai-Hochhaus geblieben. Es ist heute nicht nur heiß, sondern auch laut – Hochbetrieb am Himmel, alle fünfundsiebzig Sekunden ein alles andere niedermachendes Dröhnen, etwa zehn Sekunden lang. Wie lange überhaupt noch? Jedenfalls muss man gut durchlüften, bevor man zu Bett geht, bei wieder geschlossenem Fenster. In der Abenddämmerung stehe ich am geöffneten und höre mit Kopfhörern Musik. Die Auswahl des Titels richtet sich nach diesem akustischen Umfeld. Alle eineinviertel Minuten löscht der Krach am Himmel zehn Sekunden lang auch die stärksten Klänge aus. Minimal Music geht natürlich immer, doch auch Schuberts Sinfonien erweisen sich als robust, bei ihren himmlischen Längen verpasst man, regelmäßig kurz unterbrochen, nicht viel. Ich höre seine Dritte und senke den Blick hinaus auf den Parkplatz und sehe unten einen Fuchs schnüren – nein, er schnürt nicht, er läuft geradewegs zur Straße. Dabei trägt er etwas im Maul, das wie eine hellbraune Damenhandtasche aussieht – ein erbeutetes Kaninchen. Er kennt sich aus, achtet auf den Verkehr, überquert den Fahrdamm und verschwindet Richtung Städtischen Friedhof, da wohnt er wohl – gesegnete Mahlzeit!

Ganz Berlin steht jetzt im Zeichen von Barack Obama. (Oder auch nicht.) Und festlich rosa lackiert die Zehennägel der jungen Sandalenträgerin, in der U-Bahn neben der Tür stehend, am anderen Morgen. Die U 6 hält auf dem Bahnhof Naturkundemuseum. Ein großer schwarzer Mischlingshund, der hinausgeführt wird, zögert beim Aussteigen. Die rosa Zehen interessieren ihn, er beginnt zu schnuppern, nähert sich ihnen immer mehr mit der Schnauze. Die beiden Füße werden nacheinander zurückgezogen, soweit es nur geht auf dem knapp bemessenen Raum, eine Gebärde eigener Art, seltsam keusch. Der schwarze Hund wird von seiner Halterin hinausgezerrt. Die Füße mit den rosa Zehennägeln entspannen sich rasch.

Der Staatsbesuch spornt die Zeitungsschreiber zu vielen und langen Artikeln an. Einer faselt von der Frettchenjagd auf Kaninchen. Das hat jetzt, glaube ich, eher weniger mit Obama zu tun, die Hitze entschuldigt mich vielleicht … Aus der Zeitung erfahre ich also, dass die kleinen bejagten Kaninchen zumeist noch blind sind. Doch dieses hier auf dem Urnenfriedhof Seestraße sieht mich aus weit geöffneten Augen an, nur wir beide auf dem weichen grünen Rasenteppich vor dem altrosafarbenen Block des Mahnmals für die Opfer des Faschismus weltweit. Das vereinsamte und etwas abgewetzte Denkmal scheint von einer Mär aus alten Tagen zu künden. (Könnte man meinen.) Das Kaninchen traut mir nicht, rennt weg und verschwindet in der umrahmenden Hecke.

Viel mehr los war zuletzt an einem anderen Mahnmal auf demselben Friedhof, dem für den Aufstand vom 17. Juni 1953. Wie viele Kränze da noch unverwelkt liegen … Ich lese die Aufschriften auf den Schleifen und vermute, es muss eine Kranzniederlegungsordnung geben. Wessen Kranz darf wo liegen? Oben auf dem langen Sockel natürlich die von CDU und FDP und, merkwürdig, auch der vom Land Brandenburg, das eine Zeitlang gern als kleine DDR geneckt wurde. Vor dem Mäuerchen dann das Gewimmel der Kondolierenden, die SPD als Weltkind in der Mitten, Kranz an Kranz mit Grünen, Piraten usw. Wo aber kommen, pardon: legen die Linken nieder? Sozusagen isoliert am Gedenkkatzentisch – ein kleiner Fußpfad trennt ihre Kränze sorgsam von denen der Mitte.

Auf den Friedhof habe ich mich vor der Hitze geflüchtet, aber ich muss zur U-Bahn, eine Verabredung einhalten. Unterwegs noch eine Begegnung am Weg – ein Eichhörnchen. Zur Stunde, als Barack Obama seine begierig erwartete Rede hinter Panzerglas hält, als über Hundert der sorgsam Ausgesuchten vor dem Panzerglas, schon stundenlang ausharrend, dehydriert kollabieren, zu dieser Zeit sitzt der Eichkater im grünen Schatten auf einem Grabstein, ganz oben, bloß um eine Nuss zu benagen. Wir beäugen uns, dabei entgleitet ihm die Nuss, er saust zu ihr runter und mit ihr in die nächste Hecke. Tut mir leid, dass ich dich irritiert habe.

Es ist Spätnachmittag. Auf der schattenlosen Kreuzung Seestraße / Müllerstraße müssen es vierzig Grad oder mehr sein. Dennoch ein Gewühle wie immer: Kampf der Wagen und Gesänge.
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Die Gegensätze zwischen einem Staatsbesuch und dem ganz alltäglichen Leben hast du gut eingefangen. Das ist natürlich der Reiz des Textes: Das Leben geht weiter, während viele ein großes Gehabe um den Staatsgast machen.
Vor allem der Fuchs amüsiert, lebt er doch in der Großstadt, wo er auch satt wird. Aber davon war schon öfter zu hören.
Diesen Text habe ich gern gelesen, mal etwas ganz anderes zum Thema Obama in Berlin!
LG Doc
 
Danke, DocSchneider. Bestärkend, wenn die mit einem Text verbundene Hauptabsicht vom Leser so gut herausgearbeitet wird.

Natürlich ist der Obama-Besuch und seine mediale Überrepräsentanz nur eines von immer neuen Beispielen. Ich denke, Zeitungen und Fernsehen schaden sich selbst, wenn sie sich tagelang allzu sehr auf ein einzelnes Thema konzentrieren - und nebenbei reiten sie es auch noch tot.

Schönen Nachmittagsgruß
Arno Abendschön
 

John Wein

Mitglied
Schau mal an, ich habe jenen Arbeitsbesuch der Kanzlerin in der Hauptstadt selbst weilend am linken Rand Europas gar nicht mitgekriegt. Aus diesem verständlichen Grund will mir eine genuine Beziehung rotlackierter Fußnägel im Verein mit Schuberts Sinfonien, Kranzniederlegungen an Mahnmalen und einem jagenden Füchschen zu Obamas Welt nicht recht - oder sollte ich sagen links- einfallen. Eine harte Nuss also für ein Eichhorn wie mich! Aus jener entfernten Ecke und ohne lokales Brennglas geraten solcherart bewegende Weltereignisse zum bunten Kaleidoskop des alltäglichen Einerleis.
Doch zumindest weiß ich nun, was in Groß-Tegel und Umgebung schweißtreibend los war, als ich selbst quälerisch durch spanisches Schmuddel Wetter (the rain in Spain…) mein Alter Ego stählte.
JW
 
Dank auch an dich, John Wein, für deine amüsant formulierte Kritik. Ja, es ging mir gerade darum, möglichst Disparates in einem kleinen Text unterzubringen, das öffentlich Aufgeblasene in Kontrast zum uninszenierten Alltagsleben zu setzen.

In einem Punkt will ich dir wenigstens noch widersprechen: Dieser Obama-Besuch mit seinen Seltsamkeiten, seinem Befremdlich-Peinlichem, rubriziert für mich nicht unter "täglichem Einerlei". Vorher gedacht als große Geste, geriet er eher zum Einschnitt im Sinn von Tiefpunkt.

Schönen Abendgruß
Arno Abendschön
 

DocSchneider

Foren-Redakteur
Teammitglied
Da der Obama-Besuch fast auf den Tag genau mit Kennedys berühmter Rede vor 50 Jahren zusammenfiel, bekam er noch eine besondere Bedeutung.
Hätte man Kennedy damals prophezeit, dass 2013 ein schwarzer amerikanischer Präsident in einem wiedervereinigten Berlin sprechen würde, Deutschland eine Kanzlerin und einen Bundespräsidenten aus der ehemaligen DDR hätten - er hätte das niemals geglaubt.
Von daher hatte der Besuch Obamas schon einen Reiz.

Aber wie du schon sagst, Arno, die mediale Ausschlachtung war schrecklich, aber das ist ja leider mit allen Themen so, ein paar Tage Hysterie, danach wendet man sich dem nächsten Sturm zu ....
 

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