Heute Morgen war Nachkontrolle. Am Empfang dirigierte mich die Praxisassistentin mit einer schwungvollen Geste in den Wartebereich, während sie ungerührt über ihr Headset telefonierte.
Im Wartezimmer herrschte Mucksmäuschenstille. Mein Darm war schmerzhaft gebläht. Das mit Bedacht langgezogene Flatulenzchen war dennoch unüberhörbar. Den Geruch nahm ich selbst nicht wahr; der Mix aus der typischen Praxisessenz und dem zersetzenden Fruchtkorb-Dunst der Kranken übertönte alles. Schade eigentlich. Oft erschnüffle ich anhand meiner Winde die letzte Mahlzeit und schwelge in kulinarischen Erinnerungen – in diesem Dämpfchen hätte eigentlich eine Currywurst-Pommes-Note mitschwingen müssen.
Der einzige freie Platz befand sich zwischen einer Schwangeren in hellen UGG-Boots und einem hinfälligen Mann. Dessen strenger Geruch schlug mir schon im Stehen entgegen. Er hatte einen gelblich überzogenen Teint, ein eingefallenes Gesicht und drei fehlende Finger – zwei rechts, einer links. Zum Pinkeln reicht es noch. Alkoholiker. Ich nahm Platz und kehrte dem armen Tropf leicht den Rücken zu, um weder die volle Dröhnung abzubekommen noch unhöflich zu wirken.
Von der zugewandten Seite drang ein cremig-frischer Duft herüber: Zitronenkuchen mit Schmand. Das Fräulein in froher Erwartung. Das weiße Umstandskleid, marineblau quergestreift, mit durchgehender Knopfleiste schmiegte sich ihr an. Der pralle Bauch kam schön zur Geltung, der Busen ebenso. Um den Hals trug sie eine feine Goldkette mit Skapuliermedaille – Katholikin. An den Läppchen pendelten leichte Hängeohrringe. Trotz der Schlichtheit wirkte das Ensemble sehr stilbewusst, hübsch und stimmig.
Siebenfinger wurde aufgerufen, das Behandlungszimmer aufzusuchen. Gott sei Dank! Der arme Schlucker verpestete allmählich die Luft. Nun konnte ich endlich in eine bequemere Sitzhaltung wechseln und meine verspannte Schulter entlasten. Gegenüber fiel mir nun der charakteristische Krebsmief auf: Mottenkugeln. Kahlgeschoren saß der Mann da, die Haltung wie ein halbleerer Kartoffelsack. Neben ihm hielt seine Frau die Hand. Sie trug ein protestantisches Outfit: wie die Grünen, aber ohne Knall. Geometrische Figuren auf der Strumpfhose, darüber Überrock und Strickpullover in herbstlichen Laubwaldfarben. Sie blieb schmucklos bis auf eine florale Brosche auf Kragenhöhe. Mikro-Pony und fransige Koteletten vervollständigten das Bild – eine aufgesetzte Kampfhaltung, die wohl auf ihren ausgelaugten Liebsten abfärben sollte.
Wenig später überreichte mir die Assistentin den Becher für die Urinprobe. In der engen Toilette benetzte ich eine Watte mit Desinfektionsmittel, öffnete den Hosenstall und betupfte um die Harnröhrenmündung herum. Der Mittelstrahl landete im Becher – Deckel drauf, zugeschraubt. Den Rest entleerte ich in die Schüssel und wischte mit zwei Blatt Klopapier nach. Beim Verstauen im Stall lösten sich jedoch ein paar Tropfen und hinterließen eine Spur auf der Hose. Scheißpeinlich. Nicht das erste Mal.
Bei der Probeabgabe begegnete ich Siebenfinger erneut. Sein markanter Geruch eilte ihm voraus. Er nickte und lächelte müde zum Abschied. Vorhin waren mir seine abstehenden Ohren nicht aufgefallen. Ich nickte zurück. Er zog einen beißenden Schwall hinter sich her – wahrscheinlich direkt bis zum nächsten Wirtshaus.
„Herr Flores? Bitte folgen Sie mir.“ Eine junge Stimme riss mich aus meinen Beobachtungen. Die Praxisassistentin, eine zierliche Lernende mit dezenten Perlensteckern, roch nach einer Mischung aus Bepanthen-Handcreme, scharfer Händedesinfektion und Ricola-Kräutern. Sie führte mich in das Behandlungszimmer zur Blutabnahme. Ihre Hände zitterten leicht; erst beim dritten Versuch fand die Nadel den Weg in meine Vene. Mit einem entschuldigenden Lächeln und den gefüllten Blutröhrchen verließ sie den Raum und kündigte an, dass der Doktor gleich erscheinen werde.
Der Mediziner kam wenig später zur Anamnese herein.
„Was machen Sie beruflich, Herr Flores?“, fragte er, während er meine Akte studierte.
„Ich bin Spezialist für olfaktorisches Marketing. Ich entwickle Duftkompositionen für Verkaufsflächen und andere Räumlichkeiten, um das Verhalten gezielt zu beeinflussen.“ Derweil fielen mir seine verfärbten Zähne und das blumig-würzige Kaffeearoma auf.
„Interessant. Und der Grund Ihres Besuchs?“
„Vorsorge. Die Berufsgenossenschaft schreibt periodische Vorsorgeuntersuchungen gegen Inhalationstraumata vor. In meinem Job ist die Nase mein Kapital. Zudem sind die konzentrierten Stoffe, mit denen wir arbeiten, oft leber- und nierenschädigend bei unachtsamer Handhabung.“ Der Arzt nickte zustimmend.
Kaum hatte ich die Praxis verlassen, vibrierte mein Smartphone. Meine Auftragsvermittlerin. „Guten Tag Silvan. Gerade ist ein herausfordernder Auftrag eingegangen“, sagte sie mit einem belustigten Unterton. „Das Etablissement heißt ‚Zickenstube‘ und hat ein außergewöhnliches Anliegen. Ich schicke dir den Standort-Pin via Chat sowie den Link zu deren Website. Alles Weitere erfährst du vor Ort.“
„Der Name lässt aber nicht viel Deutungsspielraum.“
„Die Bezahlung auch nicht“, entgegnete sie sogleich kichernd und beendete das Telefonat abrupt. Ich rief den Link auf. Wie erwartet: ein Bordell der oberen Mittelklasse.
Die Madame empfing mich in einem schwarzen Bleistiftkleid mit elegantem V-Ausschnitt, Wasserfallohrringen, einem trendigen Pageboy-Bob und einem unaufdringlich pudrigen Veilchenduft. Sie führte mich in das geschmackvolle Interieur. Doch eine klebrige Atmosphäre, nach gegorener Stutenmilch riechend, hing in der Luft und wollte so gar nicht zur sorgfältig ausgesuchten Einrichtung passen.
„Sie merken es ja selbst. Es lädt nicht zum Verweilen ein. Der Freier soll sich hier gerne aufhalten – so, als würde er sein Sugarbaby im Liebesnest besuchen und an der Hausbar bereitwillig den Umsatz steigern wollen. Wie kriegen wir diesen gruftigen Geruch los?“
„Es wird schwierig, diesen säuerlichen Unterton ganz zu neutralisieren“, erklärte ich ihr fachmännisch. „Die Tätigkeit in diesen Räumen bringt das zwangsläufig mit sich. Daher empfehle ich eine Komposition, die den Eigengeruch nicht bekämpft, sondern begleitet: Zitronenkuchen mit Schmand. Das ist einladend. Ein Duft, der Geborgenheit ausstrahlt und an einen Ort erinnert, an den man gerne einkehrt.“
Die Madame war skeptisch, erklärte sich aber für eine Testphase bereit. Wir vereinbarten für den nächsten Tag einen Termin.
Zurück in meiner gewohnten Umgebung, dem Labor, begann ich mit der Arbeit und braute das Aroma, das über ein System von Luftverneblern freigesetzt werden sollte. Ich extrahierte das lebendige Gelb der Zitrone, die cremige Süße der Vanille und jenen speziellen Akkord, der an frisch gebackenen Teig erinnert.
Im Wartezimmer herrschte Mucksmäuschenstille. Mein Darm war schmerzhaft gebläht. Das mit Bedacht langgezogene Flatulenzchen war dennoch unüberhörbar. Den Geruch nahm ich selbst nicht wahr; der Mix aus der typischen Praxisessenz und dem zersetzenden Fruchtkorb-Dunst der Kranken übertönte alles. Schade eigentlich. Oft erschnüffle ich anhand meiner Winde die letzte Mahlzeit und schwelge in kulinarischen Erinnerungen – in diesem Dämpfchen hätte eigentlich eine Currywurst-Pommes-Note mitschwingen müssen.
Der einzige freie Platz befand sich zwischen einer Schwangeren in hellen UGG-Boots und einem hinfälligen Mann. Dessen strenger Geruch schlug mir schon im Stehen entgegen. Er hatte einen gelblich überzogenen Teint, ein eingefallenes Gesicht und drei fehlende Finger – zwei rechts, einer links. Zum Pinkeln reicht es noch. Alkoholiker. Ich nahm Platz und kehrte dem armen Tropf leicht den Rücken zu, um weder die volle Dröhnung abzubekommen noch unhöflich zu wirken.
Von der zugewandten Seite drang ein cremig-frischer Duft herüber: Zitronenkuchen mit Schmand. Das Fräulein in froher Erwartung. Das weiße Umstandskleid, marineblau quergestreift, mit durchgehender Knopfleiste schmiegte sich ihr an. Der pralle Bauch kam schön zur Geltung, der Busen ebenso. Um den Hals trug sie eine feine Goldkette mit Skapuliermedaille – Katholikin. An den Läppchen pendelten leichte Hängeohrringe. Trotz der Schlichtheit wirkte das Ensemble sehr stilbewusst, hübsch und stimmig.
Siebenfinger wurde aufgerufen, das Behandlungszimmer aufzusuchen. Gott sei Dank! Der arme Schlucker verpestete allmählich die Luft. Nun konnte ich endlich in eine bequemere Sitzhaltung wechseln und meine verspannte Schulter entlasten. Gegenüber fiel mir nun der charakteristische Krebsmief auf: Mottenkugeln. Kahlgeschoren saß der Mann da, die Haltung wie ein halbleerer Kartoffelsack. Neben ihm hielt seine Frau die Hand. Sie trug ein protestantisches Outfit: wie die Grünen, aber ohne Knall. Geometrische Figuren auf der Strumpfhose, darüber Überrock und Strickpullover in herbstlichen Laubwaldfarben. Sie blieb schmucklos bis auf eine florale Brosche auf Kragenhöhe. Mikro-Pony und fransige Koteletten vervollständigten das Bild – eine aufgesetzte Kampfhaltung, die wohl auf ihren ausgelaugten Liebsten abfärben sollte.
Wenig später überreichte mir die Assistentin den Becher für die Urinprobe. In der engen Toilette benetzte ich eine Watte mit Desinfektionsmittel, öffnete den Hosenstall und betupfte um die Harnröhrenmündung herum. Der Mittelstrahl landete im Becher – Deckel drauf, zugeschraubt. Den Rest entleerte ich in die Schüssel und wischte mit zwei Blatt Klopapier nach. Beim Verstauen im Stall lösten sich jedoch ein paar Tropfen und hinterließen eine Spur auf der Hose. Scheißpeinlich. Nicht das erste Mal.
Bei der Probeabgabe begegnete ich Siebenfinger erneut. Sein markanter Geruch eilte ihm voraus. Er nickte und lächelte müde zum Abschied. Vorhin waren mir seine abstehenden Ohren nicht aufgefallen. Ich nickte zurück. Er zog einen beißenden Schwall hinter sich her – wahrscheinlich direkt bis zum nächsten Wirtshaus.
„Herr Flores? Bitte folgen Sie mir.“ Eine junge Stimme riss mich aus meinen Beobachtungen. Die Praxisassistentin, eine zierliche Lernende mit dezenten Perlensteckern, roch nach einer Mischung aus Bepanthen-Handcreme, scharfer Händedesinfektion und Ricola-Kräutern. Sie führte mich in das Behandlungszimmer zur Blutabnahme. Ihre Hände zitterten leicht; erst beim dritten Versuch fand die Nadel den Weg in meine Vene. Mit einem entschuldigenden Lächeln und den gefüllten Blutröhrchen verließ sie den Raum und kündigte an, dass der Doktor gleich erscheinen werde.
Der Mediziner kam wenig später zur Anamnese herein.
„Was machen Sie beruflich, Herr Flores?“, fragte er, während er meine Akte studierte.
„Ich bin Spezialist für olfaktorisches Marketing. Ich entwickle Duftkompositionen für Verkaufsflächen und andere Räumlichkeiten, um das Verhalten gezielt zu beeinflussen.“ Derweil fielen mir seine verfärbten Zähne und das blumig-würzige Kaffeearoma auf.
„Interessant. Und der Grund Ihres Besuchs?“
„Vorsorge. Die Berufsgenossenschaft schreibt periodische Vorsorgeuntersuchungen gegen Inhalationstraumata vor. In meinem Job ist die Nase mein Kapital. Zudem sind die konzentrierten Stoffe, mit denen wir arbeiten, oft leber- und nierenschädigend bei unachtsamer Handhabung.“ Der Arzt nickte zustimmend.
Kaum hatte ich die Praxis verlassen, vibrierte mein Smartphone. Meine Auftragsvermittlerin. „Guten Tag Silvan. Gerade ist ein herausfordernder Auftrag eingegangen“, sagte sie mit einem belustigten Unterton. „Das Etablissement heißt ‚Zickenstube‘ und hat ein außergewöhnliches Anliegen. Ich schicke dir den Standort-Pin via Chat sowie den Link zu deren Website. Alles Weitere erfährst du vor Ort.“
„Der Name lässt aber nicht viel Deutungsspielraum.“
„Die Bezahlung auch nicht“, entgegnete sie sogleich kichernd und beendete das Telefonat abrupt. Ich rief den Link auf. Wie erwartet: ein Bordell der oberen Mittelklasse.
Die Madame empfing mich in einem schwarzen Bleistiftkleid mit elegantem V-Ausschnitt, Wasserfallohrringen, einem trendigen Pageboy-Bob und einem unaufdringlich pudrigen Veilchenduft. Sie führte mich in das geschmackvolle Interieur. Doch eine klebrige Atmosphäre, nach gegorener Stutenmilch riechend, hing in der Luft und wollte so gar nicht zur sorgfältig ausgesuchten Einrichtung passen.
„Sie merken es ja selbst. Es lädt nicht zum Verweilen ein. Der Freier soll sich hier gerne aufhalten – so, als würde er sein Sugarbaby im Liebesnest besuchen und an der Hausbar bereitwillig den Umsatz steigern wollen. Wie kriegen wir diesen gruftigen Geruch los?“
„Es wird schwierig, diesen säuerlichen Unterton ganz zu neutralisieren“, erklärte ich ihr fachmännisch. „Die Tätigkeit in diesen Räumen bringt das zwangsläufig mit sich. Daher empfehle ich eine Komposition, die den Eigengeruch nicht bekämpft, sondern begleitet: Zitronenkuchen mit Schmand. Das ist einladend. Ein Duft, der Geborgenheit ausstrahlt und an einen Ort erinnert, an den man gerne einkehrt.“
Die Madame war skeptisch, erklärte sich aber für eine Testphase bereit. Wir vereinbarten für den nächsten Tag einen Termin.
Zurück in meiner gewohnten Umgebung, dem Labor, begann ich mit der Arbeit und braute das Aroma, das über ein System von Luftverneblern freigesetzt werden sollte. Ich extrahierte das lebendige Gelb der Zitrone, die cremige Süße der Vanille und jenen speziellen Akkord, der an frisch gebackenen Teig erinnert.
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