Sprung

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Willibald

Mitglied
Sprung

Es ist schon so, dass ich der einzige Fallschirmspringer über dem Fluss bin und sich die Sekunden dehnen, obwohl es um meine Ohren rauscht. Die metallische Mainschleife da weit unter mir teilt die Stadt in zwei Hälften. Die Altstadt angehäufelt an den Odenwald, die Neustadt wuchert in die Ausläufer des Spessarts. Da ist das Gymnasium zu erkennen, dort unterrichtete der Vater. Deutsch, Englisch und Geschichte. Da ist das Kloster, dessen Bier sehr dunkel und klebrig und stark ist. Eine Labsal, wenn du ein Glas trinkst, aber eine beschämende Hilfe, wenn du so den dumpfen Schlaf suchst, der dir noch übrig bleibt.

Das Rauschen des Fallwindes hält deine Nerven gespannt. Der Fallschirm öffnet sich erst beim zweiten Reißen an der Leine mit einem Ruck und steift dir den Rücken. Du sinkst dann wie eine pendelnde Marionette nach unten. Und schon ist der Vorplatz der sandsteinroten Kirche zu erkennen. Der Aufprall könnte hart sein, aber du fürchtest ihn nicht. Du bist routiniert, du weißt das Tempo zu drosseln und du kannst mit einer tänzelnden Bewegung federnd den Boden berühren, ohne dass du hinschlägst.

Außerdem, da gibt es eine Gasse hinter der Kirche. Sie führt zu einem runden Turm. Es ist nicht so, dass dieser Turm immer zu finden ist. Nein, manchmal wendest du dein Gesicht verzweifelt nach links und nach rechts. Die Fachwerkhäuser scheinen dir vertraut, aber der Turm bleibt verborgen. Suchst du dann - durch die Gasse schreitend - weiter, stehst du plötzlich in einer kotigen Straße, welche die Gasse quert. Kein Asphalt, kein Kopfsteinpflaster. Lehmiger Boden, an manchen Stellen Sand. Dort haben die Mainfischer schon vor hundert Jahren ihre stinkenden Netze im Wind aufgehängt. Und Wagenräder haben ihre Spuren eingedrückt, Schleifspuren in brackigem Lehm, kleine Wasserpfützen, darin kleine Leben.

Also ist es ein großes Glück, wenn du ihn gefunden hast. Ein Turm mit einem Durchmesser von etwa sieben Metern, gemauert aus rotem Sandstein, im ersten Stock ein Cafe. Darin eine Anrichte, ein Servierraum. Darunter im Erdgeschoss drei Fenster mit Vorhängen, wohl eine Wohnung, ganz oben ein Glasdach. Zwei Damen bemuttern dich dort im Cafe, wenn du dich auf den grünen Plüschsessel gesetzt hast bei dem Tisch nahe dem Regal. Ein runder Raum, fensterlos, trotzdem lichterfüllt. Manchmal bist du der einzige Gast. Sie haben dich nicht erwartet, aber sie wissen, wann du kommst. Das gibt Sicherheit. Ein Raum für sich.

Du blickst nach oben. Das Glasdach, zusammengesetzt aus acht Teilen, eingefasst in Eisenstreben, sanftes Licht. Du siehst durch die Scheiben den Himmel über dir. Manchmal ein langsam fliegendes Flugzeug. Sehr weit oben. Die alten Damen servieren dampfende Schokolade in weißen Tassen, eine Nougattorte auf weißem Teller, ihre Gesichter sind rosig, sanfte Gesten, der blaue Teppich dämpft ihre Schritte. Draußen die Stadt ist nur zu ahnen.

Links ein Tisch mit Grammophon, dahinter Schelllackplatten in einem Drahtgitter aufgestellt. In dem Regal Illustrierte aus den Jahren 1910 bis 1920. Du stehst auf, wohlig durchsuchst du den Stapel. Im Regal ganz oben stehen fünf große Bände: "Die Gartenlaube", gebunden in grünem Kaliko. Du findest darin einen Fortsetzungsroman von Theodor Fontane. Da gehörst du hin, denkst du, hierher sehnst du dich, seit du das Cafe zum ersten Mal betratest. Die Damen, der warme, gefüllte Bauch, der Schokoladegeschmack im Mund, die satte Süße, die wohlige Ermattung. Ach, schon immer hast du das gewollt.

Jetzt eine Arbeit der beschaulichen Art. Vor dir die Lektüre, du hast die Ellbogen aufgestützt, Fontane auf großen Blättern im Spaltendruck. Die alten Damen bringen dir Schreibpapier. Du machst Dir Notizen, skizzierst etwas, schreibst ein paar Zeilen. Bruchstücke eines Gedichtes. Du hörst die Musen singen. Passagen einer Erzählung. Du trägst ja einiges mit dir herum, in deinem Kopf.

Allerdings geht es an solchen Tagen nicht immer gut. Nicht nur, dass du die Gasse zwar findest, nicht aber den Turm. Nein schlimmer. Manchmal springst Du aus dem Flugzeug ab, der Fallschirm öffnet sich eben auch beim zweiten Ziehen an der Reißleine nicht und das Glasdach wird immer größer. Du durchbrichst es, ein Splittern um dich, dann ein dumpfer Laut, wenn dein Körper auf den Teppich schlägt.

Allerdings ist das nicht das Ende. Die rundliche Dame mustert die Bescherung auf dem Teppich. Sie schnippst mit den Fingern, der Film läuft plötzlich rückwärts, es zieht, es saugt dich nach oben, das Glasdach setzt sich unter dir wieder zusammen, bis du dich - Stopp! - an deinem Ausgangspunkt befindest.

Du stehst also oben in der Luke des Flugzeugausstiegs und blickst nach unten. Der Turm ist diesmal gut erkennbar. Das Glasdach des Cafes ist so intakt. Du fühlst nach dem Fallschirm auf deinem Rücken, denn du bist bereit zum Absprung.
 

MicM

Mitglied
Hallo Willibald,

danke für den gewagten und temporeichen Sprung. Teilweise bin ich allerdings nicht ganz mitgekommen:

Am Anfang ist der Prot ein "ich" und das "du" wirkt als Ansprache. Später scheint der Text das Erlebte des "du" zu behandeln, wodurch der Prot wechseln würde. Vielleicht hat sich mein Fallschirm auch nicht geöffnet?

Ich würde den Text eher als Kurzprosa einordnen, da mir etwas die Geschichte fehlt.

Bei dem "Stakkato-Stil" und den vielen du-Sätzen tauchte bei mir aus dem Unterbewusstsein während des Lesens zeitweilig die Erinnerung an Duschgel-Werbung auf ("Du willst es. Du kriegst es."). Vielleicht ja ein gewünschter Effekt des Autors?

Trotz (oder wegen) dieser Anmerkungen ein interessanter, "anderer" Text, den ich gern gelesen habe.

Auf bald,
MicM
 

Willibald

Mitglied
Salute, MicM

Danke für die Rückmeldung und die (erste?) Einschätzung.
Könntest Du vielleicht noch mal kurz über den Text gehen und deine Eindrücke zur Situation des Erzählers und des Protagonisten skizzieren. Und die seltsame Ereigniskette mit dem Sprung am Anfang und der Sprungbereitschaft am Ende.

Es wäre für den Schreiber vermutlich hilfreich.

Vale

ww
 

MicM

Mitglied
Hallo Willibald,

ich verstehe den Text wie folgt: Der Prot (und Ich-Erzähler) ist der Fallschirmspringer. Während er an der geöffneten Tür des Flugzeugs steht, kurz vor dem Absprung, schaut er nach unten auf das Städtchen zwischen Odenwald und Spessart, in dem er aufgewachsen ist. Vor seinem geistigen Auge reist er in seine Vergangenheit (Kindheit oder Jugend in den 1920er/1930er) und erinnert sich u.a. an schöne Café-Besuche. Dann vermischt sich die reale Erinnerung mit der Angst, er könne genau in diesem Café eine Bruchladung machen. Dann kommt er wieder zu sich und ist bereit zu springen.

Hierauf beziehen sich meine Anmerkungen. Der letzte Absatz müsste daher aus meiner Sicht wieder in der Ich-Form geschrieben sein.

Du stehst also oben in der Luke des Flugzeugausstiegs und blickst nach unten. Der Turm ist diesmal gut erkennbar. Das Glasdach des Cafes ist so intakt. Du fühlst nach dem Fallschirm auf deinem Rücken, denn du bist bereit zum Absprung.
Ich stehe also oben und blicke nach unten...

Auf bald,
MicM
 

Willibald

Mitglied
Fall. Schirm. Turm.
Der Briefbeschwerer auf dem Schreibtisch meines Vaters, ein Cabochon, Rundstein aus Onyx, der, wenn ich ihn heute anrühre, mir das Gefühl für die Kleinheit meiner Kinderhand zurückgibt.
Botho Strauß: Herkunft. München: dtv 2014


https://up.picr.de/34882775vt.jpg

Es ist schon so, dass ich der einzige Fallschirmspringer über dem Fluss bin und sich die Sekunden dehnen, obwohl es um meine Ohren rauscht. Die metallische Mainschleife da weit unter mir teilt die Stadt in zwei Hälften. Die Altstadt angehäufelt an den Odenwald, die Neustadt wuchert in die Ausläufer des Spessarts. Da ist das Gymnasium zu erkennen, dort unterrichtete der Vater. Deutsch, Englisch und Geschichte. Da ist das Kloster, dessen Bier sehr dunkel und klebrig und stark ist. Eine Labsal, wenn du ein Glas trinkst, aber eine beschämende Hilfe, wenn du so den dumpfen Schlaf suchst, der dir noch übrig bleibt.

Das Rauschen des Fallwindes hält deine Nerven gespannt. Der Fallschirm öffnet sich erst beim zweiten Reißen an der Leine mit einem Ruck und steift dir den Rücken. Du sinkst dann wie eine pendelnde Marionette nach unten. Und schon ist der Vorplatz der sandsteinroten Kirche zu erkennen. Der Aufprall könnte hart sein, aber du fürchtest ihn nicht. Du bist routiniert, du weißt das Tempo zu drosseln und du kannst mit einer tänzelnden Bewegung federnd den Boden berühren, ohne dass du hinschlägst.

Außerdem, da gibt es eine Gasse hinter der Kirche. Sie führt zu einem runden Turm. Es ist nicht so, dass dieser Turm immer zu finden ist. Nein, manchmal wendest du dein Gesicht verzweifelt nach links und nach rechts. Die Fachwerkhäuser scheinen dir vertraut, aber der Turm bleibt verborgen. Suchst du dann - durch die Gasse schreitend - weiter, stehst du plötzlich in einer kotigen Straße, welche die Gasse quert. Kein Asphalt, kein Kopfsteinpflaster. Lehmiger Boden, an manchen Stellen Sand. Dort haben die Mainfischer schon vor hundert Jahren ihre stinkenden Netze im Wind aufgehängt. Und Wagenräder haben ihre Spuren eingedrückt, Schleifspuren in brackigem Lehm, kleine Wasserpfützen, darin kleine Leben.

Also ist es ein großes Glück, wenn du ihn gefunden hast. Ein Turm mit einem Durchmesser von etwa sieben Metern, gemauert aus rotem Sandstein, im ersten Stock ein Cafe. Darin eine Anrichte, ein Servierraum. Darunter im Erdgeschoss drei Fenster mit Vorhängen, wohl eine Wohnung, ganz oben ein Glasdach. Zwei Damen bemuttern dich dort im Cafe, wenn du dich auf den grünen Plüschsessel gesetzt hast bei dem Tisch nahe dem Regal. Ein runder Raum, fensterlos, trotzdem lichterfüllt. Manchmal bist du der einzige Gast. Sie haben dich nicht erwartet, aber sie wissen, wann du kommst. Das gibt Sicherheit. Ein Raum für sich.

Du blickst nach oben. Das Glasdach, zusammengesetzt aus acht Teilen, eingefasst in Eisenstreben, sanftes Licht. Du siehst durch die Scheiben den Himmel über dir. Manchmal ein langsam fliegendes Flugzeug. Sehr weit oben. Die alten Damen servieren dampfende Schokolade in weißen Tassen, eine Nougattorte auf weißem Teller, ihre Gesichter sind rosig, sanfte Gesten, der blaue Teppich dämpft ihre Schritte. Draußen die Stadt ist nur zu ahnen.

Links ein Tisch mit Grammophon, dahinter Schelllackplatten in einem Drahtgitter aufgestellt. In dem Regal Illustrierte aus den Jahren 1910 bis 1920. Du stehst auf, wohlig durchsuchst du den Stapel. Im Regal ganz oben stehen fünf große Bände: "Die Gartenlaube", gebunden in grünem Kaliko. Du findest darin einen Fortsetzungsroman von Theodor Fontane. Da gehörst du hin, denkst du, hierher sehnst du dich, seit du das Cafe zum ersten Mal betratest. Die Damen, der warme, gefüllte Bauch, der Schokoladegeschmack im Mund, die satte Süße, die wohlige Ermattung. Ach, schon immer hast du das gewollt.

Jetzt eine Arbeit der beschaulichen Art. Vor dir die Lektüre, du hast die Ellbogen aufgestützt, Fontane auf großen Blättern im Spaltendruck. Die alten Damen bringen dir Schreibpapier. Du machst Dir Notizen, skizzierst etwas, schreibst ein paar Zeilen. Bruchstücke eines Gedichtes. Du hörst die Musen singen. Passagen einer Erzählung. Du trägst ja einiges mit dir herum, in deinem Kopf.

Allerdings geht es an solchen Tagen nicht immer gut. Nicht nur, dass du die Gasse zwar findest, nicht aber den Turm. Nein schlimmer. Manchmal springst Du aus dem Flugzeug ab, der Fallschirm öffnet sich eben auch beim zweiten Ziehen an der Reißleine nicht und das Glasdach wird immer größer. Du durchbrichst es, ein Splittern um dich, dann ein dumpfer Laut, wenn dein Körper auf den Teppich schlägt.

Allerdings ist das nicht das Ende. Die rundliche Dame mustert die Bescherung auf dem Teppich. Sie schnippst mit den Fingern, der Film läuft plötzlich rückwärts, es zieht, es saugt dich nach oben, das Glasdach setzt sich unter dir wieder zusammen, bis du dich - Stopp! - an deinem Ausgangspunkt befindest.

Du stehst also oben in der Luke des Flugzeugausstiegs und blickst nach unten. Der Turm ist diesmal gut erkennbar. Das Glasdach des Cafes ist so intakt. Du fühlst nach dem Fallschirm auf deinem Rücken, denn du bist bereit zum Absprung.
 

Willibald

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Fall. Schirm. Turm.
Der Briefbeschwerer auf dem Schreibtisch meines Vaters, ein Cabochon, Rundstein aus Onyx, der, wenn ich ihn heute anrühre, mir das Gefühl für die Kleinheit meiner Kinderhand zurückgibt.
Botho Strauß: Herkunft. München: dtv 2014


Es ist schon so, dass ich der einzige Fallschirmspringer über dem Fluss bin und sich die Sekunden dehnen, obwohl es um meine Ohren rauscht. Die metallische Mainschleife da weit unter mir teilt die Stadt in zwei Hälften. Die Altstadt angehäufelt an den Odenwald, die Neustadt wuchert in die Ausläufer des Spessarts. Da ist das Gymnasium zu erkennen, dort unterrichtete der Vater. Deutsch, Englisch und Geschichte. Da ist das Kloster, dessen Bier sehr dunkel und klebrig und stark ist. Eine Labsal, wenn du ein Glas trinkst, aber eine beschämende Hilfe, wenn du so den dumpfen Schlaf suchst, der dir noch übrig bleibt.

Das Rauschen des Fallwindes hält deine Nerven gespannt. Der Fallschirm öffnet sich erst beim zweiten Reißen an der Leine mit einem Ruck und steift dir den Rücken. Du sinkst dann wie eine pendelnde Marionette nach unten. Und schon ist der Vorplatz der sandsteinroten Kirche zu erkennen. Der Aufprall könnte hart sein, aber du fürchtest ihn nicht. Du bist routiniert, du weißt das Tempo zu drosseln und du kannst mit einer tänzelnden Bewegung federnd den Boden berühren, ohne dass du hinschlägst.

Außerdem, da gibt es eine Gasse hinter der Kirche. Sie führt zu einem runden Turm. Es ist nicht so, dass dieser Turm immer zu finden ist. Nein, manchmal wendest du dein Gesicht verzweifelt nach links und nach rechts. Die Fachwerkhäuser scheinen dir vertraut, aber der Turm bleibt verborgen. Suchst du dann - durch die Gasse schreitend - weiter, stehst du plötzlich in einer kotigen Straße, welche die Gasse quert. Kein Asphalt, kein Kopfsteinpflaster. Lehmiger Boden, an manchen Stellen Sand. Dort haben die Mainfischer schon vor hundert Jahren ihre stinkenden Netze im Wind aufgehängt. Und Wagenräder haben ihre Spuren eingedrückt, Schleifspuren in brackigem Lehm, kleine Wasserpfützen, darin kleine Leben.

Also ist es ein großes Glück, wenn du ihn gefunden hast. Ein Turm mit einem Durchmesser von etwa sieben Metern, gemauert aus rotem Sandstein, im ersten Stock ein Cafe. Darin eine Anrichte, ein Servierraum. Darunter im Erdgeschoss drei Fenster mit Vorhängen, wohl eine Wohnung, ganz oben ein Glasdach. Zwei Damen bemuttern dich dort im Cafe, wenn du dich auf den grünen Plüschsessel gesetzt hast bei dem Tisch nahe dem Regal. Ein runder Raum, fensterlos, trotzdem lichterfüllt. Manchmal bist du der einzige Gast. Sie haben dich nicht erwartet, aber sie wissen, wann du kommst. Das gibt Sicherheit. Ein Raum für sich.

Du blickst nach oben. Das Glasdach, zusammengesetzt aus acht Teilen, eingefasst in Eisenstreben, sanftes Licht. Du siehst durch die Scheiben den Himmel über dir. Manchmal ein langsam fliegendes Flugzeug. Sehr weit oben. Die alten Damen servieren dampfende Schokolade in weißen Tassen, eine Nougattorte auf weißem Teller, ihre Gesichter sind rosig, sanfte Gesten, der blaue Teppich dämpft ihre Schritte. Draußen die Stadt ist nur zu ahnen.

Links ein Tisch mit Grammophon, dahinter Schelllackplatten in einem Drahtgitter aufgestellt. In dem Regal Illustrierte aus den Jahren 1910 bis 1920. Du stehst auf, wohlig durchsuchst du den Stapel. Im Regal ganz oben stehen fünf große Bände: "Die Gartenlaube", gebunden in grünem Kaliko. Du findest darin einen Fortsetzungsroman von Theodor Fontane. Da gehörst du hin, denkst du, hierher sehnst du dich, seit du das Cafe zum ersten Mal betratest. Die Damen, der warme, gefüllte Bauch, der Schokoladegeschmack im Mund, die satte Süße, die wohlige Ermattung. Ach, schon immer hast du das gewollt.

Jetzt eine Arbeit der beschaulichen Art. Vor dir die Lektüre, du hast die Ellbogen aufgestützt, Fontane auf großen Blättern im Spaltendruck. Die alten Damen bringen dir Schreibpapier. Du machst Dir Notizen, skizzierst etwas, schreibst ein paar Zeilen. Bruchstücke eines Gedichtes. Du hörst die Musen singen. Passagen einer Erzählung. Du trägst ja einiges mit dir herum, in deinem Kopf.

Allerdings geht es an solchen Tagen nicht immer gut. Nicht nur, dass du die Gasse zwar findest, nicht aber den Turm. Nein schlimmer. Manchmal springst Du aus dem Flugzeug ab, der Fallschirm öffnet sich eben auch beim zweiten Ziehen an der Reißleine nicht und das Glasdach wird immer größer. Du durchbrichst es, ein Splittern um dich, dann ein dumpfer Laut, wenn dein Körper auf den Teppich schlägt.

Allerdings ist das nicht das Ende. Die rundliche Dame mustert die Bescherung auf dem Teppich. Sie schnippst mit den Fingern, der Film läuft plötzlich rückwärts, es zieht, es saugt dich nach oben, das Glasdach setzt sich unter dir wieder zusammen, bis du dich - Stopp! - an deinem Ausgangspunkt befindest.

Du stehst also oben in der Luke des Flugzeugausstiegs und blickst nach unten. Der Turm ist diesmal gut erkennbar. Das Glasdach des Cafes ist so intakt. Du fühlst nach dem Fallschirm auf deinem Rücken, denn du bist bereit zum Absprung.
 

Willibald

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Fall. Schirm. Turm.
Der Briefbeschwerer auf dem Schreibtisch meines Vaters, ein Cabochon, Rundstein aus Onyx, der, wenn ich ihn heute anrühre, mir das Gefühl für die Kleinheit meiner Kinderhand zurückgibt.
Botho Strauß: Herkunft. München: dtv 2014


[center ]https://up.picr.de/34882775vt.jpg[/center]

Es ist schon so, dass ich der einzige Fallschirmspringer über dem Fluss bin und sich die Sekunden dehnen, obwohl es um meine Ohren rauscht. Die metallische Mainschleife da weit unter mir teilt die Stadt in zwei Hälften. Die Altstadt angehäufelt an den Odenwald, die Neustadt wuchert in die Ausläufer des Spessarts. Da ist das Gymnasium zu erkennen, dort unterrichtete der Vater. Deutsch, Englisch und Geschichte. Da ist das Kloster, dessen Bier sehr dunkel und klebrig und stark ist. Eine Labsal, wenn du ein Glas trinkst, aber eine beschämende Hilfe, wenn du so den dumpfen Schlaf suchst, der dir noch übrig bleibt.

Das Rauschen des Fallwindes hält deine Nerven gespannt. Der Fallschirm öffnet sich erst beim zweiten Reißen an der Leine mit einem Ruck und steift dir den Rücken. Du sinkst dann wie eine pendelnde Marionette nach unten. Und schon ist der Vorplatz der sandsteinroten Kirche zu erkennen. Der Aufprall könnte hart sein, aber du fürchtest ihn nicht. Du bist routiniert, du weißt das Tempo zu drosseln und du kannst mit einer tänzelnden Bewegung federnd den Boden berühren, ohne dass du hinschlägst.

Außerdem, da gibt es eine Gasse hinter der Kirche. Sie führt zu einem runden Turm. Es ist nicht so, dass dieser Turm immer zu finden ist. Nein, manchmal wendest du dein Gesicht verzweifelt nach links und nach rechts. Die Fachwerkhäuser scheinen dir vertraut, aber der Turm bleibt verborgen. Suchst du dann - durch die Gasse schreitend - weiter, stehst du plötzlich in einer kotigen Straße, welche die Gasse quert. Kein Asphalt, kein Kopfsteinpflaster. Lehmiger Boden, an manchen Stellen Sand. Dort haben die Mainfischer schon vor hundert Jahren ihre stinkenden Netze im Wind aufgehängt. Und Wagenräder haben ihre Spuren eingedrückt, Schleifspuren in brackigem Lehm, kleine Wasserpfützen, darin kleine Leben.

Also ist es ein großes Glück, wenn du ihn gefunden hast. Ein Turm mit einem Durchmesser von etwa sieben Metern, gemauert aus rotem Sandstein, im ersten Stock ein Cafe. Darin eine Anrichte, ein Servierraum. Darunter im Erdgeschoss drei Fenster mit Vorhängen, wohl eine Wohnung, ganz oben ein Glasdach. Zwei Damen bemuttern dich dort im Cafe, wenn du dich auf den grünen Plüschsessel gesetzt hast bei dem Tisch nahe dem Regal. Ein runder Raum, fensterlos, trotzdem lichterfüllt. Manchmal bist du der einzige Gast. Sie haben dich nicht erwartet, aber sie wissen, wann du kommst. Das gibt Sicherheit. Ein Raum für sich.

Du blickst nach oben. Das Glasdach, zusammengesetzt aus acht Teilen, eingefasst in Eisenstreben, sanftes Licht. Du siehst durch die Scheiben den Himmel über dir. Manchmal ein langsam fliegendes Flugzeug. Sehr weit oben. Die alten Damen servieren dampfende Schokolade in weißen Tassen, eine Nougattorte auf weißem Teller, ihre Gesichter sind rosig, sanfte Gesten, der blaue Teppich dämpft ihre Schritte. Draußen die Stadt ist nur zu ahnen.

Links ein Tisch mit Grammophon, dahinter Schelllackplatten in einem Drahtgitter aufgestellt. In dem Regal Illustrierte aus den Jahren 1910 bis 1920. Du stehst auf, wohlig durchsuchst du den Stapel. Im Regal ganz oben stehen fünf große Bände: "Die Gartenlaube", gebunden in grünem Kaliko. Du findest darin einen Fortsetzungsroman von Theodor Fontane. Da gehörst du hin, denkst du, hierher sehnst du dich, seit du das Cafe zum ersten Mal betratest. Die Damen, der warme, gefüllte Bauch, der Schokoladegeschmack im Mund, die satte Süße, die wohlige Ermattung. Ach, schon immer hast du das gewollt.

Jetzt eine Arbeit der beschaulichen Art. Vor dir die Lektüre, du hast die Ellbogen aufgestützt, Fontane auf großen Blättern im Spaltendruck. Die alten Damen bringen dir Schreibpapier. Du machst Dir Notizen, skizzierst etwas, schreibst ein paar Zeilen. Bruchstücke eines Gedichtes. Du hörst die Musen singen. Passagen einer Erzählung. Du trägst ja einiges mit dir herum, in deinem Kopf.

Allerdings geht es an solchen Tagen nicht immer gut. Nicht nur, dass du die Gasse zwar findest, nicht aber den Turm. Nein schlimmer. Manchmal springst Du aus dem Flugzeug ab, der Fallschirm öffnet sich eben auch beim zweiten Ziehen an der Reißleine nicht und das Glasdach wird immer größer. Du durchbrichst es, ein Splittern um dich, dann ein dumpfer Laut, wenn dein Körper auf den Teppich schlägt.

Allerdings ist das nicht das Ende. Die rundliche Dame mustert die Bescherung auf dem Teppich. Sie schnippst mit den Fingern, der Film läuft plötzlich rückwärts, es zieht, es saugt dich nach oben, das Glasdach setzt sich unter dir wieder zusammen, bis du dich - Stopp! - an deinem Ausgangspunkt befindest.

Du stehst also oben in der Luke des Flugzeugausstiegs und blickst nach unten. Der Turm ist diesmal gut erkennbar. Das Glasdach des Cafes ist so intakt. Du fühlst nach dem Fallschirm auf deinem Rücken, denn du bist bereit zum Absprung.
 

Willibald

Mitglied
Fall. Schirm. Turm.
Der Briefbeschwerer auf dem Schreibtisch meines Vaters, ein Cabochon, Rundstein aus Onyx, der, wenn ich ihn heute anrühre, mir das Gefühl für die Kleinheit meiner Kinderhand zurückgibt.
Botho Strauß: Herkunft. München: dtv 2014



Es ist schon so, dass ich der einzige Fallschirmspringer über dem Fluss bin und sich die Sekunden dehnen, obwohl es um meine Ohren rauscht. Die metallische Mainschleife da weit unter mir teilt die Stadt in zwei Hälften. Die Altstadt angehäufelt an den Odenwald, die Neustadt wuchert in die Ausläufer des Spessarts. Da ist das Gymnasium zu erkennen, dort unterrichtete der Vater. Deutsch, Englisch und Geschichte. Da ist das Kloster, dessen Bier sehr dunkel und klebrig und stark ist. Eine Labsal, wenn du ein Glas trinkst, aber eine beschämende Hilfe, wenn du so den dumpfen Schlaf suchst, der dir noch übrig bleibt.

Das Rauschen des Fallwindes hält deine Nerven gespannt. Der Fallschirm öffnet sich erst beim zweiten Reißen an der Leine mit einem Ruck und steift dir den Rücken. Du sinkst dann wie eine pendelnde Marionette nach unten. Und schon ist der Vorplatz der sandsteinroten Kirche zu erkennen. Der Aufprall könnte hart sein, aber du fürchtest ihn nicht. Du bist routiniert, du weißt das Tempo zu drosseln und du kannst mit einer tänzelnden Bewegung federnd den Boden berühren, ohne dass du hinschlägst.

Außerdem, da gibt es eine Gasse hinter der Kirche. Sie führt zu einem runden Turm. Es ist nicht so, dass dieser Turm immer zu finden ist. Nein, manchmal wendest du dein Gesicht verzweifelt nach links und nach rechts. Die Fachwerkhäuser scheinen dir vertraut, aber der Turm bleibt verborgen. Suchst du dann - durch die Gasse schreitend - weiter, stehst du plötzlich in einer kotigen Straße, welche die Gasse quert. Kein Asphalt, kein Kopfsteinpflaster. Lehmiger Boden, an manchen Stellen Sand. Dort haben die Mainfischer schon vor hundert Jahren ihre stinkenden Netze im Wind aufgehängt. Und Wagenräder haben ihre Spuren eingedrückt, Schleifspuren in brackigem Lehm, kleine Wasserpfützen, darin kleine Leben.

Also ist es ein großes Glück, wenn du ihn gefunden hast. Ein Turm mit einem Durchmesser von etwa sieben Metern, gemauert aus rotem Sandstein, im ersten Stock ein Cafe. Darin eine Anrichte, ein Servierraum. Darunter im Erdgeschoss drei Fenster mit Vorhängen, wohl eine Wohnung, ganz oben ein Glasdach. Zwei Damen bemuttern dich dort im Cafe, wenn du dich auf den grünen Plüschsessel gesetzt hast bei dem Tisch nahe dem Regal. Ein runder Raum, fensterlos, trotzdem lichterfüllt. Manchmal bist du der einzige Gast. Sie haben dich nicht erwartet, aber sie wissen, wann du kommst. Das gibt Sicherheit. Ein Raum für sich.

Du blickst nach oben. Das Glasdach, zusammengesetzt aus acht Teilen, eingefasst in Eisenstreben, sanftes Licht. Du siehst durch die Scheiben den Himmel über dir. Manchmal ein langsam fliegendes Flugzeug. Sehr weit oben. Die alten Damen servieren dampfende Schokolade in weißen Tassen, eine Nougattorte auf weißem Teller, ihre Gesichter sind rosig, sanfte Gesten, der blaue Teppich dämpft ihre Schritte. Draußen die Stadt ist nur zu ahnen.

Links ein Tisch mit Grammophon, dahinter Schelllackplatten in einem Drahtgitter aufgestellt. In dem Regal Illustrierte aus den Jahren 1910 bis 1920. Du stehst auf, wohlig durchsuchst du den Stapel. Im Regal ganz oben stehen fünf große Bände: "Die Gartenlaube", gebunden in grünem Kaliko. Du findest darin einen Fortsetzungsroman von Theodor Fontane. Da gehörst du hin, denkst du, hierher sehnst du dich, seit du das Cafe zum ersten Mal betratest. Die Damen, der warme, gefüllte Bauch, der Schokoladegeschmack im Mund, die satte Süße, die wohlige Ermattung. Ach, schon immer hast du das gewollt.

Jetzt eine Arbeit der beschaulichen Art. Vor dir die Lektüre, du hast die Ellbogen aufgestützt, Fontane auf großen Blättern im Spaltendruck. Die alten Damen bringen dir Schreibpapier. Du machst Dir Notizen, skizzierst etwas, schreibst ein paar Zeilen. Bruchstücke eines Gedichtes. Du hörst die Musen singen. Passagen einer Erzählung. Du trägst ja einiges mit dir herum, in deinem Kopf.

Allerdings geht es an solchen Tagen nicht immer gut. Nicht nur, dass du die Gasse zwar findest, nicht aber den Turm. Nein schlimmer. Manchmal springst Du aus dem Flugzeug ab, der Fallschirm öffnet sich eben auch beim zweiten Ziehen an der Reißleine nicht und das Glasdach wird immer größer. Du durchbrichst es, ein Splittern um dich, dann ein dumpfer Laut, wenn dein Körper auf den Teppich schlägt.

Allerdings ist das nicht das Ende. Die rundliche Dame mustert die Bescherung auf dem Teppich. Sie schnippst mit den Fingern, der Film läuft plötzlich rückwärts, es zieht, es saugt dich nach oben, das Glasdach setzt sich unter dir wieder zusammen, bis du dich - Stopp! - an deinem Ausgangspunkt befindest.

Du stehst also oben in der Luke des Flugzeugausstiegs und blickst nach unten. Der Turm ist diesmal gut erkennbar. Das Glasdach des Cafes ist so intakt. Du fühlst nach dem Fallschirm auf deinem Rücken, denn du bist bereit zum Absprung.
 

Willibald

Mitglied
Fall. Schirm. Turm.

Der Briefbeschwerer auf dem Schreibtisch meines Vaters, ein Cabochon, Rundstein aus Onyx, der, wenn ich ihn heute anrühre, mir das Gefühl für die Kleinheit meiner Kinderhand zurückgibt.
Botho Strauß: Herkunft. München: dtv 2014



Es ist schon so, dass ich der einzige Fallschirmspringer über dem Fluss bin und sich die Sekunden dehnen, obwohl es um meine Ohren rauscht. Die metallische Mainschleife da weit unter mir teilt die Stadt in zwei Hälften. Die Altstadt angehäufelt an den Odenwald, die Neustadt wuchert in die Ausläufer des Spessarts. Da ist das Gymnasium zu erkennen, dort unterrichtete der Vater. Deutsch, Englisch und Geschichte. Da ist das Kloster, dessen Bier sehr dunkel und klebrig und stark ist. Eine Labsal, wenn du ein Glas trinkst, aber eine beschämende Hilfe, wenn du so den dumpfen Schlaf suchst, der dir noch übrig bleibt.

Das Rauschen des Fallwindes hält deine Nerven gespannt. Der Fallschirm öffnet sich erst beim zweiten Reißen an der Leine mit einem Ruck und steift dir den Rücken. Du sinkst dann wie eine pendelnde Marionette nach unten. Und schon ist der Vorplatz der sandsteinroten Kirche zu erkennen. Der Aufprall könnte hart sein, aber du fürchtest ihn nicht. Du bist routiniert, du weißt das Tempo zu drosseln und du kannst mit einer tänzelnden Bewegung federnd den Boden berühren, ohne dass du hinschlägst.

Außerdem, da gibt es eine Gasse hinter der Kirche. Sie führt zu einem runden Turm. Es ist nicht so, dass dieser Turm immer zu finden ist. Nein, manchmal wendest du dein Gesicht verzweifelt nach links und nach rechts. Die Fachwerkhäuser scheinen dir vertraut, aber der Turm bleibt verborgen. Suchst du dann - durch die Gasse schreitend - weiter, stehst du plötzlich in einer kotigen Straße, welche die Gasse quert. Kein Asphalt, kein Kopfsteinpflaster. Lehmiger Boden, an manchen Stellen Sand. Dort haben die Mainfischer schon vor hundert Jahren ihre stinkenden Netze im Wind aufgehängt. Und Wagenräder haben ihre Spuren eingedrückt, Schleifspuren in brackigem Lehm, kleine Wasserpfützen, darin kleine Leben.

Also ist es ein großes Glück, wenn du ihn gefunden hast. Ein Turm mit einem Durchmesser von etwa sieben Metern, gemauert aus rotem Sandstein, im ersten Stock ein Cafe. Darin eine Anrichte, ein Servierraum. Darunter im Erdgeschoss drei Fenster mit Vorhängen, wohl eine Wohnung, ganz oben ein Glasdach. Zwei Damen bemuttern dich dort im Cafe, wenn du dich auf den grünen Plüschsessel gesetzt hast bei dem Tisch nahe dem Regal. Ein runder Raum, fensterlos, trotzdem lichterfüllt. Manchmal bist du der einzige Gast. Sie haben dich nicht erwartet, aber sie wissen, wann du kommst. Das gibt Sicherheit. Ein Raum für sich.

Du blickst nach oben. Das Glasdach, zusammengesetzt aus acht Teilen, eingefasst in Eisenstreben, sanftes Licht. Du siehst durch die Scheiben den Himmel über dir. Manchmal ein langsam fliegendes Flugzeug. Sehr weit oben. Die alten Damen servieren dampfende Schokolade in weißen Tassen, eine Nougattorte auf weißem Teller, ihre Gesichter sind rosig, sanfte Gesten, der blaue Teppich dämpft ihre Schritte. Draußen die Stadt ist nur zu ahnen.

Links ein Tisch mit Grammophon, dahinter Schelllackplatten in einem Drahtgitter aufgestellt. In dem Regal Illustrierte aus den Jahren 1910 bis 1920. Du stehst auf, wohlig durchsuchst du den Stapel. Im Regal ganz oben stehen fünf große Bände: "Die Gartenlaube", gebunden in grünem Kaliko. Du findest darin einen Fortsetzungsroman von Theodor Fontane. Da gehörst du hin, denkst du, hierher sehnst du dich, seit du das Cafe zum ersten Mal betratest. Die Damen, der warme, gefüllte Bauch, der Schokoladegeschmack im Mund, die satte Süße, die wohlige Ermattung. Ach, schon immer hast du das gewollt.

Jetzt eine Arbeit der beschaulichen Art. Vor dir die Lektüre, du hast die Ellbogen aufgestützt, Fontane auf großen Blättern im Spaltendruck. Die alten Damen bringen dir Schreibpapier. Du machst Dir Notizen, skizzierst etwas, schreibst ein paar Zeilen. Bruchstücke eines Gedichtes. Du hörst die Musen singen. Passagen einer Erzählung. Du trägst ja einiges mit dir herum, in deinem Kopf.

Allerdings geht es an solchen Tagen nicht immer gut. Nicht nur, dass du die Gasse zwar findest, nicht aber den Turm. Nein schlimmer. Manchmal springst Du aus dem Flugzeug ab, der Fallschirm öffnet sich eben auch beim zweiten Ziehen an der Reißleine nicht und das Glasdach wird immer größer. Du durchbrichst es, ein Splittern um dich, dann ein dumpfer Laut, wenn dein Körper auf den Teppich schlägt.

Allerdings ist das nicht das Ende. Die rundliche Dame mustert die Bescherung auf dem Teppich. Sie schnippst mit den Fingern, der Film läuft plötzlich rückwärts, es zieht, es saugt dich nach oben, das Glasdach setzt sich unter dir wieder zusammen, bis du dich - Stopp! - an deinem Ausgangspunkt befindest.

Du stehst also oben in der Luke des Flugzeugausstiegs und blickst nach unten. Der Turm ist diesmal gut erkennbar. Das Glasdach des Cafes ist so intakt. Du fühlst nach dem Fallschirm auf deinem Rücken, denn du bist bereit zum Absprung.
 

Willibald

Mitglied
Fall. Schirm. Turm.


Der Briefbeschwerer auf dem Schreibtisch meines Vaters, ein Cabochon, Rundstein aus Onyx, der, wenn ich ihn heute anrühre, mir das Gefühl für die Kleinheit meiner Kinderhand zurückgibt.
Botho Strauß: Herkunft. München: dtv 2014


Es ist schon so, dass ich der einzige Fallschirmspringer über dem Fluss bin und sich die Sekunden dehnen, obwohl es um meine Ohren rauscht. Die metallische Mainschleife da weit unter mir teilt die Stadt in zwei Hälften. Die Altstadt angehäufelt an den Odenwald, die Neustadt wuchert in die Ausläufer des Spessarts. Da ist das Gymnasium zu erkennen, dort unterrichtete der Vater. Deutsch, Englisch und Geschichte. Da ist das Kloster, dessen Bier sehr dunkel und klebrig und stark ist. Eine Labsal, wenn du ein Glas trinkst, aber eine beschämende Hilfe, wenn du so den dumpfen Schlaf suchst, der dir noch übrig bleibt.

Das Rauschen des Fallwindes hält deine Nerven gespannt. Der Fallschirm öffnet sich erst beim zweiten Reißen an der Leine mit einem Ruck und steift dir den Rücken. Du sinkst dann wie eine pendelnde Marionette nach unten. Und schon ist der Vorplatz der sandsteinroten Kirche zu erkennen. Der Aufprall könnte hart sein, aber du fürchtest ihn nicht. Du bist routiniert, du weißt das Tempo zu drosseln und du kannst mit einer tänzelnden Bewegung federnd den Boden berühren, ohne dass du hinschlägst.

Außerdem, da gibt es eine Gasse hinter der Kirche. Sie führt zu einem runden Turm. Es ist nicht so, dass dieser Turm immer zu finden ist. Nein, manchmal wendest du dein Gesicht verzweifelt nach links und nach rechts. Die Fachwerkhäuser scheinen dir vertraut, aber der Turm bleibt verborgen. Suchst du dann - durch die Gasse schreitend - weiter, stehst du plötzlich in einer kotigen Straße, welche die Gasse quert. Kein Asphalt, kein Kopfsteinpflaster. Lehmiger Boden, an manchen Stellen Sand. Dort haben die Mainfischer schon vor hundert Jahren ihre stinkenden Netze im Wind aufgehängt. Und Wagenräder haben ihre Spuren eingedrückt, Schleifspuren in brackigem Lehm, kleine Wasserpfützen, darin kleine Leben.

Also ist es ein großes Glück, wenn du ihn gefunden hast. Ein Turm mit einem Durchmesser von etwa sieben Metern, gemauert aus rotem Sandstein, im ersten Stock ein Cafe. Darin eine Anrichte, ein Servierraum. Darunter im Erdgeschoss drei Fenster mit Vorhängen, wohl eine Wohnung, ganz oben ein Glasdach. Zwei Damen bemuttern dich dort im Cafe, wenn du dich auf den grünen Plüschsessel gesetzt hast bei dem Tisch nahe dem Regal. Ein runder Raum, fensterlos, trotzdem lichterfüllt. Manchmal bist du der einzige Gast. Sie haben dich nicht erwartet, aber sie wissen, wann du kommst. Das gibt Sicherheit. Ein Raum für sich.

Du blickst nach oben. Das Glasdach, zusammengesetzt aus acht Teilen, eingefasst in Eisenstreben, sanftes Licht. Du siehst durch die Scheiben den Himmel über dir. Manchmal ein langsam fliegendes Flugzeug. Sehr weit oben. Die alten Damen servieren dampfende Schokolade in weißen Tassen, eine Nougattorte auf weißem Teller, ihre Gesichter sind rosig, sanfte Gesten, der blaue Teppich dämpft ihre Schritte. Draußen die Stadt ist nur zu ahnen.

Links ein Tisch mit Grammophon, dahinter Schelllackplatten in einem Drahtgitter aufgestellt. In dem Regal Illustrierte aus den Jahren 1910 bis 1920. Du stehst auf, wohlig durchsuchst du den Stapel. Im Regal ganz oben stehen fünf große Bände: "Die Gartenlaube", gebunden in grünem Kaliko. Du findest darin einen Fortsetzungsroman von Theodor Fontane. Da gehörst du hin, denkst du, hierher sehnst du dich, seit du das Cafe zum ersten Mal betratest. Die Damen, der warme, gefüllte Bauch, der Schokoladegeschmack im Mund, die satte Süße, die wohlige Ermattung. Ach, schon immer hast du das gewollt.

Jetzt eine Arbeit der beschaulichen Art. Vor dir die Lektüre, du hast die Ellbogen aufgestützt, Fontane auf großen Blättern im Spaltendruck. Die alten Damen bringen dir Schreibpapier. Du machst Dir Notizen, skizzierst etwas, schreibst ein paar Zeilen. Bruchstücke eines Gedichtes. Du hörst die Musen singen. Passagen einer Erzählung. Du trägst ja einiges mit dir herum, in deinem Kopf.

Allerdings geht es an solchen Tagen nicht immer gut. Nicht nur, dass du die Gasse zwar findest, nicht aber den Turm. Nein schlimmer. Manchmal springst Du aus dem Flugzeug ab, der Fallschirm öffnet sich eben auch beim zweiten Ziehen an der Reißleine nicht und das Glasdach wird immer größer. Du durchbrichst es, ein Splittern um dich, dann ein dumpfer Laut, wenn dein Körper auf den Teppich schlägt.

Allerdings ist das nicht das Ende. Die rundliche Dame mustert die Bescherung auf dem Teppich. Sie schnippst mit den Fingern, der Film läuft plötzlich rückwärts, es zieht, es saugt dich nach oben, das Glasdach setzt sich unter dir wieder zusammen, bis du dich - Stopp! - an deinem Ausgangspunkt befindest.

Du stehst also oben in der Luke des Flugzeugausstiegs und blickst nach unten. Der Turm ist diesmal gut erkennbar. Das Glasdach des Cafes ist so intakt. Du fühlst nach dem Fallschirm auf deinem Rücken, denn du bist bereit zum Absprung.
 
Geschätzter Willibald,

den bemerkenswerten, leicht verrätselten Text habe ich schon vor Tagen gelesen und beteilige mich nun gern an dem begonnenen Rätselraten. Mir erscheint die Handlung surreal. Kann man tatsächlich per Fallschirm in diesen Teil der Miltenberger Altstadt hinunterspringen? Das würde mich doch sehr wundern. Ich gehe daher eher von einer Traumszenerie aus, evtl. auch von einem Halbtraum, vermischt mit aufsteigenden Erinnerungen, wie man sie morgens halbwach im Bett liegend haben kann. (In diesem Fall sind die Bruchstücke im Text effektvoll zusammengesetzt.) Das Thema Schlaf und Schlaflosigkeit wird ja schon im ersten Absatz kurz angesprochen.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

Willibald

Mitglied
Salute MicM!

Danke für die Rückmeldung. Habe jetzt den Text im Eingang etwas deutlicher mit einem psychologischen Frame zu unterlegen versucht. Und ein entsprechendes Bild (zum Anklicken), nun ja, "eingepflegt".

Bitte jetzt das hier nicht als arrogantes Zitieren missverstehen. Die "Du-Perspektive", sie ist aus guten Gründen sehr selten, scheint mir was Besonders zu sein und daher der Versuch, damit herumzuprobieren. Vielleicht anregend?

NARRATIVE. SECOND-PERSON NARRATION

Definitionsskizze

A story in which the protagonist is referred to by the pronoun you. Second-person stories can be homodiegetic (protagonist and *narrator being identical) or heterodiegetic (protagonist and narrator being different).
Routledge Encyclopedia of Narrative Theory . Oxford 2016; S.521f.
Fleming:

„Es ist alles eitel.
Du siehst / wohin du siehst nur Eitelkeit auf Erden."

Der Titel und die erste Zeile des Sonetts enthalten das Thema, die Vergänglichkeit irdischer Elemente, und weisen dem Leser verdeckt einen Sprechpartner zu, der uns in der Welt des Gedichtes die Orientierung liefert: Das latente lyrische Ich spricht den Rezipienten als „Du" an. Vielleicht handelt es sich auch um ein Selbstgespräch des lyrischen Ichs. Das schließt aber ein, dass es nicht nur sich, sondern auch den Rezipienten mit „Du" anredet. Und ihm so besonders nahelegt, in die Imaginationen und die Erlebniswelt des „Protagonisten“ sich einzufühlen. Immersion, so sagen die kognitiven Linguischten (sic).
Kafka

In diesem kurzen, eiligen, von einem ungeduldigen Dröhnen begleiteten Leben eine Treppe hinunterlaufen? Das ist unmöglich. Die Dir zugemessene Zeit ist so kurz, daß Du, wenn Du eine Sekunde verlierst, schon Dein ganzes Leben verloren hast, denn es ist nicht länger; es ist immer nur so lang wie die Zeit, die Du verlierst. Hast Du also einen Weg begonnen, setze ihn fort, unter allen Umständen, Du kannst nur gewinnen, Du läufst keine Gefahr, vielleicht wirst Du am Ende abstürzen, hättest Du aber schon nach den ersten Schritten Dich zurückgewendet und wärest die Treppe hinuntergelaufen, wärest Du gleich am Anfang abgestürzt und nicht vielleicht sondern ganz gewiß. Findest Du also nichts hier auf den Gängen, öffne die Türen, findest Du nichts hinter diesen Türen, gibt es neue Stockwerke, findest Du oben nichts, es ist keine Not, schwinge Dich neue Treppen hinauf, solange Du nicht zu steigen aufhörst, hören die Stufen nicht auf, unter Deinen steigenden Füßen, wachsen sie aufwärts.
Christa Wolf

Auf einmal bildeten sich Sätze, die du als brauchbaren Anfang ansahst; jemand war also mit 'du' anzureden. Der Tonfall hatte sich eingestellt [...] Dir war, du hättest nun die Freiheit, über den Stoff zu verfügen.
Je näher uns jemand steht, um so schwieriger scheint es zu sein, Abschließendes über ihn zu sagen, das ist bekannt. Das Kind, das in mir verkrochen war – ist es hervorgekommen? [...] Und die Vergangenheit, die noch Sprachregelungen verfügen, die erste Person in eine zweite und eine dritte spalten konnte – ist ihre Vormacht gebrochen? Werden die Stimmen sich beruhigen? Ich weiß es nicht. Irgendwie muß ich mir derart aus der Haut gefahren sein, daß ich nicht mehr von mir selbst als Person in mir zu denken wünsche.
So sehe ich mich selbst als eine Art mir beobachtbares Subjekt neben mir einhergehen und beginne, über meinen solcherart neuen Nachbarn Gedanken anzustellen. Was ich dabei denke, kommt mir dadurch wichtiger vor, als wenn ich es umweglos direkt über mich selbst dächte. Natürlich ist es sonderbar, daß man über sich selbst wie über einen anderen denken kann, denkst du dir, weil du über die andern noch nie sehr viel zu denken imstande gewesen bist. Aber auch über dich selbst hattest du dir solcherart nie Gedanken gemacht und erst, als du dich als eine Art neutrale Person von dir selbst befreit zu haben glaubtest, wurdest du für dich wieder wichtig, denke ich.
Jay McInerney

IT’S SIX A.M. DO YOU KNOW WHERE YOU ARE?
You are not the kind of guy who would be at a place like this at this time of the morning. But here you are, and you cannot say that the terrain is entirely unfamiliar, although the details are fuzzy. You are at a nightclub talking to a girl with a shaved head. The club is either Heartbreak or the Lizard Lounge. All might come clear if you could just slip into the bathroom and do a little more Bolivian Marching Powder.
Lorrie Moore

How to Be an Other Woman MEET IN EXPENSIVE BEIGE RAINCOATS, on a pea-soupy night. Like a detective movie. First, stand in front of Florsheim’s Fifty-seventh Street window, press your face close to the glass, watch the fake velvet Hummels inside revolving around the wing tips; some white shoes, like your father wears, are propped up with garlands on a small mound of chemical snow. All the stores have closed. You can see your breath on the glass. Draw a peace sign. You are waiting for a bus. He emerges from nowhere, looks like Robert Culp, the fog rolling, then parting, then sort of closing up again behind him. He asks you for a light and you jump a bit, startled, but you give him your “Lucky’s Lounge—Where Leisure Is a Suit” matches. He has a nice chuckle, nice fingernails. He lights the cigarette, cupping his hands around the end, and drags deeply, like a starving man. He smiles as he exhales, returns you the matches, looks at your face, says: “Thanks.”
Vale

ww
 

Willibald

Mitglied
Salute, Arno,

danke für deine Rückmeldung und die kundige Lese der Textsignale.

Beste Grüße an Dich Geschätzten

ww
 

Willibald

Mitglied
Fall. Schirm. Turm.
.negirps.


Der Briefbeschwerer auf dem Schreibtisch meines Vaters, ein Cabochon, Rundstein aus Onyx, der, wenn ich ihn heute anrühre, mir das Gefühl für die Kleinheit meiner Kinderhand zurückgibt.
Botho Strauß: Herkunft. München: dtv 2014


Es ist schon so, dass ich der einzige Fallschirmspringer über dem Fluss bin und sich die Sekunden dehnen, obwohl es um meine Ohren rauscht. Die metallische Mainschleife da weit unter mir teilt die Stadt in zwei Hälften. Die Altstadt angehäufelt an den Odenwald, die Neustadt wuchert in die Ausläufer des Spessarts. Da ist das Gymnasium zu erkennen, dort unterrichtete der Vater. Deutsch, Englisch und Geschichte. Da ist das Kloster, dessen Bier sehr dunkel und klebrig und stark ist. Eine Labsal, wenn du ein Glas trinkst, aber eine beschämende Hilfe, wenn du so den dumpfen Schlaf suchst, der dir noch übrig bleibt.

Das Rauschen des Fallwindes hält deine Nerven gespannt. Der Fallschirm öffnet sich erst beim zweiten Reißen an der Leine mit einem Ruck und steift dir den Rücken. Du sinkst dann wie eine pendelnde Marionette nach unten. Und schon ist der Vorplatz der sandsteinroten Kirche zu erkennen. Der Aufprall könnte hart sein, aber du fürchtest ihn nicht. Du bist routiniert, du weißt das Tempo zu drosseln und du kannst mit einer tänzelnden Bewegung federnd den Boden berühren, ohne dass du hinschlägst.

Außerdem, da gibt es eine Gasse hinter der Kirche. Sie führt zu einem runden Turm. Es ist nicht so, dass dieser Turm immer zu finden ist. Nein, manchmal wendest du dein Gesicht verzweifelt nach links und nach rechts. Die Fachwerkhäuser scheinen dir vertraut, aber der Turm bleibt verborgen. Suchst du dann - durch die Gasse schreitend - weiter, stehst du plötzlich in einer kotigen Straße, welche die Gasse quert. Kein Asphalt, kein Kopfsteinpflaster. Lehmiger Boden, an manchen Stellen Sand. Dort haben die Mainfischer schon vor hundert Jahren ihre stinkenden Netze im Wind aufgehängt. Und Wagenräder haben ihre Spuren eingedrückt, Schleifspuren in brackigem Lehm, kleine Wasserpfützen, darin kleine Leben.

Also ist es ein großes Glück, wenn du ihn gefunden hast. Ein Turm mit einem Durchmesser von etwa sieben Metern, gemauert aus rotem Sandstein, im ersten Stock ein Cafe. Darin eine Anrichte, ein Servierraum. Darunter im Erdgeschoss drei Fenster mit Vorhängen, wohl eine Wohnung, ganz oben ein Glasdach. Zwei Damen bemuttern dich dort im Cafe, wenn du dich auf den grünen Plüschsessel gesetzt hast bei dem Tisch nahe dem Regal. Ein runder Raum, fensterlos, trotzdem lichterfüllt. Manchmal bist du der einzige Gast. Sie haben dich nicht erwartet, aber sie wissen, wann du kommst. Das gibt Sicherheit. Ein Raum für sich.

Du blickst nach oben. Das Glasdach, zusammengesetzt aus acht Teilen, eingefasst in Eisenstreben, sanftes Licht. Du siehst durch die Scheiben den Himmel über dir. Manchmal ein langsam fliegendes Flugzeug. Sehr weit oben. Die alten Damen servieren dampfende Schokolade in weißen Tassen, eine Nougattorte auf weißem Teller, ihre Gesichter sind rosig, sanfte Gesten, der blaue Teppich dämpft ihre Schritte. Draußen die Stadt ist nur zu ahnen.

Links ein Tisch mit Grammophon, dahinter Schelllackplatten in einem Drahtgitter aufgestellt. In dem Regal Illustrierte aus den Jahren 1910 bis 1920. Du stehst auf, wohlig durchsuchst du den Stapel. Im Regal ganz oben stehen fünf große Bände: "Die Gartenlaube", gebunden in grünem Kaliko. Du findest darin einen Fortsetzungsroman von Theodor Fontane. Da gehörst du hin, denkst du, hierher sehnst du dich, seit du das Cafe zum ersten Mal betratest. Die Damen, der warme, gefüllte Bauch, der Schokoladegeschmack im Mund, die satte Süße, die wohlige Ermattung. Ach, schon immer hast du das gewollt.

Jetzt eine Arbeit der beschaulichen Art. Vor dir die Lektüre, du hast die Ellbogen aufgestützt, Fontane auf großen Blättern im Spaltendruck. Die alten Damen bringen dir Schreibpapier. Du machst Dir Notizen, skizzierst etwas, schreibst ein paar Zeilen. Bruchstücke eines Gedichtes. Du hörst die Musen singen. Passagen einer Erzählung. Du trägst ja einiges mit dir herum, in deinem Kopf.

Allerdings geht es an solchen Tagen nicht immer gut. Nicht nur, dass du die Gasse zwar findest, nicht aber den Turm. Nein schlimmer. Manchmal springst Du aus dem Flugzeug ab, der Fallschirm öffnet sich eben auch beim zweiten Ziehen an der Reißleine nicht und das Glasdach wird immer größer. Du durchbrichst es, ein Splittern um dich, dann ein dumpfer Laut, wenn dein Körper auf den Teppich schlägt.

Allerdings ist das nicht das Ende. Die rundliche Dame mustert die Bescherung auf dem Teppich. Sie schnippst mit den Fingern, der Film läuft plötzlich rückwärts, es zieht, es saugt dich nach oben, das Glasdach setzt sich unter dir wieder zusammen, bis du dich - Stopp! - an deinem Ausgangspunkt befindest.

Du stehst also oben in der Luke des Flugzeugausstiegs und blickst nach unten. Der Turm ist diesmal gut erkennbar. Das Glasdach des Cafes ist so intakt. Du fühlst nach dem Fallschirm auf deinem Rücken, denn du bist bereit zum Absprung.
 

Willibald

Mitglied
Fall. Schirm. Turm.
negirps


Der Briefbeschwerer auf dem Schreibtisch meines Vaters, ein Cabochon, Rundstein aus Onyx, der, wenn ich ihn heute anrühre, mir das Gefühl für die Kleinheit meiner Kinderhand zurückgibt.
Botho Strauß: Herkunft. München: dtv 2014


Es ist schon so, dass ich der einzige Fallschirmspringer über dem Fluss bin und sich die Sekunden dehnen, obwohl es um meine Ohren rauscht. Die metallische Mainschleife da weit unter mir teilt die Stadt in zwei Hälften. Die Altstadt angehäufelt an den Odenwald, die Neustadt wuchert in die Ausläufer des Spessarts. Da ist das Gymnasium zu erkennen, dort unterrichtete der Vater. Deutsch, Englisch und Geschichte. Da ist das Kloster, dessen Bier sehr dunkel und klebrig und stark ist. Eine Labsal, wenn du ein Glas trinkst, aber eine beschämende Hilfe, wenn du so den dumpfen Schlaf suchst, der dir noch übrig bleibt.

Das Rauschen des Fallwindes hält deine Nerven gespannt. Der Fallschirm öffnet sich erst beim zweiten Reißen an der Leine mit einem Ruck und steift dir den Rücken. Du sinkst dann wie eine pendelnde Marionette nach unten. Und schon ist der Vorplatz der sandsteinroten Kirche zu erkennen. Der Aufprall könnte hart sein, aber du fürchtest ihn nicht. Du bist routiniert, du weißt das Tempo zu drosseln und du kannst mit einer tänzelnden Bewegung federnd den Boden berühren, ohne dass du hinschlägst.

Außerdem, da gibt es eine Gasse hinter der Kirche. Sie führt zu einem runden Turm. Es ist nicht so, dass dieser Turm immer zu finden ist. Nein, manchmal wendest du dein Gesicht verzweifelt nach links und nach rechts. Die Fachwerkhäuser scheinen dir vertraut, aber der Turm bleibt verborgen. Suchst du dann - durch die Gasse schreitend - weiter, stehst du plötzlich in einer kotigen Straße, welche die Gasse quert. Kein Asphalt, kein Kopfsteinpflaster. Lehmiger Boden, an manchen Stellen Sand. Dort haben die Mainfischer schon vor hundert Jahren ihre stinkenden Netze im Wind aufgehängt. Und Wagenräder haben ihre Spuren eingedrückt, Schleifspuren in brackigem Lehm, kleine Wasserpfützen, darin kleine Leben.

Also ist es ein großes Glück, wenn du ihn gefunden hast. Ein Turm mit einem Durchmesser von etwa sieben Metern, gemauert aus rotem Sandstein, im ersten Stock ein Cafe. Darin eine Anrichte, ein Servierraum. Darunter im Erdgeschoss drei Fenster mit Vorhängen, wohl eine Wohnung, ganz oben ein Glasdach. Zwei Damen bemuttern dich dort im Cafe, wenn du dich auf den grünen Plüschsessel gesetzt hast bei dem Tisch nahe dem Regal. Ein runder Raum, fensterlos, trotzdem lichterfüllt. Manchmal bist du der einzige Gast. Sie haben dich nicht erwartet, aber sie wissen, wann du kommst. Das gibt Sicherheit. Ein Raum für sich.

Du blickst nach oben. Das Glasdach, zusammengesetzt aus acht Teilen, eingefasst in Eisenstreben, sanftes Licht. Du siehst durch die Scheiben den Himmel über dir. Manchmal ein langsam fliegendes Flugzeug. Sehr weit oben. Die alten Damen servieren dampfende Schokolade in weißen Tassen, eine Nougattorte auf weißem Teller, ihre Gesichter sind rosig, sanfte Gesten, der blaue Teppich dämpft ihre Schritte. Draußen die Stadt ist nur zu ahnen.

Links ein Tisch mit Grammophon, dahinter Schelllackplatten in einem Drahtgitter aufgestellt. In dem Regal Illustrierte aus den Jahren 1910 bis 1920. Du stehst auf, wohlig durchsuchst du den Stapel. Im Regal ganz oben stehen fünf große Bände: "Die Gartenlaube", gebunden in grünem Kaliko. Du findest darin einen Fortsetzungsroman von Theodor Fontane. Da gehörst du hin, denkst du, hierher sehnst du dich, seit du das Cafe zum ersten Mal betratest. Die Damen, der warme, gefüllte Bauch, der Schokoladegeschmack im Mund, die satte Süße, die wohlige Ermattung. Ach, schon immer hast du das gewollt.

Jetzt eine Arbeit der beschaulichen Art. Vor dir die Lektüre, du hast die Ellbogen aufgestützt, Fontane auf großen Blättern im Spaltendruck. Die alten Damen bringen dir Schreibpapier. Du machst Dir Notizen, skizzierst etwas, schreibst ein paar Zeilen. Bruchstücke eines Gedichtes. Du hörst die Musen singen. Passagen einer Erzählung. Du trägst ja einiges mit dir herum, in deinem Kopf.

Allerdings geht es an solchen Tagen nicht immer gut. Nicht nur, dass du die Gasse zwar findest, nicht aber den Turm. Nein schlimmer. Manchmal springst Du aus dem Flugzeug ab, der Fallschirm öffnet sich eben auch beim zweiten Ziehen an der Reißleine nicht und das Glasdach wird immer größer. Du durchbrichst es, ein Splittern um dich, dann ein dumpfer Laut, wenn dein Körper auf den Teppich schlägt.

Allerdings ist das nicht das Ende. Die rundliche Dame mustert die Bescherung auf dem Teppich. Sie schnippst mit den Fingern, der Film läuft plötzlich rückwärts, es zieht, es saugt dich nach oben, das Glasdach setzt sich unter dir wieder zusammen, bis du dich - Stopp! - an deinem Ausgangspunkt befindest.

Du stehst also oben in der Luke des Flugzeugausstiegs und blickst nach unten. Der Turm ist diesmal gut erkennbar. Das Glasdach des Cafes ist so intakt. Du fühlst nach dem Fallschirm auf deinem Rücken, denn du bist bereit zum Absprung.
 

MicM

Mitglied
Hallo Willibald,

danke für die Ergänzungen. Der Text ist definitiv interessant, weswegen ich mich (nach zwei Mal lesen) auch "traute", ihn zu kommentieren.

Die "Du-Perspektive", sie ist aus guten Gründen sehr selten, scheint mir was Besonders zu sein und daher der Versuch, damit herumzuprobieren. Vielleicht anregend?
Genau so habe ich den Text auch verstanden - als (sehr) anregender (und gut gelungener) Versuch der Du-Perspektive.

Ich meine aber, es bleibt ein Bruch. Da die ersten beiden Sätze noch in der Ich-Perspektive geschrieben sind und dann erst in die Du-Perspektive gewechselt wird, sollte nach meinem Empfinden der letzte Absatz wieder zurück in die Ich-Perspektive wechseln, da der vorletzte Absatz schließlich mit "am Ausgangspunkt" endet. Dann würde die Ich-Perspektive (die Realsituation?) die Du-Perspektive (Traum, innerer Film o.ä.) quasi einrahmen. Und dennoch wäre es möglich zu verstehen, dass es nur ein Erzähler ist.

Alternativ könnte der gesamte Text in der Du-Perspektive formuliert werden, also einschließlich der ersten beiden Sätzen (vgl. Kafka-Zitat).

Auf bald,
MicM
 

Willibald

Mitglied
Mir scheint, siehe Arno Abendschön, der Text enthält keine Realsituation.

Das Cafe aufsuchen, das man manchmal findet, manchmal nicht, in dem man das Glasdach durchbrechend wohl mauseverspritzt auf dem Teppich rumliegt, mit einem Fingerschnipps wieder nach oben in die Absprungsituation gebumerangt wird. Ein iterativer Teil nach dem (scheint es) singularen Anfang mit brausendem Wind und gedehnter Zeit.

Eine Art von Musencafe mit Gartenlaube-Zeitschriften und eigener poetischer Arbeit, fast analog einem Literaturforum der gemütlich-ungemütlichen Sorte. Ein manchmal glücklich landen, dann wieder sehr unglücklich...

Da kann man ganz gut in der Selbstanrede der Du-Fokalisierung aufhören. Der Erzähler spricht seine Figur an, die in der vergangenen Geschichte und in der zukünftigen Geschichte krachend in das Glasdach

Kannst du die Textlogik der vermutlichen Tagtraum- oder sonstigen mentalen Befasstheit samt Erzählphasen noch einmal kritisch prüfen?

Beste Grüße

ww

Bonus-Track

Nachts

Versunken in die Nacht. So wie man manchmal den Kopf senkt, um nachzudenken, so ganz versunken sein in die Nacht. Ringsum schlafen die Menschen. Eine kleine Schauspielerei, eine unschuldige Selbsttäuschung, daß sie in Häusern schlafen, in festen Betten, unter festem Dach, ausgestreckt oder geduckt auf Matratzen, in Tüchern, unter Decken, in Wirklichkeit haben sie sich zusammengefunden wie damals einmal und wie später in wüster Gegend, ein Lager im Freien, eine unübersehbare Zahl Menschen, ein Heer, ein Volk, unter kaltem Himmel auf kalter Erde, hingeworfen wo man früher stand, die Stirn auf den Arm gedrückt, das Gesicht gegen den Boden hin, ruhig atmend. Und du wachst, bist einer der Wächter, findest den nächsten durch Schwenken des brennenden Holzes aus dem Reisighaufen neben dir. Warum wachst du? Einer muß wachen, heißt es. Einer muß da sein.

Heimkehr

Ich bin zurückgekehrt, ich habe den Flur durchschritten und blicke mich um. Es ist meines Vaters alter Hof. Die Pfütze in der Mitte. Altes, unbrauchbares Gerät, ineinander verfahren, verstellt den Weg zur Bodentreppe. Die Katze lauert auf dem Geländer. Ein zerrissenes Tuch, einmal im Spiel um eine Stange gewunden, hebt sich im Wind. Ich bin angekommen. Wer wird mich empfangen? Wer wartet hinter der Tür der Küche? Rauch kommt aus dem Schornstein, der Kaffee zum Abendessen wird gekocht. Ist dir heimlich, fühlst du dich zu Hause? Ich weiß es nicht, ich bin sehr unsicher. Meines Vaters Haus ist es, aber kalt steht Stück neben Stück, als wäre jedes mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, die ich teils vergessen habe, teils niemals kannte. Was kann ich ihnen nützen, was bin ich ihnen und sei ich auch des Vaters, des alten Landwirts Sohn. Und ich wage nicht an die Küchentür zu klopfen, nur von der Ferne horche ich, nur von der Ferne horche ich stehend, nicht so, dass ich als Horcher überrascht werden könnte. Und weil ich von der Ferne horche, erhorche ich nichts, nur einen leichten Uhrenschlag höre ich oder glaube ihn vielleicht nur zu hören, herüber aus den Kindertagen. Was sonst in der Küche geschieht, ist das Geheimnis der dort Sitzenden, das sie vor mir wahren. Je länger man vor der Tür zögert, desto fremder wird man. Wie wäre es, wenn jetzt jemand die Tür öffnete und mich etwas fragte. Wäre ich dann nicht selbst wie einer, der sein Geheimnis wahren will.
 

MicM

Mitglied
Naja, der Text beginnt und endet mit einer Situation, die real sein könnte. Selbst wenn es eine gewissermaßen "erträumte Realsituation" ist, bleibt dies für mich, so wie der Text geschrieben ist, der Rahmen. Der (Tag-)Traum ist nach meinem Verständnis (nur) die Erklärung für die surreale Abfolge der weiteren Geschehnisse, die ich unter dieser Prämisse stringent und gut erzählt finde (siehe meinen ersten post).

Natürlich kann man mit dieser Prämisse auch den Wechsel der Erzählperspektive erklären. Ich finde allerdings, dass es den ohnehin schon (im positiven Sinne) rätselhaften Text dadurch (im negativen Sinne) verwirrender macht. Daher würde ich an dieser Stelle - trotz allem Herumprobieren - vereinfachen. Eine Wirkung hat der Text, so oder so.

Vielleicht lese ich ihn mit etwas Abstand aber noch einmal anders...

Auf bald,
MicM
 

Willibald

Mitglied
Danke für die Rückmeldung,

bei nochmaliger Lektüre und Rückmeldung wären mir Hinweise auf Realitäts- und Irrealitätssignale hilfreich.

Beste Grüße

ww
 

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