spiegelgerade

anemone

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Heftige Regenfälle hatten die Straßen und Plätze der Umgebung vom Staub und Ausdünstungen der vergangenen Tage befreit. Nun schien die Sonne auf eine blitzsaubere Stadt, auf die Zypressen, die noch vom satten Regenguss tropften, ungewohnt diese nasse Fülle so plötzlich in sich aufzunehmen.
Der Bus hielt vor den Toren Pisas und die Insassen liefen dem blauen, zugeklappten Schirm des Reiseführers hinterher, welcher seinen Arm ausstreckte und in zügigen Schritten auf den Glockenturm zulief.
Ich befand mich mitten in der Meute unserer Bustouristen und achtete ebenso wie diese auf den Boden unter mir, der es vor ein paar Stunden geschafft hatte, trotz des gepflegten Untergrundes, Pfützen entstehen zu lassen.
Hin und wieder hüpfte ich über eine kleinere Pfütze, bis mir etwas seltsam vorkam.
Ich blieb hinter meinen Reisegenossen zurück, um mir darüber klar zu werden, was es war, das mich so in Erstaunen versetzte.
Die Gruppe war inzwischen beim schiefen Turm angekommen und ich trottete zerstreut hinterher, nahm nur weit entfernt die Ausführungen des Reiseführers wahr und starrte immer wieder auf die Pfützen, ja, ich suchte sie förmlich.
Carlo, mein Begleiter, sah sich nach mir um und fühlte sich sicher vor meinen Blicken, denn schon geraume Zeit lenkte ihn diese junge Mitreisende ab, die ihm bereits im Bus ihren ganzen Lebenslauf erzählt hatte.
Es war mir zu anstrengend eifersüchtig zu sein und ich freute mich darüber, dass ich einen Grund gefunden hatte, mich mit anderen Dingen zu beschäftigen.
Etwas weiter links befand sich eine noch größere Pfütze die mich magisch anzog.
Nun konnte ich zwar die Stimme des Reiseleiters nicht mehr hören, aber ich glaubte, einem Phänomen auf der Spur zu sein und dafür musste ich Opfer bringen.
Tatsächlich, in diesem Pfützenwasser erkannte ich den Glockenturm in seiner ganzen Größe.
Ich war begeistert und das tollste war: Auch bei ihm sah ich, wie in den kleineren Pfützen bisher die Spiegelbilder im Pfützenwasser nicht wie üblich spiegelverkehrt, nein; ich sah sie gerade, bzw. schief gerade, da es ja der schiefe Turm von Pisa war. Wie war das möglich? Ich musste unbedingt herausfinden, ob das nur bei mir der Fall war.

Eine zweite Reisegruppe näherte sich der Pfütze und hielt mit einigem Abstand zu ihr an, um den schiefen Turm zu fotografieren und den Ausführungen des Begleiters
zuzuhören. Ich musste unbedingt darauf warten, dass einer der Reisenden in die Nähe der Pfütze kam, um sein Spiegelbild im Wasser zu beobachten. Die Entfernung war noch etwas zu groß. Ich wollte versuchen, eines von den Kindern der Gruppe heranzulocken, indem ich mit der Schuhspitze leicht das Wasser berühte, um sie auf diese reizvolle Art des Spielens aufmerksam zu machen.
Tatsächlich sprang ein sich langweilender Junge gleich darauf an und kam näher.
Nun zeigte sich sein Kopf im Wasser und ich musste feststellen: Er spiegelte sich ebenfalls gerade, so, als würde sein Doppel im Wasser am Rand direkt neben ihm stehen
Als er näher kam, standen in seinem Abbild die Füße oben, während der Kopf unmittelbar am Rande des Wassers zu sehen war.
Dem Jungen, der die ganze Zeit in das Wasser starrte, fielen diese Feinheiten natürlich nicht auf und er warf ein Steinchen in die Pfütze, da er es liebte, Kreise dort zu sehn und ein wenig hineinzutreten, ohne dass es jemand von den Erwachsenen bemerkte.

Ich hielt Ausschau nach meiner Gruppe. Vorerst hatte ich genug gesehen. Meine Gruppe war inzwischen am Dom angelangt und ich sah, wie die Eintrittskarten an unsere Teilnehmer verteilt wurden.
Ich beeilte mich, denn die letzte Karte war für mich und Carlo wurde darauf aufmerksam, dass ich fehlte. „Hallo, hier bin ich!“ rief ich schon von weitem.
Da hatte ich noch einmal Glück gehabt, denn wenige Minuten später wären sie in dem dunklen Dom verschwunden.
Sinnierend und schweigsam folgte ich ihnen und achtete kaum auf den Weg durch die dunklen Gemäuer und noch weniger auf die Stimme, die uns mit ihrem monotonen Singsang begleitete. Carlo ließ mich in Ruhe, wofür ich ihm dankbar war.
Es kam erst wieder Leben in mich, als wir plötzlich vor dem achteckigen Taufbecken standen.
Niemand hatte es so eilig wie ich, dort hineinzusehen. Ich benahm mich rücksichtslos um an das Becken heranzukommen, denn es standen noch andere Gruppen in seiner Nähe.
Dieses dunkle Gebäude machte es mir trotz der Beleuchtung nicht leicht, mein Spiegelbild im Taufwasser zu erkennen. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, so, dass ich direkt von oben in das Weihwasser sehen konnte. Es war wieder dasselbe Phänomen. Mir gegenüber sah ich mein Gesicht.
Den Mund oben, die Augen und Haare unten. Ich musste es sofort Carlo mitteilen.
Meine Gruppe war wie vom Erdboden verschluckt. Ganz in der Ferne fiel mir der lange Arm mit dem blauen Schirm auf und ich flitzte durch die Menschenmenge, schubste und rangelte, denn zur Mittagszeit war dieses Reiseziel hier besonders begehrt. Carlo legte seinen Arm um mich, als ich bei der Gruppe ankam und sagte:“Dich nehme ich heute wohl besser an die Leine!“
Ich wollte ihm noch so vieles mitteilen, doch dann dachte ich: <<Besser, ich schlafe noch eine Nacht darüber. Morgen sieht vielleicht wieder alles ganz normal aus.>>
Heute weiß ich, dass dieser Entschluss richtig war. Ich sehe wieder spiegelverkehrt, so wie früher. Hätte ich Carlo von dem Phänomen erzählt, wer weiß, möglicherweise säße ich
heute schon in der Klappse und er ...... (Ich darf gar nicht daran denken.
 

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