Es war rund eine Stunde vor Mitternacht am folgenden Tag, als Charlotte in dunkler Tarnkleidung, die Haare unter einer Mütze verborgen, geduckt an der Wand des Wohngebäudes entlang schlich. An der Ecke hielt sie an und lauschte, ob Patrouillen - zu Fuß oder per Wagen - in der Nähe waren. Alles stellte sich ruhig dar, sodass sie es wagen konnte, über die freien Flächen zu laufen. Den schweren Rucksack mit ihren Utensilien geschultert, überquerte sie die Sandwüste, die schnurgeraden, asphaltierten Straßen und die wenigen Grünstreifen, bis sie schließlich den Schuppen erreichte, wie das große rechteckige und sehr flache Gebäude im NASA-Jargon genannt wurde.
Charlotte holte die beiden nachgemachten Spezialschlüssel aus ihrer Tasche und sperrte auf. Die Originale hatte sie sich am Vortag von den Mitarbeitern des Maintenance-Teams ‚ausgeborgt‘ und Kopien in der nahegelegenen Stadt anfertigen lassen. Das Vortäuschen eines familiären Notfalls hatte ihr zwei Stunden Freigang erlaubt.
Sie betrat den Schuppen, schloss die Tür und schaltete die schwache Taschenlampe ein, die gerade ausreichend Helligkeit produzierte, um nicht über Kabel oder Werkzeuge zu stolpern. In einer Ecke sah sie die metallene Falltür, auf die sie zielstrebig zuging. Aus der Tasche holte sie eine kleine, aber ungemein scharfe Metallsäge hervor und begann, das mächtige Vorhängeschloss zu bearbeiten. Es war anstrengend, doch immerhin sah sie Fortschritte.
Oh Mann!, dachte sie und wischte sich über die Stirn. Sie wusste nicht, ob sie verärgert oder amüsiert sein sollte. Jetzt eine Zeichnung, und ich wäre schon längst drin.
Aber Zeichnen war bei diesem Auftrag keine Option. Sie durfte ihre Gabe nicht einsetzen, denn es ging schließlich nicht darum, irgendwie in einen gesicherten Raum einzudringen und etwas zu stehlen, sondern sie sollte herausfinden, ob ein Dieb eine Chance hatte, dies zu tun.
Ein normaler Dieb, denn eine Manipulationsgabe wie die ihre besaß schließlich niemand sonst.
Es dauerte einige Zeit, doch dann hatte sie einen Bügel durchschnitten, sodass sie das Schloss aufklappen und abziehen konnte. Ganz vorsichtig hob sie die Falltür an, bereit, beim leisesten Quietschen zu stoppen. Doch die Scharniere schienen gut geölt zu sein, und so lag der Einstieg in die Unterwelt bald offen vor ihr. Charlotte kletterte die Leiter hinab, schloss die Falltür wieder und nahm den Kompass heraus. Dann leuchtete sie die Wände ab, blickte auf die Nadel und fand schnell den Einstieg in denjenigen Kabelschacht, der geradewegs zu ihrem Zwischenziel führte.
Charlotte nahm das Messgerät für elektrische Felder aus dem Rucksack, den sie anschließend in die Schachtöffnung stopfte. Sie zog sich an der Kante hoch und lag wenig später bäuchlings auf den vielen faustdicken, isolierten Stromkabeln, welche diverse Gebäude versorgten. Die Hand mit dem Messgerät schob sie am Rucksack vorbei nach vorn und ließ das Licht der Taschenlampe über die Skala gleiten.
Nichts. Kein elektrisches Feld messbar. Die Isolierung der Kabel war, zumindest in der näheren Umgebung, unbeschädigt.
Charlotte schaltete die Taschenlampe aus, schob den Rucksack ein Stück vor und kroch in völliger Dunkelheit nach. Das Brummen, wie es von Umspannwerken bekannt war, das sie zu hören glaubte, schob sie ihrer Einbildung zu, denn nach ein paar Minuten verschwand diese Wahrnehmung.
Sie rechnete mit gut einer Stunde, bis sie die rund 900 Fuß zurückgelegt haben würde.
Stück für Stück ging es voran - schieben, nachkriechen, messen. Und wieder von vorn. An ein Aufrichten auf die Knie, was ihr ein schnelleres Vorwärtskommen ermöglicht hätte, war nicht zu denken. Die Kabel füllten mehr als die Hälfte des Schachts aus. Für Charlotte blieben drei Fuß in der Breite und vielleicht zwei in der Höhe.
Es war anstrengend, sich auf diese Art fortzubewegen. Mal musste sie schräg klettern, wenn sich die Kabel auf einer Schachtseite konzentrierten, mal lagen mehrere übereinander und bildeten eine Art Knoten, den es mühsam zu übersteigen galt.
Sie atmete keuchend. Die Luft roch modrig und abgestanden. In regelmäßigen Abständen nahm die Detektivin einen tiefen Atemzug aus der mitgeführten kleinen Pressluftflasche, deren Sauerstoffanteil auf 25%erhöht worden war.
Plötzlich schien es nicht mehr voranzugehen. Der Rucksack stieß auf Widerstand, der sich auch nicht überwinden ließ, als Charlotte ihn hochhob und an der Decke vorbeischieben wollte. So schaltete sie die Taschenlampe dauerhaft ein, drehte die Intensität hoch und drückte sich an die rechte Wand, um mühevoll am Rucksack vorbei nach vorn zu robben.
Die Decke des Betonschachts war auf der ganzen Breite eingestürzt. Trümmer, Steine und Sand vom darüberliegenden Erdreich lagen über den Kabeln und versperrten den Durchgang. Charlotte legte die Lampe zur Seite und begann zu graben. Stück für Stück schob sie die Hindernisse nach links, häufte Erde auf und zwischen die Kabel, räumte Deckentrümmer zur Seite, bis sie ausreichend freie Bahn hatte.
Nach Abschluss ihres white-hat-Einbruchs würde sie diesen baulichen Schaden melden, wenn sie auch nicht genau sagen konnte, wo sie sich gerade befand. Die Kollegen würden ein wenig suchen müssen.
Wieder ging es in eintöniger Regelmäßigkeit voran. Charlotte schaute auf die Uhr und merkte, das sie gut in der Zeit lag. Es ging, trotz des Hindernisses, ein wenig schneller voran als vorab geschätzt.
Doch nicht mehr lange.
Als sie das nächste Mal auf das Messgerät blickte, fluchte sie laut.
Irgendwo dort vorn gab es ein starkes elektrisches Feld. Mindestens ein Kabel besaß keine durchgehende Isolierung mehr. Materialermüdung? Vielleicht war auch dort der Schacht eingestürzt und hatte Kabel beschädigt? Immerhin fuhren öfter Transportraupen über das Gelände, auf denen viele hundert Tonnen schwere Raketen standen. Da konnte schon mal die Integrität des Untergrunds in Mitleidenschaft gezogen werden.
Noch vorsichtiger kroch sie Fuß um Fuß weiter und ließ das Messgerät nicht aus den Augen. Schließlich stieg der Wert steil an. Das Leck war nicht mehr fern.
Aus dem Rucksack zog sie eine der beiden zusammengefalteten Isoliermatten, die sie für diesen Zweck mitgenommen hatte. Sie faltete die dünne Membran, die ungefähr einen Quadratyard groß war, auseinander und schob sie vor sich auf die Kabel. Dann drückte sie auf den Auslöseknopf. Pressluft strömte aus einer Kartusche in den Innenraum des Membransacks und plusterte ihn auf wie ein Schlauchboot. Nun lag eine fausthohe, unter Überdruck stehende, isolierende Matte vor ihr. Charlotte hielt das Messgerät darüber und registrierte erleichtert, dass der Wert des elektrischen Feldes rapide abgenommen hatte. Die Matte isolierte nicht im selben Maße wie die Gummiummantelung eines Kabels, aber es war gefahrlos möglich, sich darüber zu bewegen.
Sehr vorsichtig und immer wieder messend, kroch sie über die Problemstelle hinweg und vermied es, irgendetwas anderes als die Membran unter ihr zu berühren. Die Beine hielt sie in der Luft und war froh, als die Knie endlich auf der Luftpolsterung angekommen waren.
Als die Fußspitzen die Matte berührten, spürte Charlotte, wie sie mit einem Mal ungewöhnlich müde wurde.
Sauerstoffmangel!
Sie legte den Kopf auf die Membran und tastete blind mit einer Hand nach ihrem Rucksack. Wertvolle Sekunden verrannen, bis sie den Trageriemen gefunden hatte. Dann zog sie den Rucksack zu sich zurück und drehte ihn auf die Seite, bis sie das Mundstück der Atemflasche fand. Bedächtig und in kleinen Portionen atmete sie ein und aus.
Bevor sie weiterkroch, gönnte sie sich drei Minuten Ruhe, damit ihr Körper neue Kraft schöpfen konnte.
Dann war es geschafft, die gefährliche Stelle überwunden. Doch das Manöver hatte sehr viel Zeit gekostet.
Der Rest des Weges verlief ohne größere Probleme, wenn Charlotte auch den Eindruck gewann, dass der Platz, der ihr zum Vorwärtskriechen blieb, kleiner wurde. Nicht selten stieß sie nun mit dem Hinterkopf an die Decke des Schachts und musste öfter den Kopf zur Seite legen, um weiterzukommen.
Endlich erreichte sie das Zwischenziel. Der Kabelschacht spaltete sich wie ein Ypsilon auf. Charlotte zog die Schnur mit den Entfernungsknoten, die im Abstand von drei Fuß angebracht waren, aus dem Rucksack, knotete sie fest um das zuoberst liegende Kabel, das in den linken Schacht führte, und kroch auf dieselbe Art wie zuvor weiter, während sie die Knoten zählte.
Nach dem neunzehnten hielt sie an.
Sie war am Ende des ersten Abschnitts ihres Plans angekommen. Nun musste sie den Schacht wechseln, denn nicht weit entfernt verlief hier ein Lüftungsschacht, der sie zu ihrem eigentlichen Ziel bringen sollte.
Sie nahm ein paar Gegenstände aus dem Rucksack und stülpte sich die Gasmaske über den Kopf. Die unterarmgroße Glasschale stellte sie auf die Kabel, direkt an die linke Schachtwand. Sie klappte den gepolsterten Miniaturkoffer auf und schraubte die braune Glasflasche, die darin bruchsicher verwahrt lag, auf.
Die gelbliche Flüssigkeit sah harmlos aus, war es aber nicht. Es handelte sich um konzentrierte Salpetersäure.
Charlotte zog die Spritze voll, setzte die Nadel an den Beton an und drückte leicht auf den Stempel. Die Säure traf auf den Beton und löste ihn langsam auf. Ein Gemisch aus Säure und Metallsalzbröckchen glitt an der Wand hinab in die Wanne.
Auch diese Arbeit war, wenngleich nicht ungefährlich, sehr eintönig. Nach und nach löste Charlotte die Umrandung eines zwei auf zwei Fuß großen Quadrats, das direkt an die Schachtdecke grenzte, heraus. Die Dicke der Schachtwand betrug hier nur wenige Inch, sodass sie schon bald mit vorsichtigen Hammerschlägen die Zerstörung der Wandstruktur unterstützen konnte und schnell eine Öffnung zum benachbarten Lüftungsschacht herstellte.
Wie einfach wäre es gewesen, direkt in den anderen Schacht einzusteigen, dann hätte sie sich die ganze Mühe im Kabelschacht ersparen können. Doch daran hatten die Sicherheitsexperten der NASA selbstverständlich gedacht. Ein- und Ausstiege ins Lüftungssystem waren mit diversen Sensoren versehen. Unvorhersehbare Patrouillen schritten die entsprechenden Lüftungsgitter ab. In den Lüftungsschächten waren zusätzlich gelegentlich Gitter angebracht. Charlotte hätte eine Menge Schlüssel stehlen und nachmachen müssen. Der Weg über den Kabelschacht schien ihr erfolgversprechender.
Hier aber lag nun im Nachbarschacht nur noch der Ausstieg in den Raum vor ihr, in welchem zukünftig die SPACE-LASER-Pläne lagern sollten.
Konzentriert arbeitete Charlotte weiter, und schließlich war der Durchgang komplett freigelegt. Sie klopfte noch einmal gegen die Ränder des Lochs, doch es bröckelte nichts mehr herunter. Den Abraum legte sie zur Seite. Die Wanne hatte ihren Dienst gut verrichtet und sämtliche herunterfließende Säure aufgefangen. Die Kabel waren nicht in Mitleidenschaft gezogen worden,.
Phase I war damit abgeschlossen, und Charlotte warf wieder einen Blick auf die Uhr.
Verdammt!
Sie hatte gehofft, verlorene Zeit nach dem Zwischenfall mit der nicht isolierten Leitung aufgeholt zu haben, musste aber zu ihrer Enttäuschung feststellen, dass sie nun sogar deutlich über eine Stunde hinter ihrem Zeitplan lag.
Es würde nicht mehr reichen.
Noch schliefen fast alle Personen auf dem Gelände, bis auf die Sicherheitsleute. Aber zum Tresorraum kriechen, den Ausstiegssensor überlisten, den Tresor überlisten, und dann wieder zurück - sie würde in den frühen Morgenstunden Gefahr laufen, dass man sie entdeckte, vielleicht sogar bei geöffneter Tresortür.
Also blieb nur eins: zurückkriechen - und Phase II in der folgenden Nacht angehen.
So verzichtete sie auf das Überwechseln in den Luftschacht und nahm aus dem Rucksack eine kleine Faltmembran. Sie fuhr mit Spezialkleber ein Rechteck am Rand ab und drückte die Folie auf den Wandbereich um das Loch. Nach einer Minute hatte der Kleber seine Wirkung entfaltet, und die Schächte waren wieder luftdicht getrennt. Der Geruch nach Salpetersäure würde sich im Belüftungsschacht verdünnen und niemandem auffallen.
Mit einem Seufzer, der ihre Verärgerung ausdrückte, kroch Charlotte zurück zum Ypsilon, zog die Gasmaske aus, wendete und kroch vorwärts zum Schuppen zurück.
Dort angekommen kletterte sie die Leiter hoch und verschloss die Falltür mit einem neuen, baugleichen Bügelschloss. Dann schlich sie zurück in ihr Quartier, um wenigstens noch ein paar Stunden Schlaf zu finden. Zum Glück war der morgige Tag mit psychologischen und kognitiven Tests körperlich nicht so anstrengend.
Ob sie Bestleistung erbringen konnte, bezweifelte Charlotte. Aber so würde sie den Prüfern wenigstens Argumente liefern, um sie in der ersten Runde auszusieben. Schließlich wollte sie nicht wirklich Astronautin werden.
***
Während Charlotte am Folgetag einen Test nach dem anderen in einem schlichten, fensterlosen Raum absolvierte und sich dabei fühlte, als wäre sie wieder in der High-School, besichtigte eine touristische Reisegruppe das Prunkstück des Raumfahrtmuseums: die Originalkapsel, mit der Volksheld John Glenn vor wenigen Jahren die Erde umkreist hatte.
Der Reiseleiter gab eine kurze Einführung. „Die Friendship-Kapsel hat die Erde mehrmals umrundet und dabei über 17.000 Meilen in der Stunde zurückgelegt. Damit Sie, meine Damen und Herren, sich dies vorstellen können, lassen Sie mich einen Vergleich anstellen. Hätten Sie ein Auto, das so schnell fährt, bräuchten Sie für die Strecke von New York nach San Francisco gerade einmal eine Viertelstunde. Sie könnten problemlos das Frühstück im Big Apple, das Mittagessen im Casino Ihrer Wahl in Las Vegas und das Dinner in Houston einnehmen, und wären doch weniger lange in Ihrem Fahrzeug gesessen, als manche U-Bahn-Fahrt in Miami dauert.“
Die Gruppe lauschte aufmerksam. Viele Familien befanden sich unter den Besuchern des Weltraumgeländes, ebenso eine kleine Rentnergruppe sowie eine Reihe junger Leute, die sich alle zu kennen schienen. Ein Kameramann sowie ein Tontechniker des Presseteams der NASA begleitete die Reisegruppe, um den Teilnehmern ein unvergessliches Erinnerungsvideo zusammenstellen zu können.
Ein Mädchen von vielleicht acht Jahren riss sich gerade von der Hand seiner Mutter los und schlüpfte unter dem roten Absperrband hindurch. Bevor jemand reagieren konnte, hatte es seinen Kopf in die offenstehende Luke in der Kegelwand gesteckt und schaute mit großen Augen ins Innere der Kapsel.
„Mom, da ist ja viel weniger Platz als in unserem Auto! Muss doof sein, darin zu fliegen. Und so kleine Fenster.“
Die Mutter schaute entschuldigend zum Reiseleiter, doch der Mann lächelte nur. „Sie alle können die Kapsel hautnah besichtigen und anfassen. Nur hineinklettern sollten Sie besser nicht. Sie sehen, die Luke ist äußerst eng. Die Verletzungsgefahr ist zu hoch.“
Er öffnete einen Haken am Absperrband und gab den Weg frei. Interessiert verteilten sich die Besucher um die Weltraumkapsel. Jeder steckte seinen Kopf hinein und versuchte, diverse Schalter zu berühren, was teilweise auch gelang. Aber natürlich geschah nichts, da die Kapsel ohne Strom war. Hände fuhren fast andächtig über die raue, an einigen Stellen schwarz verfärbte Außenhaut. Wann erhielt man schon einmal die Gelegenheit, etwas zu berühren, das im All gewesen war? Rufe der Begeisterung ertönten, und der Geräuschpegel schwoll durch die vielen nun aufkommenden Gespräche rasant an.
Nach einer halben Stunde war das letzte Exponat besichtigt, und der Reiseleiter sammelte seine Gruppe wieder vor der Kapsel. „Nachdem wir nun den Teststand der Triebwerke gesehen haben, den Startplatz, an welchem in wenigen Tagen die nächste SATURN-Rakete mit einem Wettersatelliten starten wird, und nun eine Führung durch das imposante und mit Pionierleistungen erster Güte gespickte Museum genossen haben, wird uns der Bus zur Aussichtsplattform bringen. Dort haben Sie Gelegenheit, sich vor der Rückfahrt zum Flughafen noch einmal zu stärken. Wenn ich Sie nun bitten dürfte, mir zu folgen?“
Einige Minuten später schlug der lange Bus die Route zur Aussichtsplattform ein, welche sich auf dem Dach eines großen, im Wesentlichen der Öffentlichkeitsarbeit dienenden Gebäudes befand. Das Museum wurde rasch kleiner, und schließlich befand sich der Bus im Nirgendwo zwischen den weit verstreuten Bauten.
Die Touristen unterhielten sich lebhaft.
Plötzlich klatschte ein junger Mann in einer der vorderen Reihen lautstark in die Hände. Die meisten Personen ignorierten das Geräusch, nicht aber zwei junge Leute, die aufsprangen und sich sofort verteilten. Sie liefen den Gang zwischen den Sitzen nach hinten zu den beiden Türen. Derjenige, der das Signal gegeben hatte, rannte die wenigen Schritte zum Fahrer und schlug ihm mit der Faust auf den rechten Oberarm, sodass der Mann überrascht aufschrie. Der Angreifer nutzte die kurze Verwirrung, hieb auf die Knöpfe für die Türautomatik, drehte den Zündschlüssel auf ‚Aus‘ und riss ihn aus dem Schloss. Zischend arbeiteten die Pneumatiken, und die Türflügel wurden ziehharmonikamäßig eingezogen. Der Bus verlor an Geschwindigkeit. Es quietschte, ruckelte, und knarrende Geräusche wie von einem defekten Getriebe waren zu hören. Der Fahrer drückte die Kupplung durch und bremste die stotternde Fahrt.
Indes sprangen die drei jungen Männer aus dem Bus.
Die ganze Aktion hatte nur wenige Sekunden gedauert. Erst jetzt begannen die anderen Menschen zu reagieren. Rufe der Überraschung wurden laut, man gestikulierte wild und wies nach draußen. Der Pressemitarbeiter hielt die Linse seiner Kamera auf die jungen Leute gerichtet, die langsam neben dem Bus herliefen, bis dieser endlich mit quietschenden Bremsen zum Stillstand kam. Noch im Laufen öffneten sie die Reißverschlüsse ihrer Jacken und zogen diese aus. Alle trugen Shirts mit dem Schriftzug ‚WAOGOE‘.
Dann taten sie etwas, das die Reiseteilnehmer noch mehr verblüffte. Die Männer rissen ihre breiten und recht dicken Krawatten auf und zogen etwas Blitzendes aus dem Inneren heraus. Es klickte laut, und eine Sekunde später hatten die drei jeweils ein Handgelenk mit einer Handschelle an die Außengriffe der Bustüren gekettet. Simultan begannen sie zu skandieren: „We are only guests on earth!“
Die Presseleute drängten sich durch die anderen Menschen im Bus und standen kurze Zeit später ebenfalls auf dem glühend heißen Sand des NASA-Geländes. Sie hatten die Männer in Großaufnahme im Bild.
Der Bus war gestrandet, denn an ein Weiterfahren war mit außen angeketteten Menschen nicht zu denken.
Ein paar Minuten später raste ein Auto des Werkschutzes heran, deren Mitarbeiter sich vom Reiseleiter informieren ließen. Weitere Minuten vergingen, bis ein Techniker mit einem Bolzenschneider eintraf. Die drei WAOGOE-Anhänger ließen sich widerstandslos entketten, blieben dabei aber wie ihre Mitstreiter während der Demonstration an Charlottes Ankunftstag völlig passiv. Auch sie mussten davongetragen werden und verkündeten ununterbrochen ihre Botschaft. Viele der Reiseteilnehmer hatten ihre Photoapparate gezückt und schossen Bilder. Diese Aktion würde rasch die Runde machen und sicherlich in Nachrichtensendungen einen Platz finden.
WAOGOE hatte wieder für Aufsehen gesorgt.
***
Es war bereits nach 8 p.m., als der Test-Tag für Charlotte ein Ende fand. Rasch verließ sie den Saal und strebte mit den anderen Anwärtern der Kantine zu. Gesprächsthema Nummer 1 war die Aktion der WAOGOE-Organisation, worüber die Meinungen auseinandergingen. Die einen hielten es für Landfriedensbruch, da der Bus an einer Stelle gewaltsam verlassen worden war, an der dies nicht vorgesehen war. Andere lobten die Zivilcourage der Aktivisten, die vehement für ihre Meinung einstanden. Charlotte war zwiegespalten, tendierte aber eher zu ersterer Meinung. Das Demonstrationsrecht stellte eines der höchsten Güter der Demokratie dar. Allerdings würde wohl auch niemand von den Aktivisten es gutheißen, wenn andere sich in ihren Wohnungen breitmachten, um Botschaften zu verkünden. Ein solches Vorgehen war schlicht eine Straftat.
Nach dem Abendessen nahm Charlotte eine schnelle Dusche und zog sich dann in ihr Quartier zurück. Sie machte eine Entspannungsübung, um ihren Körper zu entstressen. Nach einer halben Stunde wachte sie erfrischt noch vor dem Läuten des Weckers wieder auf. Sie schlüpfte in die dunkle Kleidung, die sie bereits am Vortag in ihrer Rolle als Einbrecherin getragen hatte, und packte den Rucksack. Den Koffer mit der Salpetersäure sowie die Glaswanne ließ sie zurück. Dies würde sie heute nicht mehr benötigen, und es machte ihr Gepäck deutlich leichter.
Dann, als Dunkelheit über dem Gelände lag, machte sie sich auf den Weg zum Schuppen und stieg wieder hinab.
Nach rund vierzig Minuten schweißtreibenden Robbens gelangte sie schließlich an der Folie an, welche den Kabel- vom Luftschacht trennte. Sie zog die Spritze mit dem Aceton aus ihrem Gepäck, setzte sie an den Bereichen des Spezialklebers an und löste diesen auf. Die Folie rollte sie zusammen und stopfte sie in ihr Gepäck.
Dann wechselte sie in den Luftschacht über.
Mit dem Kopf voran, die Taschenlampe ab und an aufblitzend, kroch sie zügig weiter. Es ging leicht bergab. Dieser Schacht war zwar nicht viel breiter als der, welcher die Kabel beherbergte, aber er war leer, und so gestaltete sich das Weiterkommen sehr viel einfacher.
Nach ein paar Minuten war sie bereits am Ende angekommen. Durch die einen halben Inch auseinanderstehenden vertikalen Stäbe eines Metallgitters konnte Charlotte einen Blick in den unterirdischen Raum mit dem nicht allzu großen, aber unglaublich massiven Wandtresor werfen. Die Taschenlampe legte sie auf den Schachtboden. Der Lichtkegel wies nach rechts auf die Wand. Ein massives Zylinderschloss am Gitter, wie es auch für Haustüren verwendet wurde, stellte das nächste Hindernis auf ihrem Einbruchsweg dar. Nachschlüssel hatte sie hierfür in der Kürze der Zeit nicht herstellen können, aber es wartete ohnehin zuerst ein anderes Problem auf sie.
Die Scharniere des Gitters befanden sich außerhalb des Schachts an der Zimmerwand. An diese kam Charlotte durch die schmalen Zwischenräume der Stäbe nicht heran. Zwei dünne, isolierte Drähte, durch die kontinuierlich Strom floss, verließen die Scharniere. Sollte die Tür geöffnet werden und sich die Scharniere bewegen, würde der Stromkreis unterbrochen und ein Alarm in der Überwachungszentrale ausgelöst. War ein Öffnen wegen Wartung angekündigt, erfolgte keine Reaktion. Aber zu dieser Nachtstunde würde es das Ende ihres Auftrags bedeuten.
Die Drähte, welche durch Klemmen im Abstand von ein paar Fuß an der Wand verankert waren, verliefen senkrecht nach unten und verschwanden irgendwo im Boden.
Charlotte zog aus ihrem Rucksack einen kleinen Taschenspiegel, der auf einer Teleskopstange saß. Innerhalb dieser Stange befand sich ein Steuerstab, mit dem sie die Ausrichtung des Spiegels verändern konnte. Auch holte sie ein Feuerzeug heraus sowie einen etwa einen Yard langen, stabilen, weitgehend isolierten Draht, den sie in ein U mit sehr langen Armen und kurzem Querstrich bog. Die blanken Enden, etwa einen Finger lang, bog sie in Hakenform.
Charlotte schob den Teleskopspiegel zwischen zwei Gitterstäben hindurch und drückte den Steuerstab nach vorn, sodass der Spiegel, der im Zimmer schwebte, zur Seite klappte. Sie korrigierte seinen Winkel, bis sie im Licht der Taschenlampe die beiden Kabel an der Wand sah, und befestigte den Teleskopstab in dieser Orientierung mit Klebeband auf dem Schachtboden. Dann zündete sie das Feuerzeug an und hielt die kupfernen Enden des U-Drahtes für einige Sekunden in die Flamme.
Nun musste es schnell gehen.
Charlotte legte das Feuerzeug zur Seite, schob die langen Stiele des U schräg durch einen Gitterzwischenraum und kippte sie nach unten. Den Blick fest auf das Bild im Spiegel gerichtet, bewegte sie das U vorsichtig und langsam. Das Ziel war, mit den Haken die Kabel an der Wand zu umgreifen. Mit einem U‑Arm gelang es auf Anhieb, aber der zweite benötigte zu lange, sodass der Draht wieder erkaltet war. Sie riss am U, bis beide Haken frei waren.
Dann wiederholte sie das Vorgehen - erwärmen, durchschieben, umgreifen.
Es klappte. Das heiße Kupfer des U's zerschmolz die Isolierung der Wandkabel und stellte so einen zweiten und dauerhaft geschlossenen Stromkreis her. Gleichzeitig sorgte das erkaltende Plastik dafür, dass Haken und Wanddraht miteinander verklebten. Sie schob das U komplett durch den Gitterzwischenraum ins Zimmer hinein.
Was die Türscharniere nun taten, ob sie sich bewegten, spielte keine Rolle mehr. Die Überwachungszentrale würde nicht bemerken, wenn das Gitter aufschwang.
Charlotte kroch rückwärts, bis sie an der Verbindung zum Kabelschacht anlangte, und führte ein Wendemanöver durch, wie sie es bei ihren Aufträgen schon mehrfach genutzt hatte, um schließlich mit den Füßen voran zum Tresorraum zurückzukriechen. Ihre Füße ertasteten das Gitter. Dann holte Charlotte aus und schmetterte die Sohlen der Turnschuhe mit kontrollierter Kraft gegen das Gitter. Zwei Mal, drei Mal, dann endlich brachen die nicht für eine solche Belastung ausgelegten Befestigungselemente aus der Mauer. Das Gitter fiel in die Tiefe, wurde von den Scharnierdrähten gebremst und baumelte zwei Fuß unterhalb des Schachtendes hin und her. Charlotte griff nach ihrem Rucksack, schob ihn aus dem Belüftungsschacht hinaus und ließ sich zum Boden hinab.
Das erste von drei Hindernissen in Phase II hatte sie bewältigt.
Obwohl die Lichtschalter laut den Plänen, die sie hatte einsehen können, nicht überwacht wurden, hütete sie sich dennoch davor, diese zu betätigen. Vielleicht würde der erhöhte Stromverbrauch irgendwo registriert werden. Darüber hatten sich die Pläne ausgeschwiegen, und Charlotte hatte den Sicherheitschef nicht danach fragen wollen. So musste die Taschenlampe weiter im Dauerbetrieb arbeiten. Deren Licht wurde allmählich schwächer, aber Charlotte wollte die Ersatzbatterien erst so spät wie möglich einsetzen.
Die Detektivin zog ein Gerät aus dem Rucksack, das aussah wie ein Stethoskop, dessen Ende aber aus einem hochmodernen, überaus empfindlichen elektronischen Mikrophon bestand. Sie schloss es an das kleine, batteriebetriebene Oszilloskop an. Grün schimmerte das Display und verbreitete ein gespenstisches Licht.
Charlotte stellte die drei Zahlräder des Tresors auf die Ziffer 0 und begann danach mit ihrer Arbeit. Das Stethoskop legte sie in die Nähe des ersten Drehknopfes und bewegte diesen langsam über die Ziffer 1. Ihr Blick huschte immer wieder zwischen Drehrad und Oszilloskop hin und her. Aber das charakteristische Signal, das einem aufgenommenen lauten Ton und damit einem Knacken der tresorinneren Schließanlage entsprach, erschien noch nicht auf dem Schirm.
Konzentriert und geduldig machte sie weiter.
Bei der Ziffer 7 zuckte die Linie auf dem Display steil nach oben, was Charlotte notierte. Auch bei der 13 registrierte das Mikrophon ein Signal, wenn auch der Ausschlag auf dem Oszilloskop nicht so hoch wie zuvor ausfiel. Dennoch wurde auch diese Zahl notiert. Schließlich war das erste Zahlrad vollständig untersucht. Es war bei zwei möglichen Codes geblieben.
Dann kamen die beiden anderen Drehknöpfe an die Reihe. Schlussendlich hatte Charlotte drei Codes für das zweite Zahlrad und zwei mögliche für das dritte identifiziert.
Sie musste also zwölf Kombinationen durchtesten.
Charlotte stellte die drei Zahlräder auf die erste Zahlenfolge ein, drehte den Hebel und drückte dabei fest auf die Tür des Tresors, sodass diese sich nicht öffnen konnte.
Bei der siebten Kombination ließ sich der Hebel komplett drehen.
Der Öffnungscode des Tresors war gefunden und damit Hindernis Nummer 2 überwunden.
Charlotte blickte auf die Uhr. Die anstrengende, konzentrierte Arbeit im grünlichen Schummerlicht hatte ihr Zeitgefühl außer Takt gebracht, und so war sie überrascht, dass bereits fast drei Stunden vergangen waren, seit sie ihr Quartier klammheimlich verlassen hatte. Aber vor fünf Uhr in der Früh war nicht damit zu rechnen, dass jemand diesen Raum betrat. Und bis dahin blieben noch knapp vier Stunden.
Charlotte drehte den Hebel wieder in die Verschlussstellung, schaltete das Oszilloskop aus und verstaute es mitsamt Stethoskop im Rucksack, aus dem sie stattdessen eine Art kleines Zelt herauszog. Den Spezialkleber, den sie am Vortag schon benutzt hatte, verteilte sie großzügig auf dem Tresorrahmen der Vorderseite, ließ die Tür aber aus. Dann drückte sie die Öffnung des zusammengedrückten Zelts, das aufgebaut wie eine Kiste ohne Deckel aussehen würde, auf den Kleber und wartete eine Minute. Das Zelt saß nun bombenfest, wie sie mit einem leichten Zug in verschiedene Richtungen rasch überprüfte. Sie ließ ihre Finger über den unteren Boden des Zelts gleiten, bis sie einen Schalter, der sich im Innenraum befand, ertastete. Sie drückte darauf, und es begann zu zischen. Stickstoff füllte das Zelt aus. Die gasdichten Stoffwände wölbten sich nach außen. Als die Patrone ihren Inhalt versprüht hatte, lag die Tür des Tresors in einem künstlichen, durch Spezialstoff gebildeten hermetisch abgedichteten Raum, in dem ein Druck von knapp über 3 bar herrschte. Kleine Fenster in den Zeltwänden erlaubten von allen Richtungen einen Blick auf den Tresor.
Nun endlich konnte Charlotte daran gehen, den Safe auch wirklich zu öffnen. Mit den in die vordere Zeltbahn eingelassenen Gummihandschuhen, die in das Innere ragten, was Kabinetten ähnelte, in denen Wissenschaftler an hochpathogenen Keimen forschten, griff sie nach dem Tresorhebel, drehte ihn und zog die Tür auf.
Hätte Charlotte die Safetür einfach so geöffnet, wäre stiller Alarm ausgelöst worden, denn der Sensor an der Innenrückwand hätte einen steilen Druckabfall registriert, wenn die unter Überdruck stehende Tresorluft in den Raum hinausgeströmt wäre.
So aber, unter dem Zelt, detektierte der Sensor keine Veränderung. Für ihn war die Tür weiter geschlossen.
Im Tresor befand sich nur ein kleiner Stapel Papiere im untersten Fach. Charlotte nahm sie heraus, verschloss die Safetür wieder und zog die Hände aus den Handschuhen zurück. Mit Hilfe des Acetons löste sie das Zelt vom Tresorrahmen ab. Rasch schob sie ihre sämtlichen Utensilien zurück in den Rucksack und stopfte die Pläne in die Hosentasche. Dann warf sie ihr Gepäck in den Luftschacht, sprang hoch und zog sich hinein. Eilig kroch sie zurück, wechselte in den Kabelschacht und robbte in hohem Tempo zum Schuppen.
Spuren verwischte sie keine, schloss gerade einmal die Falltür. Dann verließ sie das gedrungene Gebäude.
Geduckt schlich sie durch die Dunkelheit. So kurz vor der Vollendung des Auftrags verspürte sie nun doch leichte Nervosität. Jetzt musste sie die Pläne nur noch vom Gelände schaffen. Wie, das hatte man ihr freigestellt.
Immer wieder blickte sie sich um. Blitzte da hinten nicht ein Scheinwerfer auf? Charlotte kauerte sich auf den Boden, doch die Wahrnehmung wiederholte sich nicht.
Der Mond hatte ein Loch in der Wolkendecke gefunden.
Nicht gut, dachte Charlotte, denn hier auf dem Wüstenfeld, weitab von den Gebäuden, war sie das einzige, das mehr als ein paar Zentimeter vom Boden aufragte. Wenn sie zufällig ein Lichtstrahl traf, war sie unweigerlich weithin zu sehen.
Sie beschloss, dass nun Geschwindigkeit über Tarnung ging, und richtete sich auf. Dann trabte sie los, versuchte aber, leise zu sein. Die paar hundert Yards bis zur Umzäunung hatte sie in wenigen Minuten zurückgelegt. Auf die Taschenlampe verzichtete sie weitgehend, ließ sie nur einmal kurz in der geschlossenen Faust aufleuchten, als der Mond wieder hinter einer Wolke verschwand.
Endlich hatte sie den Zaun erreicht. Charlotte zog eine Plastikdose aus dem Rucksack und stopfte die klein gefalteten Pläne hinein. Mit einem Klacken rastete der Deckel beim Verschließen ein. Nachdem sie den Peilsender, der im Boden des Behälters eingelassen war, aktiviert hatte, warf sie die Spionagedose in hohem Bogen über den Zaun in den Sumpf vor der Küste von Merritt Island. Ihr Wurf war kraftvoll, und vielleicht erreichte die Dose bereits den Schilfgürtel, der hier hoch aufragte und das Land vom Atlantik trennte.
Ihr Auftrag war erledigt. Auf Heimlichkeit konnte sie nun verzichten.
Charlotte trabte zurück und gelangte ohne Probleme in das Wohngebäude. Im dortigen Kommunikationsraum bat sie den diensthabenden Offizier um ein Gespräch mit dem Sicherheitschef.
„Mr Douglas schläft“, erhielt sie als Antwort, noch bevor der Mann überhaupt Anstalten machte, ihrem Wunsch nachzukommen.
Charlotte lächelte vergnügt. Sie fühlte sich wohl. „Glauben Sie mir, er wird in diesem Fall nichts dagegen einzuwenden haben, geweckt zu werden.“
Sie hatte eine Spur der Zerstörung hinterlassen - das Schloss im Schuppen, die Betonwand zwischen den Schächten, das baumelnde Gitter im Tresorraum. Aber kleinere Beschädigungen - und Charlotte hielt das, was sie getan hatte, für vertretbar - waren ihr erlaubt worden. Ein feindlicher Spion würde auch nicht sonderlich rücksichtsvoll vorgehen, um an das heranzukommen, was er zu beschaffen gedachte.
Zwei Stunden später verließ Charlotte das Büro des Sicherheitschefs. Douglas war zuerst ob der Störung ungehalten gewesen, aber Charlotte hatte ihn mit freundlichen Worten, in denen Triumph mitschwang, überzeugen können, sie zu empfangen. Dann hatte sie ihm berichtet, wo er die gestohlenen Pseudopläne finden konnte. Douglas hatte sofort einen Bergungstrupp losgeschickt, dann Charlotte aber langatmig und mit lauter Stimme Vorhaltungen gemacht wegen dieser, wie er fand, unnötigen Komplikation. Sie hätte doch einfach die Pläne am Tage durch das Tor heraustragen können.
Charlotte hatte nichts erwidert und die Tirade einfach nur weggelächelt. Sie war zufrieden mit sich und ihrer Arbeit. Douglas hatte, nachdem er sich wieder beruhigt hatte, sofort eine Konferenz der höchsten Sicherheitsexperten einberufen und den Beginn auf 7 a.m. gelegt. Auch das FBI würde einen Vertreter schicken, und Charlotte würde ihr Vorgehen noch einmal genauestens erläutern müssen.
Nach dem Gespräch ließ sie sich wieder zum Wohngebäude fahren.
Auch in dieser Nacht würde sie nicht viel Schlaf finden, außerdem war sie noch sehr aufgekratzt. Sie verspürte ungewöhnlich viel Stolz darauf, was sie geleistet hatte, und das ganz ohne ihre Gabe. Die nächsten Tage würde sie nun nur noch die Astronautenanwärterin spielen müssen. Sie konnte alles auf sich zukommen lassen und die besondere Atmosphäre im NASA-Stützpunkt genießen. Denn mit dem Start von SPACE-LASER stand ein Meilenstein in der Eroberung des Weltraums bevor.
***
Am späten Vormittag des Folgetages, nachdem Charlotte die Sitzung der Sicherheitsleute verlassen hatte, stand für sie und zwei ihrer Mitbewerber Pressearbeit auf dem Programm. Die drei wurden einer Reisegruppe zugeteilt und standen ihnen im letzten Teil der Führung Rede und Antwort: wie es sich so anfühlte, bald Astronaut zu sein; warum sie sich dafür entschieden hatten und andere Fragen, deren Antworten sich Charlotte nicht selten ausdenken musste.
Schließlich kam die heutige Gruppe zum Highlight des Tages: die Montagehalle für Raketen. Ehrfürchtig staunten die Touristen, als sie das riesenhafte Gebäude, das mehrere hundert Fuß in die Höhe ragte, aus der Nähe betrachteten.
„Meine Damen und Herren“, sagte der Reiseleiter, „wir haben heute die einmalige Chance, den Transport einer Rakete zum Startplatz hautnah zu verfolgen.“ Er wandte sich an den NASA-Mitarbeiter neben ihm. „Bitte, Mr Collins.“
Der in einen blauen Overall mit NASA-Emblem gekleidete Mann mit dem militärisch kurzen Haar erklärte: „Der Start des Wettersatelliten wurde um zwei Tage vorgezogen. Die Startbedingungen, insbesondere die klimatischen, sind in den nächsten Tagen optimal. Es erlaubt uns einen direkteren Anflug auf die Zielumlaufbahn. Das spart Treibstoff und ist demzufolge kostengünstiger.“
Die Menschengruppe bog um eine Ecke und konnte nun durch ein offenes, breites Tor direkt in das Innere der Halle sehen. Ein vielstimmiges „Wow!“ erklang, als die Blicke auf die schlanke, weiß-schwarze Rakete fielen.
„Eine SATURN“, erklärte der NASA-Mitarbeiter. „Nicht ganz so groß wie die kommende Version, welche in wenigen Jahren Menschen zum Mond bringen wird, eher ihr kleiner Bruder, aber nichtsdestotrotz ein imposanter Anblick.“
Dem konnte Charlotte nur zustimmen. So nahe an eine zum Abschuss bereite Weltraumrakete war auch sie in den bisherigen Tagen des Trainings noch nicht gekommen. Weit ragte die SATURN in die Höhe, doch es blieb noch viel Platz bis zur Decke. In der Halle konnten weit größere Trägerraketen Stufe für Stufe assembliert werden.
„Wo ist der Wettersatellit?“, fragte ein kleiner Junge.
„Ganz oben“, antwortete Collins. „Du siehst ihn nicht. Er ist verkleidet.“ Als er den Blick voller Unverständnis sah, den der Junge ihm zuwarf, führte er mit einem Lächeln weiter aus: „Der ist in einer Art Kiste, damit er beim Aufstieg in den Weltraum nicht kaputt geht. Du kannst ihn leider nicht sehen. Aber er ist direkt unter der langen Spitze, ganz oben.“
Bevor Collins weitere Erläuterungen abgeben konnte, erscholl ein ohrenbetäubendes Hupen. Gleichzeitig begannen viele orangefarbene Lampen an den Wänden zu rotieren. Erschrocken blickten sich die Touristen um.
„Das ist nur das Signal, dass der Transport beginnt“, meinte der Reiseleiter. „Kommen Sie bitte alle auf diese Seite der Halle.“
Rasch befolgten die Erwachsenen seine Anordnung, nur die Kinder mussten mit sanfter Gewalt an den Armen herübergezogen werden.
Dann setzte sich die riesige Schlepperraupe in Bewegung. An jeder der vier Ecken besaß sie Gleisketten, wie sie auch Panzer verwendeten. Die SATURN-Rakete thronte auf dieser mobilen Startplattform in rund zwanzig Fuß Höhe über dem Boden. Ebenfalls auf der Plattform stand eine sie haltende Konstruktion, die aussah wie ein Baukran.
Unendlich langsam kroch der Schlepper voran. Die Kinder machten sich einen Spaß daraus, immer von einem Ende zum anderen zu laufen und wieder zurück. Die Erwachsenen folgten in sehr gemächlichem Schritt.
„Das sieht ja aus wie ein Bus“, rief der Junge, der nach dem Satelliten gefragt hatte, und deutete auf die Kabine am vorderen Ende der Raupe, in welcher ein NASA-Ingenieur saß, der zu den vielen Menschen gehörte, die nötig waren, um den Schlepper mit seiner Last überhaupt sicher steuern zu können.
Endlich verließ der Raketencrawler die Montagehalle. Die gleißende Sonne spiegelte sich in der Außenhaut der Rakete.
„Vorsicht!“, rief der Junge und wies nach vorn. „Da liegt ein Stein!“
Collins lachte. „Den können wir ruhig überfahren. Die Raupe wiegt, besonders jetzt, wo sie beladen ist, viele tausend Tonnen. Nur vor größeren Unebenheiten müssen wir etwas verlangsamen. Unser Lasersystem vermisst diese und kann die Plattform an jeder Ecke heben oder senken, sodass die Rakete nicht herunterfällt.“
Aufgrund der sehr geringen Geschwindigkeit von noch unter einer Meile pro Stunde war es allen problemlos möglich, dem Transporter zu folgen und gleichzeitig weiter Fragen zu stellen.
„Warum bauen Sie die Rakete nicht am Startplatz zusammen?“, fragte ein älterer Herr.
Mr Collins antwortete freundlich, obwohl er diese Frage sicherlich schon unzählige Male zuvor beantwortet hatte. „Es ist eine Frage der Logistik. Wir müssen die Stufen der Rakete ja ohnehin zum Startplatz transportieren, wir sparen also nichts im Vergleich zur assemblierten Rakete. Aber wenn wir am Startplatz zusammenbauen, müssten wir danach das gesamte Equipment - die Kräne, welche die einzelnen Raketenstufen heben, die Werkzeuge und alles, was wir sonst noch brauchen, vor dem Start weit wegfahren. Sie alle wissen, dass immense Hitze bei einem Start entsteht. So aber müssen wir nur den Transporter danach zurückfahren und warten. Und dieser ist für die Urgewalten beim Start ausgelegt.“
„Und der Haltekran?“, fragte eine ältere Frau interessiert.
„Sekunden vor dem Start klappt er zur Seite und ist so außerhalb der unmittelbaren Gefahrenzone. Die Rakete steht quasi auf ihrem Feuerstrahl. Daher kann der Haltekran ebenfalls wiederverwendet werden.“
Auch Charlotte lief gemütlich neben dem Crawler her. Seit dem Verlassen der Montagehalle hatte sie keine Frage mehr beantworten müssen. Es war spannender, der Technik beim Arbeiten zuzusehen, als mit angehenden Astronauten zu sprechen. Charlottes Blicke schweiften umher. Diese Raupe war wirklich ein Meisterwerk der Ingenieurskunst. Majestätisch und mächtig, als könnte nichts sie an ihrem Tun hindern, glitten die Raupenketten über den sandigen Boden.
Plötzlich fiel ein heller Lichtstrahl in Charlottes Augen. Rasch blickte sie sich um, doch das Aufblitzen wiederholte sich nicht.
Na, vielleicht ein Fernglas irgendwo auf der Aussichtsplattform, spekulierte sie.
Weiter ging die Fahrt. Die Kinder quengelten. Sie wollten unbedingt einmal um das Gefährt herumrennen, doch ihr Betteln wurde von Collins abschlägig beschieden. Für ein paar Sekunden murrten sie, dann aber nahmen sie ihr Gerenne wieder auf und warteten ein paar Meter von der Maschine entfernt. Ein schon älterer Junge streckte grinsend einen Daumen heraus, als wollte er als Anhalter mitfahren. Die Erwachsenen lachten.
Wieder blitzte etwas, und nun war Charlotte sicher: Es kam vom Crawler. Sie sprach Mr Collins darauf an.
„Ein Lichtreflex?“, fragte er zweifelnd und blickte auf die Gleisketten. „Ich habe nichts bemerkt.“
Doch Charlotte ließ nicht locker. Auf dem Gelände ging ein Spion um, und so war alles zuerst einmal verdächtig. Konzentriert ließ sie ihren Blick über das mehr als hundert Fuß lange Gefährt wandern. Zuerst sah sie nichts Besonderes, nur Metall, dann aber, als sich ihre Aufmerksamkeit auf die untere Hälfte richtete, nahm sie wieder einen schwachen Lichtschimmer wahr.
Etwas leuchtete rot.
Charlotte ging, nach einem fragenden Blick zu Collins, der nickte, näher an den Crawler heran. Die Touristen beachteten die potentielle Astronautin nicht, sie waren nur für einen Moment etwas irritiert, als Collins ihnen bedeutete, weiter Abstand zu wahren. Charlotte aber lief gebückt an dem Raupenfahrzeug entlang. Sobald sie glaubte, etwas Ungewöhnliches zu sehen, verlangsamte sie ihren Schritt und lief parallel zu dem Gefährt. Die ersten Male war es falscher Alarm, aber schließlich hatte sie eine Stelle identifiziert, an der sie ganz eindeutig, wenn auch sehr schwach, etwas rot schimmern sah - allerdings nur aus einem ganz bestimmten Blickwinkel.
Sie winkte Collins herbei. „Sehen Sie, dort unten, zwischen den beiden Stahlstreben, dort ist ein ganz kleiner roter Punkt.“
Collins kniff die Augen zusammen, schirmte mit der Hand das Sonnenlicht ab und ging noch näher an den Crawler heran. Doch er schüttelte den Kopf. „Da ist nichts.“
„Sir“, insistierte Charlotte und senkte ihre Stimme, „würden Sie Mr Douglas kontaktieren?“
Der Mann hob überrascht die Brauen. „Den Sicherheitschef? Wieso das denn?“
Charlotte antwortete nicht. Sie wusste nicht, inwieweit Collins von den Sicherheitsproblemen Kenntnis hatte. So blickte sie den NASA-Mann nur bittend an.
Collins nickte widerstrebend und zog das Funkgerät aus der Schultertasche. „Collins, Crawlerway, Montagehalle an Sicherheitschef Douglas.“
Nach zwei Sekunden knackte es im Lautsprecher. „Hier Funkzentrale. Einen Moment.“
Es dauerte ein wenig, bis endlich die befehlsgewohnte Stimme des Leiters der Sicherheit ertönte. „Douglas hier. Was gibt es?“
„Astronautenanwärterin Carrington, die neben mir steht, glaubt, etwas Verdächtiges am Crawler gesehen zu haben.“
„Können Sie die Beobachtung bestätigen?“
„Negativ. Es sieht alles normal aus.“
Ein paar Sekunden herrschte Stille, dann knackte es wieder. „Geben Sie mir Carrington.“
Collins reichte Charlotte das Funkgerät. Sie berichtete kurz und präzise, während sie sich ein paar Schritte entfernte, sodass Collins sie nicht belauschen konnte. „Sir, mit dem Spion hier auf dem Gelände sollten wir dies nicht ignorieren.“
„Einverstanden. Ich schicke Ihnen ein Team. Weisen Sie es ein. Sie wissen weiter offiziell nichts von einem Sicherheitsproblem. Ende.“
„Natürlich. Ende.“
Charlotte gab Collins das Funksprechgerät zurück und fasste das Gespräch für ihn kurz in Auszügen zusammen. Dann warteten sie, während der Crawler weiter seinen Ziel entgegenkroch. Er würde noch zwei Stunden unterwegs sein.
Nach wenigen Minuten preschte ein Wagen heran, und drei Männer sprangen heraus. Charlotte erklärte ihnen, was sie gesehen hatte und zeigte ihnen die Stelle. Auch jetzt sah nur sie das rote Leuchten. Wahrscheinlich war es für die Augen der anderen einfach zu schwach. Charlotte wunderte sich nur wenig darüber, dass Douglas so schnell reagiert hatte. Seit sie die Pseudopläne erfolgreich gestohlen hatte und so die Sicherheitsvorkehrungen, die maßgeblich von Douglas erarbeitet worden waren, überlistet hatte, hatte sich Douglas' Verhalten ihr gegenüber geändert. Er schien sie nun zu respektieren.
Die drei Männer diskutierten miteinander und ignorierten die neugierigen Blicke der Reisegruppe.
„Anwärterin Carrington, kommen Sie mit“, sagte einer der Sicherheitsoffiziere, als er zur Raupe ging. „Ich werde unter die Plattform kriechen. Sie dirigieren mich.“ Dann wandte er sich an seine beiden Kollegen. „Ihr achtet auf die Raupenketten hinten. Warnt mich, wenn ich zu langsam nach vorn robbe.“
„Sir“, widersprach Charlotte, „ich weiß genau, wo ich hin muss. Lassen Sie mich unter den Crawler.“
Doch der Mann schüttelte den Kopf. „Abgelehnt.“ Er sprach kurz in sein Funkgerät. Wenige Sekunden darauf wurde der Schlepper langsamer und hatte schließlich seine Geschwindigkeit halbiert. Dann ließ sich der Sicherheitsmann in die Hocke herab und kroch auf dem Rücken liegend unter die Raupe.
„Einen Fuß weiter in Fahrtrichtung“, sagte Charlotte, die das rote Leuchten nicht aus den Augen ließ. Einmal verschwand es kurz. Der Sicherheitsmann musste es blockiert haben.
Langsam kroch der Mann weiter, bis nur noch seine Füße hervorragten.
„Noch einen Fuß in Fahrtrichtung“, wies Charlotte an.
Eine halbe Minute geschah nichts. Charlotte sah nur gelegentlich das Aufblitzen einer Taschenlampe, wenn sich das Licht einen Weg zwischen den ganzen Metallteilen hindurch bahnen konnte.
Dann aber kam Bewegung in den Sicherheitsmann. Hastig kroch er unter der Raupe hervor. Sein Gesicht war weiß. Er sprang auf und lief ein paar Schritte vom Crawler weg. Charlotte, Collins und die beiden anderen Sicherheitsleute folgten.
„Deighton an Douglas“, sprach er in sein Funkgerät, ohne den Umstehenden eine Erklärung zu geben.
„Douglas hier. Berichten Sie.“
„Das rote Leuchten, das Anwärterin Carrington gesehen hat, gehört zu einer Ziffernanzeige. Sir, unter dem Crawler klebt ein Explosivkörper, mehrere Dynamitstangen. Wenn man der Anzeige glauben darf, wird hier alles in weniger als einer Stunde hochgehen.“
Aus dem Funkgerät kamen in schneller Folge präzise Anweisungen. Deighton bestätigte und wandte sich an Collins. „Bringen Sie die Reisegruppe fort. Zur Aussichtsplattform, oder besser noch vom Gelände herunter.“
Der NASA-Mitarbeiter nickte und lief zum Reiseleiter. Kurz darauf konnte Charlotte hören, wie dieser sagte: „Das war das Ende unserer heutigen Führung. Der Crawler wird noch mehrere Stunden benötigen. Folgen Sie mir bitte.“
Manche Touristen warfen der kleinen Gruppe, die beisammen stand und sehr angespannt wirkte, fragende Blicke zu, doch das Laufen neben dem Raupenfahrzeug schien ihnen ohnehin schon langweilig geworden zu sein, und so folgten sie der Aufforderung ohne Zögern.
Deighton gab weitere Anweisungen. „Bis ein Entschärfungsteam hier ist, dauert es zu lange. Ich werde die Bombe vom Crawler lösen und wegbringen. Sie ist nur mit Klebeband an einem Querträger befestigt.“
„Und wenn es einen Erschütterungssensor gibt?“, warf sein Kollege ein.
„Sehr unwahrscheinlich. Der Bombenleger muss wissen, dass diese Raupen immense Lasten tragen. Da vibriert immer etwas. Das Ding wäre schon längst hochgegangen, wenn es einen solchen Auslösemechanismus besäße.“
Charlotte überlegte, was sie tun konnte, um zu helfen, die Situation zu bereinigen, aber ihr fiel nichts ein. Auch nicht, wenn sie an ihre Zeichengabe dachte.
Und Deighton schien derselben Ansicht zu sein, denn er befahl ihr, zur Montagehalle zurückzukehren. Als Charlotte zögerte, fügte er hinzu: „Anordnung von Douglas.“
Widerstrebend fügte sie sich, entfernte sich aber nur langsam.
Deighton kroch wieder unter die Raupe. Was er tat, sah Charlotte nicht, aber eine Minute später kam er wieder hervor und hielt einen schwarzen Kasten, der auf Dynamitstangen montiert war, in der Hand. Die Leuchtziffernanzeige war gut zu sehen.
Doch halt, was geschah jetzt?
Die Anzeige flackerte, fiel kurz aus und kam dann wieder. Aus der zuvor angezeigten Dauer 55:12 war nun ein 00:48 geworden!
War diesem Wert zu trauen?
„Der Zeitzünder spinnt!“, schrie Charlotte, so laut sie konnte.
Deighton hörte sie und drehte die Bombe, bis auch er und seine Kollegen auf die Anzeige blicken konnten. Dann rannte er los, auf den Wagen zu, mit dem er gekommen war. Das Dynamit musste weg von der Rakete, denn würde es in deren Nähe explodieren, würde der Treibstoff der SATURN ebenfalls gezündet werden - und das vollkommen unkontrolliert!
Deighton sprang hinter das Steuer und raste los. Sandwolken stoben von den Reifen auf. Charlotte blickte auf ihre Armbanduhr und zählte die Sekunden mit. Kurz bevor es zur Detonation kommen musste, hielt der Wagen, und Deighton sprang heraus. Sein Arm holte aus, um die Bombe wegzuwerfen, doch es war zu spät.
Eine gewaltige Explosion zerriss die Stille über dem Raumfahrtgelände. Ein Feuerball schoss in die Höhe. Dann prallte irgendwo etwas zu Boden. Heiße Luft pfiff an Charlotte vorbei. Als sie die Augen wieder öffnete und sich umdrehte, konnte sie nur noch einen Rauchpilz sehen. Deightons Kollegen rannten zur Unglücksstelle, an der sich aber nichts regte.
Charlotte wusste, was das zu bedeuten hatte. Entweder hatte Deighton sich verrechnet, oder die Bombe war vor der Nullzeit explodiert.
Der Mann hatte seinen Einsatz mit dem Leben bezahlt.
Die Rakete aber blieb unbeschädigt, und der Transporter setzte seinen Weg unbeirrt fort. Die Männer der Steuerungscrew hielten sich an ihre Befehle.
In Charlotte stieg Wut hoch.
Aus dem Spion war ein Saboteur geworden, ein Mörder.
Doch ganz tief in ihrem Innern regten sich erste Zweifel an dieser Theorie. Charlotte war unruhig.
Irgendetwas passte hier nicht zusammen.
***
Die NASA-Leitung hielt die Explosion vor der Öffentlichkeit geheim. Es wurde nur eine kurze Pressemitteilung über einen Testlauf eines Raketenprototyps herausgegeben. Aber da sich der Start des SPACE-LASER-Satelliten näherte, erfuhr diese Meldung auch von der Fachwelt nur wenig Beachtung. Die Ermittlungen liefen auf Hochtouren, hatten aber noch keine Ergebnisse gebracht. Man hatte ein paar Überreste der Sprengvorrichtung gefunden, und überprüfte die Hersteller der Einzelteile.
Charlotte nahm weiterhin am Astronautenauswahlprogramm teil, obwohl ihr Kernauftrag abgeschlossen war. Sie würde regulär, wie alle ungeeigneten Anwärter, demnächst das Auswahlverfahren verlassen. Aber dem Start von SPACE‑LASER wollte sie auf jeden Fall beiwohnen. Zu ihrer Verärgerung hatte Douglas ihrer Bitte, sich aktiv in die Ermittlungen gegen den Spion einbringen zu dürfen, eine Absage erteilt.
(eine Fortsetzung folgt noch)
zu Teil 1
Charlotte holte die beiden nachgemachten Spezialschlüssel aus ihrer Tasche und sperrte auf. Die Originale hatte sie sich am Vortag von den Mitarbeitern des Maintenance-Teams ‚ausgeborgt‘ und Kopien in der nahegelegenen Stadt anfertigen lassen. Das Vortäuschen eines familiären Notfalls hatte ihr zwei Stunden Freigang erlaubt.
Sie betrat den Schuppen, schloss die Tür und schaltete die schwache Taschenlampe ein, die gerade ausreichend Helligkeit produzierte, um nicht über Kabel oder Werkzeuge zu stolpern. In einer Ecke sah sie die metallene Falltür, auf die sie zielstrebig zuging. Aus der Tasche holte sie eine kleine, aber ungemein scharfe Metallsäge hervor und begann, das mächtige Vorhängeschloss zu bearbeiten. Es war anstrengend, doch immerhin sah sie Fortschritte.
Oh Mann!, dachte sie und wischte sich über die Stirn. Sie wusste nicht, ob sie verärgert oder amüsiert sein sollte. Jetzt eine Zeichnung, und ich wäre schon längst drin.
Aber Zeichnen war bei diesem Auftrag keine Option. Sie durfte ihre Gabe nicht einsetzen, denn es ging schließlich nicht darum, irgendwie in einen gesicherten Raum einzudringen und etwas zu stehlen, sondern sie sollte herausfinden, ob ein Dieb eine Chance hatte, dies zu tun.
Ein normaler Dieb, denn eine Manipulationsgabe wie die ihre besaß schließlich niemand sonst.
Es dauerte einige Zeit, doch dann hatte sie einen Bügel durchschnitten, sodass sie das Schloss aufklappen und abziehen konnte. Ganz vorsichtig hob sie die Falltür an, bereit, beim leisesten Quietschen zu stoppen. Doch die Scharniere schienen gut geölt zu sein, und so lag der Einstieg in die Unterwelt bald offen vor ihr. Charlotte kletterte die Leiter hinab, schloss die Falltür wieder und nahm den Kompass heraus. Dann leuchtete sie die Wände ab, blickte auf die Nadel und fand schnell den Einstieg in denjenigen Kabelschacht, der geradewegs zu ihrem Zwischenziel führte.
Charlotte nahm das Messgerät für elektrische Felder aus dem Rucksack, den sie anschließend in die Schachtöffnung stopfte. Sie zog sich an der Kante hoch und lag wenig später bäuchlings auf den vielen faustdicken, isolierten Stromkabeln, welche diverse Gebäude versorgten. Die Hand mit dem Messgerät schob sie am Rucksack vorbei nach vorn und ließ das Licht der Taschenlampe über die Skala gleiten.
Nichts. Kein elektrisches Feld messbar. Die Isolierung der Kabel war, zumindest in der näheren Umgebung, unbeschädigt.
Charlotte schaltete die Taschenlampe aus, schob den Rucksack ein Stück vor und kroch in völliger Dunkelheit nach. Das Brummen, wie es von Umspannwerken bekannt war, das sie zu hören glaubte, schob sie ihrer Einbildung zu, denn nach ein paar Minuten verschwand diese Wahrnehmung.
Sie rechnete mit gut einer Stunde, bis sie die rund 900 Fuß zurückgelegt haben würde.
Stück für Stück ging es voran - schieben, nachkriechen, messen. Und wieder von vorn. An ein Aufrichten auf die Knie, was ihr ein schnelleres Vorwärtskommen ermöglicht hätte, war nicht zu denken. Die Kabel füllten mehr als die Hälfte des Schachts aus. Für Charlotte blieben drei Fuß in der Breite und vielleicht zwei in der Höhe.
Es war anstrengend, sich auf diese Art fortzubewegen. Mal musste sie schräg klettern, wenn sich die Kabel auf einer Schachtseite konzentrierten, mal lagen mehrere übereinander und bildeten eine Art Knoten, den es mühsam zu übersteigen galt.
Sie atmete keuchend. Die Luft roch modrig und abgestanden. In regelmäßigen Abständen nahm die Detektivin einen tiefen Atemzug aus der mitgeführten kleinen Pressluftflasche, deren Sauerstoffanteil auf 25%erhöht worden war.
Plötzlich schien es nicht mehr voranzugehen. Der Rucksack stieß auf Widerstand, der sich auch nicht überwinden ließ, als Charlotte ihn hochhob und an der Decke vorbeischieben wollte. So schaltete sie die Taschenlampe dauerhaft ein, drehte die Intensität hoch und drückte sich an die rechte Wand, um mühevoll am Rucksack vorbei nach vorn zu robben.
Die Decke des Betonschachts war auf der ganzen Breite eingestürzt. Trümmer, Steine und Sand vom darüberliegenden Erdreich lagen über den Kabeln und versperrten den Durchgang. Charlotte legte die Lampe zur Seite und begann zu graben. Stück für Stück schob sie die Hindernisse nach links, häufte Erde auf und zwischen die Kabel, räumte Deckentrümmer zur Seite, bis sie ausreichend freie Bahn hatte.
Nach Abschluss ihres white-hat-Einbruchs würde sie diesen baulichen Schaden melden, wenn sie auch nicht genau sagen konnte, wo sie sich gerade befand. Die Kollegen würden ein wenig suchen müssen.
Wieder ging es in eintöniger Regelmäßigkeit voran. Charlotte schaute auf die Uhr und merkte, das sie gut in der Zeit lag. Es ging, trotz des Hindernisses, ein wenig schneller voran als vorab geschätzt.
Doch nicht mehr lange.
Als sie das nächste Mal auf das Messgerät blickte, fluchte sie laut.
Irgendwo dort vorn gab es ein starkes elektrisches Feld. Mindestens ein Kabel besaß keine durchgehende Isolierung mehr. Materialermüdung? Vielleicht war auch dort der Schacht eingestürzt und hatte Kabel beschädigt? Immerhin fuhren öfter Transportraupen über das Gelände, auf denen viele hundert Tonnen schwere Raketen standen. Da konnte schon mal die Integrität des Untergrunds in Mitleidenschaft gezogen werden.
Noch vorsichtiger kroch sie Fuß um Fuß weiter und ließ das Messgerät nicht aus den Augen. Schließlich stieg der Wert steil an. Das Leck war nicht mehr fern.
Aus dem Rucksack zog sie eine der beiden zusammengefalteten Isoliermatten, die sie für diesen Zweck mitgenommen hatte. Sie faltete die dünne Membran, die ungefähr einen Quadratyard groß war, auseinander und schob sie vor sich auf die Kabel. Dann drückte sie auf den Auslöseknopf. Pressluft strömte aus einer Kartusche in den Innenraum des Membransacks und plusterte ihn auf wie ein Schlauchboot. Nun lag eine fausthohe, unter Überdruck stehende, isolierende Matte vor ihr. Charlotte hielt das Messgerät darüber und registrierte erleichtert, dass der Wert des elektrischen Feldes rapide abgenommen hatte. Die Matte isolierte nicht im selben Maße wie die Gummiummantelung eines Kabels, aber es war gefahrlos möglich, sich darüber zu bewegen.
Sehr vorsichtig und immer wieder messend, kroch sie über die Problemstelle hinweg und vermied es, irgendetwas anderes als die Membran unter ihr zu berühren. Die Beine hielt sie in der Luft und war froh, als die Knie endlich auf der Luftpolsterung angekommen waren.
Als die Fußspitzen die Matte berührten, spürte Charlotte, wie sie mit einem Mal ungewöhnlich müde wurde.
Sauerstoffmangel!
Sie legte den Kopf auf die Membran und tastete blind mit einer Hand nach ihrem Rucksack. Wertvolle Sekunden verrannen, bis sie den Trageriemen gefunden hatte. Dann zog sie den Rucksack zu sich zurück und drehte ihn auf die Seite, bis sie das Mundstück der Atemflasche fand. Bedächtig und in kleinen Portionen atmete sie ein und aus.
Bevor sie weiterkroch, gönnte sie sich drei Minuten Ruhe, damit ihr Körper neue Kraft schöpfen konnte.
Dann war es geschafft, die gefährliche Stelle überwunden. Doch das Manöver hatte sehr viel Zeit gekostet.
Der Rest des Weges verlief ohne größere Probleme, wenn Charlotte auch den Eindruck gewann, dass der Platz, der ihr zum Vorwärtskriechen blieb, kleiner wurde. Nicht selten stieß sie nun mit dem Hinterkopf an die Decke des Schachts und musste öfter den Kopf zur Seite legen, um weiterzukommen.
Endlich erreichte sie das Zwischenziel. Der Kabelschacht spaltete sich wie ein Ypsilon auf. Charlotte zog die Schnur mit den Entfernungsknoten, die im Abstand von drei Fuß angebracht waren, aus dem Rucksack, knotete sie fest um das zuoberst liegende Kabel, das in den linken Schacht führte, und kroch auf dieselbe Art wie zuvor weiter, während sie die Knoten zählte.
Nach dem neunzehnten hielt sie an.
Sie war am Ende des ersten Abschnitts ihres Plans angekommen. Nun musste sie den Schacht wechseln, denn nicht weit entfernt verlief hier ein Lüftungsschacht, der sie zu ihrem eigentlichen Ziel bringen sollte.
Sie nahm ein paar Gegenstände aus dem Rucksack und stülpte sich die Gasmaske über den Kopf. Die unterarmgroße Glasschale stellte sie auf die Kabel, direkt an die linke Schachtwand. Sie klappte den gepolsterten Miniaturkoffer auf und schraubte die braune Glasflasche, die darin bruchsicher verwahrt lag, auf.
Die gelbliche Flüssigkeit sah harmlos aus, war es aber nicht. Es handelte sich um konzentrierte Salpetersäure.
Charlotte zog die Spritze voll, setzte die Nadel an den Beton an und drückte leicht auf den Stempel. Die Säure traf auf den Beton und löste ihn langsam auf. Ein Gemisch aus Säure und Metallsalzbröckchen glitt an der Wand hinab in die Wanne.
Auch diese Arbeit war, wenngleich nicht ungefährlich, sehr eintönig. Nach und nach löste Charlotte die Umrandung eines zwei auf zwei Fuß großen Quadrats, das direkt an die Schachtdecke grenzte, heraus. Die Dicke der Schachtwand betrug hier nur wenige Inch, sodass sie schon bald mit vorsichtigen Hammerschlägen die Zerstörung der Wandstruktur unterstützen konnte und schnell eine Öffnung zum benachbarten Lüftungsschacht herstellte.
Wie einfach wäre es gewesen, direkt in den anderen Schacht einzusteigen, dann hätte sie sich die ganze Mühe im Kabelschacht ersparen können. Doch daran hatten die Sicherheitsexperten der NASA selbstverständlich gedacht. Ein- und Ausstiege ins Lüftungssystem waren mit diversen Sensoren versehen. Unvorhersehbare Patrouillen schritten die entsprechenden Lüftungsgitter ab. In den Lüftungsschächten waren zusätzlich gelegentlich Gitter angebracht. Charlotte hätte eine Menge Schlüssel stehlen und nachmachen müssen. Der Weg über den Kabelschacht schien ihr erfolgversprechender.
Hier aber lag nun im Nachbarschacht nur noch der Ausstieg in den Raum vor ihr, in welchem zukünftig die SPACE-LASER-Pläne lagern sollten.
Konzentriert arbeitete Charlotte weiter, und schließlich war der Durchgang komplett freigelegt. Sie klopfte noch einmal gegen die Ränder des Lochs, doch es bröckelte nichts mehr herunter. Den Abraum legte sie zur Seite. Die Wanne hatte ihren Dienst gut verrichtet und sämtliche herunterfließende Säure aufgefangen. Die Kabel waren nicht in Mitleidenschaft gezogen worden,.
Phase I war damit abgeschlossen, und Charlotte warf wieder einen Blick auf die Uhr.
Verdammt!
Sie hatte gehofft, verlorene Zeit nach dem Zwischenfall mit der nicht isolierten Leitung aufgeholt zu haben, musste aber zu ihrer Enttäuschung feststellen, dass sie nun sogar deutlich über eine Stunde hinter ihrem Zeitplan lag.
Es würde nicht mehr reichen.
Noch schliefen fast alle Personen auf dem Gelände, bis auf die Sicherheitsleute. Aber zum Tresorraum kriechen, den Ausstiegssensor überlisten, den Tresor überlisten, und dann wieder zurück - sie würde in den frühen Morgenstunden Gefahr laufen, dass man sie entdeckte, vielleicht sogar bei geöffneter Tresortür.
Also blieb nur eins: zurückkriechen - und Phase II in der folgenden Nacht angehen.
So verzichtete sie auf das Überwechseln in den Luftschacht und nahm aus dem Rucksack eine kleine Faltmembran. Sie fuhr mit Spezialkleber ein Rechteck am Rand ab und drückte die Folie auf den Wandbereich um das Loch. Nach einer Minute hatte der Kleber seine Wirkung entfaltet, und die Schächte waren wieder luftdicht getrennt. Der Geruch nach Salpetersäure würde sich im Belüftungsschacht verdünnen und niemandem auffallen.
Mit einem Seufzer, der ihre Verärgerung ausdrückte, kroch Charlotte zurück zum Ypsilon, zog die Gasmaske aus, wendete und kroch vorwärts zum Schuppen zurück.
Dort angekommen kletterte sie die Leiter hoch und verschloss die Falltür mit einem neuen, baugleichen Bügelschloss. Dann schlich sie zurück in ihr Quartier, um wenigstens noch ein paar Stunden Schlaf zu finden. Zum Glück war der morgige Tag mit psychologischen und kognitiven Tests körperlich nicht so anstrengend.
Ob sie Bestleistung erbringen konnte, bezweifelte Charlotte. Aber so würde sie den Prüfern wenigstens Argumente liefern, um sie in der ersten Runde auszusieben. Schließlich wollte sie nicht wirklich Astronautin werden.
***
Während Charlotte am Folgetag einen Test nach dem anderen in einem schlichten, fensterlosen Raum absolvierte und sich dabei fühlte, als wäre sie wieder in der High-School, besichtigte eine touristische Reisegruppe das Prunkstück des Raumfahrtmuseums: die Originalkapsel, mit der Volksheld John Glenn vor wenigen Jahren die Erde umkreist hatte.
Der Reiseleiter gab eine kurze Einführung. „Die Friendship-Kapsel hat die Erde mehrmals umrundet und dabei über 17.000 Meilen in der Stunde zurückgelegt. Damit Sie, meine Damen und Herren, sich dies vorstellen können, lassen Sie mich einen Vergleich anstellen. Hätten Sie ein Auto, das so schnell fährt, bräuchten Sie für die Strecke von New York nach San Francisco gerade einmal eine Viertelstunde. Sie könnten problemlos das Frühstück im Big Apple, das Mittagessen im Casino Ihrer Wahl in Las Vegas und das Dinner in Houston einnehmen, und wären doch weniger lange in Ihrem Fahrzeug gesessen, als manche U-Bahn-Fahrt in Miami dauert.“
Die Gruppe lauschte aufmerksam. Viele Familien befanden sich unter den Besuchern des Weltraumgeländes, ebenso eine kleine Rentnergruppe sowie eine Reihe junger Leute, die sich alle zu kennen schienen. Ein Kameramann sowie ein Tontechniker des Presseteams der NASA begleitete die Reisegruppe, um den Teilnehmern ein unvergessliches Erinnerungsvideo zusammenstellen zu können.
Ein Mädchen von vielleicht acht Jahren riss sich gerade von der Hand seiner Mutter los und schlüpfte unter dem roten Absperrband hindurch. Bevor jemand reagieren konnte, hatte es seinen Kopf in die offenstehende Luke in der Kegelwand gesteckt und schaute mit großen Augen ins Innere der Kapsel.
„Mom, da ist ja viel weniger Platz als in unserem Auto! Muss doof sein, darin zu fliegen. Und so kleine Fenster.“
Die Mutter schaute entschuldigend zum Reiseleiter, doch der Mann lächelte nur. „Sie alle können die Kapsel hautnah besichtigen und anfassen. Nur hineinklettern sollten Sie besser nicht. Sie sehen, die Luke ist äußerst eng. Die Verletzungsgefahr ist zu hoch.“
Er öffnete einen Haken am Absperrband und gab den Weg frei. Interessiert verteilten sich die Besucher um die Weltraumkapsel. Jeder steckte seinen Kopf hinein und versuchte, diverse Schalter zu berühren, was teilweise auch gelang. Aber natürlich geschah nichts, da die Kapsel ohne Strom war. Hände fuhren fast andächtig über die raue, an einigen Stellen schwarz verfärbte Außenhaut. Wann erhielt man schon einmal die Gelegenheit, etwas zu berühren, das im All gewesen war? Rufe der Begeisterung ertönten, und der Geräuschpegel schwoll durch die vielen nun aufkommenden Gespräche rasant an.
Nach einer halben Stunde war das letzte Exponat besichtigt, und der Reiseleiter sammelte seine Gruppe wieder vor der Kapsel. „Nachdem wir nun den Teststand der Triebwerke gesehen haben, den Startplatz, an welchem in wenigen Tagen die nächste SATURN-Rakete mit einem Wettersatelliten starten wird, und nun eine Führung durch das imposante und mit Pionierleistungen erster Güte gespickte Museum genossen haben, wird uns der Bus zur Aussichtsplattform bringen. Dort haben Sie Gelegenheit, sich vor der Rückfahrt zum Flughafen noch einmal zu stärken. Wenn ich Sie nun bitten dürfte, mir zu folgen?“
Einige Minuten später schlug der lange Bus die Route zur Aussichtsplattform ein, welche sich auf dem Dach eines großen, im Wesentlichen der Öffentlichkeitsarbeit dienenden Gebäudes befand. Das Museum wurde rasch kleiner, und schließlich befand sich der Bus im Nirgendwo zwischen den weit verstreuten Bauten.
Die Touristen unterhielten sich lebhaft.
Plötzlich klatschte ein junger Mann in einer der vorderen Reihen lautstark in die Hände. Die meisten Personen ignorierten das Geräusch, nicht aber zwei junge Leute, die aufsprangen und sich sofort verteilten. Sie liefen den Gang zwischen den Sitzen nach hinten zu den beiden Türen. Derjenige, der das Signal gegeben hatte, rannte die wenigen Schritte zum Fahrer und schlug ihm mit der Faust auf den rechten Oberarm, sodass der Mann überrascht aufschrie. Der Angreifer nutzte die kurze Verwirrung, hieb auf die Knöpfe für die Türautomatik, drehte den Zündschlüssel auf ‚Aus‘ und riss ihn aus dem Schloss. Zischend arbeiteten die Pneumatiken, und die Türflügel wurden ziehharmonikamäßig eingezogen. Der Bus verlor an Geschwindigkeit. Es quietschte, ruckelte, und knarrende Geräusche wie von einem defekten Getriebe waren zu hören. Der Fahrer drückte die Kupplung durch und bremste die stotternde Fahrt.
Indes sprangen die drei jungen Männer aus dem Bus.
Die ganze Aktion hatte nur wenige Sekunden gedauert. Erst jetzt begannen die anderen Menschen zu reagieren. Rufe der Überraschung wurden laut, man gestikulierte wild und wies nach draußen. Der Pressemitarbeiter hielt die Linse seiner Kamera auf die jungen Leute gerichtet, die langsam neben dem Bus herliefen, bis dieser endlich mit quietschenden Bremsen zum Stillstand kam. Noch im Laufen öffneten sie die Reißverschlüsse ihrer Jacken und zogen diese aus. Alle trugen Shirts mit dem Schriftzug ‚WAOGOE‘.
Dann taten sie etwas, das die Reiseteilnehmer noch mehr verblüffte. Die Männer rissen ihre breiten und recht dicken Krawatten auf und zogen etwas Blitzendes aus dem Inneren heraus. Es klickte laut, und eine Sekunde später hatten die drei jeweils ein Handgelenk mit einer Handschelle an die Außengriffe der Bustüren gekettet. Simultan begannen sie zu skandieren: „We are only guests on earth!“
Die Presseleute drängten sich durch die anderen Menschen im Bus und standen kurze Zeit später ebenfalls auf dem glühend heißen Sand des NASA-Geländes. Sie hatten die Männer in Großaufnahme im Bild.
Der Bus war gestrandet, denn an ein Weiterfahren war mit außen angeketteten Menschen nicht zu denken.
Ein paar Minuten später raste ein Auto des Werkschutzes heran, deren Mitarbeiter sich vom Reiseleiter informieren ließen. Weitere Minuten vergingen, bis ein Techniker mit einem Bolzenschneider eintraf. Die drei WAOGOE-Anhänger ließen sich widerstandslos entketten, blieben dabei aber wie ihre Mitstreiter während der Demonstration an Charlottes Ankunftstag völlig passiv. Auch sie mussten davongetragen werden und verkündeten ununterbrochen ihre Botschaft. Viele der Reiseteilnehmer hatten ihre Photoapparate gezückt und schossen Bilder. Diese Aktion würde rasch die Runde machen und sicherlich in Nachrichtensendungen einen Platz finden.
WAOGOE hatte wieder für Aufsehen gesorgt.
***
Es war bereits nach 8 p.m., als der Test-Tag für Charlotte ein Ende fand. Rasch verließ sie den Saal und strebte mit den anderen Anwärtern der Kantine zu. Gesprächsthema Nummer 1 war die Aktion der WAOGOE-Organisation, worüber die Meinungen auseinandergingen. Die einen hielten es für Landfriedensbruch, da der Bus an einer Stelle gewaltsam verlassen worden war, an der dies nicht vorgesehen war. Andere lobten die Zivilcourage der Aktivisten, die vehement für ihre Meinung einstanden. Charlotte war zwiegespalten, tendierte aber eher zu ersterer Meinung. Das Demonstrationsrecht stellte eines der höchsten Güter der Demokratie dar. Allerdings würde wohl auch niemand von den Aktivisten es gutheißen, wenn andere sich in ihren Wohnungen breitmachten, um Botschaften zu verkünden. Ein solches Vorgehen war schlicht eine Straftat.
Nach dem Abendessen nahm Charlotte eine schnelle Dusche und zog sich dann in ihr Quartier zurück. Sie machte eine Entspannungsübung, um ihren Körper zu entstressen. Nach einer halben Stunde wachte sie erfrischt noch vor dem Läuten des Weckers wieder auf. Sie schlüpfte in die dunkle Kleidung, die sie bereits am Vortag in ihrer Rolle als Einbrecherin getragen hatte, und packte den Rucksack. Den Koffer mit der Salpetersäure sowie die Glaswanne ließ sie zurück. Dies würde sie heute nicht mehr benötigen, und es machte ihr Gepäck deutlich leichter.
Dann, als Dunkelheit über dem Gelände lag, machte sie sich auf den Weg zum Schuppen und stieg wieder hinab.
Nach rund vierzig Minuten schweißtreibenden Robbens gelangte sie schließlich an der Folie an, welche den Kabel- vom Luftschacht trennte. Sie zog die Spritze mit dem Aceton aus ihrem Gepäck, setzte sie an den Bereichen des Spezialklebers an und löste diesen auf. Die Folie rollte sie zusammen und stopfte sie in ihr Gepäck.
Dann wechselte sie in den Luftschacht über.
Mit dem Kopf voran, die Taschenlampe ab und an aufblitzend, kroch sie zügig weiter. Es ging leicht bergab. Dieser Schacht war zwar nicht viel breiter als der, welcher die Kabel beherbergte, aber er war leer, und so gestaltete sich das Weiterkommen sehr viel einfacher.
Nach ein paar Minuten war sie bereits am Ende angekommen. Durch die einen halben Inch auseinanderstehenden vertikalen Stäbe eines Metallgitters konnte Charlotte einen Blick in den unterirdischen Raum mit dem nicht allzu großen, aber unglaublich massiven Wandtresor werfen. Die Taschenlampe legte sie auf den Schachtboden. Der Lichtkegel wies nach rechts auf die Wand. Ein massives Zylinderschloss am Gitter, wie es auch für Haustüren verwendet wurde, stellte das nächste Hindernis auf ihrem Einbruchsweg dar. Nachschlüssel hatte sie hierfür in der Kürze der Zeit nicht herstellen können, aber es wartete ohnehin zuerst ein anderes Problem auf sie.
Die Scharniere des Gitters befanden sich außerhalb des Schachts an der Zimmerwand. An diese kam Charlotte durch die schmalen Zwischenräume der Stäbe nicht heran. Zwei dünne, isolierte Drähte, durch die kontinuierlich Strom floss, verließen die Scharniere. Sollte die Tür geöffnet werden und sich die Scharniere bewegen, würde der Stromkreis unterbrochen und ein Alarm in der Überwachungszentrale ausgelöst. War ein Öffnen wegen Wartung angekündigt, erfolgte keine Reaktion. Aber zu dieser Nachtstunde würde es das Ende ihres Auftrags bedeuten.
Die Drähte, welche durch Klemmen im Abstand von ein paar Fuß an der Wand verankert waren, verliefen senkrecht nach unten und verschwanden irgendwo im Boden.
Charlotte zog aus ihrem Rucksack einen kleinen Taschenspiegel, der auf einer Teleskopstange saß. Innerhalb dieser Stange befand sich ein Steuerstab, mit dem sie die Ausrichtung des Spiegels verändern konnte. Auch holte sie ein Feuerzeug heraus sowie einen etwa einen Yard langen, stabilen, weitgehend isolierten Draht, den sie in ein U mit sehr langen Armen und kurzem Querstrich bog. Die blanken Enden, etwa einen Finger lang, bog sie in Hakenform.
Charlotte schob den Teleskopspiegel zwischen zwei Gitterstäben hindurch und drückte den Steuerstab nach vorn, sodass der Spiegel, der im Zimmer schwebte, zur Seite klappte. Sie korrigierte seinen Winkel, bis sie im Licht der Taschenlampe die beiden Kabel an der Wand sah, und befestigte den Teleskopstab in dieser Orientierung mit Klebeband auf dem Schachtboden. Dann zündete sie das Feuerzeug an und hielt die kupfernen Enden des U-Drahtes für einige Sekunden in die Flamme.
Nun musste es schnell gehen.
Charlotte legte das Feuerzeug zur Seite, schob die langen Stiele des U schräg durch einen Gitterzwischenraum und kippte sie nach unten. Den Blick fest auf das Bild im Spiegel gerichtet, bewegte sie das U vorsichtig und langsam. Das Ziel war, mit den Haken die Kabel an der Wand zu umgreifen. Mit einem U‑Arm gelang es auf Anhieb, aber der zweite benötigte zu lange, sodass der Draht wieder erkaltet war. Sie riss am U, bis beide Haken frei waren.
Dann wiederholte sie das Vorgehen - erwärmen, durchschieben, umgreifen.
Es klappte. Das heiße Kupfer des U's zerschmolz die Isolierung der Wandkabel und stellte so einen zweiten und dauerhaft geschlossenen Stromkreis her. Gleichzeitig sorgte das erkaltende Plastik dafür, dass Haken und Wanddraht miteinander verklebten. Sie schob das U komplett durch den Gitterzwischenraum ins Zimmer hinein.
Was die Türscharniere nun taten, ob sie sich bewegten, spielte keine Rolle mehr. Die Überwachungszentrale würde nicht bemerken, wenn das Gitter aufschwang.
Charlotte kroch rückwärts, bis sie an der Verbindung zum Kabelschacht anlangte, und führte ein Wendemanöver durch, wie sie es bei ihren Aufträgen schon mehrfach genutzt hatte, um schließlich mit den Füßen voran zum Tresorraum zurückzukriechen. Ihre Füße ertasteten das Gitter. Dann holte Charlotte aus und schmetterte die Sohlen der Turnschuhe mit kontrollierter Kraft gegen das Gitter. Zwei Mal, drei Mal, dann endlich brachen die nicht für eine solche Belastung ausgelegten Befestigungselemente aus der Mauer. Das Gitter fiel in die Tiefe, wurde von den Scharnierdrähten gebremst und baumelte zwei Fuß unterhalb des Schachtendes hin und her. Charlotte griff nach ihrem Rucksack, schob ihn aus dem Belüftungsschacht hinaus und ließ sich zum Boden hinab.
Das erste von drei Hindernissen in Phase II hatte sie bewältigt.
Obwohl die Lichtschalter laut den Plänen, die sie hatte einsehen können, nicht überwacht wurden, hütete sie sich dennoch davor, diese zu betätigen. Vielleicht würde der erhöhte Stromverbrauch irgendwo registriert werden. Darüber hatten sich die Pläne ausgeschwiegen, und Charlotte hatte den Sicherheitschef nicht danach fragen wollen. So musste die Taschenlampe weiter im Dauerbetrieb arbeiten. Deren Licht wurde allmählich schwächer, aber Charlotte wollte die Ersatzbatterien erst so spät wie möglich einsetzen.
Die Detektivin zog ein Gerät aus dem Rucksack, das aussah wie ein Stethoskop, dessen Ende aber aus einem hochmodernen, überaus empfindlichen elektronischen Mikrophon bestand. Sie schloss es an das kleine, batteriebetriebene Oszilloskop an. Grün schimmerte das Display und verbreitete ein gespenstisches Licht.
Charlotte stellte die drei Zahlräder des Tresors auf die Ziffer 0 und begann danach mit ihrer Arbeit. Das Stethoskop legte sie in die Nähe des ersten Drehknopfes und bewegte diesen langsam über die Ziffer 1. Ihr Blick huschte immer wieder zwischen Drehrad und Oszilloskop hin und her. Aber das charakteristische Signal, das einem aufgenommenen lauten Ton und damit einem Knacken der tresorinneren Schließanlage entsprach, erschien noch nicht auf dem Schirm.
Konzentriert und geduldig machte sie weiter.
Bei der Ziffer 7 zuckte die Linie auf dem Display steil nach oben, was Charlotte notierte. Auch bei der 13 registrierte das Mikrophon ein Signal, wenn auch der Ausschlag auf dem Oszilloskop nicht so hoch wie zuvor ausfiel. Dennoch wurde auch diese Zahl notiert. Schließlich war das erste Zahlrad vollständig untersucht. Es war bei zwei möglichen Codes geblieben.
Dann kamen die beiden anderen Drehknöpfe an die Reihe. Schlussendlich hatte Charlotte drei Codes für das zweite Zahlrad und zwei mögliche für das dritte identifiziert.
Sie musste also zwölf Kombinationen durchtesten.
Charlotte stellte die drei Zahlräder auf die erste Zahlenfolge ein, drehte den Hebel und drückte dabei fest auf die Tür des Tresors, sodass diese sich nicht öffnen konnte.
Bei der siebten Kombination ließ sich der Hebel komplett drehen.
Der Öffnungscode des Tresors war gefunden und damit Hindernis Nummer 2 überwunden.
Charlotte blickte auf die Uhr. Die anstrengende, konzentrierte Arbeit im grünlichen Schummerlicht hatte ihr Zeitgefühl außer Takt gebracht, und so war sie überrascht, dass bereits fast drei Stunden vergangen waren, seit sie ihr Quartier klammheimlich verlassen hatte. Aber vor fünf Uhr in der Früh war nicht damit zu rechnen, dass jemand diesen Raum betrat. Und bis dahin blieben noch knapp vier Stunden.
Charlotte drehte den Hebel wieder in die Verschlussstellung, schaltete das Oszilloskop aus und verstaute es mitsamt Stethoskop im Rucksack, aus dem sie stattdessen eine Art kleines Zelt herauszog. Den Spezialkleber, den sie am Vortag schon benutzt hatte, verteilte sie großzügig auf dem Tresorrahmen der Vorderseite, ließ die Tür aber aus. Dann drückte sie die Öffnung des zusammengedrückten Zelts, das aufgebaut wie eine Kiste ohne Deckel aussehen würde, auf den Kleber und wartete eine Minute. Das Zelt saß nun bombenfest, wie sie mit einem leichten Zug in verschiedene Richtungen rasch überprüfte. Sie ließ ihre Finger über den unteren Boden des Zelts gleiten, bis sie einen Schalter, der sich im Innenraum befand, ertastete. Sie drückte darauf, und es begann zu zischen. Stickstoff füllte das Zelt aus. Die gasdichten Stoffwände wölbten sich nach außen. Als die Patrone ihren Inhalt versprüht hatte, lag die Tür des Tresors in einem künstlichen, durch Spezialstoff gebildeten hermetisch abgedichteten Raum, in dem ein Druck von knapp über 3 bar herrschte. Kleine Fenster in den Zeltwänden erlaubten von allen Richtungen einen Blick auf den Tresor.
Nun endlich konnte Charlotte daran gehen, den Safe auch wirklich zu öffnen. Mit den in die vordere Zeltbahn eingelassenen Gummihandschuhen, die in das Innere ragten, was Kabinetten ähnelte, in denen Wissenschaftler an hochpathogenen Keimen forschten, griff sie nach dem Tresorhebel, drehte ihn und zog die Tür auf.
Hätte Charlotte die Safetür einfach so geöffnet, wäre stiller Alarm ausgelöst worden, denn der Sensor an der Innenrückwand hätte einen steilen Druckabfall registriert, wenn die unter Überdruck stehende Tresorluft in den Raum hinausgeströmt wäre.
So aber, unter dem Zelt, detektierte der Sensor keine Veränderung. Für ihn war die Tür weiter geschlossen.
Im Tresor befand sich nur ein kleiner Stapel Papiere im untersten Fach. Charlotte nahm sie heraus, verschloss die Safetür wieder und zog die Hände aus den Handschuhen zurück. Mit Hilfe des Acetons löste sie das Zelt vom Tresorrahmen ab. Rasch schob sie ihre sämtlichen Utensilien zurück in den Rucksack und stopfte die Pläne in die Hosentasche. Dann warf sie ihr Gepäck in den Luftschacht, sprang hoch und zog sich hinein. Eilig kroch sie zurück, wechselte in den Kabelschacht und robbte in hohem Tempo zum Schuppen.
Spuren verwischte sie keine, schloss gerade einmal die Falltür. Dann verließ sie das gedrungene Gebäude.
Geduckt schlich sie durch die Dunkelheit. So kurz vor der Vollendung des Auftrags verspürte sie nun doch leichte Nervosität. Jetzt musste sie die Pläne nur noch vom Gelände schaffen. Wie, das hatte man ihr freigestellt.
Immer wieder blickte sie sich um. Blitzte da hinten nicht ein Scheinwerfer auf? Charlotte kauerte sich auf den Boden, doch die Wahrnehmung wiederholte sich nicht.
Der Mond hatte ein Loch in der Wolkendecke gefunden.
Nicht gut, dachte Charlotte, denn hier auf dem Wüstenfeld, weitab von den Gebäuden, war sie das einzige, das mehr als ein paar Zentimeter vom Boden aufragte. Wenn sie zufällig ein Lichtstrahl traf, war sie unweigerlich weithin zu sehen.
Sie beschloss, dass nun Geschwindigkeit über Tarnung ging, und richtete sich auf. Dann trabte sie los, versuchte aber, leise zu sein. Die paar hundert Yards bis zur Umzäunung hatte sie in wenigen Minuten zurückgelegt. Auf die Taschenlampe verzichtete sie weitgehend, ließ sie nur einmal kurz in der geschlossenen Faust aufleuchten, als der Mond wieder hinter einer Wolke verschwand.
Endlich hatte sie den Zaun erreicht. Charlotte zog eine Plastikdose aus dem Rucksack und stopfte die klein gefalteten Pläne hinein. Mit einem Klacken rastete der Deckel beim Verschließen ein. Nachdem sie den Peilsender, der im Boden des Behälters eingelassen war, aktiviert hatte, warf sie die Spionagedose in hohem Bogen über den Zaun in den Sumpf vor der Küste von Merritt Island. Ihr Wurf war kraftvoll, und vielleicht erreichte die Dose bereits den Schilfgürtel, der hier hoch aufragte und das Land vom Atlantik trennte.
Ihr Auftrag war erledigt. Auf Heimlichkeit konnte sie nun verzichten.
Charlotte trabte zurück und gelangte ohne Probleme in das Wohngebäude. Im dortigen Kommunikationsraum bat sie den diensthabenden Offizier um ein Gespräch mit dem Sicherheitschef.
„Mr Douglas schläft“, erhielt sie als Antwort, noch bevor der Mann überhaupt Anstalten machte, ihrem Wunsch nachzukommen.
Charlotte lächelte vergnügt. Sie fühlte sich wohl. „Glauben Sie mir, er wird in diesem Fall nichts dagegen einzuwenden haben, geweckt zu werden.“
Sie hatte eine Spur der Zerstörung hinterlassen - das Schloss im Schuppen, die Betonwand zwischen den Schächten, das baumelnde Gitter im Tresorraum. Aber kleinere Beschädigungen - und Charlotte hielt das, was sie getan hatte, für vertretbar - waren ihr erlaubt worden. Ein feindlicher Spion würde auch nicht sonderlich rücksichtsvoll vorgehen, um an das heranzukommen, was er zu beschaffen gedachte.
Zwei Stunden später verließ Charlotte das Büro des Sicherheitschefs. Douglas war zuerst ob der Störung ungehalten gewesen, aber Charlotte hatte ihn mit freundlichen Worten, in denen Triumph mitschwang, überzeugen können, sie zu empfangen. Dann hatte sie ihm berichtet, wo er die gestohlenen Pseudopläne finden konnte. Douglas hatte sofort einen Bergungstrupp losgeschickt, dann Charlotte aber langatmig und mit lauter Stimme Vorhaltungen gemacht wegen dieser, wie er fand, unnötigen Komplikation. Sie hätte doch einfach die Pläne am Tage durch das Tor heraustragen können.
Charlotte hatte nichts erwidert und die Tirade einfach nur weggelächelt. Sie war zufrieden mit sich und ihrer Arbeit. Douglas hatte, nachdem er sich wieder beruhigt hatte, sofort eine Konferenz der höchsten Sicherheitsexperten einberufen und den Beginn auf 7 a.m. gelegt. Auch das FBI würde einen Vertreter schicken, und Charlotte würde ihr Vorgehen noch einmal genauestens erläutern müssen.
Nach dem Gespräch ließ sie sich wieder zum Wohngebäude fahren.
Auch in dieser Nacht würde sie nicht viel Schlaf finden, außerdem war sie noch sehr aufgekratzt. Sie verspürte ungewöhnlich viel Stolz darauf, was sie geleistet hatte, und das ganz ohne ihre Gabe. Die nächsten Tage würde sie nun nur noch die Astronautenanwärterin spielen müssen. Sie konnte alles auf sich zukommen lassen und die besondere Atmosphäre im NASA-Stützpunkt genießen. Denn mit dem Start von SPACE-LASER stand ein Meilenstein in der Eroberung des Weltraums bevor.
***
Am späten Vormittag des Folgetages, nachdem Charlotte die Sitzung der Sicherheitsleute verlassen hatte, stand für sie und zwei ihrer Mitbewerber Pressearbeit auf dem Programm. Die drei wurden einer Reisegruppe zugeteilt und standen ihnen im letzten Teil der Führung Rede und Antwort: wie es sich so anfühlte, bald Astronaut zu sein; warum sie sich dafür entschieden hatten und andere Fragen, deren Antworten sich Charlotte nicht selten ausdenken musste.
Schließlich kam die heutige Gruppe zum Highlight des Tages: die Montagehalle für Raketen. Ehrfürchtig staunten die Touristen, als sie das riesenhafte Gebäude, das mehrere hundert Fuß in die Höhe ragte, aus der Nähe betrachteten.
„Meine Damen und Herren“, sagte der Reiseleiter, „wir haben heute die einmalige Chance, den Transport einer Rakete zum Startplatz hautnah zu verfolgen.“ Er wandte sich an den NASA-Mitarbeiter neben ihm. „Bitte, Mr Collins.“
Der in einen blauen Overall mit NASA-Emblem gekleidete Mann mit dem militärisch kurzen Haar erklärte: „Der Start des Wettersatelliten wurde um zwei Tage vorgezogen. Die Startbedingungen, insbesondere die klimatischen, sind in den nächsten Tagen optimal. Es erlaubt uns einen direkteren Anflug auf die Zielumlaufbahn. Das spart Treibstoff und ist demzufolge kostengünstiger.“
Die Menschengruppe bog um eine Ecke und konnte nun durch ein offenes, breites Tor direkt in das Innere der Halle sehen. Ein vielstimmiges „Wow!“ erklang, als die Blicke auf die schlanke, weiß-schwarze Rakete fielen.
„Eine SATURN“, erklärte der NASA-Mitarbeiter. „Nicht ganz so groß wie die kommende Version, welche in wenigen Jahren Menschen zum Mond bringen wird, eher ihr kleiner Bruder, aber nichtsdestotrotz ein imposanter Anblick.“
Dem konnte Charlotte nur zustimmen. So nahe an eine zum Abschuss bereite Weltraumrakete war auch sie in den bisherigen Tagen des Trainings noch nicht gekommen. Weit ragte die SATURN in die Höhe, doch es blieb noch viel Platz bis zur Decke. In der Halle konnten weit größere Trägerraketen Stufe für Stufe assembliert werden.
„Wo ist der Wettersatellit?“, fragte ein kleiner Junge.
„Ganz oben“, antwortete Collins. „Du siehst ihn nicht. Er ist verkleidet.“ Als er den Blick voller Unverständnis sah, den der Junge ihm zuwarf, führte er mit einem Lächeln weiter aus: „Der ist in einer Art Kiste, damit er beim Aufstieg in den Weltraum nicht kaputt geht. Du kannst ihn leider nicht sehen. Aber er ist direkt unter der langen Spitze, ganz oben.“
Bevor Collins weitere Erläuterungen abgeben konnte, erscholl ein ohrenbetäubendes Hupen. Gleichzeitig begannen viele orangefarbene Lampen an den Wänden zu rotieren. Erschrocken blickten sich die Touristen um.
„Das ist nur das Signal, dass der Transport beginnt“, meinte der Reiseleiter. „Kommen Sie bitte alle auf diese Seite der Halle.“
Rasch befolgten die Erwachsenen seine Anordnung, nur die Kinder mussten mit sanfter Gewalt an den Armen herübergezogen werden.
Dann setzte sich die riesige Schlepperraupe in Bewegung. An jeder der vier Ecken besaß sie Gleisketten, wie sie auch Panzer verwendeten. Die SATURN-Rakete thronte auf dieser mobilen Startplattform in rund zwanzig Fuß Höhe über dem Boden. Ebenfalls auf der Plattform stand eine sie haltende Konstruktion, die aussah wie ein Baukran.
Unendlich langsam kroch der Schlepper voran. Die Kinder machten sich einen Spaß daraus, immer von einem Ende zum anderen zu laufen und wieder zurück. Die Erwachsenen folgten in sehr gemächlichem Schritt.
„Das sieht ja aus wie ein Bus“, rief der Junge, der nach dem Satelliten gefragt hatte, und deutete auf die Kabine am vorderen Ende der Raupe, in welcher ein NASA-Ingenieur saß, der zu den vielen Menschen gehörte, die nötig waren, um den Schlepper mit seiner Last überhaupt sicher steuern zu können.
Endlich verließ der Raketencrawler die Montagehalle. Die gleißende Sonne spiegelte sich in der Außenhaut der Rakete.
„Vorsicht!“, rief der Junge und wies nach vorn. „Da liegt ein Stein!“
Collins lachte. „Den können wir ruhig überfahren. Die Raupe wiegt, besonders jetzt, wo sie beladen ist, viele tausend Tonnen. Nur vor größeren Unebenheiten müssen wir etwas verlangsamen. Unser Lasersystem vermisst diese und kann die Plattform an jeder Ecke heben oder senken, sodass die Rakete nicht herunterfällt.“
Aufgrund der sehr geringen Geschwindigkeit von noch unter einer Meile pro Stunde war es allen problemlos möglich, dem Transporter zu folgen und gleichzeitig weiter Fragen zu stellen.
„Warum bauen Sie die Rakete nicht am Startplatz zusammen?“, fragte ein älterer Herr.
Mr Collins antwortete freundlich, obwohl er diese Frage sicherlich schon unzählige Male zuvor beantwortet hatte. „Es ist eine Frage der Logistik. Wir müssen die Stufen der Rakete ja ohnehin zum Startplatz transportieren, wir sparen also nichts im Vergleich zur assemblierten Rakete. Aber wenn wir am Startplatz zusammenbauen, müssten wir danach das gesamte Equipment - die Kräne, welche die einzelnen Raketenstufen heben, die Werkzeuge und alles, was wir sonst noch brauchen, vor dem Start weit wegfahren. Sie alle wissen, dass immense Hitze bei einem Start entsteht. So aber müssen wir nur den Transporter danach zurückfahren und warten. Und dieser ist für die Urgewalten beim Start ausgelegt.“
„Und der Haltekran?“, fragte eine ältere Frau interessiert.
„Sekunden vor dem Start klappt er zur Seite und ist so außerhalb der unmittelbaren Gefahrenzone. Die Rakete steht quasi auf ihrem Feuerstrahl. Daher kann der Haltekran ebenfalls wiederverwendet werden.“
Auch Charlotte lief gemütlich neben dem Crawler her. Seit dem Verlassen der Montagehalle hatte sie keine Frage mehr beantworten müssen. Es war spannender, der Technik beim Arbeiten zuzusehen, als mit angehenden Astronauten zu sprechen. Charlottes Blicke schweiften umher. Diese Raupe war wirklich ein Meisterwerk der Ingenieurskunst. Majestätisch und mächtig, als könnte nichts sie an ihrem Tun hindern, glitten die Raupenketten über den sandigen Boden.
Plötzlich fiel ein heller Lichtstrahl in Charlottes Augen. Rasch blickte sie sich um, doch das Aufblitzen wiederholte sich nicht.
Na, vielleicht ein Fernglas irgendwo auf der Aussichtsplattform, spekulierte sie.
Weiter ging die Fahrt. Die Kinder quengelten. Sie wollten unbedingt einmal um das Gefährt herumrennen, doch ihr Betteln wurde von Collins abschlägig beschieden. Für ein paar Sekunden murrten sie, dann aber nahmen sie ihr Gerenne wieder auf und warteten ein paar Meter von der Maschine entfernt. Ein schon älterer Junge streckte grinsend einen Daumen heraus, als wollte er als Anhalter mitfahren. Die Erwachsenen lachten.
Wieder blitzte etwas, und nun war Charlotte sicher: Es kam vom Crawler. Sie sprach Mr Collins darauf an.
„Ein Lichtreflex?“, fragte er zweifelnd und blickte auf die Gleisketten. „Ich habe nichts bemerkt.“
Doch Charlotte ließ nicht locker. Auf dem Gelände ging ein Spion um, und so war alles zuerst einmal verdächtig. Konzentriert ließ sie ihren Blick über das mehr als hundert Fuß lange Gefährt wandern. Zuerst sah sie nichts Besonderes, nur Metall, dann aber, als sich ihre Aufmerksamkeit auf die untere Hälfte richtete, nahm sie wieder einen schwachen Lichtschimmer wahr.
Etwas leuchtete rot.
Charlotte ging, nach einem fragenden Blick zu Collins, der nickte, näher an den Crawler heran. Die Touristen beachteten die potentielle Astronautin nicht, sie waren nur für einen Moment etwas irritiert, als Collins ihnen bedeutete, weiter Abstand zu wahren. Charlotte aber lief gebückt an dem Raupenfahrzeug entlang. Sobald sie glaubte, etwas Ungewöhnliches zu sehen, verlangsamte sie ihren Schritt und lief parallel zu dem Gefährt. Die ersten Male war es falscher Alarm, aber schließlich hatte sie eine Stelle identifiziert, an der sie ganz eindeutig, wenn auch sehr schwach, etwas rot schimmern sah - allerdings nur aus einem ganz bestimmten Blickwinkel.
Sie winkte Collins herbei. „Sehen Sie, dort unten, zwischen den beiden Stahlstreben, dort ist ein ganz kleiner roter Punkt.“
Collins kniff die Augen zusammen, schirmte mit der Hand das Sonnenlicht ab und ging noch näher an den Crawler heran. Doch er schüttelte den Kopf. „Da ist nichts.“
„Sir“, insistierte Charlotte und senkte ihre Stimme, „würden Sie Mr Douglas kontaktieren?“
Der Mann hob überrascht die Brauen. „Den Sicherheitschef? Wieso das denn?“
Charlotte antwortete nicht. Sie wusste nicht, inwieweit Collins von den Sicherheitsproblemen Kenntnis hatte. So blickte sie den NASA-Mann nur bittend an.
Collins nickte widerstrebend und zog das Funkgerät aus der Schultertasche. „Collins, Crawlerway, Montagehalle an Sicherheitschef Douglas.“
Nach zwei Sekunden knackte es im Lautsprecher. „Hier Funkzentrale. Einen Moment.“
Es dauerte ein wenig, bis endlich die befehlsgewohnte Stimme des Leiters der Sicherheit ertönte. „Douglas hier. Was gibt es?“
„Astronautenanwärterin Carrington, die neben mir steht, glaubt, etwas Verdächtiges am Crawler gesehen zu haben.“
„Können Sie die Beobachtung bestätigen?“
„Negativ. Es sieht alles normal aus.“
Ein paar Sekunden herrschte Stille, dann knackte es wieder. „Geben Sie mir Carrington.“
Collins reichte Charlotte das Funkgerät. Sie berichtete kurz und präzise, während sie sich ein paar Schritte entfernte, sodass Collins sie nicht belauschen konnte. „Sir, mit dem Spion hier auf dem Gelände sollten wir dies nicht ignorieren.“
„Einverstanden. Ich schicke Ihnen ein Team. Weisen Sie es ein. Sie wissen weiter offiziell nichts von einem Sicherheitsproblem. Ende.“
„Natürlich. Ende.“
Charlotte gab Collins das Funksprechgerät zurück und fasste das Gespräch für ihn kurz in Auszügen zusammen. Dann warteten sie, während der Crawler weiter seinen Ziel entgegenkroch. Er würde noch zwei Stunden unterwegs sein.
Nach wenigen Minuten preschte ein Wagen heran, und drei Männer sprangen heraus. Charlotte erklärte ihnen, was sie gesehen hatte und zeigte ihnen die Stelle. Auch jetzt sah nur sie das rote Leuchten. Wahrscheinlich war es für die Augen der anderen einfach zu schwach. Charlotte wunderte sich nur wenig darüber, dass Douglas so schnell reagiert hatte. Seit sie die Pseudopläne erfolgreich gestohlen hatte und so die Sicherheitsvorkehrungen, die maßgeblich von Douglas erarbeitet worden waren, überlistet hatte, hatte sich Douglas' Verhalten ihr gegenüber geändert. Er schien sie nun zu respektieren.
Die drei Männer diskutierten miteinander und ignorierten die neugierigen Blicke der Reisegruppe.
„Anwärterin Carrington, kommen Sie mit“, sagte einer der Sicherheitsoffiziere, als er zur Raupe ging. „Ich werde unter die Plattform kriechen. Sie dirigieren mich.“ Dann wandte er sich an seine beiden Kollegen. „Ihr achtet auf die Raupenketten hinten. Warnt mich, wenn ich zu langsam nach vorn robbe.“
„Sir“, widersprach Charlotte, „ich weiß genau, wo ich hin muss. Lassen Sie mich unter den Crawler.“
Doch der Mann schüttelte den Kopf. „Abgelehnt.“ Er sprach kurz in sein Funkgerät. Wenige Sekunden darauf wurde der Schlepper langsamer und hatte schließlich seine Geschwindigkeit halbiert. Dann ließ sich der Sicherheitsmann in die Hocke herab und kroch auf dem Rücken liegend unter die Raupe.
„Einen Fuß weiter in Fahrtrichtung“, sagte Charlotte, die das rote Leuchten nicht aus den Augen ließ. Einmal verschwand es kurz. Der Sicherheitsmann musste es blockiert haben.
Langsam kroch der Mann weiter, bis nur noch seine Füße hervorragten.
„Noch einen Fuß in Fahrtrichtung“, wies Charlotte an.
Eine halbe Minute geschah nichts. Charlotte sah nur gelegentlich das Aufblitzen einer Taschenlampe, wenn sich das Licht einen Weg zwischen den ganzen Metallteilen hindurch bahnen konnte.
Dann aber kam Bewegung in den Sicherheitsmann. Hastig kroch er unter der Raupe hervor. Sein Gesicht war weiß. Er sprang auf und lief ein paar Schritte vom Crawler weg. Charlotte, Collins und die beiden anderen Sicherheitsleute folgten.
„Deighton an Douglas“, sprach er in sein Funkgerät, ohne den Umstehenden eine Erklärung zu geben.
„Douglas hier. Berichten Sie.“
„Das rote Leuchten, das Anwärterin Carrington gesehen hat, gehört zu einer Ziffernanzeige. Sir, unter dem Crawler klebt ein Explosivkörper, mehrere Dynamitstangen. Wenn man der Anzeige glauben darf, wird hier alles in weniger als einer Stunde hochgehen.“
Aus dem Funkgerät kamen in schneller Folge präzise Anweisungen. Deighton bestätigte und wandte sich an Collins. „Bringen Sie die Reisegruppe fort. Zur Aussichtsplattform, oder besser noch vom Gelände herunter.“
Der NASA-Mitarbeiter nickte und lief zum Reiseleiter. Kurz darauf konnte Charlotte hören, wie dieser sagte: „Das war das Ende unserer heutigen Führung. Der Crawler wird noch mehrere Stunden benötigen. Folgen Sie mir bitte.“
Manche Touristen warfen der kleinen Gruppe, die beisammen stand und sehr angespannt wirkte, fragende Blicke zu, doch das Laufen neben dem Raupenfahrzeug schien ihnen ohnehin schon langweilig geworden zu sein, und so folgten sie der Aufforderung ohne Zögern.
Deighton gab weitere Anweisungen. „Bis ein Entschärfungsteam hier ist, dauert es zu lange. Ich werde die Bombe vom Crawler lösen und wegbringen. Sie ist nur mit Klebeband an einem Querträger befestigt.“
„Und wenn es einen Erschütterungssensor gibt?“, warf sein Kollege ein.
„Sehr unwahrscheinlich. Der Bombenleger muss wissen, dass diese Raupen immense Lasten tragen. Da vibriert immer etwas. Das Ding wäre schon längst hochgegangen, wenn es einen solchen Auslösemechanismus besäße.“
Charlotte überlegte, was sie tun konnte, um zu helfen, die Situation zu bereinigen, aber ihr fiel nichts ein. Auch nicht, wenn sie an ihre Zeichengabe dachte.
Und Deighton schien derselben Ansicht zu sein, denn er befahl ihr, zur Montagehalle zurückzukehren. Als Charlotte zögerte, fügte er hinzu: „Anordnung von Douglas.“
Widerstrebend fügte sie sich, entfernte sich aber nur langsam.
Deighton kroch wieder unter die Raupe. Was er tat, sah Charlotte nicht, aber eine Minute später kam er wieder hervor und hielt einen schwarzen Kasten, der auf Dynamitstangen montiert war, in der Hand. Die Leuchtziffernanzeige war gut zu sehen.
Doch halt, was geschah jetzt?
Die Anzeige flackerte, fiel kurz aus und kam dann wieder. Aus der zuvor angezeigten Dauer 55:12 war nun ein 00:48 geworden!
War diesem Wert zu trauen?
„Der Zeitzünder spinnt!“, schrie Charlotte, so laut sie konnte.
Deighton hörte sie und drehte die Bombe, bis auch er und seine Kollegen auf die Anzeige blicken konnten. Dann rannte er los, auf den Wagen zu, mit dem er gekommen war. Das Dynamit musste weg von der Rakete, denn würde es in deren Nähe explodieren, würde der Treibstoff der SATURN ebenfalls gezündet werden - und das vollkommen unkontrolliert!
Deighton sprang hinter das Steuer und raste los. Sandwolken stoben von den Reifen auf. Charlotte blickte auf ihre Armbanduhr und zählte die Sekunden mit. Kurz bevor es zur Detonation kommen musste, hielt der Wagen, und Deighton sprang heraus. Sein Arm holte aus, um die Bombe wegzuwerfen, doch es war zu spät.
Eine gewaltige Explosion zerriss die Stille über dem Raumfahrtgelände. Ein Feuerball schoss in die Höhe. Dann prallte irgendwo etwas zu Boden. Heiße Luft pfiff an Charlotte vorbei. Als sie die Augen wieder öffnete und sich umdrehte, konnte sie nur noch einen Rauchpilz sehen. Deightons Kollegen rannten zur Unglücksstelle, an der sich aber nichts regte.
Charlotte wusste, was das zu bedeuten hatte. Entweder hatte Deighton sich verrechnet, oder die Bombe war vor der Nullzeit explodiert.
Der Mann hatte seinen Einsatz mit dem Leben bezahlt.
Die Rakete aber blieb unbeschädigt, und der Transporter setzte seinen Weg unbeirrt fort. Die Männer der Steuerungscrew hielten sich an ihre Befehle.
In Charlotte stieg Wut hoch.
Aus dem Spion war ein Saboteur geworden, ein Mörder.
Doch ganz tief in ihrem Innern regten sich erste Zweifel an dieser Theorie. Charlotte war unruhig.
Irgendetwas passte hier nicht zusammen.
***
Die NASA-Leitung hielt die Explosion vor der Öffentlichkeit geheim. Es wurde nur eine kurze Pressemitteilung über einen Testlauf eines Raketenprototyps herausgegeben. Aber da sich der Start des SPACE-LASER-Satelliten näherte, erfuhr diese Meldung auch von der Fachwelt nur wenig Beachtung. Die Ermittlungen liefen auf Hochtouren, hatten aber noch keine Ergebnisse gebracht. Man hatte ein paar Überreste der Sprengvorrichtung gefunden, und überprüfte die Hersteller der Einzelteile.
Charlotte nahm weiterhin am Astronautenauswahlprogramm teil, obwohl ihr Kernauftrag abgeschlossen war. Sie würde regulär, wie alle ungeeigneten Anwärter, demnächst das Auswahlverfahren verlassen. Aber dem Start von SPACE‑LASER wollte sie auf jeden Fall beiwohnen. Zu ihrer Verärgerung hatte Douglas ihrer Bitte, sich aktiv in die Ermittlungen gegen den Spion einbringen zu dürfen, eine Absage erteilt.
(eine Fortsetzung folgt noch)
zu Teil 1