Norbert Söhl
Mitglied
Spezies Beta sieben
Professor Becker machte eine unmerkliche Pause, bevor er mit seinen Ausführungen fortfuhr. Es war eine Angewohnheit von ihm, vor bedeutungsvollen Sätzen ausgiebig Luft zu holen, um sie dann zu einem zu Ende zu bringen.
„Die bisherigen Forschungen unserer Einrichtungen sind allesamt zu einem gemeinsamen Ergebnis gekommen. Es besteht kein Zweifel daran, dass der von uns erschaffene Organismus als wirkungsvolle Waffe gegen unseren Feind eingesetzt werden kann. Es handelt sich dabei nicht um einen Mikroorganismus, wie sie wahrscheinlich vermuten, sondern um eine ausgewachsene Spezies mit der Bezeichnung Beta sieben. Sie ist außerordentlich aggressiv und hat eine hohe Reproduktionsrate.“
Becker schwieg und betrachtete interessiert die Wirkung seiner Worte in den Gesichtern der Anwesenden am Konferenztisch. Obwohl die Mehrzahl der Zuhörer auf ein ansprechendes Ergebnis aus der biologischen Waffenforschung gehofft oder sogar damit gerechnet hatte, war die unverblümte Wahrheit jedoch eine Sensation.
Für Sekunden herrschte lähmendes Schweigen im Konferenzraum, in dem die mächtigsten Männer der südlichen Koalition zusammengekommen waren, um am heutigen Tage eine Entscheidung von weitreichender Konsequenz zu treffen. Dann brach der Bann und das Schweigen verwandelte sich in ein lebhaftes Durcheinander von Stimmen, in dem Bestreben, seinen Gesprächspartnern die eigene Meinung mitzuteilen und die Möglichkeiten einer Anwendung des Erfahrenen zu erläutern.
Aus nüchternen Entscheidungsträgern wurden heftig gestikulierende Wesen. Wortfetzen wehten durch den Raum und vermischten sich zu einem unverständlichen Gewirr, dem Professor Becker mit leicht geneigtem Kopf lauschte.
General Sanchez, Oberbefehlshaber des Heeres, erhob sich und klopfte ungeduldig auf den Tisch. In seinen Augen blitzte es auf. Er war bekannt für seine scharfe Zunge und sein großes und vielseitiges strategisches Können.
„Die nördliche Allianz rückt unablässig vor und wir benötigen mehr als nur Forschungsergebnisse und unverbindliche Zusagen. Wie sieht es mit der praktischen Anwendung aus? Innerhalb welchen Zeitraums, mit welchen effektiven Ergebnissen?“
Für einen Augenblick verstummten die Debattierenden und wandten ihre Blicke Professor Becker zu, der als Leiter der biologischen militärischen Forschung nun überzeugende Antworten schuldig war. Eine erneute lautstarke Diskussion schien aufzubranden, als er seine Gedanken ordnete.
Ich bitte um Ruhe, meine Herren“, sagte Becker und atmete erleichtert auf, als er feststellen konnte, dass man seiner Aufforderung nachkam. „Es hat kaum einen Sinn, wenn wir uns noch lange theoretisch mit dem Thema auseinandersetzen. Stattdessen möchte ich Ihnen greifbare Ergebnisse präsentieren. Sie sollten jedoch auf eine ergreifende wie auch verstörende Vorführung gefasst sein. Diese Lebensform ist alles andere als eine Kuschelpuppe und einem freigelassenen Exemplar werden Sie nicht persönlich begegnen wollen. Sie würden es nicht überleben. Wenn Sie mir bitte in eines unserer Labore folgen würden.“ Er nutzte die Sekunde des verblüfften Schweigens und wandte sich dem Ausgang zu.
Das Labor für genetische Entwicklung lag fünfzig Meter unter der Oberfläche. Beim Eintreten empfing die Konferenzteilnehmer wütendes Gekreische. Die Ursache dafür war jedoch hinter einem weißen Vorhang verborgen. In der Gruppe entstand eine leichte Unruhe. Man begann, miteinander zu flüstern und Vermutungen auszutauschen. Zu ihrer Rechten saßen zwei Sicherheitsleute auf gepolsterten Stühlen. An der Wand neben ihnen lehnten großkalibrige Feuerwaffen, mit denen ohne Probleme eine ganze Horde Elefanten getötet werden konnte. Becker musste wie jedes Mal schwer schlucken bei diesem Anblick.
Ein Mann mit bereits grauen Schläfen schritt ihnen ruhig entgegen.
„Professor Becker“, begann Doktor Harret und lächelte ihm zu, um sich schließlich den Anwesenden zuzuwenden und sie zu betrachteten. Die Mitglieder der Abordnung waren ihm zum größten Teil fremd, doch die Gesichter des Innenministers und des Koordinators der Geheimdienste waren ihm bekannt. Er nickte und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.
„Wie Sie hören können, haben wir eine kleine Darbietung unserer neuesten Errungenschaft vorbereitet, um Ihnen einen plastischen Eindruck des Kampfmittels zu verschaffen.“ Er wartete einige Sekunden und blickte in erwartungsvolle Gesichter. „Ich muss gestehen, dass die Entwicklung dieser Waffe einen wahrhaft dramatischen Verlauf genommen und zu Verlusten bei unserem Personal geführt hat. Doch wie Sie gleich sehen werden, wird diese genetisch erzeugte Kreatur nicht nur Angst und Schrecken unter den Invasoren verbreiten, sondern deren Anzahl drastisch und schnell reduzieren. Ich kann Ihnen voll und ganz versprechen, Beta sieben greift alles an, was auch nur in seine Nähe kommt und durch seine Konstitution und Ausstattung ist es eine effektive, wenn nicht sogar eine erschreckend effektive Kampfmaschine. Unterstützt wird seine enorme Angriffslust durch einen hohen Bedarf an Nahrung, die Beta sieben ausschließlich aus fleischlichen Angeboten bezieht.“
„Spannen Sie uns nicht auf die Folter“, bemerkte Innenminister Da Silva ungeduldig und deutete auf den weißen Vorhang.
Harrat hob ruckartig den Kopf. „Bleiben Sie bitte in sicherer Entfernung stehen“, raunte er und wandte sich ab. Vor dem Sichtschutz blieb er stehen und zog den Vorhang langsam beiseite. Zum Vorschein kam ein mit Metallstangen versehener Raum, in dem drei Exemplare von Beta sieben untergebracht waren, die an der hinteren Wand kauerten. Ihr Kreischen verstummte augenblicklich und sie starrten zu der Gruppe in Anzügen und Uniformen hinüber. Ihre Körper waren kaum einen Meter hoch und verfügten über zwei Beine und vier Arme, die fleischig und massiv wirkten. An den Händen befanden sich zwei Finger und zwei Daumen mit spitzen, gekrümmten Krallen. Die kräftigen Körper waren von dichtem Fell bedeckt und strahlten eine beeindruckende Stärke aus.
„Mit seinen scharfen Zähnen kann Beta sieben mühelos Fleisch zerreißen. Er bewegt sich leise und geschickt und ist noch viel gefährlicher, als es hier erscheint“, erörterte Harrat.
Mit wachsamen Augen beobachteten die Exemplare jede Bewegung ihrer Besucher. Urplötzlich schossen sie vor und sprangen mit gewaltigen Sätzen gegen die Gitter, kreischten wie Papageien und griffen zwischen den Stäben hindurch in Richtung der Betrachter. Es jagte Becker ein Frösteln den Rücken hinab. Die Betas waren nicht groß, aber enorm kräftig und sie bewegten sich mit einer rasanten Geschwindigkeit. Ihre Aggressivität war genauso beeindruckend wie beunruhigend.
Becker brachte es fertig, zu grinsen.
„Füttert sie“, forderte Harret einen Mitarbeiter auf. Sekunden später öffnete sich eine Klappe in der Wand und ein ausgewachsenes Schwein schlitterte die dahinter liegende Schräge herab. Nach einem Moment des Schreckens kam das Tier auf die Beine und fuhr ruckartig herum. Es schien die Bedrohung instinktiv zu spüren. Der Rücken spannte sich, die Borsten stellten sich auf. Das Schwein senkte den Kopf, schnaubte und gab grunzende Laute von sich. Die Betas sprangen ihr Opfer augenblicklich an. Ihre kräftigen Arme schlugen die langen Krallen mit zwölf Händen in seinen Körper hinein. Ein lautes Quieken erfüllte den Raum, das sich zu schrillen Schreien steigerte. Das Schwein schnappte mit dem Maul nach den vielen Armen, versuchte panisch, die Gegner wegzudrücken. Vergeblich. Die Betas stachen weiterhin ungestüm auf das Schwein ein und es erlahmte. Aus unzähligen Wunden schoss sein Blut hervor und es fiel auf die Seite. Zuckend strampelten die kurzen Beine umher. Die Schreie verebbten zu einem kläglichen Jammern, als die Betas ihre spitzen Zähne in das Fleisch jagten und ganze Fetzen davon herausrissen, um sie gierig zu verschlucken.
Professor Becker stand mit zitternden Händen und überheblichem Gesichtsausdruck vor den Konferenzteilnehmern. „Ich beantworte gerne Ihre Fragen“, sagte er selbstbewusst.
In der Gruppe hatten sich Besorgnis und Unbehagen ausgebreitet. Die Beobachter wirkten angespannt, redeten leise und durcheinander. Einige waren zurückgewichen und behielten die potenzielle Bedrohung bei ihrer Nahrungsaufnahme ständig im Blick. Ihre Gesichter schienen erblasst und sie strahlten eine Mischung aus Unsicherheit und Panik aus.
„Wie sollen uns diese Dinger einen Nutzen bringen?“, fragte ein Uniformierter und ihm war anzusehen, dass weitere Fragen auf seiner Zunge brannten.
Becker zuckte mit den Schultern.
„Wir setzen sie per Luftfracht und mit Frachtschiffen weit hinter der Kampflinie auf feindlichem Gebiet aus, vorzugsweise in Waldgebieten, die ihre Entdeckung behindern. Sie werden sofort auf die Jagd gehen und sich dank ihrer nahezu grenzenlosen Begierden rasant vermehren. Kein lebendes Wesen wird vor ihnen sicher sein. Wir verfügen inzwischen über annähernd zweitausend dieser Exemplare und können weitere in unbegrenzten Mengen klonen. Sie gebären zwischen drei und fünf Nachkommen. Ihre Tragezeit beträgt gerade einmal sechs Wochen. Schon in drei Monaten könnte ihr Bestand bei zwanzigtausend Exemplaren liegen oder sogar deutlich höher. Das hängt von unserem Arbeitseifer ab und der Anzahl der Objekte, die wir aussetzen können. In sechs Monaten werden es hunderttausende sein. Das wird den Feind beschäftigen und seine Kapazitäten binden und reduzieren.“
„Aber sie werden nicht zwischen Soldaten und Zivilisten unterscheiden, nehme ich an.“ Dem Innenminister stand Besorgnis ins Gesicht geschrieben.
„Ein moralisches Dilemma“, gestand Becker ein, ohne sich einschüchtern zu lassen. „Unsere Herren von Militär und Geheimdienst haben da sicher eine pragmatischere Einstellung zu. Der Feind wird unsere Bevölkerungen unterdrücken und zu Arbeitssklaven machen, sollte er unsere Länder annektieren. Wir haben nun etwas, dass wir ihm entgegensetzen können. Die letztendliche Entscheidung über einen Einsatz treffen jedoch die anwesenden Personen. Ich liefere Ihnen nur die Waffe und ganz persönlich finde ich, lieber die als wir.“ Er legte den Kopf schief und zog unwillkürlich eine Grimasse.
„Wie halten wir diese Biester auf, wenn sie auf unsere Gebiete vordringen?“, fragte ein Anzugträger und rümpfte die Nase.
„Wir verfügen über mehrere der Spezies angepasste Viren, um ihre Rasse in kürzester Zeit komplett auszulöschen. Alle notwendigen Details finden Sie in den Unterlagen, die wir Ihnen aushändigen werden.“
Die Front - ein Jahr später.
Charlotte Winter blickte zum Waldrand hinüber. Still und ruhig lag er da, wie die Darbietung des vollkommenen Friedens. Eine kühle Brise kam von den Bergen herab und strich ihr über die Wangen. Das hohe Gras wogte sanft im Wind. Sie wischte eine Strähne ihres Haares aus dem Gesicht. Der Anblick eines schlichten, hölzernen Kreuzes am Ortsausgang von Cucata ließ sie innerlich erstarren. Eine erdrückende Müdigkeit überwältigte sie wie an jenem Tag, als sie ihre Tochter in einem klitzekleinen Sarg zu Grabe trugen. Diese Taubheit war das vorherrschende Gefühl, das Charlotte in den letzten Monaten begleitete. Ihr gewohntes Leben war in einer solchen Geschwindigkeit auseinandergefallen, dass es ihr immer noch schwerfiel, all diese Verluste zu begreifen. Stets erinnerte sie sich daran, wie niedergeschlagen und verzweifelt sie war, als die ersten Wellen der Kreischer die erstarrte Front überliefen und im Hinterland die ersten Dörfer entvölkerten. Charlotte hatte ihr Zuhause verloren. Ihr Mann und ihr Sohn starben bei der Verteidigung ihrer Gemeinde und verschwanden von einem Moment auf den anderen aus ihrem Leben. Die Körper der geliebten Menschen wurden nie gefunden. Die Kreischer hinterließen nur blanke Knochen, wenn sie mit ihren Opfern fertig waren. Und von ihrer kleine Stefanie, Charlotte wischte sich Tränen aus den Augen, wurden nur zerfetzte Überreste gefunden. Jeder Lebensmut war Charlotte abhandengekommen. Das Einzige, was sie aufrecht hielt, war das tiefe Bedürfnis nach Rache und auch dieses verblasste mit der Zeit. Sie töteten die Kreischer zu tausenden und doch schienen es nie weniger zu werden.
Charlotte blickte erneut zum Waldrand. Bei Einbruch der Dunkelheit würden sie kommen, schnell und geräuschlos. Sie bevorzugten die Dämmerung und die Nacht bei ihrer Jagd. Winters Einheit hatte den ganzen Tag über diese Kleinstadt von ihnen gesäubert, um im Vorfeld der Basis einen halbwegs gesicherten Raum zu haben. Wie oft jetzt? Zum zehnten Mal? Die ehemaligen Bewohner zumindest waren schon längst verdaut. Ihre abgenagten Knochen waren in den Häusern überall zu finden. Zusammen mit zweihundert dieser Kreaturen, die nach ihrem Einsatz nun in allen Ecken und auf den Straßen herumlagen. Schon alleine dieser Umstand zog die anderen unwiderstehlich an. Sie konnten den Geruch von Blut über weite Entfernungen wittern und machten auch vor den toten Körpern von ihresgleichen nicht halt. Ihr gewaltiger Hunger kannte keine Grenzen.
„Siehst du etwas Verdächtiges, Charly?“, fragte Romero, der sich neben sie stellte und durch das Zielfernrohr seines Gewehres zwischen den Bäumen umher suchte.
„Nein“, kam es gedankenversunken über ihre Lippen. Ihr war nicht nach einem Gespräch zumute.
„Wir rücken gleich ab“, sagte Romero. „Es wird gleich dunkel und hier draußen werden wir zu einer leichten Beute.“ Er senkte sein Gewehr und lächelte verschmitzt. „Wir könnten uns heute Abend zusammen ein paar Drinks gönnen. Haben wir uns verdammt nochmal verdient. Was hältst du davon?“
Charlotte sah ihn deprimiert an. Romero war ein anständiger Kerl, geradeheraus und ehrlich. Er soll Grundschullehrer gewesen sein, wenn auch für Mathematik, was ihr nie so wirklich zugesagt hatte. Und irgendwie mochte sie ihn sogar. Doch in ihrem Herzen hatte sich eine eisige Kälte eingenistet, die sie nicht abzuschütteln vermochte. Und in ihrem Geist wirbelte alles durcheinander. Töten und Überleben. Töten und Überleben. Sie konnte die Bilder der ganzen zerfetzten Körper vor ihren Augen nicht mehr auseinanderhalten. Sie überschwemmten ihr Denken und ließen sich kaum noch verdrängen. Nur der reichlich verfügbare Alkohol auf der Basis verschaffte ihr eine kleine Erleichterung und der wurde von allen Soldaten ausgiebig genutzt. In der Heeresführung schien man sich dessen Nutzen sehr bewusst zu sein, denn es gab nie Nachschubprobleme an Hochprozentigem und berauschte Ausraster der Soldaten wurden stillschweigend ignoriert.
„Fände ich gut“, hauchte Charlotte. „Ich kann ein wenig Ablenkung gebrauchen.“ Sie sah das schiefe Grinsen von Romero und bereute ihre Zusage beinahe. Menschliche oder gar körperliche Nähe drückte sie in ihrem Inneren von sich fort. Sie konnte sich mitten in diesem bestialischen Krieg keine Zärtlichkeiten vorstellen, geschweige denn eine Beziehung. Doch auch ihre Lebenszeit war begrenzt, die Anzahl der Gefallenen an der Frontlinie blieb unbeirrt hoch. Vielleicht sollte sie sich die Birne zunageln, alle Hindernisse niederreißen und es einfach geschehen lassen, auch wenn sie es am nächsten Tag auf irgendeine Weise bereuen sollte. Möglicherweise war es die letzte Gelegenheit in ihrem Leben.
„Winter, Romero.“ Der grobschlächtige Zugführer Fernandes winkte ihnen zu. „Wir übernehmen die Nachhut und es geht auf der Stelle los. Die anderen sind schon unterwegs. Schaut mal nach oben.“
Charlotte blickte zum Himmel auf. Eine Wolkenfront zog rapide heran und verdunkelte die Umgebung.
„Das wird die Kreischer aus ihren Löchern locken“, konstatierte Romero und ein Schatten fiel über sein Gesicht. Auch an ihm schienen menschliche Verluste zu nagen, kam es Charlotte in den Sinn. Romero blickte wieder durch sein Zielfernrohr und verzog den Mund. „Da bewegt sich etwas zwischen den Bäumen und das sind nicht nur eine Handvoll von denen.“
„Wir haben eine üppige Mahlzeit für sie vorbereitet.“ Ein Lachen blieb Charlotte im Halse stecken. „Damit werden sie erst einmal genug zu tun haben.“
„Wo sind die anderen?“ Romero gab eine Salve auf die Baumreihe ab und drehte sich zu seinem Zugführer um. Fernandes hastete bereits davon wie ein gejagter Hase.
Einzelne Kreischer sprangen aus der Deckung des Waldes hervor, verharrten jedoch nach einigen Metern und schauten sich um. Ihre wilden Schreie waren gut zu vernehmen.
„Noch ein paar mehr von denen und es geht rund.“ Romero stand wie angewurzelt da.
Charlotte fasste ihn am Arm und riss ihn mit sich fort.
„Los, los, Sandhase“, rief sie schnippisch. „Du willst dein Rendezvous doch nicht verpassen.
General Sanchez stand am Ende des langen Konferenztisches. Seine kräftige Statur war respekteinflößend und er näherte sich dem Ende seiner Geduld. Den Anwesenden war anzusehen, dass sein aufgebrachtes Verhalten sie beunruhigte. Sie bemühten sich, so gelassen wie möglich zu erscheinen und sich nicht von seiner Hysterie anstecken zu lassen, doch der Ausdruck auf ihren Gesichtern sagte etwas Anderes aus. Neben Sanchez saßen Becker und eine kurzhaarige Frau aus der genetischen Forschungsabteilung. Beckers stumpfer, gequälter Blick verriet sein Schlamassel, in das er sich hineinmanövriert hatte. Sanchez schaute grimmig auf ihn herab.
„Beta sieben ist weitere fünfzig Kilometer auf unser Territorium vorgedrungen. Unsere schweren Waffen sind nahezu nutzlos und ihre Produktion hinkt weit hinter dem Bedarf her.“ Er spuckte Speichel vor Wut. „Alle biologischen Gegenmaßnahmen waren nur von begrenztem Erfolg und haben die weitere Ausbreitung des feindlichen Organismus nur verlangsamt, aber nicht gestoppt. Sie sind uns einige Erklärungen schuldig, Professor Becker und wir wollen Lösungen von Ihnen hören. Sie wollen allen Ernstes behaupten, dass diese Kreaturen sich an die viralen Gegenmittel angepasst haben? Haben Sie das nicht vorausgesehen?“ Er blickte Becker feindselig an.
Einige der Anwesenden schauten mitleidig zu dem eingesunkenen Mann herüber, der verstört auf die Tischplatte starrte. Andere waren entsetzt über sein Schweigen.
„Hören Sie gar nicht, was ich sage?“ Sanchez schien am Rande eines Nervenzusammenbruches zu balancieren. „Herrgott noch mal. Wenn diese Wesen bis zu den waldreichen Gebieten in den Bergen vordringen, dann war es das für unsere Bevölkerungen.“
„Uns bleiben weiterhin taktische Atomwaffen“, warf Innenminister Da Silva ein.
„Das Thema hatten wir schon oft genug.“ Reyes, der Leiter des Bevölkerungsschutzes war empört. „Wir zerstören unsere Lebensgrundlage und die nördliche Allianz kann dabei als vernichtendes Beispiel dienen. Die Hälfte ihrer Länder ist für Jahrhunderte verstrahlt und Beta sieben bewegt sich sowohl weiter nach Norden als auch in unsere Richtung.“
Schweigen. Ungläubiges Starren.
„Wir könnten einen Sperrgürtel mit taktischen Atomwaffen errichten. Wir töten alles, was sich darin befindet, so oft, wie es eben sein muss und was durchkommt erledigen wir vor Ort.“ Da Silvas Stimme klang entschlossen. „Und ganz aktuell. Vom asiatischen Bund können wir keine Unterstützung erwarten. Unsere Bitte um Hilfe wurde abgelehnt. Die bereiten sich selbst auf eine Invasion vor.“
Professor Becker erhob sich langsam.
„Wenn ich etwas sagen dürfte.“ Er schaute mit müden Blicken auf die Anwesenden und erhielt keinen Widerspruch. Alle Augen waren gebannt auf ihn gerichtet und er hätte voller Schuldbewusstsein im Boden versinken können. Die plötzliche Stille im Raum lastete wie ein schweres Gewicht auf seinen Schultern.
„Das Beta sieben eine Immunität entwickelt hat, ist nur eine von mehreren Interpretationen, falls Ihnen das entgangen sein sollte. Wir haben Aerosole mit verschiedenen Viren mehrfach versprüht. Die Wirkung hielt sich jedoch in Grenzen, weil die Mikroorganismen wahrscheinlich über die Lunge nicht so effektiv aufgenommen wurden wie unter Laborbedingungen. Des Weiteren erkennen wir in der freien Natur eine geringere Ansteckungsrate als erwartet, was die Ausbreitung der Gegenmaßnahme erschwerte und zu gewissen Anpassungen der Organismen führte. Es gibt allerdings eine Alternative, die Ihnen auf den ersten Blick aber nicht gefallen wird. In Anbetracht dessen, das die Bevölkerungen im Norden jedoch nahezu vollständig ausgelöscht wurden, kann man einen unerfreulichen Kompromiss durchaus in Betracht ziehen“, Becker musste angestrengt Luft holen und spürte seine Beine wanken. Seine Mitarbeiterin fasste ihn an der Hand. Er bleckte die Zähne, seine Augen verengten sich zu Schlitzen. Entschlossen fuhr er fort. „Wir müssen Beta sieben infizierte Köder anbieten.“
„Was?“ General Sanchez schreckte auf. Er hatte sich wieder gefangen, konnte das Gehörte jedoch nicht glauben. „Wo sollen wir solche Mengen an Tieren hernehmen? Allein der Transport würde Wochen dauern. Diese Zeit steht uns nicht zur Verfügung. Beta sieben ist dabei, uns zu überrennen.“
„Wir haben einen sehr effizienten Krankheitserreger mit extrem hoher Ansteckungsrate getestet und in ausreichenden Mengen produziert, der jedoch mit der Nahrung aufgenommen werden muss, um seine volle Wirkung zu entfalten. Die Inkubationszeit beträgt nur wenige Minuten und die ersten Symptome werden durch Krämpfe und Atembeschwerden zu einer Inaktivität der Betas führen. Die meisten von ihnen werden innerhalb eines sehr kurzen Zeitraumes sterben, wenige Stunden oder weit darunter. Bei einzelnen Exemplaren wird es sich über Tage hinziehen und sie werden den Erreger in der restlichen Population in Umlauf bringen. Zur Übertragung auf andere Objekte ist lediglich Hautkontakt notwendig, was ihn hochansteckend macht“, stammelte Becker. „Bei einer Ausbreitung ist er jedoch auch für unsere Bevölkerungen tödlich. Die Todesrate unter den Einwohnern wird in diesem, ich muss mit Bedauern sagen, sehr wahrscheinlichen Fall einer Epidemie, von unseren Experten grob auf dreißig Prozent geschätzt, bei unterstützenden medizinischen Maßnahmen auch deutlich darunter.“
„Sind Sie vollkommen verrückt geworden?“ Reyes schüttelte ungläubig den Kopf. Vornübergebeugt drückte er mit den Händen auf die Lehnen seines Stuhles als wollte er aufspringen. „Sie wollen ernsthaft in Kauf nehmen, ein Drittel unserer Bürger töten?“
„Das ist noch nicht alles.“ Becker konnte nicht mehr schlucken. Er nahm ein Glas Wasser vom Tisch und leerte es in einem Zug. „Tiere kommen als Träger für den tödlichen Erreger nicht infrage. Sie verenden bereits nach weniger als zwei Stunden, was uns rein logistisch zu schwer überwindbaren Problemen führen würde, wie gerade erwähnt wurde. Des Weiteren ist die Spezies Beta sieben lernfähig. Sie wird schon bald kein totes Fleisch mehr anfassen und nur noch lebendige Nahrung jagen. Bei einem infizierten Menschen dagegen tritt der Tod bei einer Infizierung erst nach drei bis vier Tagen ein. Das verschafft uns Spielraum bei der Handhabung.“
Charlotte hob das Gesicht unter die Duschbrause und wischte sich den Schaum aus dem Gesicht. Links neben ihr rieb sich Fernandes von oben bis unten mit Seife ein. Er war am ganzen Körper stark behaart, doch unter der Gemeinschaftsdusche gewöhnte Charlotte sich schnell an jeden befremdlichen Anblick. Romero kam nackt in den Hygienebereich.
„Danke“, konnte sie im Vorbeigehen vernehmen. Romero passierte den untersetzten Baker neben ihr und öffnete das Ventil der darauf folgenden Dusche. Sie lächelte scheu in sich hinein. Im Rausch hatte sie alle Hürden überwunden und würde nicht sagen, dass sie es bereute. Im Gegenteil. Auf eine absonderliche Weise fühlte sie sich entspannter als die ganzen letzten Monate. Charlotte stellte die Dusche ab und tapste in den Nebenraum, um sich zu bekleiden. Durch ein schmales Fenster blickte sie auf den Hof der Basis hinaus und blinzelte. Immer mehr Menschen versammelten sich im Nieselregen vor dem Gebäude. Alle erschienen durchnässt bis auf die Knochen. Manche von ihnen trugen teure Kleidung, doch ihre Augen entlarvten ihr Empfinden, sie waren grau und leer. Der Ausdruck auf ihren Gesichtern bewegte sich zwischen hoffnungslos und verzweifelt. Wie kamen diese Leute hier her? Waren es Flüchtlinge? Aber hinter der Grenze gab es ihres Wissens nach kein höher entwickeltes und lebendes Wesen mehr. Vielleicht ein paar Vögel, das war schon alles.
„Einsatzbesprechung um achthundert.“ Bataillonsadjutant Dawien schaute kurz auf ihre Brüste und lief mit zackigen Schritten weiter in den Duschraum. „Einsatzbesprechung um achthundert“, hörte sie ihn erneut.
„Was sind das für Leute?“, frage sie den zurückkehrenden Adjutanten und deutete mit dem Kinn auf das Fenster.
„Das werden Sie gleich erfahren“, gab er kurz angebunden zurück und verschwand auf den Flur.
Romero tänzelte mit glänzendem Körper herein und griff nach einem Handtuch. „Dem Tonfall nach erwartet uns heute eine böse Überraschung. Aber ich gehe immerhin mit erleichtertem Herzen.“ Er rubbelte mit dem Handtuch durch seine Haare.
„Draußen rotten sich immer mehr Zivilisten zusammen. Die stehen wie zurückgelassen und vergessen im Regen herum, als würden sie auf etwas warten.“ Charlotte blickte erneut aus dem Fenster. „Das müssen hunderte sein. Kannst du dir das erklären?“
„Du kennst die Antwort.“ Romero zog das Handtuch vom Kopf und rieb sich damit ab. „Ich wollte dir nicht zu nahe treten, Charly. Tut mir leid. Nur sagen, dass dir meine Kabine bei Interesse offen steht.“
Charlotte nickte und schwieg.
„Ruhe im Saal.“ Adjutant Dawien schlug zweimal donnernd mit der Faust auf das Whiteboard an der Wand. Zwischen den einhundert Soldaten hätte man das Aufschlagen einer Stecknadel hören können.
„Kurzer Abriss.“ Dawien fuhr sich mit den Fingern durch das blonde Haar. Sein unnachgiebiger Blick musterte die Soldaten in der vorderen Reihe. „Wir werden heute eine neuartige biologische Waffe gegen die Kreischer einsetzen. Die Infektionsträger haben Sie alle bereits auf dem Platz vor dem Gebäude gesehen.“
Unruhiges Gemurmel brauste auf.
„Ruhe, verdammt. Das ist ein Befehl.“ Dawiens verkniffener Gesichtsausdruck drückte nichts Gutes aus. „Wer diese Unterweisung noch einmal stört, landet vor einem Kriegsgericht und Sie wissen, was das heißt.“
Außer einem Hüsteln war nichts mehr zu vernehmen. Dawien atmete tief durch.
„Nach der Besprechung bekommt jeder von Ihnen einen Injektor ausgehändigt. Mehr Informationen dazu bekommen Sie von Professor Becker, den Leiter der biologischen Militärforschung.“ Er deutete auf den kleinen Mann zu seiner Rechten, der verstohlen zu den Soldaten herüberschielte. „Nachfolgend erhalten Sie ihre Befehle und eine taktische Einweisung. Abmarsch um neunhundert. Professor Becker, bitte.“
„Als Erstes gebe ich Ihnen eine Erklärung über den Sinn des …“
„Bitte lauter, Professor“, fuhr Dawien mit erhobener Stimme dazwischen.
Becker zuckte zusammen. Er zwinkerte, sein Körper straffte sich und er fuhr mit kräftigerem Ton fort.
„Der Injektor, wie Sie ihn von Ihren mitgeführten Schmerzmitteln kennen, enthält eine sehr hohe Dosis unseres neu entwickelten, absolut tödlichen Erregers gegen Beta sieben. Für den Fall, dass Sie sich bei einer Konfrontation mit Beta sieben nicht mehr freikämpfen können, setzen Sie ihn direkt auf eine Ader und injizieren Sie sich den Inhalt. Er wird sich in wenigen Sekunden im ganzen Körper verteilen und ihr Gewebe wird für tausende von Betas eine tödliche Nahrungsquelle darstellen. Sollten Sie eine Konfrontation überleben, erhalten Sie bei Ihrer Rückkehr die beste verfügbare medizinische Behandlung. Ihre Überlebenschance wird circa bei siebzig bis achtzig Prozent liegen.“ Becker blickte in schockierte Gesichter und erwartete empörte Kommentare. Doch es blieb ruhig im Saal.
„Die Personen vor dem Haus sind allesamt Freiwillige. Sie wurden mit einer Dosis infiziert, die Ihnen eine Lebenserwartung von etwa zwanzig Stunden bei mehr oder weniger voller Leistungsfähigkeit garantiert. Fassen Sie keine dieser Personen an und halten sie einen angemessenen Sicherheitsabstand zu ihnen, um eine Infektion zu vermeiden. Sie fungieren als Giftköder für Beta sieben und müssen in seine Nähe gebracht werden, um den Erreger in Umlauf zu bringen. Dies wird Ihre Aufgabe sein.“
Die Soldaten ließen die Köpfe hängen, blickten nach links oder rechts zu ihren Nachbarn und schwiegen.
Die Straße zog sich schnurgerade zwischen verrotteten Anpflanzungen dahin. Charlotte hörte betende Menschen und einige singende Stimmen unter den Freiwilligen neben sich. Das ihnen zugeteilte Kontingent betrug einhundert Personen. Anhaltender Regen schüttete von einem dunklen Himmel herab und klopfte prasselnd auf ihren Gefechtshelm und die Schutzweste.
„Rinder auf dem Weg zur Schlachtbank“, kommentierte Fernandes die sich dahinschleppenden Menschen mit kratziger Stimme und verzog spöttisch das Gesicht.
Eine bösartige Bemerkung lag Charlotte auf der Zunge, doch ersparte sie sich ihren beißenden Kommentar. Fernandes war nicht nur ein ungehobelter Kerl, sondern auch ein egoistisches Miststück, ohne Einfühlungsvermögen, impulsiv, rücksichtslos und gewaltbereit. An ihm glitt alles ab, was nicht seinen Interessen diente.
Das Erreichen der Kleinstadt erschien wie das Betreten eines geschändeten Friedhofs. Die Straßen waren übersät mit zerrissenen Skeletten. Blanke Knochen und ausgehöhlte Schädel schimmerten in der Nässe. Die Menschen stockten und lautes Weinen war zu vernehmen.
„Weiter, weiter“, brüllte Fernandes. „Wir sind gleich da.“ Er deutete auf das Gebetshaus von Cucata, das am Ende der Straße lag und aussah, als wären erst kürzlich Reparaturen durchgeführt worden. „In der Kirche können Sie sich ausruhen.“
Die Gruppe wankte weiter. Ihr angsterfülltes Jammern berührte das Gemüt von Romero auf unerträgliche Weise. Er hielt an und lehnte sich gegen das klapprige Eingangstor eines Hofes. Charlotte stellte sich zu ihm und warf besorgte Blicke zu den Zivilisten, die sich auf dem Kirchplatz verstreuten.
„Wir haben unseren Job erledigt“, raunte Fernandes und hetzte an ihnen vorbei. „Hauen wir ab, bevor es losgeht.“
Charlotte blickte zum Waldrand hinüber, der sich zu bewegen schien.
„Sie sind hier“, krächzte Romero.
Die Kreischer sprangen zwischen den Bäumen hervor und sie waren schnell. Auf ihren kräftigen Armen und Beinen machten sie gewaltige Sprünge wie eine Horde Affen auf Adrenalin und überquerten das offene Gelände in enormem Tempo.
Ruhig bleiben, ermahnte sich Charlotte, du bist bewaffnet und gefährlich. Sie zwang sich, die panischen Menschen nicht zu beachten, die höchstens noch ein paar Minuten zu leben hatten.
„Zurückziehen“, brüllte Romero. Sie hasteten los, schafften es jedoch keine fünfzig Meter weit. Die Soldaten ihrer Einheit liefen ihnen entgegen, blieben abwechselnd stehen und feuerten auf die ihnen folgenden Kreischer.
„Die haben sich in den Feldern eingebuddelt und kommen raus.“ Fernandes erreichte sie als Erster. Charlotte wusste nicht, ob er mehr überrascht oder eher niedergeschlagen war. Sein Kiefer klappte herunter. „Das sind mehr als ein paar.“
Sie blickte zurück zu den Zivilisten. Die Horde der Kreischer hatte sie inzwischen fast erreicht und hielt urplötzlich ein. Sie machten keine Anstalten, die wehrlosen Menschen anzugreifen. Stattdessen hielten sie einen großen Abstand und schienen mit erhobenem Kinn umherzuschnuppern.
Die Soldaten hatten sich vor einem Haus versammelt und schossen kurze Salven auf die nachrückenden Kreaturen. Einige von ihnen überwanden das Sperrfeuer, erreichten die Soldaten und schlugen wie besessen mit ihren scharfen Krallen um sich. Charlotte und Romeo retteten sich mit hektischen Sprüngen hinter ein zerbeultes Fahrzeug.
„Ins Haus“, schrie Fernandes. Er befand sich im eisernen Griff von fünf Kreischern wie in einem Schraubstock und stach mit seinem Kampfmesser auf die Kreaturen ein. Vergeblich versuchte Fernandes, sich zu befreien, riss die Augen auf und schnappte nach Luft. Knochen knackten. Im nächsten Augenblick lag er auf dem Rücken. Wilde Schläge prasselten auf ihn ein und hinterließen spritzende Wunden in Beinen und Armen. Sein Kopf platzte auf wie eine reife Frucht. Wie in Trance starrte Charlotte auf den gesichtslosen Körper, um den sich eine Blutlache bildete. Die Kreischer rissen ganze Stücke aus ihm heraus und schluckten sie gierig herunter. Charlotte riss das Gewehr hoch und schoss blindlings in die Ansammlung der Viecher hinein. Sie zuckten zusammen und sackten ein. Einer fiel auf den Körper von Fernandes. Zusammen mit Romero lief sie durch die offen stehende Tür eines Hauses. Vier der Kreaturen wurden durch ihre Schüsse am Eindringen gehindert, doch versperrten ihre zu Boden gesunkenen Körper den Durchgang und verhinderten ein Schließen der Eingangstür.
„Los, nach oben.“ Romero hetzte eine Treppe hinauf und Charlotte folgte ihm. Sie erreichten ein Kinderzimmer und schlugen die Tür hinter sich zu. Romero verbarrikadierte sie mit einer massiven Truhe, auf der Spielzeug lag.
„Das wird die nicht lange aufhalten.“ Charlotte richtete ihr Gewehr auf den Zugang.
„Ich weiß.“
Auf dem Holz donnerte es. Romero schoss sein ganzes Magazin auf die Mitte der Tür. Dahinter rappelte es, als würde die Kreaturen wild um sich schlagen. Dann Stille. Gebannt starrte Charlotte auf die Löcher in der Tür, doch nichts passierte. Romero zog ein neues Magazin aus seinem Gürtel, schob es in sein Gewehr und lud durch. Dann fischte er einen Injektor aus einer Tasche seiner Schutzweste.
„Wird Zeit für eine Dröhnung“, sagte er mit einem verzerrtem Lächeln.
Charlotte nickte. Sie zog ihren Injektor heraus, schob einen Ärmel nach oben und betrachtete die Innenseite ihres Armes. Nach einer geeigneten Vene musste sie nicht suchen. Prall und bläulich traten viele von ihnen unter der Haut hervor, dunkle Stränge, die sich bis zu den Handgelenken zogen. Sie setzte den Injektor auf eine von ihnen und injizierte die Füllung.
„Du bist eindeutig die köstlichere Mahlzeit von uns beiden.“ Romero lächelte gequält und blickte aus dem Fenster. “Merkwürdig“, sagte er. „Die fassen die Freiwilligen nicht einmal an.“
„Die können das Virus riechen.“ Charlotte ging zum Fenster. Eine Meute der Kreischer zerfetzte die Reste der Soldaten und verschlang jede Körperfaser von ihnen. Von den Freiwilligen waren nicht viele zu sehen. Einige standen einfach da und rührten sich nicht. Eine ältere Frau mit grauen Haaren lief wie geistesabwesend die Straße entlang. Die Kreischer wichen vor ihr zurück und ließen dabei sogar von ihrer Beute ab.
„Ich habe eine schräge Eingebung“, bemerkte Charlotte. Sie lief zur Tür und schob die Truhe beiseite.
„Du willst doch nicht da runtergehen?“ Romero war fassungslos. „Das ist irre.“
„Wir gehen zu denen oder die kommen zu uns. Macht das einen Unterschied?“ Charlotte zog die Tür auf und blickte auf die blutigen Körper von mehreren Kreischern. „Wir haben eine satte Anzahl von den Viren in unseren Körpern. Entweder die nehmen das wahr oder eben nicht.“ Sie lief in den Flur und die Treppe hinunter.
„Du bist wirklich irre.“ Romero rückte seinen Helm zurecht und folgte ihr.
Als sie das Haus verließen, sprangen einige der Kreischer auf. Ihre flachen Nasen bewegten sich, doch kamen sie nicht näher. Charlotte lief langsam auf sie zu und die Kreischer wichen vor ihr zurück.
„Das ist unser Weg nach Hause“, sagte sie.
„Unsere Aktion war ein Reinfall“. General Sanchez blickte frustriert zu den Teilnehmern der Unterredung. „Nein, genau genommen war es ein vollkommenes Debakel.“ Er stützte sich auf den Konferenztisch und blickte auf die glänzende Platte. „An der ganzen Front wurden unsere Infektionsobjekte nicht angenommen und wir müssen weiter zurückweichen, um eine neue Verteidigungslinie aufzubauen.“
„Was heißt nicht angenommen?“, fragte Reyes. „Was ist mit ihnen? Wo befinden sie sich?“
„Die Menschen wurden unter Quarantäne gestellt und werden medizinisch versorgt.“ Sanchez schüttelte den Kopf, dann schaute er zu Professor Becker. „Ersten Auswertungen zufolge können die Betas Geruchs- oder Duftstoffe wahrnehmen, die von den Infizierten ausgehen. Wieder eine der kleinen Unzulänglichkeit von Ihnen, die unter Laborbedingungen nicht wahrgenommen wurden?“, fraget Sanchez verbittert.
„Die Sache hat auch etwas Gutes.“ Becker schaute verlegen auf seine gefalteten Hände.
„Was soll daran gut sein?“, fuhr ihn Innenminister Da Silva aufgebracht an. „Wir haben bereits nahezu jeden Bürger bewaffnet und verlieren immer noch an Boden. Wir schaffen es nicht, diese Kreaturen aufzuhalten. Es ist abzusehen, dass wir in kürzester Zeit …“
„Lassen Sie ihn bitte erklären“, unterbrach in Sanchez. „Uns gehen die Optionen aus und ich bin für jeden Vorschlag dankbar. Professor.“
„Wir können unsere Menschen mit einem abgeschwächten Lebendimpfstoff infizieren. Er enthält ein noch lebendiges, aber für Menschen weitgehend harmloses Virus. Bürger in weiter entfernten Regionen können wir zunächst immunisieren.“
„Wir sollen unsere Bürger jetzt selbst töten?“, fuhr Reyes hoch. „Das schließt diese Möglichkeit doch ein, oder?“
„Nur in Einzelfällen. Das abgeschwächte Virus gelangt nach der Injektion zunächst in den Lymphkreislauf. Immunzellen befördern es zu Hautregionen mit vielen Talk- oder Schweißdrüsen, wo es einzelne Zellen besiedelt. Dort wird es sich replizieren, vom Immunsystem aber ständig unter Kontrolle gehalten. Es produziert nur sehr wenige neue Viruspartikel, die zusammen mit Talk und Hautschuppen an die Oberfläche abgegeben werden. Diese können sich mit Hautfett verbinden und stundenlang auf der Haut haften. Dadurch entsteht eine dauerhafte Signatur, von der Beta sieben sich fernhalten wird. Nach einer gewissen Zeit lässt der Effekt allerdings nach, sodass eine neue Dosis nötig wird.“
„Sie wollen die Menschen den Rest ihres Lebens impfen? Eine Auffrischungsdosis nach der anderen?“ Innenminister Da Silva fuhr sich zweifelnd mit der Handfläche über den Mund.
„Haben Sie einen besseren Vorschlag?“, warf Sanchez ein.
Innenminister Da Silva hob unmerklich das Kinn. Skeptisch blickte er zu Garcia, dem Generalbevollmächtigtem des Wirtschaftsverbandes. „Besitzen wir die notwendigen industriellen Kapazitäten dafür?“
„Wir werden die Produktion in den Branchen Pharmazeutik und Chemie auf maximale Leistung hochgefahren, mehr kann ich nicht versprechen. Außerdem könnten wir unsere Erkenntnisse an die Entscheidungsträger des östlichen Bundes weitergeben. Es wäre in ihrem Interesse, unsere Bemühungen zu unterstützen und das wir unsere Erfahrungen mit ihnen teilen werden.“
„Wir entziehen Beta sieben die Nahrungsgrundlage, das klingt vielversprechend. Diese Biester sollen verhungern. Und was von ihnen noch übrig bleibt, erledigen wir in Handarbeit.“ Die Stimmung von General Sanchez schien sich zu verbessert zu haben. „Wenn Sie keine weiteren Einwände haben, organisieren wir nun unser Vorgehen.“
Die Anwesenden nickten zustimmend.
Professor Becker machte eine unmerkliche Pause, bevor er mit seinen Ausführungen fortfuhr. Es war eine Angewohnheit von ihm, vor bedeutungsvollen Sätzen ausgiebig Luft zu holen, um sie dann zu einem zu Ende zu bringen.
„Die bisherigen Forschungen unserer Einrichtungen sind allesamt zu einem gemeinsamen Ergebnis gekommen. Es besteht kein Zweifel daran, dass der von uns erschaffene Organismus als wirkungsvolle Waffe gegen unseren Feind eingesetzt werden kann. Es handelt sich dabei nicht um einen Mikroorganismus, wie sie wahrscheinlich vermuten, sondern um eine ausgewachsene Spezies mit der Bezeichnung Beta sieben. Sie ist außerordentlich aggressiv und hat eine hohe Reproduktionsrate.“
Becker schwieg und betrachtete interessiert die Wirkung seiner Worte in den Gesichtern der Anwesenden am Konferenztisch. Obwohl die Mehrzahl der Zuhörer auf ein ansprechendes Ergebnis aus der biologischen Waffenforschung gehofft oder sogar damit gerechnet hatte, war die unverblümte Wahrheit jedoch eine Sensation.
Für Sekunden herrschte lähmendes Schweigen im Konferenzraum, in dem die mächtigsten Männer der südlichen Koalition zusammengekommen waren, um am heutigen Tage eine Entscheidung von weitreichender Konsequenz zu treffen. Dann brach der Bann und das Schweigen verwandelte sich in ein lebhaftes Durcheinander von Stimmen, in dem Bestreben, seinen Gesprächspartnern die eigene Meinung mitzuteilen und die Möglichkeiten einer Anwendung des Erfahrenen zu erläutern.
Aus nüchternen Entscheidungsträgern wurden heftig gestikulierende Wesen. Wortfetzen wehten durch den Raum und vermischten sich zu einem unverständlichen Gewirr, dem Professor Becker mit leicht geneigtem Kopf lauschte.
General Sanchez, Oberbefehlshaber des Heeres, erhob sich und klopfte ungeduldig auf den Tisch. In seinen Augen blitzte es auf. Er war bekannt für seine scharfe Zunge und sein großes und vielseitiges strategisches Können.
„Die nördliche Allianz rückt unablässig vor und wir benötigen mehr als nur Forschungsergebnisse und unverbindliche Zusagen. Wie sieht es mit der praktischen Anwendung aus? Innerhalb welchen Zeitraums, mit welchen effektiven Ergebnissen?“
Für einen Augenblick verstummten die Debattierenden und wandten ihre Blicke Professor Becker zu, der als Leiter der biologischen militärischen Forschung nun überzeugende Antworten schuldig war. Eine erneute lautstarke Diskussion schien aufzubranden, als er seine Gedanken ordnete.
Ich bitte um Ruhe, meine Herren“, sagte Becker und atmete erleichtert auf, als er feststellen konnte, dass man seiner Aufforderung nachkam. „Es hat kaum einen Sinn, wenn wir uns noch lange theoretisch mit dem Thema auseinandersetzen. Stattdessen möchte ich Ihnen greifbare Ergebnisse präsentieren. Sie sollten jedoch auf eine ergreifende wie auch verstörende Vorführung gefasst sein. Diese Lebensform ist alles andere als eine Kuschelpuppe und einem freigelassenen Exemplar werden Sie nicht persönlich begegnen wollen. Sie würden es nicht überleben. Wenn Sie mir bitte in eines unserer Labore folgen würden.“ Er nutzte die Sekunde des verblüfften Schweigens und wandte sich dem Ausgang zu.
Das Labor für genetische Entwicklung lag fünfzig Meter unter der Oberfläche. Beim Eintreten empfing die Konferenzteilnehmer wütendes Gekreische. Die Ursache dafür war jedoch hinter einem weißen Vorhang verborgen. In der Gruppe entstand eine leichte Unruhe. Man begann, miteinander zu flüstern und Vermutungen auszutauschen. Zu ihrer Rechten saßen zwei Sicherheitsleute auf gepolsterten Stühlen. An der Wand neben ihnen lehnten großkalibrige Feuerwaffen, mit denen ohne Probleme eine ganze Horde Elefanten getötet werden konnte. Becker musste wie jedes Mal schwer schlucken bei diesem Anblick.
Ein Mann mit bereits grauen Schläfen schritt ihnen ruhig entgegen.
„Professor Becker“, begann Doktor Harret und lächelte ihm zu, um sich schließlich den Anwesenden zuzuwenden und sie zu betrachteten. Die Mitglieder der Abordnung waren ihm zum größten Teil fremd, doch die Gesichter des Innenministers und des Koordinators der Geheimdienste waren ihm bekannt. Er nickte und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.
„Wie Sie hören können, haben wir eine kleine Darbietung unserer neuesten Errungenschaft vorbereitet, um Ihnen einen plastischen Eindruck des Kampfmittels zu verschaffen.“ Er wartete einige Sekunden und blickte in erwartungsvolle Gesichter. „Ich muss gestehen, dass die Entwicklung dieser Waffe einen wahrhaft dramatischen Verlauf genommen und zu Verlusten bei unserem Personal geführt hat. Doch wie Sie gleich sehen werden, wird diese genetisch erzeugte Kreatur nicht nur Angst und Schrecken unter den Invasoren verbreiten, sondern deren Anzahl drastisch und schnell reduzieren. Ich kann Ihnen voll und ganz versprechen, Beta sieben greift alles an, was auch nur in seine Nähe kommt und durch seine Konstitution und Ausstattung ist es eine effektive, wenn nicht sogar eine erschreckend effektive Kampfmaschine. Unterstützt wird seine enorme Angriffslust durch einen hohen Bedarf an Nahrung, die Beta sieben ausschließlich aus fleischlichen Angeboten bezieht.“
„Spannen Sie uns nicht auf die Folter“, bemerkte Innenminister Da Silva ungeduldig und deutete auf den weißen Vorhang.
Harrat hob ruckartig den Kopf. „Bleiben Sie bitte in sicherer Entfernung stehen“, raunte er und wandte sich ab. Vor dem Sichtschutz blieb er stehen und zog den Vorhang langsam beiseite. Zum Vorschein kam ein mit Metallstangen versehener Raum, in dem drei Exemplare von Beta sieben untergebracht waren, die an der hinteren Wand kauerten. Ihr Kreischen verstummte augenblicklich und sie starrten zu der Gruppe in Anzügen und Uniformen hinüber. Ihre Körper waren kaum einen Meter hoch und verfügten über zwei Beine und vier Arme, die fleischig und massiv wirkten. An den Händen befanden sich zwei Finger und zwei Daumen mit spitzen, gekrümmten Krallen. Die kräftigen Körper waren von dichtem Fell bedeckt und strahlten eine beeindruckende Stärke aus.
„Mit seinen scharfen Zähnen kann Beta sieben mühelos Fleisch zerreißen. Er bewegt sich leise und geschickt und ist noch viel gefährlicher, als es hier erscheint“, erörterte Harrat.
Mit wachsamen Augen beobachteten die Exemplare jede Bewegung ihrer Besucher. Urplötzlich schossen sie vor und sprangen mit gewaltigen Sätzen gegen die Gitter, kreischten wie Papageien und griffen zwischen den Stäben hindurch in Richtung der Betrachter. Es jagte Becker ein Frösteln den Rücken hinab. Die Betas waren nicht groß, aber enorm kräftig und sie bewegten sich mit einer rasanten Geschwindigkeit. Ihre Aggressivität war genauso beeindruckend wie beunruhigend.
Becker brachte es fertig, zu grinsen.
„Füttert sie“, forderte Harret einen Mitarbeiter auf. Sekunden später öffnete sich eine Klappe in der Wand und ein ausgewachsenes Schwein schlitterte die dahinter liegende Schräge herab. Nach einem Moment des Schreckens kam das Tier auf die Beine und fuhr ruckartig herum. Es schien die Bedrohung instinktiv zu spüren. Der Rücken spannte sich, die Borsten stellten sich auf. Das Schwein senkte den Kopf, schnaubte und gab grunzende Laute von sich. Die Betas sprangen ihr Opfer augenblicklich an. Ihre kräftigen Arme schlugen die langen Krallen mit zwölf Händen in seinen Körper hinein. Ein lautes Quieken erfüllte den Raum, das sich zu schrillen Schreien steigerte. Das Schwein schnappte mit dem Maul nach den vielen Armen, versuchte panisch, die Gegner wegzudrücken. Vergeblich. Die Betas stachen weiterhin ungestüm auf das Schwein ein und es erlahmte. Aus unzähligen Wunden schoss sein Blut hervor und es fiel auf die Seite. Zuckend strampelten die kurzen Beine umher. Die Schreie verebbten zu einem kläglichen Jammern, als die Betas ihre spitzen Zähne in das Fleisch jagten und ganze Fetzen davon herausrissen, um sie gierig zu verschlucken.
Professor Becker stand mit zitternden Händen und überheblichem Gesichtsausdruck vor den Konferenzteilnehmern. „Ich beantworte gerne Ihre Fragen“, sagte er selbstbewusst.
In der Gruppe hatten sich Besorgnis und Unbehagen ausgebreitet. Die Beobachter wirkten angespannt, redeten leise und durcheinander. Einige waren zurückgewichen und behielten die potenzielle Bedrohung bei ihrer Nahrungsaufnahme ständig im Blick. Ihre Gesichter schienen erblasst und sie strahlten eine Mischung aus Unsicherheit und Panik aus.
„Wie sollen uns diese Dinger einen Nutzen bringen?“, fragte ein Uniformierter und ihm war anzusehen, dass weitere Fragen auf seiner Zunge brannten.
Becker zuckte mit den Schultern.
„Wir setzen sie per Luftfracht und mit Frachtschiffen weit hinter der Kampflinie auf feindlichem Gebiet aus, vorzugsweise in Waldgebieten, die ihre Entdeckung behindern. Sie werden sofort auf die Jagd gehen und sich dank ihrer nahezu grenzenlosen Begierden rasant vermehren. Kein lebendes Wesen wird vor ihnen sicher sein. Wir verfügen inzwischen über annähernd zweitausend dieser Exemplare und können weitere in unbegrenzten Mengen klonen. Sie gebären zwischen drei und fünf Nachkommen. Ihre Tragezeit beträgt gerade einmal sechs Wochen. Schon in drei Monaten könnte ihr Bestand bei zwanzigtausend Exemplaren liegen oder sogar deutlich höher. Das hängt von unserem Arbeitseifer ab und der Anzahl der Objekte, die wir aussetzen können. In sechs Monaten werden es hunderttausende sein. Das wird den Feind beschäftigen und seine Kapazitäten binden und reduzieren.“
„Aber sie werden nicht zwischen Soldaten und Zivilisten unterscheiden, nehme ich an.“ Dem Innenminister stand Besorgnis ins Gesicht geschrieben.
„Ein moralisches Dilemma“, gestand Becker ein, ohne sich einschüchtern zu lassen. „Unsere Herren von Militär und Geheimdienst haben da sicher eine pragmatischere Einstellung zu. Der Feind wird unsere Bevölkerungen unterdrücken und zu Arbeitssklaven machen, sollte er unsere Länder annektieren. Wir haben nun etwas, dass wir ihm entgegensetzen können. Die letztendliche Entscheidung über einen Einsatz treffen jedoch die anwesenden Personen. Ich liefere Ihnen nur die Waffe und ganz persönlich finde ich, lieber die als wir.“ Er legte den Kopf schief und zog unwillkürlich eine Grimasse.
„Wie halten wir diese Biester auf, wenn sie auf unsere Gebiete vordringen?“, fragte ein Anzugträger und rümpfte die Nase.
„Wir verfügen über mehrere der Spezies angepasste Viren, um ihre Rasse in kürzester Zeit komplett auszulöschen. Alle notwendigen Details finden Sie in den Unterlagen, die wir Ihnen aushändigen werden.“
Die Front - ein Jahr später.
Charlotte Winter blickte zum Waldrand hinüber. Still und ruhig lag er da, wie die Darbietung des vollkommenen Friedens. Eine kühle Brise kam von den Bergen herab und strich ihr über die Wangen. Das hohe Gras wogte sanft im Wind. Sie wischte eine Strähne ihres Haares aus dem Gesicht. Der Anblick eines schlichten, hölzernen Kreuzes am Ortsausgang von Cucata ließ sie innerlich erstarren. Eine erdrückende Müdigkeit überwältigte sie wie an jenem Tag, als sie ihre Tochter in einem klitzekleinen Sarg zu Grabe trugen. Diese Taubheit war das vorherrschende Gefühl, das Charlotte in den letzten Monaten begleitete. Ihr gewohntes Leben war in einer solchen Geschwindigkeit auseinandergefallen, dass es ihr immer noch schwerfiel, all diese Verluste zu begreifen. Stets erinnerte sie sich daran, wie niedergeschlagen und verzweifelt sie war, als die ersten Wellen der Kreischer die erstarrte Front überliefen und im Hinterland die ersten Dörfer entvölkerten. Charlotte hatte ihr Zuhause verloren. Ihr Mann und ihr Sohn starben bei der Verteidigung ihrer Gemeinde und verschwanden von einem Moment auf den anderen aus ihrem Leben. Die Körper der geliebten Menschen wurden nie gefunden. Die Kreischer hinterließen nur blanke Knochen, wenn sie mit ihren Opfern fertig waren. Und von ihrer kleine Stefanie, Charlotte wischte sich Tränen aus den Augen, wurden nur zerfetzte Überreste gefunden. Jeder Lebensmut war Charlotte abhandengekommen. Das Einzige, was sie aufrecht hielt, war das tiefe Bedürfnis nach Rache und auch dieses verblasste mit der Zeit. Sie töteten die Kreischer zu tausenden und doch schienen es nie weniger zu werden.
Charlotte blickte erneut zum Waldrand. Bei Einbruch der Dunkelheit würden sie kommen, schnell und geräuschlos. Sie bevorzugten die Dämmerung und die Nacht bei ihrer Jagd. Winters Einheit hatte den ganzen Tag über diese Kleinstadt von ihnen gesäubert, um im Vorfeld der Basis einen halbwegs gesicherten Raum zu haben. Wie oft jetzt? Zum zehnten Mal? Die ehemaligen Bewohner zumindest waren schon längst verdaut. Ihre abgenagten Knochen waren in den Häusern überall zu finden. Zusammen mit zweihundert dieser Kreaturen, die nach ihrem Einsatz nun in allen Ecken und auf den Straßen herumlagen. Schon alleine dieser Umstand zog die anderen unwiderstehlich an. Sie konnten den Geruch von Blut über weite Entfernungen wittern und machten auch vor den toten Körpern von ihresgleichen nicht halt. Ihr gewaltiger Hunger kannte keine Grenzen.
„Siehst du etwas Verdächtiges, Charly?“, fragte Romero, der sich neben sie stellte und durch das Zielfernrohr seines Gewehres zwischen den Bäumen umher suchte.
„Nein“, kam es gedankenversunken über ihre Lippen. Ihr war nicht nach einem Gespräch zumute.
„Wir rücken gleich ab“, sagte Romero. „Es wird gleich dunkel und hier draußen werden wir zu einer leichten Beute.“ Er senkte sein Gewehr und lächelte verschmitzt. „Wir könnten uns heute Abend zusammen ein paar Drinks gönnen. Haben wir uns verdammt nochmal verdient. Was hältst du davon?“
Charlotte sah ihn deprimiert an. Romero war ein anständiger Kerl, geradeheraus und ehrlich. Er soll Grundschullehrer gewesen sein, wenn auch für Mathematik, was ihr nie so wirklich zugesagt hatte. Und irgendwie mochte sie ihn sogar. Doch in ihrem Herzen hatte sich eine eisige Kälte eingenistet, die sie nicht abzuschütteln vermochte. Und in ihrem Geist wirbelte alles durcheinander. Töten und Überleben. Töten und Überleben. Sie konnte die Bilder der ganzen zerfetzten Körper vor ihren Augen nicht mehr auseinanderhalten. Sie überschwemmten ihr Denken und ließen sich kaum noch verdrängen. Nur der reichlich verfügbare Alkohol auf der Basis verschaffte ihr eine kleine Erleichterung und der wurde von allen Soldaten ausgiebig genutzt. In der Heeresführung schien man sich dessen Nutzen sehr bewusst zu sein, denn es gab nie Nachschubprobleme an Hochprozentigem und berauschte Ausraster der Soldaten wurden stillschweigend ignoriert.
„Fände ich gut“, hauchte Charlotte. „Ich kann ein wenig Ablenkung gebrauchen.“ Sie sah das schiefe Grinsen von Romero und bereute ihre Zusage beinahe. Menschliche oder gar körperliche Nähe drückte sie in ihrem Inneren von sich fort. Sie konnte sich mitten in diesem bestialischen Krieg keine Zärtlichkeiten vorstellen, geschweige denn eine Beziehung. Doch auch ihre Lebenszeit war begrenzt, die Anzahl der Gefallenen an der Frontlinie blieb unbeirrt hoch. Vielleicht sollte sie sich die Birne zunageln, alle Hindernisse niederreißen und es einfach geschehen lassen, auch wenn sie es am nächsten Tag auf irgendeine Weise bereuen sollte. Möglicherweise war es die letzte Gelegenheit in ihrem Leben.
„Winter, Romero.“ Der grobschlächtige Zugführer Fernandes winkte ihnen zu. „Wir übernehmen die Nachhut und es geht auf der Stelle los. Die anderen sind schon unterwegs. Schaut mal nach oben.“
Charlotte blickte zum Himmel auf. Eine Wolkenfront zog rapide heran und verdunkelte die Umgebung.
„Das wird die Kreischer aus ihren Löchern locken“, konstatierte Romero und ein Schatten fiel über sein Gesicht. Auch an ihm schienen menschliche Verluste zu nagen, kam es Charlotte in den Sinn. Romero blickte wieder durch sein Zielfernrohr und verzog den Mund. „Da bewegt sich etwas zwischen den Bäumen und das sind nicht nur eine Handvoll von denen.“
„Wir haben eine üppige Mahlzeit für sie vorbereitet.“ Ein Lachen blieb Charlotte im Halse stecken. „Damit werden sie erst einmal genug zu tun haben.“
„Wo sind die anderen?“ Romero gab eine Salve auf die Baumreihe ab und drehte sich zu seinem Zugführer um. Fernandes hastete bereits davon wie ein gejagter Hase.
Einzelne Kreischer sprangen aus der Deckung des Waldes hervor, verharrten jedoch nach einigen Metern und schauten sich um. Ihre wilden Schreie waren gut zu vernehmen.
„Noch ein paar mehr von denen und es geht rund.“ Romero stand wie angewurzelt da.
Charlotte fasste ihn am Arm und riss ihn mit sich fort.
„Los, los, Sandhase“, rief sie schnippisch. „Du willst dein Rendezvous doch nicht verpassen.
General Sanchez stand am Ende des langen Konferenztisches. Seine kräftige Statur war respekteinflößend und er näherte sich dem Ende seiner Geduld. Den Anwesenden war anzusehen, dass sein aufgebrachtes Verhalten sie beunruhigte. Sie bemühten sich, so gelassen wie möglich zu erscheinen und sich nicht von seiner Hysterie anstecken zu lassen, doch der Ausdruck auf ihren Gesichtern sagte etwas Anderes aus. Neben Sanchez saßen Becker und eine kurzhaarige Frau aus der genetischen Forschungsabteilung. Beckers stumpfer, gequälter Blick verriet sein Schlamassel, in das er sich hineinmanövriert hatte. Sanchez schaute grimmig auf ihn herab.
„Beta sieben ist weitere fünfzig Kilometer auf unser Territorium vorgedrungen. Unsere schweren Waffen sind nahezu nutzlos und ihre Produktion hinkt weit hinter dem Bedarf her.“ Er spuckte Speichel vor Wut. „Alle biologischen Gegenmaßnahmen waren nur von begrenztem Erfolg und haben die weitere Ausbreitung des feindlichen Organismus nur verlangsamt, aber nicht gestoppt. Sie sind uns einige Erklärungen schuldig, Professor Becker und wir wollen Lösungen von Ihnen hören. Sie wollen allen Ernstes behaupten, dass diese Kreaturen sich an die viralen Gegenmittel angepasst haben? Haben Sie das nicht vorausgesehen?“ Er blickte Becker feindselig an.
Einige der Anwesenden schauten mitleidig zu dem eingesunkenen Mann herüber, der verstört auf die Tischplatte starrte. Andere waren entsetzt über sein Schweigen.
„Hören Sie gar nicht, was ich sage?“ Sanchez schien am Rande eines Nervenzusammenbruches zu balancieren. „Herrgott noch mal. Wenn diese Wesen bis zu den waldreichen Gebieten in den Bergen vordringen, dann war es das für unsere Bevölkerungen.“
„Uns bleiben weiterhin taktische Atomwaffen“, warf Innenminister Da Silva ein.
„Das Thema hatten wir schon oft genug.“ Reyes, der Leiter des Bevölkerungsschutzes war empört. „Wir zerstören unsere Lebensgrundlage und die nördliche Allianz kann dabei als vernichtendes Beispiel dienen. Die Hälfte ihrer Länder ist für Jahrhunderte verstrahlt und Beta sieben bewegt sich sowohl weiter nach Norden als auch in unsere Richtung.“
Schweigen. Ungläubiges Starren.
„Wir könnten einen Sperrgürtel mit taktischen Atomwaffen errichten. Wir töten alles, was sich darin befindet, so oft, wie es eben sein muss und was durchkommt erledigen wir vor Ort.“ Da Silvas Stimme klang entschlossen. „Und ganz aktuell. Vom asiatischen Bund können wir keine Unterstützung erwarten. Unsere Bitte um Hilfe wurde abgelehnt. Die bereiten sich selbst auf eine Invasion vor.“
Professor Becker erhob sich langsam.
„Wenn ich etwas sagen dürfte.“ Er schaute mit müden Blicken auf die Anwesenden und erhielt keinen Widerspruch. Alle Augen waren gebannt auf ihn gerichtet und er hätte voller Schuldbewusstsein im Boden versinken können. Die plötzliche Stille im Raum lastete wie ein schweres Gewicht auf seinen Schultern.
„Das Beta sieben eine Immunität entwickelt hat, ist nur eine von mehreren Interpretationen, falls Ihnen das entgangen sein sollte. Wir haben Aerosole mit verschiedenen Viren mehrfach versprüht. Die Wirkung hielt sich jedoch in Grenzen, weil die Mikroorganismen wahrscheinlich über die Lunge nicht so effektiv aufgenommen wurden wie unter Laborbedingungen. Des Weiteren erkennen wir in der freien Natur eine geringere Ansteckungsrate als erwartet, was die Ausbreitung der Gegenmaßnahme erschwerte und zu gewissen Anpassungen der Organismen führte. Es gibt allerdings eine Alternative, die Ihnen auf den ersten Blick aber nicht gefallen wird. In Anbetracht dessen, das die Bevölkerungen im Norden jedoch nahezu vollständig ausgelöscht wurden, kann man einen unerfreulichen Kompromiss durchaus in Betracht ziehen“, Becker musste angestrengt Luft holen und spürte seine Beine wanken. Seine Mitarbeiterin fasste ihn an der Hand. Er bleckte die Zähne, seine Augen verengten sich zu Schlitzen. Entschlossen fuhr er fort. „Wir müssen Beta sieben infizierte Köder anbieten.“
„Was?“ General Sanchez schreckte auf. Er hatte sich wieder gefangen, konnte das Gehörte jedoch nicht glauben. „Wo sollen wir solche Mengen an Tieren hernehmen? Allein der Transport würde Wochen dauern. Diese Zeit steht uns nicht zur Verfügung. Beta sieben ist dabei, uns zu überrennen.“
„Wir haben einen sehr effizienten Krankheitserreger mit extrem hoher Ansteckungsrate getestet und in ausreichenden Mengen produziert, der jedoch mit der Nahrung aufgenommen werden muss, um seine volle Wirkung zu entfalten. Die Inkubationszeit beträgt nur wenige Minuten und die ersten Symptome werden durch Krämpfe und Atembeschwerden zu einer Inaktivität der Betas führen. Die meisten von ihnen werden innerhalb eines sehr kurzen Zeitraumes sterben, wenige Stunden oder weit darunter. Bei einzelnen Exemplaren wird es sich über Tage hinziehen und sie werden den Erreger in der restlichen Population in Umlauf bringen. Zur Übertragung auf andere Objekte ist lediglich Hautkontakt notwendig, was ihn hochansteckend macht“, stammelte Becker. „Bei einer Ausbreitung ist er jedoch auch für unsere Bevölkerungen tödlich. Die Todesrate unter den Einwohnern wird in diesem, ich muss mit Bedauern sagen, sehr wahrscheinlichen Fall einer Epidemie, von unseren Experten grob auf dreißig Prozent geschätzt, bei unterstützenden medizinischen Maßnahmen auch deutlich darunter.“
„Sind Sie vollkommen verrückt geworden?“ Reyes schüttelte ungläubig den Kopf. Vornübergebeugt drückte er mit den Händen auf die Lehnen seines Stuhles als wollte er aufspringen. „Sie wollen ernsthaft in Kauf nehmen, ein Drittel unserer Bürger töten?“
„Das ist noch nicht alles.“ Becker konnte nicht mehr schlucken. Er nahm ein Glas Wasser vom Tisch und leerte es in einem Zug. „Tiere kommen als Träger für den tödlichen Erreger nicht infrage. Sie verenden bereits nach weniger als zwei Stunden, was uns rein logistisch zu schwer überwindbaren Problemen führen würde, wie gerade erwähnt wurde. Des Weiteren ist die Spezies Beta sieben lernfähig. Sie wird schon bald kein totes Fleisch mehr anfassen und nur noch lebendige Nahrung jagen. Bei einem infizierten Menschen dagegen tritt der Tod bei einer Infizierung erst nach drei bis vier Tagen ein. Das verschafft uns Spielraum bei der Handhabung.“
Charlotte hob das Gesicht unter die Duschbrause und wischte sich den Schaum aus dem Gesicht. Links neben ihr rieb sich Fernandes von oben bis unten mit Seife ein. Er war am ganzen Körper stark behaart, doch unter der Gemeinschaftsdusche gewöhnte Charlotte sich schnell an jeden befremdlichen Anblick. Romero kam nackt in den Hygienebereich.
„Danke“, konnte sie im Vorbeigehen vernehmen. Romero passierte den untersetzten Baker neben ihr und öffnete das Ventil der darauf folgenden Dusche. Sie lächelte scheu in sich hinein. Im Rausch hatte sie alle Hürden überwunden und würde nicht sagen, dass sie es bereute. Im Gegenteil. Auf eine absonderliche Weise fühlte sie sich entspannter als die ganzen letzten Monate. Charlotte stellte die Dusche ab und tapste in den Nebenraum, um sich zu bekleiden. Durch ein schmales Fenster blickte sie auf den Hof der Basis hinaus und blinzelte. Immer mehr Menschen versammelten sich im Nieselregen vor dem Gebäude. Alle erschienen durchnässt bis auf die Knochen. Manche von ihnen trugen teure Kleidung, doch ihre Augen entlarvten ihr Empfinden, sie waren grau und leer. Der Ausdruck auf ihren Gesichtern bewegte sich zwischen hoffnungslos und verzweifelt. Wie kamen diese Leute hier her? Waren es Flüchtlinge? Aber hinter der Grenze gab es ihres Wissens nach kein höher entwickeltes und lebendes Wesen mehr. Vielleicht ein paar Vögel, das war schon alles.
„Einsatzbesprechung um achthundert.“ Bataillonsadjutant Dawien schaute kurz auf ihre Brüste und lief mit zackigen Schritten weiter in den Duschraum. „Einsatzbesprechung um achthundert“, hörte sie ihn erneut.
„Was sind das für Leute?“, frage sie den zurückkehrenden Adjutanten und deutete mit dem Kinn auf das Fenster.
„Das werden Sie gleich erfahren“, gab er kurz angebunden zurück und verschwand auf den Flur.
Romero tänzelte mit glänzendem Körper herein und griff nach einem Handtuch. „Dem Tonfall nach erwartet uns heute eine böse Überraschung. Aber ich gehe immerhin mit erleichtertem Herzen.“ Er rubbelte mit dem Handtuch durch seine Haare.
„Draußen rotten sich immer mehr Zivilisten zusammen. Die stehen wie zurückgelassen und vergessen im Regen herum, als würden sie auf etwas warten.“ Charlotte blickte erneut aus dem Fenster. „Das müssen hunderte sein. Kannst du dir das erklären?“
„Du kennst die Antwort.“ Romero zog das Handtuch vom Kopf und rieb sich damit ab. „Ich wollte dir nicht zu nahe treten, Charly. Tut mir leid. Nur sagen, dass dir meine Kabine bei Interesse offen steht.“
Charlotte nickte und schwieg.
„Ruhe im Saal.“ Adjutant Dawien schlug zweimal donnernd mit der Faust auf das Whiteboard an der Wand. Zwischen den einhundert Soldaten hätte man das Aufschlagen einer Stecknadel hören können.
„Kurzer Abriss.“ Dawien fuhr sich mit den Fingern durch das blonde Haar. Sein unnachgiebiger Blick musterte die Soldaten in der vorderen Reihe. „Wir werden heute eine neuartige biologische Waffe gegen die Kreischer einsetzen. Die Infektionsträger haben Sie alle bereits auf dem Platz vor dem Gebäude gesehen.“
Unruhiges Gemurmel brauste auf.
„Ruhe, verdammt. Das ist ein Befehl.“ Dawiens verkniffener Gesichtsausdruck drückte nichts Gutes aus. „Wer diese Unterweisung noch einmal stört, landet vor einem Kriegsgericht und Sie wissen, was das heißt.“
Außer einem Hüsteln war nichts mehr zu vernehmen. Dawien atmete tief durch.
„Nach der Besprechung bekommt jeder von Ihnen einen Injektor ausgehändigt. Mehr Informationen dazu bekommen Sie von Professor Becker, den Leiter der biologischen Militärforschung.“ Er deutete auf den kleinen Mann zu seiner Rechten, der verstohlen zu den Soldaten herüberschielte. „Nachfolgend erhalten Sie ihre Befehle und eine taktische Einweisung. Abmarsch um neunhundert. Professor Becker, bitte.“
„Als Erstes gebe ich Ihnen eine Erklärung über den Sinn des …“
„Bitte lauter, Professor“, fuhr Dawien mit erhobener Stimme dazwischen.
Becker zuckte zusammen. Er zwinkerte, sein Körper straffte sich und er fuhr mit kräftigerem Ton fort.
„Der Injektor, wie Sie ihn von Ihren mitgeführten Schmerzmitteln kennen, enthält eine sehr hohe Dosis unseres neu entwickelten, absolut tödlichen Erregers gegen Beta sieben. Für den Fall, dass Sie sich bei einer Konfrontation mit Beta sieben nicht mehr freikämpfen können, setzen Sie ihn direkt auf eine Ader und injizieren Sie sich den Inhalt. Er wird sich in wenigen Sekunden im ganzen Körper verteilen und ihr Gewebe wird für tausende von Betas eine tödliche Nahrungsquelle darstellen. Sollten Sie eine Konfrontation überleben, erhalten Sie bei Ihrer Rückkehr die beste verfügbare medizinische Behandlung. Ihre Überlebenschance wird circa bei siebzig bis achtzig Prozent liegen.“ Becker blickte in schockierte Gesichter und erwartete empörte Kommentare. Doch es blieb ruhig im Saal.
„Die Personen vor dem Haus sind allesamt Freiwillige. Sie wurden mit einer Dosis infiziert, die Ihnen eine Lebenserwartung von etwa zwanzig Stunden bei mehr oder weniger voller Leistungsfähigkeit garantiert. Fassen Sie keine dieser Personen an und halten sie einen angemessenen Sicherheitsabstand zu ihnen, um eine Infektion zu vermeiden. Sie fungieren als Giftköder für Beta sieben und müssen in seine Nähe gebracht werden, um den Erreger in Umlauf zu bringen. Dies wird Ihre Aufgabe sein.“
Die Soldaten ließen die Köpfe hängen, blickten nach links oder rechts zu ihren Nachbarn und schwiegen.
Die Straße zog sich schnurgerade zwischen verrotteten Anpflanzungen dahin. Charlotte hörte betende Menschen und einige singende Stimmen unter den Freiwilligen neben sich. Das ihnen zugeteilte Kontingent betrug einhundert Personen. Anhaltender Regen schüttete von einem dunklen Himmel herab und klopfte prasselnd auf ihren Gefechtshelm und die Schutzweste.
„Rinder auf dem Weg zur Schlachtbank“, kommentierte Fernandes die sich dahinschleppenden Menschen mit kratziger Stimme und verzog spöttisch das Gesicht.
Eine bösartige Bemerkung lag Charlotte auf der Zunge, doch ersparte sie sich ihren beißenden Kommentar. Fernandes war nicht nur ein ungehobelter Kerl, sondern auch ein egoistisches Miststück, ohne Einfühlungsvermögen, impulsiv, rücksichtslos und gewaltbereit. An ihm glitt alles ab, was nicht seinen Interessen diente.
Das Erreichen der Kleinstadt erschien wie das Betreten eines geschändeten Friedhofs. Die Straßen waren übersät mit zerrissenen Skeletten. Blanke Knochen und ausgehöhlte Schädel schimmerten in der Nässe. Die Menschen stockten und lautes Weinen war zu vernehmen.
„Weiter, weiter“, brüllte Fernandes. „Wir sind gleich da.“ Er deutete auf das Gebetshaus von Cucata, das am Ende der Straße lag und aussah, als wären erst kürzlich Reparaturen durchgeführt worden. „In der Kirche können Sie sich ausruhen.“
Die Gruppe wankte weiter. Ihr angsterfülltes Jammern berührte das Gemüt von Romero auf unerträgliche Weise. Er hielt an und lehnte sich gegen das klapprige Eingangstor eines Hofes. Charlotte stellte sich zu ihm und warf besorgte Blicke zu den Zivilisten, die sich auf dem Kirchplatz verstreuten.
„Wir haben unseren Job erledigt“, raunte Fernandes und hetzte an ihnen vorbei. „Hauen wir ab, bevor es losgeht.“
Charlotte blickte zum Waldrand hinüber, der sich zu bewegen schien.
„Sie sind hier“, krächzte Romero.
Die Kreischer sprangen zwischen den Bäumen hervor und sie waren schnell. Auf ihren kräftigen Armen und Beinen machten sie gewaltige Sprünge wie eine Horde Affen auf Adrenalin und überquerten das offene Gelände in enormem Tempo.
Ruhig bleiben, ermahnte sich Charlotte, du bist bewaffnet und gefährlich. Sie zwang sich, die panischen Menschen nicht zu beachten, die höchstens noch ein paar Minuten zu leben hatten.
„Zurückziehen“, brüllte Romero. Sie hasteten los, schafften es jedoch keine fünfzig Meter weit. Die Soldaten ihrer Einheit liefen ihnen entgegen, blieben abwechselnd stehen und feuerten auf die ihnen folgenden Kreischer.
„Die haben sich in den Feldern eingebuddelt und kommen raus.“ Fernandes erreichte sie als Erster. Charlotte wusste nicht, ob er mehr überrascht oder eher niedergeschlagen war. Sein Kiefer klappte herunter. „Das sind mehr als ein paar.“
Sie blickte zurück zu den Zivilisten. Die Horde der Kreischer hatte sie inzwischen fast erreicht und hielt urplötzlich ein. Sie machten keine Anstalten, die wehrlosen Menschen anzugreifen. Stattdessen hielten sie einen großen Abstand und schienen mit erhobenem Kinn umherzuschnuppern.
Die Soldaten hatten sich vor einem Haus versammelt und schossen kurze Salven auf die nachrückenden Kreaturen. Einige von ihnen überwanden das Sperrfeuer, erreichten die Soldaten und schlugen wie besessen mit ihren scharfen Krallen um sich. Charlotte und Romeo retteten sich mit hektischen Sprüngen hinter ein zerbeultes Fahrzeug.
„Ins Haus“, schrie Fernandes. Er befand sich im eisernen Griff von fünf Kreischern wie in einem Schraubstock und stach mit seinem Kampfmesser auf die Kreaturen ein. Vergeblich versuchte Fernandes, sich zu befreien, riss die Augen auf und schnappte nach Luft. Knochen knackten. Im nächsten Augenblick lag er auf dem Rücken. Wilde Schläge prasselten auf ihn ein und hinterließen spritzende Wunden in Beinen und Armen. Sein Kopf platzte auf wie eine reife Frucht. Wie in Trance starrte Charlotte auf den gesichtslosen Körper, um den sich eine Blutlache bildete. Die Kreischer rissen ganze Stücke aus ihm heraus und schluckten sie gierig herunter. Charlotte riss das Gewehr hoch und schoss blindlings in die Ansammlung der Viecher hinein. Sie zuckten zusammen und sackten ein. Einer fiel auf den Körper von Fernandes. Zusammen mit Romero lief sie durch die offen stehende Tür eines Hauses. Vier der Kreaturen wurden durch ihre Schüsse am Eindringen gehindert, doch versperrten ihre zu Boden gesunkenen Körper den Durchgang und verhinderten ein Schließen der Eingangstür.
„Los, nach oben.“ Romero hetzte eine Treppe hinauf und Charlotte folgte ihm. Sie erreichten ein Kinderzimmer und schlugen die Tür hinter sich zu. Romero verbarrikadierte sie mit einer massiven Truhe, auf der Spielzeug lag.
„Das wird die nicht lange aufhalten.“ Charlotte richtete ihr Gewehr auf den Zugang.
„Ich weiß.“
Auf dem Holz donnerte es. Romero schoss sein ganzes Magazin auf die Mitte der Tür. Dahinter rappelte es, als würde die Kreaturen wild um sich schlagen. Dann Stille. Gebannt starrte Charlotte auf die Löcher in der Tür, doch nichts passierte. Romero zog ein neues Magazin aus seinem Gürtel, schob es in sein Gewehr und lud durch. Dann fischte er einen Injektor aus einer Tasche seiner Schutzweste.
„Wird Zeit für eine Dröhnung“, sagte er mit einem verzerrtem Lächeln.
Charlotte nickte. Sie zog ihren Injektor heraus, schob einen Ärmel nach oben und betrachtete die Innenseite ihres Armes. Nach einer geeigneten Vene musste sie nicht suchen. Prall und bläulich traten viele von ihnen unter der Haut hervor, dunkle Stränge, die sich bis zu den Handgelenken zogen. Sie setzte den Injektor auf eine von ihnen und injizierte die Füllung.
„Du bist eindeutig die köstlichere Mahlzeit von uns beiden.“ Romero lächelte gequält und blickte aus dem Fenster. “Merkwürdig“, sagte er. „Die fassen die Freiwilligen nicht einmal an.“
„Die können das Virus riechen.“ Charlotte ging zum Fenster. Eine Meute der Kreischer zerfetzte die Reste der Soldaten und verschlang jede Körperfaser von ihnen. Von den Freiwilligen waren nicht viele zu sehen. Einige standen einfach da und rührten sich nicht. Eine ältere Frau mit grauen Haaren lief wie geistesabwesend die Straße entlang. Die Kreischer wichen vor ihr zurück und ließen dabei sogar von ihrer Beute ab.
„Ich habe eine schräge Eingebung“, bemerkte Charlotte. Sie lief zur Tür und schob die Truhe beiseite.
„Du willst doch nicht da runtergehen?“ Romero war fassungslos. „Das ist irre.“
„Wir gehen zu denen oder die kommen zu uns. Macht das einen Unterschied?“ Charlotte zog die Tür auf und blickte auf die blutigen Körper von mehreren Kreischern. „Wir haben eine satte Anzahl von den Viren in unseren Körpern. Entweder die nehmen das wahr oder eben nicht.“ Sie lief in den Flur und die Treppe hinunter.
„Du bist wirklich irre.“ Romero rückte seinen Helm zurecht und folgte ihr.
Als sie das Haus verließen, sprangen einige der Kreischer auf. Ihre flachen Nasen bewegten sich, doch kamen sie nicht näher. Charlotte lief langsam auf sie zu und die Kreischer wichen vor ihr zurück.
„Das ist unser Weg nach Hause“, sagte sie.
„Unsere Aktion war ein Reinfall“. General Sanchez blickte frustriert zu den Teilnehmern der Unterredung. „Nein, genau genommen war es ein vollkommenes Debakel.“ Er stützte sich auf den Konferenztisch und blickte auf die glänzende Platte. „An der ganzen Front wurden unsere Infektionsobjekte nicht angenommen und wir müssen weiter zurückweichen, um eine neue Verteidigungslinie aufzubauen.“
„Was heißt nicht angenommen?“, fragte Reyes. „Was ist mit ihnen? Wo befinden sie sich?“
„Die Menschen wurden unter Quarantäne gestellt und werden medizinisch versorgt.“ Sanchez schüttelte den Kopf, dann schaute er zu Professor Becker. „Ersten Auswertungen zufolge können die Betas Geruchs- oder Duftstoffe wahrnehmen, die von den Infizierten ausgehen. Wieder eine der kleinen Unzulänglichkeit von Ihnen, die unter Laborbedingungen nicht wahrgenommen wurden?“, fraget Sanchez verbittert.
„Die Sache hat auch etwas Gutes.“ Becker schaute verlegen auf seine gefalteten Hände.
„Was soll daran gut sein?“, fuhr ihn Innenminister Da Silva aufgebracht an. „Wir haben bereits nahezu jeden Bürger bewaffnet und verlieren immer noch an Boden. Wir schaffen es nicht, diese Kreaturen aufzuhalten. Es ist abzusehen, dass wir in kürzester Zeit …“
„Lassen Sie ihn bitte erklären“, unterbrach in Sanchez. „Uns gehen die Optionen aus und ich bin für jeden Vorschlag dankbar. Professor.“
„Wir können unsere Menschen mit einem abgeschwächten Lebendimpfstoff infizieren. Er enthält ein noch lebendiges, aber für Menschen weitgehend harmloses Virus. Bürger in weiter entfernten Regionen können wir zunächst immunisieren.“
„Wir sollen unsere Bürger jetzt selbst töten?“, fuhr Reyes hoch. „Das schließt diese Möglichkeit doch ein, oder?“
„Nur in Einzelfällen. Das abgeschwächte Virus gelangt nach der Injektion zunächst in den Lymphkreislauf. Immunzellen befördern es zu Hautregionen mit vielen Talk- oder Schweißdrüsen, wo es einzelne Zellen besiedelt. Dort wird es sich replizieren, vom Immunsystem aber ständig unter Kontrolle gehalten. Es produziert nur sehr wenige neue Viruspartikel, die zusammen mit Talk und Hautschuppen an die Oberfläche abgegeben werden. Diese können sich mit Hautfett verbinden und stundenlang auf der Haut haften. Dadurch entsteht eine dauerhafte Signatur, von der Beta sieben sich fernhalten wird. Nach einer gewissen Zeit lässt der Effekt allerdings nach, sodass eine neue Dosis nötig wird.“
„Sie wollen die Menschen den Rest ihres Lebens impfen? Eine Auffrischungsdosis nach der anderen?“ Innenminister Da Silva fuhr sich zweifelnd mit der Handfläche über den Mund.
„Haben Sie einen besseren Vorschlag?“, warf Sanchez ein.
Innenminister Da Silva hob unmerklich das Kinn. Skeptisch blickte er zu Garcia, dem Generalbevollmächtigtem des Wirtschaftsverbandes. „Besitzen wir die notwendigen industriellen Kapazitäten dafür?“
„Wir werden die Produktion in den Branchen Pharmazeutik und Chemie auf maximale Leistung hochgefahren, mehr kann ich nicht versprechen. Außerdem könnten wir unsere Erkenntnisse an die Entscheidungsträger des östlichen Bundes weitergeben. Es wäre in ihrem Interesse, unsere Bemühungen zu unterstützen und das wir unsere Erfahrungen mit ihnen teilen werden.“
„Wir entziehen Beta sieben die Nahrungsgrundlage, das klingt vielversprechend. Diese Biester sollen verhungern. Und was von ihnen noch übrig bleibt, erledigen wir in Handarbeit.“ Die Stimmung von General Sanchez schien sich zu verbessert zu haben. „Wenn Sie keine weiteren Einwände haben, organisieren wir nun unser Vorgehen.“
Die Anwesenden nickten zustimmend.