Sonnwendfeuer

Längst war der Scheiterhaufen angerichtet. Meterhoch stapelten sich kleine und mittelgroße Äste. Bei Anbruch der Dunkelheit würde man ans Anzünden gehen.
Paul strawanzte auf dem wuseligen Sportplatz umher. Auf dem Rasen, wo normalerweise die Dorfjugend johlend Fußbälle kickte. Für Paul war das alles fremdartiges Neuland. Obendrauf auf dem riesigen Holzhaufen war eine Strohpuppe festgebunden. Paul schielte mitleidig zu der Figur empor. Er fühlte sich an eine Zeit erinnert, da man Menschen, die irgendwie anders waren, dort oben festgebunden hatte.
Wie üblich schlichen sich die Krawallmacher von hinten an, um Paul zu erschrecken. Martin, Lukas, Mick und wie sie nicht alle hießen. Die Namen der Nachbarskinder kannte Paul noch immer nicht so recht. Vor allem die, die ihn nach Möglichkeit piesackten, wollte er am liebsten gar nicht erst in seinem Kopf abspeichern. Glücklicherweise hatte er nicht viel mit den Burschen aus dem Ort zu tun. Sie gingen in ihre Schule unten am Marktplatz und Paul wurde für den Schulbesuch in die nächste Stadt gefahren, wo es entsprechende Einrichtungen für ihn gab. Im Notfall beschützte ihn auch sein kleiner Bruder und prinzipiell war Paul achtsam. So gelang es der Bande auch diesmal nicht, Paul zu überraschen. Aus den Augenwinkeln hatte Paul längst gesehen, dass die Horde heranstürmte. Sein peripheres Sehen war ausgezeichnet, besser als bei den meisten Menschen. Geschickt wich er aus, als ihm der dicke Mick einen Schubs geben wollte. Micks Stoß ging ins Leere und so taumelte er selbst krachend ins aufgetürmte Holz hinein. Ein Feuerwehrmann, der aus Sicherheitsgründen anwesend war, schimpfte. Weil er aber Micks Vater war, schimpfte er nur wenig.
Pauls Eltern hatten nichts mitbekommen. Sie saßen hinten beim Vereinshaus und aßen gegrilltes Bauchfleisch mit Kartoffelsalat. Nur auf Philipp war Verlass. Pauls Bruder war zwar erst neun, aber couragiert. Philipp hatte zugeschaut und lief vom Grillstand herbei. Er stellte sich gegen Mick auf, der zwei Köpfe größer war und fragte ihn, was das soll.
„Gar nicht wahr! Ich wollte ihn gar nicht schubsen“, log Mick. „Was muss mir dein taubstummer Bruder auch immer im Weg stehen?“
„Man sagt nicht ‚taubstumm‘, sondern gehörlos“, erklärte Philipp zum wiederholten Mal, ohne Hoffnung, dass es sich der dicke Mick diesmal merken würde.
„Wieso? Wo ist der Unterschied?“ brachte sich einer der anderen Buben ein.
„‘Taubstumm‘ bedeutet, dass man stumm ist, aber Paul ist nicht stumm. Er spricht mit seinen Händen. Er hat eine eigene Sprache, die nicht jeder versteht. Und er kann Lippenlesen…“
Martin fragte: „Kann er denn gar keine Laute machen? Ich meine, hat er eine Stimme? Wir wollten nur testen, ob er schreit, wenn er sich erschreckt.“
„Klar hat er eine Stimme. Er mag sie nur nicht benutzen. Paul kann sich ja selbst nicht hören und seine Stimme kontrollieren. Manche Menschen finden Pauls Stimme komisch und deshalb hat Paul entschieden, nur mit den Händen zu sprechen. Wenn ihr ihn was fragen wollt, schreibt die Frage einfach auf“, schlug Phillip vor.
Paul stand daneben und versuchte, so viel wie möglich von dem Gespräch mitzubekommen. Münder waren für ihn sich lautlos öffnende Tore, welche sich in verschiedene Richtungen verziehen konnten, um etwas anzudeuten. Ein „M“, wenn sie sich verschlossen. Ein „O“, wenn sie kreisförmig wurden – sowie alle Buchstaben dazwischen, die nicht so augenfällig waren. Paul konnte auch gut die Mimik seiner Mitmenschen lesen. Ob jemand freundlich war oder gefährlich falsch, sah er gleich. Er sah das auch bei Mick.
„Komm, wir gehen zu Mama und Papa“, sagte Phillip jetzt in Gebärdensprache zu seinem Bruder, aber Paul sagte Nein. Er wusste, dass er dann komplett als Schwächling dastehen würde. Nein, er musste den anderen zeigen, dass er sich nicht herumschubsen ließ und dass er auch keinen kleinen Bruder brauchte, um seine Kämpfe auszufechten. Philipp verstand nicht wirklich, was Paul damit meinte, aber er ging zurück zu den Eltern.
Mick hat natürlich kein Bisschen von dem verstanden, was Paul und Philipp miteinander gesprochen hatten. Nur fliegende Hände und seltsame Gesten hatte er gesehen und er musste sich fragen, ob die Brüder sich heimlich über ihn lustig gemacht hatten.
Mick war kein Fan von den Brüdern. Die Familie wohnte noch nicht lange im Ort und besonders der stille Paul war ihm ein Dorn im Auge. Die hübsche Karin mit den rotbraunen Locken fand den großgewachsenen, dunkelhaarigen Paul auf Anhieb interessant, das war Mick gar nicht recht. Früher war Karin am Wochenende gern zu Mick nach Hause gekommen, zum Schwimmen, weil Micks Familie einen Pool im Garten hatte. Jetzt ging sie sonntags lieber mit ihren Freundinnen im Wald spazieren und aufreizend langsam trippelten sie auf dem Weg dorthin an Pauls Haus vorbei, um ihm im Vorbeigehen zuzuwinken.
„Passt schon. Nix für ungut!“, sagte Mick nun zu Paul. Und an seine Gefolgschaft gewandt: „Kommt, wir holen uns was zu trinken.“ Die Burschen verzogen sich an die Getränkeschank.
Später würde sich auch Paul eine Limo holen.
Paul beobachtete die Menschen, sie sich zum Sonnwendfeuer versammelt hatten. Wie so oft fühlte er sich wie ein Fremder, der die Sprache der Einheimischen nicht versteht. Die Menschen sprachen meist an ihm vorbei. Vor allem in größeren Gruppen, wenn die Sprecher zu schnell wechselten, war es schwierig für Paul. Manche Menschen, vor allem ältere, glaubten manchmal, sie müssten Paul nur laut anschreien, damit er sie versteht. Sie waren selbst oft schwerhörig und wussten es nicht besser. Paul hatte schon viele Münder gesehen. Schmale Lippen, faltige oder dick geschminkte. Chronisch hängende Mundwinkel, die von einer grundsätzlichen Lebenshärte zeugen und andere, die beständig leise lächeln. Gemachte Zähne oder fehlende. Die Leute wussten, dass Paul ihnen aufs Maul schaute und Paul glaubte, dass manche das nervös machte.
Paul holte sich seine Limo gegen einundzwanzig Uhr. Um halb zehn, da es ernst wurde, hatte er sie noch nicht ganz ausgetrunken. Er ließ die Flasche am Tisch stehen, wo seine Eltern saßen. Paul wollte zuschauen, wie sie das Feuer entzündeten.

Fast niemand saß noch auf den Bänken rund um den Grillstand. Alles hatte sich in der Mitte des Platzes versammelt. Dort, wo der meterhohe Holzhaufen aufgeschichtet war. Man wartete gespannt auf den Höhepunkt des Abends.
Die Zuschauer mussten hinter der Absperrung zurückbleiben, denn Sicherheit ging vor. Schließlich erschienen Männer mit brennenden Fackeln. Von allen Seiten gingen sie auf den Scheiterhaufen zu, um das trockene Holz zu entzünden. Die Flammen tanzten von der Fackel hinunter auf das trockene Holz und fraßen sich in Windeseile in die Breite.
Paul hatte einen guten Platz ergattert. Er stand ganz vorn am gelben Flatterband und hatte Blickkontakt zu Karin, die schräg gegenüber mit ihren Freundinnen schäkerte. Paul war froh, dass er nicht bei seinen Eltern stand wie ein Kleinkind und schickte ein Lächeln hinüber. Karin trug Jeans und eine taillenkurze Lederjacke über ihrem dunkelroten Spitzentop und lächelte zurück.
Musik dröhnte. Paul spürte das Vibrieren und Pochen, das aus den Boxen kam. Das war Musik für ihn: Ein Stampfen und Bumm-Bumm-Rhythmus – oder Hieroglyphen in fünf Notenzeilen gequetscht. Ein Mysterium. Musik verleitete die Menschen zu seltsamen Bewegungen. Für Gesang ließen sie ihre Münder grotesk lange offenstehen, um Laute zu produzieren, die Paul nicht hören konnte.
Jetzt waren ohnehin die meisten still. Wortlos schaute man den Flammen zu, wie sie bis ganz hinauf kletterten. Die Strohpuppe verschwand vollends hinter gleißendem Licht und vielen hundert Celsiusgraden. Das Feuer machte die Menschen ganz wunderlich. Sie starrten hinein, als wäre es ein Bildschirm.
Paul spürte die Wärme in seinem Gesicht. Abgesehen vom Knistern der Scheite, das Paul nicht hören konnte, erlebte er den Moment wie alle anderen auch. Er fühlte sich seltsam angenommen und zugehörig, zumindest für eine Weile. Als der Scheiterhaufen in Vollbrand stand, ging eine hitzige Welle von ihm aus, die den Zuschauern in der ersten Reihe fast den Atem raubte. Die Flammen tanzten ihre eigene, wilde Choreographie, die keine Regeln zu kennen schien.

Paul blieb lange stehen. Die Eltern hatten ihm signalisiert, dass sie an ihren Tisch zurückgehen würden und dass er bitte nachkommen soll. Das Feuer war schon einigermaßen heruntergebrannt und war gar nicht mehr dieses tobende Chaos, da war auch die Versammlung auch schon wieder auseinandergegangen. Karin war ebenfalls nicht mehr zu sehen.
Paul wollte nicht, dass der Moment aufhört. Wenigstens wollte er ihn, so lang es ging, voll auskosten. Er schloss seine Augen und versuchte, die Resthitze, die abstrahlte, bewusst zu fühlen und in sich aufzunehmen. Er fragte sich, was wohl dahintersteckte, wenn die Hörenden sagen, die Scheite würden knistern und knacken. Das waren keine Geräusche, die man fühlen oder darstellen konnte.
Paul dachte an Karin und dass er sie irgendwann küssen würde, später, auf dem Nachhauseweg, am Waldrand vielleicht. Er stellte sich vor, wie sie sich frech an ihn drückt und dass er sie mit seinen Armen fest umfangen wird. Seine Hände wird er behutsam auf ihren Jeansbund legen. Er wird diese schmale Mädchentaille umfassen, seine Hände werden unter ihre Jacke, ihr Top wandern. In ihren rotbraunen Locken wird er das Raucharoma der brennenden Scheite bemerken, dazu den Duft ihres Apfelshampoos.
Hinter seinen geschlossenen Augenlidern sah Paul die Flammen immer noch.
Was er nicht sah, war Mick, der sich anpirschte.

„Ich wollte Paul doch nur erschrecken“, sollte Mick später aussagen.
Er sagte: Freilich NICHT hätte er sich auf perfide Weise von hinten genähert. Er sei von der Seite gekommen, SEITLICH, das schwört er. Er hätte gedacht, Paul würde ihn auf jeden Fall bemerken.
„Ganz langsam bin ich auf ihn zugegangen. Ich dachte, er hätte mich längst gesehen. Er hat doch immer alles gecheckt! Oft schien es, als hätte er Augen sogar am Hinterkopf!“, sagte Mick zu seiner Verteidigung.
Und natürlich NICHT hätte er Paul geschubst oder gestoßen.
„Ich stand schon eine Weile neben ihm und habe nur > BUH! < gemacht, nur zum Spaß“, betonte er, noch im Krankenbett liegend und weitgehend einbandagiert.
„Niemals hätte ich ihn von hinten gestoßen! Ich weiß doch, was Feuer anrichten kann. Mein Vater ist schließlich bei der Feuerwehr. Ich habe Paul nicht geschubst, ich schwöre, ich habe ihn doch nur leicht berührt…“ Mick stöhnte.

Man kann sagen, es war eine Verkettung unglücklicher Umstände.
Paul, der die Augen geschlossen hatte und sekundenlang unachtsam war.
Mick, der sich einen dummen Spaß machen wollte.
Paul, der sich zwar wie gewünscht erschreckte, aber dann doch anders reagierte, als Mick sich das vorgestellt hatte.
Es ging alles so schnell.
Paul, der vor Schreck strauchelte, aber instinktiv an Mick festhielt.
Paul, der Mick gepackt hielt, als er in Richtung Feuer stolperte, stürzte.
Mick, der ebenfalls erschrocken den Halt verlor.
Paul und Mick, die gemeinsam über das gelbe Flatterband, in die Flammen hineinfielen.
Gleißend helles Licht, das Paul und Mick umschlossen hielt.
Eine Feuerzunge, die sich augenblicklich durch Kleiderschichten ätzte und kohlrabenschwarz in die Häute hinein.
Gluthitze und glimmende Scheite, die auf zwei menschliche Körper drückten - und Unaussprechliches mehr.
Und schließlich dieser langgezogene Laut, der am Ende doch noch aus Pauls Kehle drang, hinaus in die Welt, wo die Hörenden ihn hören konnten. Durchdringend schrill und ins Mark gehend. So etwas, sagten sie, hätten sie noch nie vernommen.
 



 
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