John Goodman
Mitglied
Die Stille der Kammer hüllte sie ein. Maella lehnte an aufgestapelten Kissen, die Beine im Schneidersitz gekreuzt. In ihrem Schoß ruhte das Sphärenauge, eine samtige Schwärze, die das Licht schluckte. Die Kugel gab unter dem Druck ihrer Fingerkuppen elastisch nach, die Wärme ihrer Haut versickerte. Sie griff nach der Substanz. Das träge Dunkel sackte in Wellen nach innen, öffnete einen bodenlosen Sturz durch die transluzenten Membranen der Wirklichkeit. Kobaltblaue Verästelungen wucherten, griffen ineinander, fluteten die stumme Leere, gerannen zu Galaxien. Blaue Riesen wichen grünschillernden Welten. Schwarze Löcher fingen Photonen in gleißenden Ringen um ihren Ereignishorizont. Das atmende Geflecht des Multiversums.
In den Ausläufern eines Sonnensystems glitt eine cremefarbene Welt heran, deren Eisringe im Licht funkelten. Ein Gasriese, geschichtet in beigefarbene Sturmbänder, folgte. Eine rostrote Wüste streifte vorüber, bis der Planet der Menschen das Zentrum besetzte. In seiner Umlaufbahn zog ein fahler Begleiter seine Kreise; vereinzelte Apparate aus Metall kreuzten den Orbit. Die Dunstschicht der Atmosphäre riss auf. Maella überflog einen schneebedeckten Vulkankegel, drang in das verschachtelte Labyrinth aus Asphalt und Neonleuchten. Ein filigraner Funkturm ragte steil empor. Menschenströme walzten durch die Straßenschluchten. An den Fassaden leuchteten vertikale Zeichen, die sich entwirrten. Das Ortsschild offenbarte den Namen: Tokio. Ihr Blick überquerte den Ozean, erfasste das Land Spanien. Gleißende Hitze flirrte über feinkörnigen Stränden. Palmen neigten ihre Kronen im Wind; salzige Gischt benetzte das Ufer. Gestalten flanierten über die Promenade, lachten und führten Gläser mit farbigen Flüssigkeiten zum Mund. Stimmengewirr drang in sie ein; die Laute fügten sich zu klaren Gedanken. Sie betrachtete den Menschen. Ein Wesen aus weichem Gewebe eroberte die Kontinente. Zarte Haut umschloss das feuchte Geflecht der Organe; ein Sturz aus belangloser Höhe und seine Knochen barsten. Und doch entfesselte er das atomare Feuer, durchstieß die Gashülle seiner Welt, bezwang das Vakuum und schürfte Erze auf Asteroiden. Maellas Lider verharrten reglos. Ihre Pupillen weiteten sich. Die Lippen einen Spaltbreit geöffnet. Atmung stockte.
Ihr Blick wanderte weiter, erfasste Sizilien. Pechschwarze Basaltschichten flankierten den rauchenden Riesen; Flüsse aus erkaltetem Lavagestein durchschnitten Vulkanasche. An der zerklüfteten Bruchlinie der Nordküste stürzten schroffe Felsnadeln senkrecht in tiefblaues Wasser. Blendend weiße Kalkstufen formten steile Terrassen über den Wellen. In trockener roter Erde wurzelten Olivenbäume — verdrehte, knorrige Holzskulpturen. Ihre ledrigen Blätter zeigten sich oben tiefgrün, unten bedeckt von schimmerndem Flaum; eine Böe durchwehte das Geäst, bis der Hain silbern aufflirrte. Wilder Fenchel trieb filigrane Dolden aus dem spröden Unterholz. Ovale Paddel voller feiner Stacheln verkeilten sich wild an den Hängen, gesäumt von purpurroten und orangefarbenen Knospenfrüchten.
Vor einem kleinen Wirtshaus saßen Menschen im Schatten ausgefahrener Markisen. Sie nahmen Stücke von flachen, runden Fladen.
„Die Fahrt über den Brenner war mühsam“, sagte eine Stimme aus der Runde. „Erst der endlose Stau, dann das Warten an der Fähre. Aber jetzt... das hier ist herrlich.“
Ein Kind griff dazwischen. Die kleinen Hände umklammerten den knusprigen Rand noch unbeholfen; rote Soße quoll aus den Mundwinkeln und verschmierte die Lippen.
Der Mann führte sein Stück zum Mund; ein Biss trennte die Kruste, heiße, zähe Fäden zogen sich elastisch. Seine Augen schlossen sich beim Kauen. „Kein Vergleich zu den Pappscheiben daheim“, murmelte er. „Die beste Pizza meines Lebens.“
Maella isolierte den Laut. Pizza — so nannten sie es.
Eine Erzählstimme entfaltete sich in ihrem Geist. Sie legte den Lebenszyklus des Essbaren offen: Weite Weizenfelder wogten im Wind. Klingen schnitten goldene Ähren vom Halm, rotierende Trommeln droschen die harten Körner aus den Spelzen. Walzen mahlten die Saat zu feinem Mehl. Einzellige Pilze gärten im Dunkeln. Mit Wasser und Mehl vermengt, nährten sie sich vom Zucker des Korns, atmeten Gase aus und trieben die Masse zu einem lebendigen Teig, der im Steinofen Blasen schlug. An dichten Reben schwollen pralle, rote Tomaten, gepflückt und zu einer fruchtigen Essenz eingekocht. Die Salami — Fleisch mit Knoblauch, zerstoßenem Pfeffer und Salz versetzt, an der Luft gereift. Und schließlich der Käse, aus Milch geronnen, ein Wunder der Biologie, das erst durch Hitze seine dehnbare Textur offenbarte. Maella inhalierte die Informationen.
Sie wollte diese Erfahrung. Auf der Bettdecke verdichtete sich schimmernder Staub. Goldene Partikel griffen kreisrund ineinander, webten ein Gitter von den äußeren Rändern nach innen, bis massives Metall den Teller vollendete. Furchen schnitten dreidimensional in den Prunk. Kobaltblaue Linien flossen träge durch die Rinnen, krochen über den Tellerrand. Direkt auf dem Gold wuchs das Gebäck: Ein blasser Fladen dehnte seine Ränder, Tomatenessenz flutete das Zentrum. Dunkle Fleischscheiben sanken in das Rot, Käseflocken schneiten herab. Der Teig schwoll, warf Blasen und brannte am Rand zu schwarzen Kuppen. Die Fleischscheiben krümmten ihre Ränder, schwitzten orangefarbenes Fett aus. Der Käse zerfloss zu einem zähen Netz. Heißer Dampf quoll aus dem knusprigen Fladen. Für Maella war der Prunk bedeutungslos, bloß eine Ablage. Doch das Gebäck darauf war fremd. Heiß und verlockend.
Die erhobene Hand zögerte. Das dampfende Gebäck füllte den Teller als geschlossener Kreis — eine unhandliche Geometrie für einen einzigen Biss. Sie blickte wieder auf die Menschen.
„Morgen dann hoch zum Ätna“, sagte die Frau und griff nach einem Papiertuch. „Bevor die Mittagshitze uns erschlägt. Ach, du kleckerst dir doch das schöne Hemd zu. Hier warte, ich mache dir schnell den Mund sauber.“ Sie wischte dem Kind über die Mundwinkel, das mit dem fettigen Belag rang.
„Hoffen'lich pack' der Miewagen die Serpen'inen“, sagte der Mann mit vollgestopftem Mund. Rote Sauce haftete an seinem Daumen. Finger umklammerten den knusprigen Rand, hoben ein flaches, spitzes Stück an.
Ihr Blick fiel zurück auf das Gold. Lichtstrahlen jagten kreuzweise durch die Pizza, schnitten radiale Linien in den Fladen; trennten Teig, Salami und Schmelz in gleich große Teile. Sie hob das erste Stück an. Der geschmolzene Käse zog einen zähen Faden. Ihre Hand kippte, das spitze Ende knickte nach unten. Ein Tropfen Tomatensauce löste sich, fiel, durchbrach die Membran des Sphärenauges und stürzte in die irdische Dimension. Patsch. Der rote Klecks traf den Nasenrücken des Mannes. Er erstarrte beim Kauen, schielte auf die eigene Nasenspitze. Seine Augen wanderten nach oben, fixierten die trockene Unterseite der Markise. Nichts.
Das Kind prustete, spuckte Teigkrümel auf den Tisch. Die Frau krümmte sich vor Lachen, hielt das Papiertuch vor den Mund. „Dieser... dieser Fleckenmops aus dem Video!“, gluckste sie und rang nach Luft. „Exakt derselbe Blick!“
Der Mann streifte das Rot mit dem Daumen vom Nasenrücken. Er führte die Hand heran und roch. Die Lider fielen. Der Mund stand offen. Er schob den Daumen zwischen die Lippen. Die Pupillen wuchsen. Das Kauen stoppte.
Frau und Kind lachten.
Das Gesicht verlor jede Regung. Er starrte ins Leere.
Maella riss ihren Blick fort, floh aus dem Wirtshaus. Die Erdkugel: ein rotierender Kreisel. Blau und Braun verschwammen zu Streifen. Tageslicht und Finsternis jagten einander. Verästelte Lichtadern durchfluteten das Dunkel. Der Wirbel bremste, stoppte über einer Küste. Stahltürme schnitten das Mittagslicht, ihre Schatten stürzten senkrecht in die Schluchten. Schwere Lüftungsaggregate besetzten die Flachdächer. Weißer Dampf quoll aus den Asphaltschächten. Gelbe Karosserien füllten die Fahrspuren. Ein Rechteck aus Baumkronen trennte den grauen Beton. Im Dunst des Wassers ragte eine oxidierte Kupfergestalt auf, die Fackel starr emporgerichtet.
Maella führte das erste Stück an die Lippen. Sie biss zu. Zähne brachen durch die Kruste, zerquetschten den warmen Teig. Würziges Öl, scharfe Salami und die Säure der Tomate flossen zusammen. Die Zunge wälzte den Bissen unter die Backenzähne. Das Aroma füllte den Mundraum, knüpfte neue, unverrückbare Bahnen im Verstand. Ein bleibender Anker. Die Menschen schürften nicht nur Erze auf Asteroiden; sie meisterten die Materie auf der Zunge. Es war die beste Pizza ihres Daseins. Und ihre erste. Sie warf den Kopf nach hinten, stöhnte auf. Die Lider fielen. Die Umgebung verblasste. Das Bewusstsein ruhte im Geschmack. In jeder Hand umklammerte sie ein Stück, die Backen prall nach außen gewölbt, stopfte die Linke nach. Rote Sauce quoll aus den Mundwinkeln. Fett glänzte auf den Lippen. Sie hob die Lider. Der Blick sank, durchdrang das Glas eines Penthousefensters: Minimalistischer Luxus aus dunklem Holz. Brummende Blashörner, getragen von zirpenden Geigensaiten, erfüllten den Wohnraum, durchsetzt mit leisen Schlägen auf das Leder der Kesselpauke. Gedämpftes Gurgeln brach von nebenan, gefolgt vom dumpfen, rhythmischen Stoßen gegen Metall. Maella drang durch die geöffnete Tür in das Badezimmer. Weißer Marmor reflektierte steriles Licht. Ein Mann neben der freistehenden Wanne justierte ein Stativ. Im Becken brodelte Wasser. Dicke Luftblasen zerplatzten auf der Oberfläche. Der Mann trat von dem Gestell zurück, lief einige Schritte auf und ab, als hätte er etwas Wichtiges vergessen, prüfte das Zifferblatt der Armbanduhr und sank auf einen Stuhl. Er gähnte gelangweilt, fixierte das Display des Smartphones auf dem Stativ.
Textzeilen rasten aufwärts.
CryptoKing88: 5 ETH auf Tod unter vier Minuten.
DeepVoid: Die Frequenz der Luftblasen sinkt.
Omega_Zero: Erhöhe den Einsatz für Säurezufuhr.
Sie erstarrte. Das Kauen fror ein. Der würzige Geschmack schlug in Galle um. Der fettige Teigklumpen blockierte den Rachen. Halssehnen strafften sich, feuchtes Glucksen begleitete den abwärtsgepressten Kehlkopf. Die Hand legte das angebissene Stück zurück auf den Goldteller. Unbeholfen rieb sie ihre Finger über die seidene Bettdecke, hinterließ glänzende Spuren. Maella griff unter die schäumende Wasseroberfläche. Eine junge Frau kämpfte in der Tiefe. Aufgerissene grüne Augen starrten herauf. Braune Haarsträhnen drifteten. Bleigurte an den Oberarmen und Beinen hielten den Körper am Wannenboden. Ein Knebel schnitt tief in die Mundwinkel, blutige Schlieren stiegen auf. Das Opfer krampfte gegen die Fesseln an Händen und Füßen. Maella wollte wegschauen, das Sphärenauge beiseitelegen, das Gesehene vergessen. Dieses Elend bildete ein konstantes Grundrauschen der Existenz; Fleisch verging überall im Kosmos. Sie presste die Zähne aufeinander. Der Puls hämmerte gegen die Schläfen. Pupillen schrumpften zu nadelscharfen Punkten. Der stumme Ruf galt der gierigen Schöpfersprache: Du verlangst nach einem Opfer? Ersticke an diesem Tod. Das Gesetz ihrer Mutter hallte im Verstand nach: Die Schöpfung verwehrt dem Sterbenden die Heilung, doch sie nimmt jeden Tod dankend an. Sie besiegelte den Entschluss: Ich werde dir den Tod geben.
Ihr Blick ruhte auf den Fesseln: Löse dich.
Riemen wichen von Handgelenken und Fußknöcheln. Bleigurte glitten von Oberarmen und Beinen. Der Knebel teilte sich in der Mitte, trieb aus den blutenden Mundwinkeln. Die junge Frau schoss aufwärts, durchbrach die schäumende Oberfläche.
Er sprang vom Stuhl, der krachend nach hinten kippte. Ein Keuchen entwich seiner Kehle. Fahrige Hände griffen nach ihr.
Eine Sturzwelle schwappte über die Wanne, überflutete den weißen Marmor. Sie klammerte sich am Beckenrand fest. Haarsträhnen klebten im Gesicht. Ein rasselndes Husten erschütterte den Brustkorb, presste verschlucktes Wasser hervor. Der weit geöffnete Mund schnappte gierig nach Luft, Nasenflügel bebten.
Er stürzte vor, packte sie am Nacken, zwang den Kopf abwärts.
Ihre Fingernägel kratzten über die Innenseite der Wanne. Mit der Faust schlug sie gegen seine Brust. Sie wimmerte. Die Muskeln zitterten. Das Kinn näherte sich dem Wasser.
Maella strich mit der Fingerkuppe über seinen Schädel.
Er riss die Hände von seinem Opfer und starrte es ungläubig an. Seine Gesichtshaut warf Falten, verzerrte sich zur Fratze. Die Finger jagten an die Schläfen, krallten sich in das Haar. Ein Brüllen brach aus der Kehle, zersplitterte in gehackte Schreie. Blut lief aus den Nasenlöchern. Ein blinder Tritt riss das Stativ mit. Das Smartphone schlug auf die Fliesen. Die Linse erfasste den weißen, von grauen Verästelungen durchzogenen Marmor und den Mann, der gegen das Waschbecken taumelte.
Am rechten Displayrand raste der Live-Chat ungehindert weiter:
Gore_Gourmet: Was schreit die Kackbratze so rum?
Bet_Master: Was ist mit der Wette?
Crypto_Whale: Mein Geld!
Alpha_Snuff: Kamera hoch! Scheiß Winkel!
Der Mann stützte die Hände auf das Porzellan. Er hob den Kopf, sah in den Spiegel. Die Schultern sanken. Das Keuchen flachte ab. Ein tiefer Atemzug strömte durch die Nase.
Das Dröhnen der Basstuben und Blashörner quetschte sich durch den offenen Türspalt.
Dunkles Blut rann das Kinn hinab, sickerte in das weiße T-Shirt. Er wischte die rote Spur mit dem Handrücken von den Lippen und wendete ihr den Blick zu. „Ich schlitze dir die Kehle auf. Was hast du mit mir gemacht?“ Er griff wieder ins Gesicht. Finger krallten sich in die Wangen, drückten gegen die Augenhöhlen. „Meine Augen... mein Schädel...“ Rote Äderchen platzten auf dem Weiß der Augäpfel. Das Gewebe schwoll an, presste gegen die Lider.
Ein Schmatzen: Das rechte Auge schlüpfte aus der Höhle, straffte den fleischigen Sehnerv, pendelte über dem Kiefer, zog feuchte Schlieren auf der Haut. Er jaulte, heulte und wimmerte, zwang den Blick in den Spiegel. Seine Glieder verkrampften. Er erstickte den Laut mit knirschenden Zähnen und verharrte reglos.
Donnerschläge hämmerten auf das Leder der Kesselpauke.
Zitternde Fingerkuppen tasteten an dem Gesicht entlang, berührten die nasse Wölbung, die Hand schnellte weg, griff erneut, quetschte das Auge in den Knochentrichter. „Geh rein! Geh rein! Geh verdammt noch mal rein! Scheiße! Scheiße!“
Es flutschte seitlich zwischen den Fingern hindurch. Das linke Auge glitschte hinterher, glibberte die Wange hinab, landete schmatzend im Waschbecken. Ein gurgelndes Kreischen drang aus der Kehle. Speichel tropfte vom Kinn. Knie knickten und krachten auf den Marmor.
Geigenbögen sägten über die Saiten, verebbten, brachen jäh durch die Schreie und mündeten in ein spitzes Schrillen.
Die Gesichtshaut bleichte, spannte, zerriss sternförmig. Das Schallplattenorchester verdichtete sich zu einer Mauer aus Lärm.
Peitschender Knall: Die Schädeldecke splitterte, sprengte das Fleisch in Fetzen, Zähne schossen aus dem Kiefer. Warmes Hirngewebe klatschte gegen die Decke und tropfte in zähen Fäden auf den aufgerissenen Halsstumpf: ein gurgelnder Krater. Nackenwirbel ragten empor. Eine dicke Arterie peitschte in Schlingen. Schaumiges Blut flutete die Fliesen. Rote Linien folgten den Fugen, zeichneten ein Gitter um die Pfütze. Trockenes Knistern fraß die Musik. Der Torso schlug flach auf den Grund. Beine zuckten. Hände verkrampften zu Klauen, Fingernägel scharrten über den Stein, bis die Glieder erschlafften. Die Nadel hüpfte, verbiss sich in einen verzerrten Ton, zerfaserte und versank im Rauschen.
GoreHound_88: ALTER WAS?!?! Der Kopf ist einfach instant verdampft!! 10/10 Plottwist, beste heute!
Void_Watcher: Boah nee, Hab extra Kredits aufgeladen, weil ich sehen wollte, wie die Alte absäuft. Und jetzt kriegt der Typ einfach den Instant-Headshot? Drecks Regie, ich will meine Coins zurück.
Marrow_Consumer: Schaut euch den Kamerawinkel an, das Blut läuft direkt auf die Linse zu. Absolutes Brett. Schade dass der Ton jetzt so dumpf ist, das Klatschen an der Decke war bestimmt episch.
ZeroSympathy: Mir scheißegal wer da gerade krepiert ist, Hauptsache es spritzt. Geil, wie der Torso da noch rumzuckt. Weitermachen!
ClickBait_Czar: Ist das CGI? Junge, wie die Zähne da gerade durchs Bild geschossen sind! Jo Diggah, beweg mal das Handy, wo ist die Alte überhaupt hin?
Ein Kieferknochen mit Zahnresten flog im hohen Bogen, zog einen flatternden Schweif zerrissener Sehnen, klatschte ins Wasser, sank zwischen ihre Beine. Blutige Fäden fächerten auf und verwirbelten. Der Augapfel plumpste hinterher — blaue Iris von roten Äderchen durchzogen. Ein Fleischstrang wand sich am fettumhüllten Glaskörper. Kleine Wellen trieben das Auge an sie heran. Sie starrte mit geweiteten Pupillen, keuchte, krallte die Hände um den Rand, zog sich hoch, wuchtete den Rumpf aus dem Becken, rutschte auf den nackten Sohlen im Blut aus, stürzte auf die Knie. Sie hielt inne, fixierte die roten Handflächen. Tränen rannen über die Wangen, ein ersticktes Wimmern entwich ihr. Sie stemmte die Fersen vor, schob den Körper rückwärts, fand Halt an der Wand, zitterte, umschlang die Schienbeine, presste die Knie fest gegen den Brustkorb. Zähne schlugen aufeinander.
Maella blickte auf das Smartphone: Zerstöre dich. Ein Haarriss spaltete das Glas, das Leuchten der Pixel erlosch, der Datenstrom brach ab. Schwarzer Bildschirm.
Sie drang in das Hirn der jungen Frau ein, kappte die Angst. Das Zittern verebbte, die Brust hob und senkte sich in ruhigen Atemzügen. Bilder jagten durch den Kopf: Grelles Neonlicht einer Agentur. Raschelndes Bargeld. Ein falsches Lächeln in einer dunklen Limousine. Eine silberne Dose klappte auf. Dankend nahm sie die blaue Kapsel. Sie prickelte auf der Zunge. Riemen schnitten in die Handgelenke, Sehnen spannten gegen das Leder, eine Hand drückte den Kopf unter Wasser.
Die Frau richtete sich auf und trat an den Toten heran. Sie blickte gelassen auf den Halsstumpf. Die blutigen Sohlen streifte sie an seinem Hemd ab, stieg über den Torso und wusch am Waschbecken das Blut von Händen und Knien. Das rote Wasser lief die Schienbeine hinab. Der Kopf wendete sich zur Duschkabine. Sie öffnete die Glastür, stieg hinein. Wasser prasselte auf die Haut, löste übriges Blut und Gewebereste, versickerte im Abfluss. Ihr zerbrechlicher Körper spannte sich. Muskeln wuchsen an, füllten die schmalen Arme, strafften den Nacken und zeichneten klare Konturen auf den Bauch.
Im Wohnraum griff sie nach einem Mantel, streifte ihn über. Sie schlüpfte in die Stöckelschuhe, verließ das Apartment und betrat den Aufzug. Das Spiegelbild im Metall zeigte abwesende Augen: Der letzte Streit mit ihrer Mutter, das verwehrte Wort der Vergebung, das schweigende Grab eingebettet in frische Blumen. Maella tilgte die Reue, infizierte ihren Verstand: Finde sie, lösche sie aus. Jeden einzelnen.
Die verchromten Türen glitten mit einem dumpfen Klacken zusammen.
In den Ausläufern eines Sonnensystems glitt eine cremefarbene Welt heran, deren Eisringe im Licht funkelten. Ein Gasriese, geschichtet in beigefarbene Sturmbänder, folgte. Eine rostrote Wüste streifte vorüber, bis der Planet der Menschen das Zentrum besetzte. In seiner Umlaufbahn zog ein fahler Begleiter seine Kreise; vereinzelte Apparate aus Metall kreuzten den Orbit. Die Dunstschicht der Atmosphäre riss auf. Maella überflog einen schneebedeckten Vulkankegel, drang in das verschachtelte Labyrinth aus Asphalt und Neonleuchten. Ein filigraner Funkturm ragte steil empor. Menschenströme walzten durch die Straßenschluchten. An den Fassaden leuchteten vertikale Zeichen, die sich entwirrten. Das Ortsschild offenbarte den Namen: Tokio. Ihr Blick überquerte den Ozean, erfasste das Land Spanien. Gleißende Hitze flirrte über feinkörnigen Stränden. Palmen neigten ihre Kronen im Wind; salzige Gischt benetzte das Ufer. Gestalten flanierten über die Promenade, lachten und führten Gläser mit farbigen Flüssigkeiten zum Mund. Stimmengewirr drang in sie ein; die Laute fügten sich zu klaren Gedanken. Sie betrachtete den Menschen. Ein Wesen aus weichem Gewebe eroberte die Kontinente. Zarte Haut umschloss das feuchte Geflecht der Organe; ein Sturz aus belangloser Höhe und seine Knochen barsten. Und doch entfesselte er das atomare Feuer, durchstieß die Gashülle seiner Welt, bezwang das Vakuum und schürfte Erze auf Asteroiden. Maellas Lider verharrten reglos. Ihre Pupillen weiteten sich. Die Lippen einen Spaltbreit geöffnet. Atmung stockte.
Ihr Blick wanderte weiter, erfasste Sizilien. Pechschwarze Basaltschichten flankierten den rauchenden Riesen; Flüsse aus erkaltetem Lavagestein durchschnitten Vulkanasche. An der zerklüfteten Bruchlinie der Nordküste stürzten schroffe Felsnadeln senkrecht in tiefblaues Wasser. Blendend weiße Kalkstufen formten steile Terrassen über den Wellen. In trockener roter Erde wurzelten Olivenbäume — verdrehte, knorrige Holzskulpturen. Ihre ledrigen Blätter zeigten sich oben tiefgrün, unten bedeckt von schimmerndem Flaum; eine Böe durchwehte das Geäst, bis der Hain silbern aufflirrte. Wilder Fenchel trieb filigrane Dolden aus dem spröden Unterholz. Ovale Paddel voller feiner Stacheln verkeilten sich wild an den Hängen, gesäumt von purpurroten und orangefarbenen Knospenfrüchten.
Vor einem kleinen Wirtshaus saßen Menschen im Schatten ausgefahrener Markisen. Sie nahmen Stücke von flachen, runden Fladen.
„Die Fahrt über den Brenner war mühsam“, sagte eine Stimme aus der Runde. „Erst der endlose Stau, dann das Warten an der Fähre. Aber jetzt... das hier ist herrlich.“
Ein Kind griff dazwischen. Die kleinen Hände umklammerten den knusprigen Rand noch unbeholfen; rote Soße quoll aus den Mundwinkeln und verschmierte die Lippen.
Der Mann führte sein Stück zum Mund; ein Biss trennte die Kruste, heiße, zähe Fäden zogen sich elastisch. Seine Augen schlossen sich beim Kauen. „Kein Vergleich zu den Pappscheiben daheim“, murmelte er. „Die beste Pizza meines Lebens.“
Maella isolierte den Laut. Pizza — so nannten sie es.
Eine Erzählstimme entfaltete sich in ihrem Geist. Sie legte den Lebenszyklus des Essbaren offen: Weite Weizenfelder wogten im Wind. Klingen schnitten goldene Ähren vom Halm, rotierende Trommeln droschen die harten Körner aus den Spelzen. Walzen mahlten die Saat zu feinem Mehl. Einzellige Pilze gärten im Dunkeln. Mit Wasser und Mehl vermengt, nährten sie sich vom Zucker des Korns, atmeten Gase aus und trieben die Masse zu einem lebendigen Teig, der im Steinofen Blasen schlug. An dichten Reben schwollen pralle, rote Tomaten, gepflückt und zu einer fruchtigen Essenz eingekocht. Die Salami — Fleisch mit Knoblauch, zerstoßenem Pfeffer und Salz versetzt, an der Luft gereift. Und schließlich der Käse, aus Milch geronnen, ein Wunder der Biologie, das erst durch Hitze seine dehnbare Textur offenbarte. Maella inhalierte die Informationen.
Sie wollte diese Erfahrung. Auf der Bettdecke verdichtete sich schimmernder Staub. Goldene Partikel griffen kreisrund ineinander, webten ein Gitter von den äußeren Rändern nach innen, bis massives Metall den Teller vollendete. Furchen schnitten dreidimensional in den Prunk. Kobaltblaue Linien flossen träge durch die Rinnen, krochen über den Tellerrand. Direkt auf dem Gold wuchs das Gebäck: Ein blasser Fladen dehnte seine Ränder, Tomatenessenz flutete das Zentrum. Dunkle Fleischscheiben sanken in das Rot, Käseflocken schneiten herab. Der Teig schwoll, warf Blasen und brannte am Rand zu schwarzen Kuppen. Die Fleischscheiben krümmten ihre Ränder, schwitzten orangefarbenes Fett aus. Der Käse zerfloss zu einem zähen Netz. Heißer Dampf quoll aus dem knusprigen Fladen. Für Maella war der Prunk bedeutungslos, bloß eine Ablage. Doch das Gebäck darauf war fremd. Heiß und verlockend.
Die erhobene Hand zögerte. Das dampfende Gebäck füllte den Teller als geschlossener Kreis — eine unhandliche Geometrie für einen einzigen Biss. Sie blickte wieder auf die Menschen.
„Morgen dann hoch zum Ätna“, sagte die Frau und griff nach einem Papiertuch. „Bevor die Mittagshitze uns erschlägt. Ach, du kleckerst dir doch das schöne Hemd zu. Hier warte, ich mache dir schnell den Mund sauber.“ Sie wischte dem Kind über die Mundwinkel, das mit dem fettigen Belag rang.
„Hoffen'lich pack' der Miewagen die Serpen'inen“, sagte der Mann mit vollgestopftem Mund. Rote Sauce haftete an seinem Daumen. Finger umklammerten den knusprigen Rand, hoben ein flaches, spitzes Stück an.
Ihr Blick fiel zurück auf das Gold. Lichtstrahlen jagten kreuzweise durch die Pizza, schnitten radiale Linien in den Fladen; trennten Teig, Salami und Schmelz in gleich große Teile. Sie hob das erste Stück an. Der geschmolzene Käse zog einen zähen Faden. Ihre Hand kippte, das spitze Ende knickte nach unten. Ein Tropfen Tomatensauce löste sich, fiel, durchbrach die Membran des Sphärenauges und stürzte in die irdische Dimension. Patsch. Der rote Klecks traf den Nasenrücken des Mannes. Er erstarrte beim Kauen, schielte auf die eigene Nasenspitze. Seine Augen wanderten nach oben, fixierten die trockene Unterseite der Markise. Nichts.
Das Kind prustete, spuckte Teigkrümel auf den Tisch. Die Frau krümmte sich vor Lachen, hielt das Papiertuch vor den Mund. „Dieser... dieser Fleckenmops aus dem Video!“, gluckste sie und rang nach Luft. „Exakt derselbe Blick!“
Der Mann streifte das Rot mit dem Daumen vom Nasenrücken. Er führte die Hand heran und roch. Die Lider fielen. Der Mund stand offen. Er schob den Daumen zwischen die Lippen. Die Pupillen wuchsen. Das Kauen stoppte.
Frau und Kind lachten.
Das Gesicht verlor jede Regung. Er starrte ins Leere.
Maella riss ihren Blick fort, floh aus dem Wirtshaus. Die Erdkugel: ein rotierender Kreisel. Blau und Braun verschwammen zu Streifen. Tageslicht und Finsternis jagten einander. Verästelte Lichtadern durchfluteten das Dunkel. Der Wirbel bremste, stoppte über einer Küste. Stahltürme schnitten das Mittagslicht, ihre Schatten stürzten senkrecht in die Schluchten. Schwere Lüftungsaggregate besetzten die Flachdächer. Weißer Dampf quoll aus den Asphaltschächten. Gelbe Karosserien füllten die Fahrspuren. Ein Rechteck aus Baumkronen trennte den grauen Beton. Im Dunst des Wassers ragte eine oxidierte Kupfergestalt auf, die Fackel starr emporgerichtet.
Maella führte das erste Stück an die Lippen. Sie biss zu. Zähne brachen durch die Kruste, zerquetschten den warmen Teig. Würziges Öl, scharfe Salami und die Säure der Tomate flossen zusammen. Die Zunge wälzte den Bissen unter die Backenzähne. Das Aroma füllte den Mundraum, knüpfte neue, unverrückbare Bahnen im Verstand. Ein bleibender Anker. Die Menschen schürften nicht nur Erze auf Asteroiden; sie meisterten die Materie auf der Zunge. Es war die beste Pizza ihres Daseins. Und ihre erste. Sie warf den Kopf nach hinten, stöhnte auf. Die Lider fielen. Die Umgebung verblasste. Das Bewusstsein ruhte im Geschmack. In jeder Hand umklammerte sie ein Stück, die Backen prall nach außen gewölbt, stopfte die Linke nach. Rote Sauce quoll aus den Mundwinkeln. Fett glänzte auf den Lippen. Sie hob die Lider. Der Blick sank, durchdrang das Glas eines Penthousefensters: Minimalistischer Luxus aus dunklem Holz. Brummende Blashörner, getragen von zirpenden Geigensaiten, erfüllten den Wohnraum, durchsetzt mit leisen Schlägen auf das Leder der Kesselpauke. Gedämpftes Gurgeln brach von nebenan, gefolgt vom dumpfen, rhythmischen Stoßen gegen Metall. Maella drang durch die geöffnete Tür in das Badezimmer. Weißer Marmor reflektierte steriles Licht. Ein Mann neben der freistehenden Wanne justierte ein Stativ. Im Becken brodelte Wasser. Dicke Luftblasen zerplatzten auf der Oberfläche. Der Mann trat von dem Gestell zurück, lief einige Schritte auf und ab, als hätte er etwas Wichtiges vergessen, prüfte das Zifferblatt der Armbanduhr und sank auf einen Stuhl. Er gähnte gelangweilt, fixierte das Display des Smartphones auf dem Stativ.
Textzeilen rasten aufwärts.
CryptoKing88: 5 ETH auf Tod unter vier Minuten.
DeepVoid: Die Frequenz der Luftblasen sinkt.
Omega_Zero: Erhöhe den Einsatz für Säurezufuhr.
Sie erstarrte. Das Kauen fror ein. Der würzige Geschmack schlug in Galle um. Der fettige Teigklumpen blockierte den Rachen. Halssehnen strafften sich, feuchtes Glucksen begleitete den abwärtsgepressten Kehlkopf. Die Hand legte das angebissene Stück zurück auf den Goldteller. Unbeholfen rieb sie ihre Finger über die seidene Bettdecke, hinterließ glänzende Spuren. Maella griff unter die schäumende Wasseroberfläche. Eine junge Frau kämpfte in der Tiefe. Aufgerissene grüne Augen starrten herauf. Braune Haarsträhnen drifteten. Bleigurte an den Oberarmen und Beinen hielten den Körper am Wannenboden. Ein Knebel schnitt tief in die Mundwinkel, blutige Schlieren stiegen auf. Das Opfer krampfte gegen die Fesseln an Händen und Füßen. Maella wollte wegschauen, das Sphärenauge beiseitelegen, das Gesehene vergessen. Dieses Elend bildete ein konstantes Grundrauschen der Existenz; Fleisch verging überall im Kosmos. Sie presste die Zähne aufeinander. Der Puls hämmerte gegen die Schläfen. Pupillen schrumpften zu nadelscharfen Punkten. Der stumme Ruf galt der gierigen Schöpfersprache: Du verlangst nach einem Opfer? Ersticke an diesem Tod. Das Gesetz ihrer Mutter hallte im Verstand nach: Die Schöpfung verwehrt dem Sterbenden die Heilung, doch sie nimmt jeden Tod dankend an. Sie besiegelte den Entschluss: Ich werde dir den Tod geben.
Ihr Blick ruhte auf den Fesseln: Löse dich.
Riemen wichen von Handgelenken und Fußknöcheln. Bleigurte glitten von Oberarmen und Beinen. Der Knebel teilte sich in der Mitte, trieb aus den blutenden Mundwinkeln. Die junge Frau schoss aufwärts, durchbrach die schäumende Oberfläche.
Er sprang vom Stuhl, der krachend nach hinten kippte. Ein Keuchen entwich seiner Kehle. Fahrige Hände griffen nach ihr.
Eine Sturzwelle schwappte über die Wanne, überflutete den weißen Marmor. Sie klammerte sich am Beckenrand fest. Haarsträhnen klebten im Gesicht. Ein rasselndes Husten erschütterte den Brustkorb, presste verschlucktes Wasser hervor. Der weit geöffnete Mund schnappte gierig nach Luft, Nasenflügel bebten.
Er stürzte vor, packte sie am Nacken, zwang den Kopf abwärts.
Ihre Fingernägel kratzten über die Innenseite der Wanne. Mit der Faust schlug sie gegen seine Brust. Sie wimmerte. Die Muskeln zitterten. Das Kinn näherte sich dem Wasser.
Maella strich mit der Fingerkuppe über seinen Schädel.
Er riss die Hände von seinem Opfer und starrte es ungläubig an. Seine Gesichtshaut warf Falten, verzerrte sich zur Fratze. Die Finger jagten an die Schläfen, krallten sich in das Haar. Ein Brüllen brach aus der Kehle, zersplitterte in gehackte Schreie. Blut lief aus den Nasenlöchern. Ein blinder Tritt riss das Stativ mit. Das Smartphone schlug auf die Fliesen. Die Linse erfasste den weißen, von grauen Verästelungen durchzogenen Marmor und den Mann, der gegen das Waschbecken taumelte.
Am rechten Displayrand raste der Live-Chat ungehindert weiter:
Gore_Gourmet: Was schreit die Kackbratze so rum?
Bet_Master: Was ist mit der Wette?
Crypto_Whale: Mein Geld!
Alpha_Snuff: Kamera hoch! Scheiß Winkel!
Der Mann stützte die Hände auf das Porzellan. Er hob den Kopf, sah in den Spiegel. Die Schultern sanken. Das Keuchen flachte ab. Ein tiefer Atemzug strömte durch die Nase.
Das Dröhnen der Basstuben und Blashörner quetschte sich durch den offenen Türspalt.
Dunkles Blut rann das Kinn hinab, sickerte in das weiße T-Shirt. Er wischte die rote Spur mit dem Handrücken von den Lippen und wendete ihr den Blick zu. „Ich schlitze dir die Kehle auf. Was hast du mit mir gemacht?“ Er griff wieder ins Gesicht. Finger krallten sich in die Wangen, drückten gegen die Augenhöhlen. „Meine Augen... mein Schädel...“ Rote Äderchen platzten auf dem Weiß der Augäpfel. Das Gewebe schwoll an, presste gegen die Lider.
Ein Schmatzen: Das rechte Auge schlüpfte aus der Höhle, straffte den fleischigen Sehnerv, pendelte über dem Kiefer, zog feuchte Schlieren auf der Haut. Er jaulte, heulte und wimmerte, zwang den Blick in den Spiegel. Seine Glieder verkrampften. Er erstickte den Laut mit knirschenden Zähnen und verharrte reglos.
Donnerschläge hämmerten auf das Leder der Kesselpauke.
Zitternde Fingerkuppen tasteten an dem Gesicht entlang, berührten die nasse Wölbung, die Hand schnellte weg, griff erneut, quetschte das Auge in den Knochentrichter. „Geh rein! Geh rein! Geh verdammt noch mal rein! Scheiße! Scheiße!“
Es flutschte seitlich zwischen den Fingern hindurch. Das linke Auge glitschte hinterher, glibberte die Wange hinab, landete schmatzend im Waschbecken. Ein gurgelndes Kreischen drang aus der Kehle. Speichel tropfte vom Kinn. Knie knickten und krachten auf den Marmor.
Geigenbögen sägten über die Saiten, verebbten, brachen jäh durch die Schreie und mündeten in ein spitzes Schrillen.
Die Gesichtshaut bleichte, spannte, zerriss sternförmig. Das Schallplattenorchester verdichtete sich zu einer Mauer aus Lärm.
Peitschender Knall: Die Schädeldecke splitterte, sprengte das Fleisch in Fetzen, Zähne schossen aus dem Kiefer. Warmes Hirngewebe klatschte gegen die Decke und tropfte in zähen Fäden auf den aufgerissenen Halsstumpf: ein gurgelnder Krater. Nackenwirbel ragten empor. Eine dicke Arterie peitschte in Schlingen. Schaumiges Blut flutete die Fliesen. Rote Linien folgten den Fugen, zeichneten ein Gitter um die Pfütze. Trockenes Knistern fraß die Musik. Der Torso schlug flach auf den Grund. Beine zuckten. Hände verkrampften zu Klauen, Fingernägel scharrten über den Stein, bis die Glieder erschlafften. Die Nadel hüpfte, verbiss sich in einen verzerrten Ton, zerfaserte und versank im Rauschen.
GoreHound_88: ALTER WAS?!?! Der Kopf ist einfach instant verdampft!! 10/10 Plottwist, beste heute!
Void_Watcher: Boah nee, Hab extra Kredits aufgeladen, weil ich sehen wollte, wie die Alte absäuft. Und jetzt kriegt der Typ einfach den Instant-Headshot? Drecks Regie, ich will meine Coins zurück.
Marrow_Consumer: Schaut euch den Kamerawinkel an, das Blut läuft direkt auf die Linse zu. Absolutes Brett. Schade dass der Ton jetzt so dumpf ist, das Klatschen an der Decke war bestimmt episch.
ZeroSympathy: Mir scheißegal wer da gerade krepiert ist, Hauptsache es spritzt. Geil, wie der Torso da noch rumzuckt. Weitermachen!
ClickBait_Czar: Ist das CGI? Junge, wie die Zähne da gerade durchs Bild geschossen sind! Jo Diggah, beweg mal das Handy, wo ist die Alte überhaupt hin?
Ein Kieferknochen mit Zahnresten flog im hohen Bogen, zog einen flatternden Schweif zerrissener Sehnen, klatschte ins Wasser, sank zwischen ihre Beine. Blutige Fäden fächerten auf und verwirbelten. Der Augapfel plumpste hinterher — blaue Iris von roten Äderchen durchzogen. Ein Fleischstrang wand sich am fettumhüllten Glaskörper. Kleine Wellen trieben das Auge an sie heran. Sie starrte mit geweiteten Pupillen, keuchte, krallte die Hände um den Rand, zog sich hoch, wuchtete den Rumpf aus dem Becken, rutschte auf den nackten Sohlen im Blut aus, stürzte auf die Knie. Sie hielt inne, fixierte die roten Handflächen. Tränen rannen über die Wangen, ein ersticktes Wimmern entwich ihr. Sie stemmte die Fersen vor, schob den Körper rückwärts, fand Halt an der Wand, zitterte, umschlang die Schienbeine, presste die Knie fest gegen den Brustkorb. Zähne schlugen aufeinander.
Maella blickte auf das Smartphone: Zerstöre dich. Ein Haarriss spaltete das Glas, das Leuchten der Pixel erlosch, der Datenstrom brach ab. Schwarzer Bildschirm.
Sie drang in das Hirn der jungen Frau ein, kappte die Angst. Das Zittern verebbte, die Brust hob und senkte sich in ruhigen Atemzügen. Bilder jagten durch den Kopf: Grelles Neonlicht einer Agentur. Raschelndes Bargeld. Ein falsches Lächeln in einer dunklen Limousine. Eine silberne Dose klappte auf. Dankend nahm sie die blaue Kapsel. Sie prickelte auf der Zunge. Riemen schnitten in die Handgelenke, Sehnen spannten gegen das Leder, eine Hand drückte den Kopf unter Wasser.
Die Frau richtete sich auf und trat an den Toten heran. Sie blickte gelassen auf den Halsstumpf. Die blutigen Sohlen streifte sie an seinem Hemd ab, stieg über den Torso und wusch am Waschbecken das Blut von Händen und Knien. Das rote Wasser lief die Schienbeine hinab. Der Kopf wendete sich zur Duschkabine. Sie öffnete die Glastür, stieg hinein. Wasser prasselte auf die Haut, löste übriges Blut und Gewebereste, versickerte im Abfluss. Ihr zerbrechlicher Körper spannte sich. Muskeln wuchsen an, füllten die schmalen Arme, strafften den Nacken und zeichneten klare Konturen auf den Bauch.
Im Wohnraum griff sie nach einem Mantel, streifte ihn über. Sie schlüpfte in die Stöckelschuhe, verließ das Apartment und betrat den Aufzug. Das Spiegelbild im Metall zeigte abwesende Augen: Der letzte Streit mit ihrer Mutter, das verwehrte Wort der Vergebung, das schweigende Grab eingebettet in frische Blumen. Maella tilgte die Reue, infizierte ihren Verstand: Finde sie, lösche sie aus. Jeden einzelnen.
Die verchromten Türen glitten mit einem dumpfen Klacken zusammen.
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