Sonia und Bertolt

Das Fenster, auf das einer der weißen Vögel zuflog, war leicht geöffnet, um den Sommer herein und den Geschmack der Vergangenheit herauszulassen. Es lag im dritten Stock einer Reihe von Wohnhäusern, die sich am Rand des Stadtkerns befanden und schaute hinab auf eine Reihe von Bäumen, die einen Schatten auf die zwischen den Häuserreihen liegende Straße warfen. Autos fuhren darüber durch diese Schatten.
Menschen liefen vorbei durch diese Schatten. Die Kronen der Bäume jedoch waren in Sonnenlicht getaucht und vom Fensters aus fühlte man sich wie auf einer Bergspitze oder in einem Flugzeug über den Wolken. Auf der anderen Seite der Straße brachen weitere gebirgige Wohnhausreihen durch das belaubte
Hindernis und räkelten sich im Sonnenlicht. Von diesem leicht geöffneten Fenster schaute Sonia hinunter, stützte ihre nackten Arme auf der rissigen Farbe der Fensterbank ab und betrachtete verträumt die vorbeischlendernden Menschen.

Von der Höhe des dritten Stocks aus beobachtete sie die Maxim Gorkis, Kuprins, Bloks, Sologubs, Remizovs, Averchenkos, Tchornys, Kuzmins, Bunins... und all die anderen, dort unten umherlaufend wie kleine Ameisen. Sie pfiff ein paar zufällige Takte und schloss dann ihre Augen, um ihre Lider von der Sommerluft wärmen zu lassen. Der kleine weiße Vogel auf dem Fenstersims ahmte diese chaotische Melodie für einen Moment nach, bevor er mit den Flügeln schlug und sich erneut in die Luft schwang. Sonia
sah, wie er hoch zum Himmel hinaufstieg um sich dann von den Schüben der Sommerluft tragen zu lassen. Die Leute am Boden schauten noch immer nach Ameisen aus.

Sie drehte den Rücken zum Fenster. Mit dem Gefühl der Wärme auf ihrer nackten Haut musterte sie das winzige Schlafzimmer und orientierte sich zum ersten Mal seit sie hierher gekommen war. Im Dunkeln war ihr die rote Tapete lila erschienen, das kleine Zimmer schien geräumig, das Durcheinander als Jugendstildekoration. Sie schaute auf die beiden Weingläser, eins leer, eins halbvoll und fragte sich,
welches ihres war. Ihre Hand glitt durch das schwarze Haar, nachtschwarz fast bis auf die lila Strähnen. Das Zimmer roch nach Alkohol, nach Alkohol und Schweiß. Ihr fiel auf, wie clichéehaft der Raum war, voll von "der Morgen danach"-Atmosphäre, wie sehr er sich nach ausgetauschten Telefonnummern anfühlte. Zerstreute Kleidungsstücke, zerwühlte Bettlaken, ein abgestellter Wecker. Und zwei nackte Körper. Sie dachte daran, sich wieder ins Bett zu legen, weiße Farbe zu nehmen und um sich und ihren Liebsten zu streichen. Sich selbst in einer romantischen Mordszene verewigen. Der verschüttete Rotwein auf dem Bettlaken sah aus wie Blut.

Draußen fuhr ein großer Lastwagen vorbei. Das Geräusch klang wie ein tief gestrichener Ton auf einem Kontrabass. Auf seiner Ladefläche klapperten leere Flaschen wie die Tasten eines Konzertflügels. Die raschelnden Blätter ergaben dazu eine süße Percussioneinlage, und der leichte Wind lümmelte sich über dem ganzen Stück. Die Musik erhob sich in ein kurzes Crescendo, ließ genauso schnell wieder nach und die alles umgebende Stille setze wieder ein. Ihre Gedanken stiegen im Zimmer auf und ab wie kleine Papiervögel die über dem schlafenden Geliebten kreisten, darauf wartend, dass er erwachte, sie aus der Luft pflückte, auseinander faltete und die Verse lies, die nur für ihn allein bestimmt waren. Wie er so dalag, total in sein Bettlaken eingewickelt. Genauso eingewickelt wie die Gedanken in seinem Kopf, verschlossen
hinter Träumen und Phantasien. Sie weigerten sich, sich zu offenbaren, sich ins Bild einzufügen und zusammen mit ihren Papiervögeln umher zu schweben, weigerten sich davor, die Grenzen seines Kopfes zu überschreiten. Sie fragte sich warum sie ihn nicht schälen konnte, ihn nicht dazu bringen konnte, ein Körnchen Wahrheit zu sprechen, oder wenigstens ein wenig Klarheit von ihm zu bekommen. Warum gab es einen Unterschied zwischen ihm und ihr? Sie wusste es nicht, aber nahm an, dass es so war.

Wann immer er sich weigerte, sich ihr zu öffnen, wann immer er nichts mehr zu sagen hatte, wollte sie es so sehr von ihm hören, dass sie sich dazu in der Lage fühlte, seine Brust aufzureißen und ihr Ohr an sein schlagendes Herz zu pressen. Er lief weiterhin von ihr fort, und sie wünschte sich sie könne seine Riesenschritte unterbrechen damit er in ihre Arme fiel. Immer wenn er an die Decke starrte wünschte sie
sich, sie könne sich selbst an der Gipsdecke kreuzigen damit er statt dessen in ihre Augen starrte. Es gab Nächte, da wünschte sie sich, eine winzige Kreatur zu sein die durch sein Ohr wanderte während er schlief, und die ganze Nacht mit seinen Gedanken tanzte. Es gab wenige Augenblicke, in denen es ihr wenigstens ein bisschen gelang, ihn dazu zu bringen, hinter dem von ihm selbst vernagelten Bretterzaun
hervorzukommen. Immer wenn er sich aus seinem Gefängnis heraus grub, verspürte sie Augenblicke die der Verzückung tausender Engel glichen.

Es gab Abende, an denen sie beide im Bett saßen und lasen, sie russische Theaterstücke, er Gedichte von Bédard. Er konnte aber nicht leise lesen und so legte die ihre Tragödie weg und hörte zu, wie seine Stimme sang. Er hatte eine so schöne Stimme, aber es war ihm nicht bewusst, dass oft die Worte die er las ihren Gedanken über ihn sehr ähnelten. Ihre Sorge über seine inselartigen Gedanken waren tintenverkleckste Offenbarungen in den vom ihm laut gelesenen Worten. Manchmal glaubte sie aber auch, er parodierte einfach seine Unfähigkeit, ihr gegenüber Gefühle zu zeigen. Dann wieder fragte sie sich, ob er vielleicht diese Parodie als eine Art Hand nutze, die sich nach ihr ausstreckte.

Sonia ging langsam zum Bett herüber und küsste ihren Liebsten auf den Mund. Ein leichtes Ausatmen schien wie eine Antwort, doch noch verblieb er in seiner Traumwelt. Sie setzte sich vorsichtig auf die Bettkante, schlug ihre Beine übereinander und überlegte, ob sie ihn wecken sollte. Überlegte, was sie wohl heute zusammen machen würden. Überlegte, ob sie abends zusammen ausgehen würden. Eins der
Gefühle, das um sie herum durch die Atmosphäre geschwebt war, landete neben ihrem Fuß. Sie schaute hinunter auf die in eine Origamitaube gefaltete Regung, hob sie auf und entfaltete ihre Flügel zwischen ihren Fingern, passte genau darauf auf, bloß keine der Federn zu zerreißen. Nach einer Ewigkeit des Entfaltens hielt sie ein kleines beschriftetes Stück Papier in ihrer Hand. Dann beugte sie sich über ihren
Geliebten und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Er drehte sich um und küsste sie sanft, dann blitzten seine Augen auf und er war hellwach, obwohl er doch so fest geschlafen hatte. Sie musste grinsen und küsste ihn wieder.

Bertolt gähnte. Seine Augen starrten an die Zimmerdecke. Manchmal zog er in Gedanken Muster durch die Rillen des Stucks und stellte sich vor, die Decke wäre ein neues, weites Sonnensystem und dass er der einzige Astronaut sei, der die verschiedenen Sternzeichen auf Karten verzeichnen könne. Dafür, dass er Sonia seit vier Wochen kannte, wusste er sehr wenig über sie. Er wusste, sie mochte Filme mit Untertiteln, Kartoffelpüree, sie schlief meistens mit dem Rücken zu ihm, musste lachen, wenn er ihre Brust berührte
und sprach manchmal Russisch am Morgen, wenn sie noch müde war. Bertolt konnte kein Russisch. Sie hatten sich an der Fährstation getroffen, wo er an einem kalten Morgen saß und eine Zigarette rauchte. Er konnte sich nicht mehr an den Grund erinnern, warum er da saß. Eigentlich rauchte er gar nicht.

Er hatte seine Tasche in der einen Hand, und seine Fahrkarte nach Russland in der anderen. Dann hielt er an, um Sonia den Weg zu erklären. Nachdem sie zwei Tage in seinem Bett, den umliegenden Kneipen und den diversen Kinos der Stadt verbracht hatten, fiel ihm auf, dass er nie die Fähre nach Russland betreten hatte. Außerdem hatte er vergessen, was er eigentlich in Russland wollte. Aber er wusste, dass sie die
einzige Frau war mit der er für den Rest seines Lebens zusammensein wollte.

Die Sonne goss eine Aura um Sonia, ein weißes Leuchten um ihren leicht gebräunten Körper. Sie lächelte wieder und stand dann auf, die Lichtstrahlen durchbrachen die Barriere, blendeten ihn, zerborsten an der Wand und durchfluteten das Zimmer. Als er wieder aufsah, sah er Sonias Gedanken durch den Raum schweben, jeden Morgen beobachtete er sie, meistens war er so damit beschäftigt, ihre Gedanken zu betrachten, dass er vergaß, selbst welche im Raum zu verteilen. Meistens lag er da wie ein Baby, dass die Bewegungen des Mobiles unter der Zimmerdecke verfolgt. Ihm war klar, dass er mehr von seinen eigenen Gefühlen dazusteuern sollte, aber so sehr er es auch versuchte, er konnte es nicht.

Bertolt setzte sich auf und sah Sonia an. Sie schauten sich beide an. Er lächelte, sie lächelte. Sie hob eine Augenbraue, er legte den Kopf in den Nacken und ließ den Blick zur Decke gleiten bevor er ihn wieder auf sie richtete.

"Bertolt..."
"...Sonia."
"Bist du jemals zuvor verliebt gewesen?"
"Ich glaube nicht, kann mich nicht erinnern."
"Wie meinst du das, du kannst dich nicht erinnern?"
"Na ja, vor Ewigkeiten war ich mal in ein Mädchen verliebt... aber ich habe sie längst vergessen."
"Aber wie konntest du sie vergessen?"
"Wer seine erste Liebe nicht vergisst, wird seine letzte nie erfahren..." Er flüsterte sich die Worte eher selbst zu.
"Ich liebe dich..."
"Ich liebe dich auch."

Sie schauten sich für eine Weile an, Bertolt fühlte sich befangen, Sonia unbehaglich. Sie fragte sich immer noch, welches ihr Glas war, das halbvolle oder das leere. Bertolt lehnte sich zurück und starrte an die Decke, Sterne zählend. Sonia schüttelte ihr schwarzes Haar mit den lila Strähnen und seufzte. Ihre Hand berührte sein Knie, aber er wich zurück. Als er die Augen wieder schloss, stand sie auf, schaute sich im Zimmer um, überlegte, was sie heute machen wollte und pfiff eine falsche Melodie. Sie hob ihre Hände und tat, als dirigiere sie ein Orchester. Sie dachte an Russland, berührte den abgebrochenen Fingernagel an ihrer Hand und hatte für einen Augenblick ihre Zweifel. Sie sah, wie ihre Gefühle noch immer ziellos um sie schwebten und überlegte, ob ihr Geld für Frühstück reichen würde. Sonia liebte Bertolt.

Und Bertolt liebte Sonia. Er öffnete die Augen und überlegte, ob er noch was zum anziehen hatte. Er dachte an sich als kleinen Jungen, versuchte sich an die Strophe eines Gedichts zu erinnern und betrachte Sonia, wie sie sich aus dem Fenster lehnte.

Er drehte sich auf die Seite und hatte für einen Augenblick seine Zweifel. Er wollte mit ihr schwimmen gehen. Er überlegte, was er sagen sollte. Er wollte durch ihre Augen hindurch schauen. Er überlegte, ob er genug Geld hatte, um für sie beide Frühstuck zu kaufen.

"Sollen wir an den Strand gehen? Es ist ein schöner Tag..." fragte Bertolt plötzlich.
"Können wir da frühstücken?"
"Warum nicht?"
"Kann ich am Strand Muscheln sammeln?"
"Bekomme ich einen Kuss?"
"Hmmm, na ja... ich glaube schon."
Sonia ging zu ihm herüber. Sie lächelte. Er setzte sich auf und streckte eine Hand nach ihr aus. Sie küssten sich.
"Sollten wir uns nicht anziehen?" fragte Bertolt.
"Gute Idee. Kann ich mir von dir ein Paar Strümpfe ausleihen?"
"Wenn ich noch ein sauberes Paar habe..."

Plötzlich wurde Sonia klar, warum Bertolts Gedanken nicht herumschwebten wie ihre. Sie konnten es gar nicht. Sie waren keine Vögel, sondern eher Fische und schwammen in seinem Inneren. Sie waren wie Seepferdchen oder Delphine, aber wahrscheinlich nicht wie Aale oder Wale. Auf jeden Fall konnten sie nicht fliegen wie ihre Vögel. Sie konnten nicht einfach aus ihm herauskommen und um sie schweben. Aber das hieß nicht, dass sie sie nicht sehen konnte. Sie musste ihm einfach mehr in die Augen sehen, ihn von nun an besser beobachten. Sie fragte sich, ob, wenn sie seine Gefühle einfach aus ihm herauszog, sie sich hin und her drehten wie Fische auf dem Trockenen, und dann verendeten. Sie entschied sich dafür, es erst gar nicht zu versuchen und lächelte sich selbst im Spiegel an während sie sich anzog. Einer ihrer
Papiervogelgedanken glitt an Bertolts Auge vorbei, er beobachtete wie er erst näher kam und dann mit ausgestreckten Flügeln wieder aus seiner Sichtweite verschwand. Für einen Moment trank der Vogel aus dem Wasser seines Blicks, die Fische sahen ihm dabei zu und der kleine Vogel schaute mit einem naiven Interesse zurück. Wieder schien die Sonne in das Zimmer und versetzte die Szene mit allen Spektren ihres Lichts. Sonia beugte sich vor und küsste Bertolt auf die Schulter, der den Kopf zur Seite drehte und mit gehobener Augenbraue lächelte. Dann zogen sie sich weiter an. Bertolt hatte sogar zwei Paar saubere
Strümpfe gefunden.

Als das Paar die kleine Wohnung verließ, blieb das Fenster geöffnet um die frische Sommerluft hereinzulassen. Als sie auf die Straße hinaustraten, sahen auch sie von diesem Fenster im dritten Stock aus wie kleine Ameisen.
 

flammarion

Foren-Redakteur
Teammitglied
hallo girl,

wenn du die paar fehlerchen ausmerzt, ist das eine wundervolle, ja geradezu lyrische geschichte. recht erbaulich und erfreulich. kurzum - gefällt mir ausgezeichnet. ganz lieb grüßt
 

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