Späte Stunde (Spiel mit dem archaischen Torso Apolls)

5,00 Stern(e) 1 Stimme
Du, der du wachst in dieser späten Stunde,
als alles Heilge sank, zu Asche fiel,
und keine Stimme blieb, kein Spruch, kein Ziel —
nur dieses Schweigen aus der tiefen Wunde.

Das Haus ist leer. Die Engel sind gegangen.
Wo einst ihr Flügelschlag das Dach erhob,
da fault die Stille wie ein falsches Lob,
da hält der Staub die Spiegel still gefangen.

Und über dir zerbricht das alte Zeichen:
Der Himmel reißt, ein Riss geht durch den Raum,
und was du Gott genannt — wird Asche, Schaum,
ein Wüten, dem die Ufer ewig weichen.

Geh nicht hinaus. Die Welten sind verwaist.
Doch tief in dir, in deinem letzten Saal,
wacht noch ein Engel, dunkel wie ein Mal,
der dich in deine eigne Tiefe weist.
Du musst hinab.
Du musst die Treppen finden,
die keiner ging, die unter Asche stehn.
Durch alle eignen Tode musst du gehn
und alle Namen, die dich halten, binden —
— um sie zu lösen. Allesamt.
Bis Dich kein Wort mehr trägt.

Bis selbst das Ich vergeht
im Schweigen,
das dich auflöst, wie der Tropfen
sich im All des Alls verliert.
Bis nichts mehr dir im Herzen
schlägt.

Und dann — erst dann —
wirst du das Dunkel spüren
, das vor dem ersten Wort,
vor jedem Sein, dich ruft,
dich nennt, dich doch erst macht
zu Mut, zu Heim-
komm wie du bist
und komm allein:

Du musst dich wandeln. Oder dich zerstören.

 
Zuletzt bearbeitet:

Ubertas

Mitglied
Lieber Dio,

ich teile zwar mit Rilke den Geburtstagstag;), aber da möchte sich etwas selbst, zu nicht allzu später Stunde, eines sagen:
Du, der du dieses Gedicht geschrieben hast, hat mein Herz nicht nur erfreut!

Das Haus ist leer. Die Engel sind gegangen.
Wo einst ihr Flügelschlag das Dach erhob,
da fault die Stille wie ein falsches Lob,
da hält der Staub die Spiegel still gefangen.
Liebe Grüße,
ubi
 



 
Oben Unten