Spionage auf Merritt Island (Teil 1)

marcm200

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Hinweis: Die Serie spielt hauptsächlich in Kanada in den 1960ern und weist aufgrund Charlottes Zeichengabe einen Mystery-Aspekt auf. Sie ist, wie alle meine Texte, KI-frei entstanden und formuliert.


Charlottes Blick 11 - Spionage auf Merritt Island

Klappentext:
Ihr neuer Auftrag führt Charlotte nach Florida. Teile der streng geheimen Pläne des amerikanisch-kanadischen Kooperationsprojekts SPACE-LASER sind auf dem Schwarzmarkt aufgetaucht. Ein Spion scheint sein Unwesen in Cape Canaveral zu treiben - und der nächste Raketenstart steht in Kürze an! Neben amerikanischen Kollegen wird Charlotte undercover ins Space Center eingeschleust. Dort nimmt sie als Anwärterin am Astronautenauswahlprogramm teil. Doch ihre eigentliche Aufgabe ist eine andere: Sie soll als ‚white hat thief‘ agieren. Aber dann kommt es zu einem tödlichen Zwischenfall.


Wieder schoss Charlotte ein Photo.
Das Objekt, das sie ablichtete, war ein simples Buch, das auf ihrem Schreibtisch im Arbeitszimmer lag.
Doch es leuchtete bläulich.
Charlotte nahm es in die Hand und drehte es in alle Richtungen. Das Blau war allgegenwärtig, auf dem Cover, auf dem Buchrücken, auf der Rückseite, egal ob sie diese gezeichnet hatte oder nicht. Das Buch selbst strahlte dieses Blau ab, nicht etwa die Luft über ihm, wie Charlotte sofort überprüfte, indem sie das Buch auf Augenhöhe hielt und parallel zum Cover blickte.
Überrascht hatte sie dieses Ergebnis nicht mehr, denn auch die vielen Experimente zuvor mit Äpfeln, Vasen sowie Kleidungsstücken hatten dieses Resultat erbracht. Sie zeichnete mit ihrer Gabe, wobei die Perspektive keine Rolle zu spielen schien, solange es nur eine Kopplung zwischen Bild und Realität gab. Irgendwann wurde das reale Objekt immer bläulicher.
Dann hielt sie sich das linke Auge zu - und sah den Schimmer. Sie hielt sich das rechte Auge zu - und das Blau verschwand von einem Augenblick auf den anderen. Alles wie zuvor.
Ein letztes Photo, dann schlug sie das Buch auf.
Das Blau erlosch wie erwartet. Die Situation hatte sich zu stark verändert und die Kopplung aufgelöst.
Für Charlotte war nun alles klar: Dieses Leuchten, das sie lange Zeit für ein Phantombild gehalten hatte, war real. Ihr rechtes Auge konnte seit dem Unfall in Calgary das Vorliegen einer starken Kopplung zwischen Objekt und Zeichnung erkennen. Es besaß nun zwei Fähigkeiten - Kopplung erkennen und Kopplung herstellen. Wenngleich letzteres immer noch rund ein Drittel schwächer ausfiel als vor ihrem Eisenbahnauftrag. Die Verbesserungen in dieser Hinsicht waren in der letzten Zeit minimal gewesen, und Charlotte musste sich wohl oder übel mit dem Gedanken anfreunden, dass dieser Verlust von Dauer sein würde. Aber sie beschloss, sich lieber auf das Positive zu konzentrieren und die neue Fähigkeit so zu analysieren, wie sie es auch in ihrer Jugend getan hatte, als sie das erste Mal erkannt hatte, welche fast schon magische Kraft in ihr steckte.
Sie nahm den Autoschlüssel von der Kommode, warf sich die Sommerjacke über das luftige Kleid und verließ das Apartment. Auf schnellstem Wege fuhr sie zum Photogeschäft und gab die beiden TRC24-Filme zur Expressentwicklung ab.
Sie war mehr als neugierig, was darauf zu sehen sein würde.

Als Charlotte ein paar Stunden später die großformatigen Abzüge auf dem hochwertigsten Spezialpapier, das der Laden anbot, in ihrem Wohnzimmer studierte, wuchs ihre Enttäuschung jedoch minütlich.
Auf keinem der Bilder war auch nur der geringste Blauschimmer zu sehen.
„Wieso nicht?“, murmelte sie nachdenklich und legte die Stirn in Falten. „Ist das Blau, das die Pyramidenzellen in meiner Hornhaut aussenden, ein anderes Blau als das aus den Objekten?“ Unruhig marschierte sie im Zimmer auf und ab. „Oder ist es einfach nur energieärmer, und die Filme sind nicht sensitiv genug dafür? Muss ich länger belichten?“
Sie beschloss, noch einen letzten Versuch durchzuführen. Sie holte die beiden schweren Hanteln vom Balkon und trug sie ins Arbeitszimmer hinüber, wo sie diese auf den Teppich legte. Die Gewichtsscheiben schraubte sie allesamt auf eine einzige Stange auf. Dieses Objekt war das schwerste ihrer Versuchsreihe. Nach fünf Überzeichnungen strahlte die Hantel intensiv bläulich. Charlotte stellte die Belichtungszeit des Photoapparates auf das Maximum von zehn Sekunden, schoss zuerst ein Photo von ihren Augen, während sie eine weitere Überzeichnung anfertigte, und danach von der strahlenden Hantel.
Anschließend signierte sie das Bild und wollte es gerade benutzen, als sie plötzlich am Rand ihres Blickfelds etwas bemerkte. Sie stutzte und drehte den Kopf nach links.
Was, zum Teufel, war das?
Eindeutig sah sie die Farbe Blau. Aber nicht auf oder um die Hantel. Denn in der Richtung, in die sie gerade schaute, gab es eigentlich nichts außer Luft und Zimmerwand.
Aber sie sah ganz eindeutig ein ... Ding, das in der Luft hing und schwaches, blaues Licht abgab. Die Form erinnerte an ein an beiden Enden horizontal abgeschnittenes senkrecht stehendes Surfbrett. Es war oval, schwebte einen Fuß über dem Boden, und ragte ein wenig höher als Charlottes Kopf. Die Breite mochte vielleicht ein Yard an den Enden betragen, und geschätzte fünf Fuß an der bauchigen Mitte.
Vorsichtig machte Charlotte einen Schritt zur Seite. Das Objekt blieb, wo es war. Sie trat einen Yard zurück, und auch jetzt änderte sich nichts an Form, Orientierung oder Position des Dings. Auf einem großen Halbkreis ging sie um das seltsame Schimmern herum. Kein Zweifel, das Oval war semitransparent, in etwa wie ein Nylonstrumpf.
Aufgeregt nahm Charlotte die Kamera und machte Photo über Photo aus verschiedenen Richtungen und mit verschiedenen Belichtungszeiten.
„Was ist das?“, murmelte sie ratlos. „Kopplung an Luft - so ein Blödsinn. Wie soll man Luft zeichnen?“
Sie dachte kurz nach. Eine Frage war sie noch nicht angegangen. Auch nicht mit den Äpfeln oder der Hantel, die immer noch intensiv leuchtete.
„Ob nur ich dieses Ding sehen kann?“
Charlotte rannte in den Flur und wählte hastig Phils Nummer.
„Mach schon!“, drängelte sie laut, als könnte sie so erreichen, das der Freund schneller abhob.
Endlich knackte es in der Leitung. „Messier.“
„Phil, ich bin's. Kannst du herkommen, sofort? Ich brauche deine Hilfe“, sprudelte es aus Charlotte heraus. Sie sprach so schnell, dass sich die Worte fast überschlugen.
„Ist etwas passiert? Geht es dir gut?“ Phils Stimme klang tief besorgt.
„Nein, nein, nichts passiert. Alles in Ordnung. Es ist mehr eine ... Forschungsfrage und hat mit meinen Augen zu tun.“
„Ich verstehe“, meinte Phil. „Ich bin in einer Dreiviertelstunde bei dir.“
„Danke“, verabschiedete sich Charlotte und legte auf.
Sie lief zurück ins Arbeitszimmer und seufzte erleichtert auf, als sie das blaue Oval und die blauen Hanteln sah.
In der letzten Zeit hatte sich einiges an ihrer Fähigkeit geändert. Es war auf der einen Seite faszinierend und spannend, dies alles zu erkunden. Aber auf der anderen Seite war es auch beängstigend. Denn Veränderungen konnten auch großen Verlust bedeuten. Und wenn Charlotte eines nicht verlieren wollte - auch nicht, wenn sie dafür andere, neue Fähigkeiten erhielt -, dann war es ihre Zeichengabe. Diese gehörte zu ihr.
Gebannt starrte sie immer wieder abwechselnd auf Oval und Hantel. Doch an beidem veränderte sich nichts.
Voller Ungeduld wartete sie auf Phils Erscheinen.

Es klingelte an der Tür. Charlotte lief rasch in den Flur und ließ Phil herein. Sie nahm ihn am Handgelenk und zog ihn ins Arbeitszimmer. Der Kommissar konnte gerade noch die Tür hinter sich ins Schloss werfen und stolperte mehr, als dass er ging.
„Was siehst du?“, fragte Charlotte.
Phils Gesicht drückte leichtes Unverständnis aus, aber er ließ dennoch seinen Blick ohne Nachfrage durch den Raum schweifen. „Dein Arbeitszimmer. Sieht fast aus wie immer ...“
„Ja? Siehst du es auch?“, unterbrach Charlotte. Ihre Aufregung wuchs noch weiter. Unwillkürlich verstärkte sie den Griff um Phils Handgelenk.
„Ich weiß nicht genau, was du meinst. Also, ich sehe einen Schreibtisch, der ziemlich unaufgeräumt aussieht; dann ein Buch auf dem Fußboden; deinen Utensilienschrank da hinten.“ Er wies über den Rücken in die angegebene Richtung. „Und zwei Hanteln auf dem Boden. Ach ja, und den Teppich natürlich.“
„Wie sehen die Hanteln aus?“
„Na, wie normale Hanteln eben. Eine Stange ohne Gewichtsscheiben. Und eine, auf die du alles draufgepackt hast, was geht.“ Er grinste Charlotte an. „Hast du neue Rekorde erreicht und willst es mir demonstrieren?“
Charlotte ging nicht darauf ein, sondern griff Phil am Oberarm, drehte ihn so, dass der Freund frontal auf das blaue Oval blicken musste, und fragte erneut: „Was siehst du? Genau da vorn.“ Sie streckte die Hand aus und wies auf das seltsame Objekt.
Während sie auf Phils Antwort wartete, scannten ihre Augen das Oval. Und da fiel ihr etwas auf, das neu war.
Die Ränder fransten aus.
„Löst es sich auf?“, murmelte sie.
„Was löst sich auf?“, fragte Phil zurück. Er schien etwas ungehalten. „Was geht hier vor? Was soll ich sehen?“
„Phil, die beladene Hantel leuchtet blau. Siehst du das wirklich nicht?“
Phil schüttelte den Kopf.
„Und dieses ebenfalls blaue Oval da vorn in der Luft?“ Sie drehte Phils Kopf leicht in die korrekte Richtung. „Etwa zwei Yards vor dir. Dort hinten, kurz vor der Wand. Es ist fast so groß wie mein Kühlschrank und schwebt einen Fuß über dem Boden.“
Phil schob Charlottes Hände weg, die immer noch seinen Kopf hielten. „Da ist nichts.“
Er wollte einen Schritt nach vorn machen, doch Charlotte hielt ihn zurück.
„Vorsicht!“, rief sie. „Berühre es lieber nicht.“
Dann entfuhr ihr ein „Mist“
Immer deutlicher zeigte sich eine Desintegration des Ovalrands. Größere Stücke an der Begrenzung schienen herausgebrochen zu sein. Was ehemals glatt gewesen war, sah nun aus wie die Küstenlinie einer Insel.
Ohne auf Phil zu achten, machte Charlotte weitere Photos von diesem Phänomen, das nun immer schneller an Größe verlor. Wenige Minuten später war es verschwunden. Nur die Hantel leuchtete noch blau.
„Phil, es geht um Folgendes“, begann Charlotte endlich mit einer Erklärung und berichtete dem Kommissar ausführlich, was sie herausgefunden und warum sie ihn angerufen hatte.
„Deine Fähigkeit verändert sich“, konstatierte er.
„Stimmt. Es kommt etwas hinzu“, gab Charlotte zurück. „Calgary war ein Unfall. Ob der Heilungsprozess im Auge alles ausgelöst hat?“
„Möglich“, sagte Phil und zuckte die Achseln. „Und jetzt? Wirst du deinen nächsten Auftrag zurückgeben? Immerhin geht es morgen früh schon los.“
Charlotte schüttelte vehement den Kopf. „Nee, dabei bleibt es. Ich war noch nie in Cape Canaveral.“ Sie nahm die Kamera und kurbelte den Film zurück. Als sie ihn aus dem Apparat genommen hatte, fädelte sie einen neuen ein. „Das Photogeschäft hat schon geschlossen. Wärst du so nett, den Film morgen abzugeben und die Abzüge abzuholen? Ich rufe dich dann aus Florida an, um zu erfahren, was darauf zu sehen ist. Ginge das?“
Phil nahm den Film entgegen. „Klar.“
„Super“, freute sich Charlotte. „Komm, ich lade dich als Dank zum Dinner ein. Es gibt da ein neues Gourmet-Restaurant in der Nähe, das ich schon lange mal ausprobieren wollte.“

***

Die Maschine hob pünktlich vom International Airport ab und nahm Kurs Richtung Südosten. Es war noch Nacht in Vancouver. Die Lichter der Metropole verschwanden rasch unter dem steil steigenden Flugzeug.
Charlotte suchte hastig in ihrer Handtasche, bis sie die Medikamentenschachtel fand, und schluckte eine weitere Kapsel gegen Reiseübelkeit. Dann versuchte sie, das Unwohlsein so gut wie möglich zu ignorieren.
Als die Reiseflughöhe erreicht war und die Maschine ruhiger wurde, atmete sie erleichtert auf. Sie schaltete das Leselicht am Gepäckfachboden über ihrem Kopf an, zog die dünne Dokumentenmappe aus ihrem Bordkoffer und ging noch einmal die Angaben zu ihrem neuen Auftrag durch.
In etwa zwei Wochen sollte der erste Experimentalsatellit der amerikanisch-kanadischen Kooperation SPACE-LASER ins All geschossen werden. Kernstück war ein von der Bodenstation steuerbarer, energiereicher Laser, dem es möglich sein sollte, ausrangierte Satelliten, die nicht mehr auf Steuerbefehle reagierten und daher nicht zwecks Verglühen in die Erdatmosphäre gelenkt werden konnten, so gründlich zu zerstören, dass keine fremde Nation sich ihrer annehmen und sie studieren konnte. Denn nicht nur Amerika und Kanada arbeiteten an Programmen zur Bergung von Satelliten. Die Erprobung des Lasers sollte ein globales Medienereignis werden und eine Demonstration der Fähigkeiten der nordamerikanischen Länder.
Und nun waren Teilpläne dieses technischen Wunderwerks auf dem Schwarzmarkt aufgetaucht. Nicht nur die amerikanischen Sicherheitsbehörden waren in höchstem Maße alarmiert. Man vermutete einen Spion auf Cape Canaveral.
Charlotte, die am cockpitfernen Ende der ersten Klasse auf dem Einzelsitz am Fenster saß, schlug die Akten zu, als sie sah, wie sich eine Stewardess ihrem Platz näherte.
„Miss Carrington, möchten Sie eine kleine Erfrischung?“, fragte die Flugbegleiterin und lächelte freundlich.
„Ein Pfefferminztee täte mir schon gut“, erwiderte Charlotte.
Seit dem Betreten des Flughafens war sie in ihrer Tarnidentität unterwegs. Wer Spione ins Kennedy Space Center einschleusen konnte, erwartete vermutlich Gegenmaßnahmen und überwachte vielleicht auch, welche Personen sich für längere Zeit auf Cape Canaveral aufhalten wollten. Und von einem längeren Aufenthalt konnte man ausgehen, wenn man, wie Charlotte, als Anwärterin auf die Teilnahme am Astronautenausbildungsprogramm das Space Center aufsuchte.
Die Stewardess stellte die Tasse auf das heruntergeklappte Tablett vor Charlotte ab, die sich höflich bedankte.
Als die Detektivin wieder alleine war, setzte sie das Studium der Akten fort. Gelegentlich nippte sie an dem heißen Tee.
Informanten hatten Gerüchte an die Geheimdienstler herangetragen, dass jemand demnächst die Pläne von SPACE-LASER anbieten wollte. Als Beweis dienten teilgeschwärzte Kopien des Schaltplans der Steuerelektronik des Lasers.
Von höchster Stelle wurde eine umfangreiche Sicherheitsüberprüfung des gesamten Mitarbeiterstabs des NASA-Geländes angeordnet, um den Spion zu fassen, denn das Projekt durfte auf keinen Fall verzögert werden. Man wollte keinen Imageverlust in der Weltöffentlichkeit riskieren, denn Start und Funktion des Satelliten waren aggressiv bekannt gegeben worden.
Die Pläne für SPACE-LASER bestanden aus sechs Akten, die aus Sicherheitsgründen aufgeteilt an drei verschiedenen Orten verwahrt wurden. Man ging daher davon aus, dass der Spion bis jetzt nur Blaupausen von einem Ort in die Hände bekommen hatte.
Doch mit diesem Spionage-Aspekt hatte Charlottes Einsatz nur am Rande zu tun. Die Suche nach der undichten Stelle war Sache der Geheimdienste und des Sicherheitspersonals auf Cape Canaveral.
Charlotte wurde in ihrer Konzentration unterbrochen, als im vorderen Teil der Kabine ein wenig Tumult aufkam. Zwei Männer unterhielten sich laut, standen im Gang und fuchtelten mit den Händen. Ihre Gesichter waren gerötet, und beide schienen wütend. Die Chefstewardess schob den roten Vorhang zur Seite und trat aus dem kleinen Raum zwischen Cockpit und First Class. Sie sprach leise auf die beiden Herren ein, die sich schließlich beruhigten.
Charlotte hatte nicht hören können, worum es bei dem Streit gegangen war. Als die Männer sich wieder an ihren Plätzen niedergelassen hatten, klackte es zweimal, und kurze Zeit später waberte Zigarrenqualm durch die Kabine. Charlotte hustete, als der Rauch sie erreichte. Sie atmete flacher, wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht und stellte die kleine Lüftungsdüse über ihrem Kopf auf höchste Leistung.
Dann widmete sie sich wieder den Dokumenten.
Die SPACE-LASER-Pläne befanden sich aktuell in Fort Knox, würden aber in einigen Tagen wieder auf das Gelände der NASA gebracht werden, da man sie für den finalen Test benötigte, bevor der Satellit auf die Spitze der SATURN-Trägerrakete gesetzt wurde.
Und ich muss versuchen, Pseudopläne aus den Tresoren vorab zu stehlen, nachdem nun die Sicherheitsvorkehrungen erhöht worden sind, fasste Charlotte in Gedanken ihren Auftrag zusammen. Sollte sie Erfolg haben, würde man nachbessern. Aber sie würde unter Zeitdruck arbeiten müssen. Nach Ankunft in Cape Canaveral hatte sie nur wenige Tage, um den genehmigten Diebstahl durchzuführen.
Charlotte warf einen Blick aus dem kleinen Seitenfenster. Es war mittlerweile hell geworden. Unter dem Flugzeug hingen dichte, weiße Wolken. Der Lärmpegel in der Kabine nahm zu, denn nur noch wenige Passagiere schliefen.
Ein ungewöhnlicher Auftrag, fand Charlotte. Unzählige Male war sie schon undercover in Gangsterbanden eingeschleust worden, aber noch nie hatte einer ihrer Auftraggeber gehofft, dass sie eine Aufgabe nicht meisterte.
Sie schaute auf die Uhr. Es würde noch drei Stunden dauern, bis sie in Orlando, Florida landete. Zeit genug also, sich noch einmal die Tests, denen sie sich wie viele andere Astronautenanwärter unterziehen musste, genauer anzuschauen.
Allzu schlecht wollte sie in ihrer Undercoveridentität schließlich auch nicht abschneiden.

Die Maschine landete plangemäß auf dem Melbourne-Orlando International Airport. Die Einreiseformalitäten waren rasch erledigt, da Charlotte angekündigt worden war, und so gab es keine Probleme mit ihren falschen Papieren.
Mit einem Taxi ließ sie sich zum Space Center bringen. Jetzt, wo sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte, entspannte sie völlig und verbrachte die vierzig Meilen lange Fahrt dösend im Fond.
Als sie sich dem NASA-Stützpunkt näherten, verlangsamte der Taxifahrer plötzlich spürbar. Charlotte blickte auf, sah die Umzäunung des riesigen Geländes, konnte aber weit und breit keinen Eingang erkennen.
„Was ist los?“, fragte sie und richtete sich auf.
Das Taxi fuhr nur noch Schritttempo. Eine Gruppe Polizisten versperrte den Weg. Sie trugen Helme mit Sichtschutzvisier sowie Schlagstöcke und schienen etwas abzuriegeln.
„Eine Demonstration“, erklärte der Fahrer, schwenkte in eine langgezogene Rechtskurve ein und folgte den orangefarbenen Hinweisschildern.
Charlotte schaute interessiert aus dem Fenster. Etwa dreißig Demonstranten in grellbunten Shirts liefen langsam an der Umzäunung des Raketengeländes entlang und schwenkten Fahnen mit Parolen wie ‚Stay on earth!‘, ‚Space is not for human race!‘ oder ‚Keep Mother Nature clean!‘. Alle trugen riesige Aufkleber auf Brust und Rücken. ‚WAOGOE‘ prangte in grellroten Lettern darauf. Die beiden O's sahen aus wie stilisierte Weltkarten, wie man sie auch in Atlanten fand. Hellblau überwog, aber Blitze zuckten aus schwarzem Himmel auf die Landmassen nieder.
Charlotte fragte den Taxifahrer nach der Bedeutung der Buchstaben.
„Mit diesen Chaoten haben wir hier seit einigen Monaten zu tun“, meinte er abfällig. Er beschleunigte den Wagen ein wenig, da die Straße nun frei vor ihnen lag. Dennoch war das Tempolimit mit gerade einmal 10 Meilen pro Stunde sehr niedrig angesetzt, und so kamen sie nicht sonderlich schnell voran. „Dieser komische Verein nennt sich ‚We are only guests on earth‘. Alles Spinner, wenn Sie mich fragen. Ohne das Raketenprogramm wäre hier in weitem Umkreis nix los. Arbeitsplätze und so, meine ich.“
Nun, dachte Charlotte nur mäßig interessiert, Fortschrittsgegner gibt es überall. Aber solange sie friedlich bleiben ...
Das Taxi bog scharf nach links ab, und der Haupteingang zum Gelände lag nun vor ihnen. Ein silberner Reisebus wartete vor der geschlossenen Schranke. Seine Seiten waren mit Weltraummotiven verziert. Comichaft gezeichnete Raketen schossen in den blauen Himmel, grüne Aliens winkten den übergroßen Astronauten freundlich lächelnd zu und schienen sie zu einer Stippvisite auf ihrem fernen Planeten einzuladen. Neben den Zeichnungen prangten die Abkürzungen der Weltraumorganisationen: NASA sowie KSC. Die Menschen im Bus drückten ihre Gesichter an den Scheiben platt und blickten auf die Demonstranten, die in ein paar Yards Entfernung langsam marschierten und einen Heidenlärm veranstalteten.
Im selben Moment als einer der NASA-Wachtposten den Bus betrat, um die Papiere zu kontrollieren und mit seiner Ankunftsliste zu vergleichen, spritzten die WAOGOE-Anhänger wie auf ein geheimes Kommando auseinander. Gleichzeitig griffen diejenigen Demonstranten, welche im Zentrum der Gruppe spaziert waren, unter ihre Shirts und rissen kleine, runde Gegenstände hervor.
Die Polizisten, die den Demonstrationszug begleiteten, rückten sofort geschlossen vor, doch die anderen Demonstranten stellten sich ihnen in den Weg.
„Do not throw anything!“, brüllten die Uniformierten. „It is considered an attack on state property.“
Noch hielten sich beide Seiten zurück, und es kam nicht zu körperlichen Auseinandersetzungen. Aber die in schwere Montur gekleideten Polizisten wollten sich immer drängender einen Weg zu den zum Wurf Bereiten bahnen. Die Warnung hatte jedoch keinen Effekt, und die Polizisten konnten nicht verhindern, dass eine Reihe an Wurfgeschossen auf den Reisebus zuflogen.
Charlotte hielt erschrocken die Luft an. Eine Hand krallte sich in den Türgriff. Sollten das etwa Bomben sein? Aber es würde doch niemand Touristen angreifen, weil diese eine Weltraumbasis besichtigen wollten. Eine solche Attacke wäre durch nichts zu rechtfertigen.
Sie wollte dem Fahrer zurufen, zurückzusetzen und sich so aus der potentiellen Gefahrenzone zu begeben, doch der Mann hatte bereits den Rückwärtsgang eingelegt und preschte mit quietschenden Reifen von der Schranke weg.
Die Wurfgeschosse prallten auf die Scheiben des Busses. Nicht nur Charlotte erwartete einen Knall, vielleicht einen Feuerball, doch es geschah nichts dergleichen.
Stattdessen platzten die Geschosse wie Luftballons und gaben ihren Inhalt frei: zähflüssige Farbe, welche die Scheiben herunterrann. Tiefes Rot, das aussah wie Blut. Und die Worte der Demonstranten unterstrichen diesen Eindruck, denn alle riefen nun die gleiche Parole: „Earth is bleeding!“
Nun, nach den Würfen, drängten alle WAOGOE-Anhänger gegen die Uniformierten, wandten aber keine direkte Gewalt an, außer dass sie mit der Schulter drückten. Ein paar Demonstranten schlüpften durch den Polizeikordon und rannten in alle Himmelsrichtungen davon, andere ließen sich festnehmen, rührten sich aber nicht mehr von der Stelle und mussten davongetragen werden. Doch Charlotte war aufgefallen, dass keiner der Festgenommenen aus dem Kreis derer stammte, welche die Farbballons geworfen hatten. Die Kameras der TV‑Gesellschaften, welche die Demonstration ebenfalls begleiteten, würden dies sicherlich auch beweisen. Zu befürchten hatten die Verhafteten nichts.
Die Farbaktion würde eine Menge Publicity für ihre Sache generieren.
Der Reisebus war unterdessen auf das NASA-Gelände gefahren und verschwand in der Ferne. Charlotte verließ das Taxi, entlohnte den Fahrer und ging mit ihren zwei Rollkoffern auf den Eingang zum Space Center zu. Nachdem der Wachmann ihre Einladungspapiere überprüft hatte, konnte sie passieren. Direkt hinter der Schranke musste sie ein paar Minuten warten, bis der per Telefon herbeigerufene kleine Wagen, der sie abholen wollte, zur Stelle war. Für Fußmärsche war das Gelände schlicht zu groß, und so ließ sie sich gerne zu ihrer Unterkunft bringen.

Am Abend fand die erste Einsatzbesprechung im Sitzungssaal des Gebäudes der Sicherheitsabteilung statt. Nachdem die zwölf Teilnehmer eingetroffen waren, eröffnete der Sicherheitschef Carl Douglas das Meeting.
„Ich heiße Sie auf Cape Canaveral willkommen, meine Herren.“ Nach einem Seitenblick auf Charlotte, welche die einzige Frau im Raum war, fügte er mit einem dünnen Lächeln hinzu: „Die Dame.“
Charlotte lächelte freundlich zurück und neigte leicht den Kopf zur Begrüßung.
Douglas räusperte sich. „Sie alle kennen die Sachlage, deshalb möchte ich mich kurzfassen. Der Start von SPACE-LASER steht in zwölf Tagen an. Die politischen Entscheider in Washington und Ottawa haben unmissverständlich klargemacht, dass eine Verschiebung keine Option ist. Die Welt schaut auf uns, und wir können uns keine Blöße erlauben. Jeder soll sehen, welch fortschrittlicher Kontinent Nordamerika ist.“ Er nahm den dünnen Aktenordner, der vor ihm auf der Tischplatte lag, in die Hand und blätterte um. „Unser vordringliches Ziel ist die Sicherstellung des Starts. Parallel dazu soll verhindert werden, dass weitere Teile der Pläne in falsche Hände geraten. An dritter Stelle folgt die Suche nach dem Spion. In dieser Reihenfolge haben wir, die wir hier versammelt sind, die Aufgaben abzuarbeiten.“
„Befürchten Sie Sabotageakte?“, unterbrach Charlotte.
Die Blicke der anderen Anwesenden richteten sich auf sie, und für einen Moment erstarb der Grundgeräuschpegel im Saal. Niemand rührte sich.
Douglas schaute noch für einen Augenblick auf seine Unterlagen, bevor er antwortete: „Miss Charlotte Carrington, Sie können Ihre Fragen gerne stellen, wenn ich mit der Einleitung geendet habe. Bis dahin möchte ich Sie dringend ersuchen, sich auf das Zuhören zu beschränken. Vielleicht sind die Gepflogenheiten in Kanada andere, aber hier in den Staaten achten wir die Hierarchie.“
„Natürlich, Sir“, erwiderte Charlotte mit ausdruckslosem Gesicht. Leichte Verärgerung auf Douglas ob seiner impliziten Die-USA-ist-allem-auch-Kanada-überlegen-Attitüde ergriff sie, aber sie ließ sich nichts anmerken.
Douglas wandte sich wieder seinen Papieren zu. „Fahren wir also fort. Die Kontrollen, wer das Gelände betritt, wurden verschärft. Aber auch in diesem Punkt ist die politische Maßgabe eindeutig: Der Tourismusbetrieb muss ungestört weitergehen. Ein Abschotten des Geländes steht nicht zur Debatte.“
Wieder schlug er eine andere Seite seiner Unterlagen auf. „Kommen wir nun zum Thema der Sabotage. Wir haben keine spezifischen Hinweise darauf, dass Anschläge geplant sind. Dennoch werden verstärkt Patrouillengänge und -fahrten durchgeführt. Man hat uns aber zu verstehen gegeben, dass es nach außen hin in unauffälliger Weise ablaufen muss. SPACE-LASER soll als rein defensives Projekt dargestellt werden, dazu passt es laut Washington nicht, die Öffentlichkeit auszuschließen.“
Seiner Stimme war anzuhören, dass er gegenteiliger Ansicht war.
Rein faktisch konnte Charlotte den Sicherheitschef verstehen. Abschotten, nur die Personen auf dem Gelände belassen und sozusagen einkasernieren, welche für die letzten Bauschritte des Satelliten vonnöten waren, und erst nach dem erfolgreichen Start das Space Center wieder öffnen - das wäre die naheliegendste Entscheidung gewesen. Aber die Außenwirkung wäre fatal. Es würde ein Zeichen der Unsicherheit und der Schwäche gesendet werden.
Douglas fuhr mit dem nächsten Punkt seiner Liste fort. „Die Undercoveridentitäten für Sie alle sind vorbereitet, die Lebensläufe in die Personalakten überführt. Sie werden in das bestehende Personal der Maintenance-Crew, des Transportservices sowie der chemischen und physikalischen Hauptlabore eingeschleust. Offiziell sind Sie versetzt worden. Sie wissen Bescheid.“ Er blickte in die Runde und sah nickende Köpfe.
„Kommen wir zum letzten Tagesordnungspunkt: den Plänen für den SPACE‑LASER-Satelliten. Wie Sie alle wissen, befinden sich diese aus Sicherheitsgründen zur Zeit nicht auf dem Gelände, sondern werden in Fort Knox verwahrt. Ihre Wiederankunft hier ist in vier Tagen avisiert. Bis dahin muss die Sicherheitsüberprüfung der Tresorlagerung abgeschlossen sein. Ich erwarte keine Probleme, denn unser Konzept ist unknackbar, wenn ich das so sagen darf. Dennoch wurde eine externe Überprüfung angeordnet, insbesondere auf Drängen unserer kanadischen Freunde.“
Er blickte Charlotte direkt an. „Ich war ein wenig befremdet, als man mir mitteilte, dass man eine Zivilistin schickt, noch dazu eine Frau.“
Oha, dachte Charlotte leicht amüsiert. So fortschrittlich kann dein Land bei einer solchen Aussage aber nicht sein.
Auf letzteren Punkt, der ihr immer wieder begegnete, sie aber meist nur zu einem genervten Achselzucken veranlasste, ging sie auch diesmal nicht ein. Wenn Douglas auf Hierarchien pochte, würde er die Entscheidung seiner Vorgesetzten einfach akzeptieren müssen. Einen anderen Aspekt aber wollte sie klarstellen.
„Mr Douglas, ich bin Angehörige des kanadischen Militärs.“ Um die Spannung zwischen ihnen nicht noch anzuheizen, baute sie ihm eine Argumentationsbrücke. „Vermutlich hat man leider vergessen, Ihnen diese Information mitzuteilen.“
„In der Sanitätsreserve, ich weiß.“ Es klang ein wenig abschätzig. „Bei der von Ihrer Regierung an den Tag gelegten Vehemenz einer externen Untersuchung hatte ich erwartet, einen höheren und aktiven Rang hier begrüßen zu dürfen.“
Charlotte, die bisher recht locker auf ihrem Stuhl in der zweiten Reihe gesessen hatte, richtete sich ruckartig auf. Ein gefährliches und kaltes Blitzen trat in ihre Augen, und die Gesichtszüge drückten Härte aus. Wieder herrschte fast vollkommene Stille im Raum. Nur leise Atemgeräusche waren zu hören. Charlotte war klar, dass Douglas sie bewusst reizte. Er wollte, dass sie die Beherrschung verlor, um damit seine Einschätzung auch nach außen zu bestätigen, dass sie für den Job ungeeignet sei.
Doch diesen Gefallen würde sie ihm nicht tun.
Mit einem angedeuteten Lächeln antwortete sie knapp, aber mit leicht spöttischem Unterton: „Ich werde mein Bestes geben.“ Den Zusatz ‚Ich hoffe, Sie auch‘, der ihr schon auf der Zunge lag, konnte sie gerade noch zurückhalten. „Wie geht es Rachel-Sophie Nichols?“, fragte sie stattdessen.
Douglas schien über den abrupten Themenwechsel irritiert, fing sich aber schnell wieder. „Ihre kanadische Kollegin erfreut sich mittlerweile wieder recht guter Gesundheit, bleibt aber noch ein paar Tage im Hospital zur Beobachtung.“
„Das ist sehr erfreulich.“
Die erste kanadische Astronautin, die im Space-Programm der NASA das Auswahlverfahren im letzten Jahr gemeistert hatte, war vor drei Wochen im Forschungstrakt hinterrücks niedergeschlagen worden. Täter und Motiv hatten bis jetzt nicht ermittelt werden können. Astronautin Nichols hatte nur einen schwarzen Schatten gesehen, bevor sie ohnmächtig geworden war. Wenige Tage später hatte man jedoch erste Hinweise darauf erhalten, dass Teilpläne des Laserprojekts auf dem schwarzen Markt aufgetaucht waren. Das FBI vermutete einen Zusammenhang zwischen der Gestalt, dem Angriff auf die Astronautin und der Spionage.
Charlotte hatte auf jeden Fall beschlossen, überaus vorsichtig zu agieren. Vielleicht war die schwarze Gestalt wirklich der Spion gewesen, und Nichols hatte ihn bei irgendetwas überrascht. Ein solcher Angriff konnte also jederzeit wieder geschehen.

Die Konferenz wurde nach einer weiteren Viertelstunde, in der viele Fragen gestellt wurden, beendet. Jeder erhielt ein Dossier, welches die aktualisierten Informationen enthielt, und wurde entlassen.
Douglas wandte sich an Charlotte. „Sie können die geltenden Sicherheitsbestimmungen und Gebäudepläne im Nebenraum studieren. Kein Dokument aber darf diesen Raum verlassen.“
Charlotte fand die Prämisse ihres Auftrags gut und angemessen. Denn wenn sie es mit vollem Wissen der Sicherheitsvorkehrungen nicht schaffte, die Pseudopläne zu stehlen, dann würde es ein Spion, der an diese Informationen erst einmal herankommen musste, erst recht nicht bewerkstelligen können.
Sie nickte Douglas zum Abschied kurz zu und ging in den Nebenraum.
Die heiße Phase der Undercovereinsätze hatte begonnen.

***

Am folgenden Morgen betrat Charlotte mit fünf Mitbewerbern den Kontrollraum der großen Humanzentrifuge, mit welcher die Kräfte, die beim Start einer Rakete auf den menschlichen Körper einwirkten, simuliert werden konnten. Durch eine große Scheibe, vor der unzählige Messinstrumente, Hebel und Drehräder angebracht waren, sahen alle den rund zehn Fuß langen Arm der Hyper-g-Zentrifuge, der auf einem Lager ruhte, das von einem mächtigen Elektromotor in Rotation versetzt werden konnte.
„Carrington, Sie sind die Erste“, bestimmte der Ausbilder und öffnete die Tür zur Zentrifugenhalle.
Charlotte folgte dem Mann und nahm Platz in der kleinen, offenen Kabine, die an ein scheibenloses Rallye-Auto mit Überrollbügel erinnerte. Mit dem Rücken nach außen und mit leicht nach hinten geneigtem Oberkörper ruhte sie in dem Spezialsessel, in dem sie festgeschnallt wurde. Ein Gurt schloss sich um die Hüfte, ein weiterer um den Oberkörper.
Charlotte kannte die technischen Einzelheiten der Maschine und den Ablauf des kurzen Tests. Sie würde nur für anderthalb Minuten der zweieinhalbfachen Erdbeschleunigung ausgesetzt werden. Im wirklichen Astronautentraining ging es dann bis zum achtfachen des Eigengewichts, und das für mehrere Minuten. Aber heute wollten die Mediziner nur herausfinden, ob die Probandin bereits von Natur aus für einen solchen Hoch-g-Versuch geeignet war, oder ob Anpassungsschritte und spezielles Training erforderlich waren.
„Hier, nehmen Sie“, sagte der Ausbilder und reichte Charlotte ein kleines Plastikkästchen, dessen Kabel er an der Rückseite des Sessels einsteckte. Das Kästchen besaß zwei nebeneinander angeordnete breite Druckknöpfe sowie eine darüber liegende horizontale Linie aus sechs kleinen Leuchtdioden.
Charlotte nahm das Kästchen und stellte es auf der Brust ab, hielt es aber weiter fest. Der Daumen der rechten Hand lag auf dem rechten Knopf.
„Sie sind bereit?“, fragte der Ausbilder. Als Charlotte nickte, begab er sich zum Ausgang.
Charlotte zog blitzschnell die Zeichnung, die sie am Vorabend, nachdem sie bei Douglas die Pläne des Geländes hatte einsehen können, angefertigt hatte, aus der Tasche ihres Overalls. Das Bild war bereits aktiviert, aber Charlotte hatte es in einer Art Zelt so gefaltet, dass das Motiv von nichts berührt wurde. Es war ein Fail-safe, und sie hoffte, ihn nicht einsetzen zu müssen. Aber vielleicht befand sich der Spion jetzt gerade nebenan und plante etwas, während er seiner normalen, unverdächtigen Arbeit nachging?
Sie nahm das Zeichnungszelt in die linke Handfläche und drückte es mit einer freien Stelle an das Kästchen. Dann legte sie den Daumen auf den linken Knopf. Wenn nötig, konnte sie nun die Hand zur Faust ballen und die Zeichnung zerknüllen, um Kraft auf das reale Zielobjekt zu übertragen.
Kalter Schweiß bildete sich auf Charlottes Stirn und den Händen. Charlotte atmete ruhig und versuchte, sich zu entspannen, so gut es ging. Hinter dem leicht erhöhten Fenster konnte sie den Kontrollraum erkennen. Der Ausbilder war gerade dabei, die Verbindungstür zu schließen, aber Charlotte hörte noch, wie jemand „five“ sagte und eine überrascht klingende andere Stimme fragte: „Really?“.
Dann fiel die schwere Tür ins Schloss, und Charlotte war alleine im Zentrifugenraum.
Eine Lautsprecherstimme knarrte. „Wir fangen an.“
Charlotte spürte einen Ruck, als die Zentrifuge langsam zu rotieren begann. Die ersten drei Umdrehungen dauerten gefühlt ewig, und das Ganze erinnerte sie an ein Fahrgeschäft auf dem Jahrmarkt, das sie in ihrer Teenagerzeit gerne genutzt hatte: eine Art runder Käfig, in welchem die Besucher mit dem Rücken nach außen standen und sich wie Wäsche in einer Maschine schleudern ließen. Aktuell aber war die Zentrifuge hier im NASA-Gelände noch nicht einmal im Ansatz so schnell.
Dann aber beschleunigte sich die Rotation.
Auf dem Kästchen glomm die Lampe rechts außen auf, und Charlotte drückte sofort auf den linken Knopf. Das Lämpchen erlosch wieder, und das links daneben liegende flammte stattdessen auf. Charlotte wiederholte das Spiel, ließ die aktivierte Lampe weiter nach links wandern, bis sie schließlich aus der Reihe herausfiel und alle Lämpchen inaktiv waren. Die erste Aufgabe war gelöst.
Es handelte sich um einen einfachen Reaktionstest. Leuchtete eine der drei rechten Lampen auf, sollte sie mittels des linken Knopfes das Leuchten nach links wandern lassen, und umgekehrt. Man wollte überprüfen, ob die Probandin neben den rein körperlichen Strapazen noch in der Lage war, Informationen aus der Umgebung aufzunehmen und planvoll zu handeln.
Die nächste Lampe leuchtete auf, und wieder drückte Charlotte den entsprechenden Knopf.
Die Zentrifuge beschleunigte weiter. Im Kontrollraum hätte Charlotte gesehen, dass sie nun mit sechzehn Umdrehungen pro Minute herumgeschleudert wurde, was rund einer Erdschwere entsprach.
Weiter wuchs die Geschwindigkeit an.
Langsam legte sich Druck auf Charlottes Brust. Das Atmen fiel etwas schwerer, aber als geübte Taucherin machte ihr das nichts weiter aus. Sie behielt den ruhigen Atemrhythmus bei. Ihre Gesichtshaut spannte sich, als diese durch die Fliehkräfte nach außen gedrückt wurde. Auch ihre Zunge wurde schwerer. Charlotte erhöhte die Kraft, mit der sie diese an den unteren Gaumen drückte, um die Luftröhre offenzuhalten. Dies würde, so hatte man ihr erklärt, bei hohen g-Zahlen zu einer Herausforderung werden, wenn auch zu einer machbaren.
Wieder blinkte eine Lampe auf, und Charlotte konnte gerade noch verhindern, dass der falsche Daumen auf den Knopf drückte. Sie musste sich stark konzentrieren, denn die Zentrifuge war bei rund 25 Umdrehungen pro Minute und damit der doppelten Erdschwere angelangt.
Bald würden die anderthalb Minuten des eigentlichen Tests starten, was Charlotte aber nicht wusste. Im echten Astronautentraining würden die großen Leuchtziffern an der Wand über dem Fenster bestimmte Messwerte darstellen, um dem Probanden eine Orientierungshilfe zu geben und um festzustellen, ob er diese bewusst wahrnehmen konnte. Aber heute blieb die Anzeige ausgeschaltet, um die Anwärter nicht mit Sinnesreizen zu überfrachten.
Weiter nahm das Tempo der Zentrifuge zu. Die Fliehkräfte drückten Charlotte mit fast dreifacher Erdschwere in den Sessel. Ihr Gesicht wurde immer breiter gezogen, die Zunge immer schwerer, und für einen Sekundenbruchteil wurde ihr schwarz vor Augen.
Das hatte sie nicht erwartet. Sie hatte sich für fitter gehalten.
Ihre Gedanken flossen nur langsam. Sollte sie abbrechen? Bei gleichzeitigem Druck auf beide Knöpfe für zwei Sekunden konnte sie die Zentrifuge abschalten.
Doch noch biss sie die Zähne zusammen und wollte nicht aufgeben. Die Wissenschaftler hatten sich schließlich viele Gedanken im Vorfeld gemacht, und sie war nicht die Erste, die diesen Test absolvierte. Es musste also auszuhalten sein.
Das Lager rotierte noch schneller. Nun war bereits die vierfache Erdbeschleunigung erreicht. Charlottes Gesicht wurde heiß und kalt zugleich. Sie wusste nicht, ob das Blut nun aus den Wangen gedrückt wurde oder in diese hinein. Ihr ganzer Körper fühlte sich irgendwie aufgedunsen an, die Finger dick wie Würste. Weiter versuchte sie, den Lämpchen auf dem Kasten zu folgen, aber ihre Reaktionsgeschwindigkeit nahm rapide ab. Außerdem fiel es ihr immer schwerer, den Knopf nur kurz zu drücken, und danach den Daumen wieder zu entspannen.
Noch einmal wurde ihr schwarz vor Augen. Oder war es bereits eine kurze Ohnmacht? Aber das würde man doch im Kontrollraum an den medizinischen Messgeräten feststellen können und entsprechend reagieren.
Es reicht, dachte Charlotte und drückte die beiden Daumen nieder. Gleich ist es vorbei.
Doch auch nach ein paar Sekunden geschah nicht das Erwartete. Im Gegenteil beschleunigte die Zentrifuge weiter: 40 Umdrehungen pro Minute.
Die Hektik im Kontrollraum sah Charlotte nicht. Das Kinn auf die Brust gedrückt, starrte sie auf den Kasten, dessen Knöpfe sie immer noch herunterdrückte. Am Rand ihres Gesichtsfelds huschte das Fenster immer wieder als langgezogener Strich vorbei.
Verdammt ... es ... müsste ... doch ... längst ... stoppen, dachte sie in quälender Langsamkeit, denn das Atmen verlangte fast ihre gesamte Aufmerksamkeit. Was im normalen Leben automatisch und nebenbei geschah, bedurfte hier einer immensen und bewussten Willensanstrengung.
Erst jetzt fiel ihr wieder ein, dass sie für genau diese Situation - handelte es sich um Sabotage an der Zentrifugensteuerung? - einen Notfallplan ersonnen hatte. Kurz wunderte sie sich, dass sie das für einen Moment wohl vergessen hatte, doch dann ballte sie die linke Hand zur Faust. Das Knittern des Papiers hörte sie nicht, obwohl die Zentrifuge objektiv gar nicht sonderlich viel Lärm erzeugte. Aber das permanente Rauschen in ihren Ohren überlagerte alles.
Charlottes Nase fing sofort an zu bluten. Durch die Fliehkräfte war ihr Körper im Stresszustand, und so fiel der Riss der Äderchen stärker aus als allein aufgrund der übertragenen Kraft zu erwarten gewesen war .
Ihre Nase füllte sich mit Blut, doch es floss nicht ab. Die Fliehkräfte drückten es an die Naseninnenwände. Als dies Charlotte klar wurde, senkte sie instinktiv den Kopf noch weiter nach vorn auf die Brust, um zu verhindern, dass das Blut den Nasengang hinauf gedrückt wurde. Stunden später würde sie sich noch darüber wundern, dass sie in dieser Situation medizinisch richtig gehandelt hatte. Das musste das jahrelange Training im Umgang mit Nasenbluten sein.
Charlotte öffnete den Mund. Es war unglaublich schwer, den Kopf ein wenig nach oben zu bewegen und gleichzeitig das Kinn nach unten zu drücken. Röchelnd sog sie die Luft ein. Sie verspürte Atemnot, blieb aber bei tiefen, langsamen Zügen und gab nicht dem Wunsch nach, möglichst schnell möglichst viel Sauerstoff in sich aufzunehmen. Gleichzeitig drückte sie die Zunge fest an den Boden der Mundhöhle.
Dann aber spürte sie, was eigentlich schon beim Drücken des Notaus hätte geschehen sollen.
Die Zentrifuge verlangsamte.
Zwar nur in kleinen Schritten, aber deutlich wahrnehmbar. Die nun herrschende vierfache Erdschwere fühlte sich fast schon beschwingt leicht an nach der Tortur einige Sekunden zuvor. Das Kästchen hielt sie nur locker in der rechten Hand, während die linke die Zeichnung umklammert hielt.
Ihr Plan hatte also funktioniert. Das am Vorabend gezeichnete Starkstromkabel, welches die Zentrifuge mit Elektrizität versorgte, war an der Stelle im Keller wahrscheinlich breitflächig so zerquetscht worden, als hätte jemand ein Stück herausgeschnitten und zu Bröseln verarbeitet. Wie sich die NASA-Mitarbeiter dies erklärten, war Charlotte, nun, da sich ihre Denkfähigkeit bei verlangsamender Rotation wieder normalisierte, herzlich egal.
Schließlich stoppte der Arm, und Charlotte wappnete sich für das wohl unangenehmste Gefühl des Astronautentrainings, auf das man sie vorbereitet hatte.
Die Kabine stand still, sie selbst saß ruhig, ihre Augen sahen, dass sich nichts mehr bewegte, aber der Gleichgewichtssinn geriet völlig außer Kontrolle. Die Flüssigkeit im Innenohr schwappte gegen die Knochen, prallte ab, änderte die Richtung unkontrolliert, und Charlotte hatte den Eindruck, dass sie in sämtliche Richtungen zugleich fiel. Es war nicht so, als zerrisse etwas ihren Körper, aber dennoch glaubte sie, sich irgendwie aufzublähen. Am Liebsten wäre sie aufgesprungen, um diesem Gefühl des Fallens durch Ausfallschritte entgegenzuwirken, aber ihr war klar, dass sie gar nicht gewusst hätte, wie sie sich bewegen sollte, um dieser verzerrten Wahrnehmung Herr zu werden.
Schließlich, nach vielleicht fünfzehn Sekunden, beruhigte sich das Innenohr. Die Wahrnehmungen der Sinne kamen so langsam wieder in Gleichklang.
Aber Charlotte wurde übergangslos unglaublich übel. Sie würgte und musste sich übergeben.

Nach einer gründlichen Untersuchung verließ Charlotte vier Stunden später die Krankenabteilung. Die Ärzte hatten aufgrund der Aufzeichnungen der Zentrifuge, der kognitiven Tests sowie nach der Auswertung der bildgebenden Verfahren grünes Licht gegeben. Charlotte hatte keinen Schaden davongetragen. Die Ärzte lobten ihren exzellenten Fitnesszustand, der nicht wenig zu diesem positiven Resultat beigetragen hatte.
Sie rief in der Telefonzentrale an und ließ sich mit dem Chefausbilder verbinden.
„Was ist passiert?“, fragte sie.
„Die Bedienmannschaft wird immer noch befragt. Wir wissen noch nicht, warum die Anlage nicht auf den Notaus reagiert hat. Klar ist bis jetzt nur, dass ein elektrisches Bauteil, das für das Einstellen der Zielbeschleunigung relevant ist, durchgebrannt ist. Daher wurden Sie auf 5 g beschleunigt statt der eingestellten 2.5.“
Charlotte fragte nicht danach, ob es Hinweise auf Sabotage gab. Nur wenige Menschen auf dem Gelände wussten von der Existenz eines Spions. Und dabei sollte es laut Anweisung auch bleiben.
Aber sie erfuhr noch, dass aus Sicherheitsgründen nun die Zentrifugentests erst einmal ruhten und die ganze Anlage überprüft wurde.

(Fortsetzung folgt)
 



 
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