Spurensuche

Maribu

Mitglied
Spurensuche

Ich hatte es mir schon lange vorgenommen. Bereits in den Jahren, als ich meiner Beschäftigung nachging und die Pensionierung noch in weiter Ferne lag.
Obwohl es gar kein großer Zeitaufwand gewesen wäre, ich weder ein Flugzeug noch einen Zug hätte benutzen müssen, schob ich es immer wieder auf. Heute ist mir klar, dass 'Zeitmangel' nur eine Ausrede gewesen war. Ich hatte Angst davor gehabt, dass die über Jahrzehnte eingetretenen Veränderungen meine verklärte Erinnerung getrübt hätte.
Der Regen dieses Spätherbsttages schlug gegen die Fenster, und die mit der Kleidung in den Bus hineingetragene Feuchtigkeit ließ die Scheiben beschlagen. Aber Ausgucken lohnte sowieso nicht. Die Fahrt von Ost nach West, quer durch die Innenstadt, war uninteressant. Während der siebzigminütigen Tour bis zur Endhaltestelle bot es sich an, die Tageszeitung zu lesen.
Der Platz, der noch immer denselben Namen trug, war damals schon Endstation gewesen. Wo einst Straßenbahnen im Rondell abgestellt waren, warteten jetzt Busfahrer auf ihren Einsatz.
Am Anfang der Hauptstraße, die damals eine schmale gepflasterte Dorfstraße war, ragte ein Hochhaus, mit Hotelbetrieb in den unteren Etagen, über das Dach des Bahnhofs.
Anschließend eine Vielfalt an einladenden Geschäften.
Die flachen Häuser, teilweise vom Krieg beschädigt, und Läden mit einem bescheidenen Angebot, existierten nur noch in meiner Erinnerung. Auch den Kiosk, an dem ich auf meinem Heimweg von der Schule so manches Mal für einen Groschen Karamelbonbons
gekauft hatte, gab es nicht mehr.
Der Regen hatte nachgelassen. Ein böiger Wind trieb die Wolken
auseinander und ließ ein paar blaue Flecke entstehen.
Mit hochgeschlagenem Kragen schlenderte ich die Straße entlang,
entdeckte hier und da noch ein altes Gebäude.
Vor dem Bahnübergang blieb ich stehen. Das zweistöckige Backsteinhaus mit dem Schieferdach, eine Seite mit Efeu berankt, wirkte unverfallen. Der im Souterrain gelegene Textilladen war damals ein Milchgeschäft. Ich schloss die Augen und sah mich in Gedanken, die Milchkanne in der Hand, die Treppe hinuntersteigen. Ein Klingel- und Blinksignal der automatisch schließenden Schranke brachte mich in die Gegenwart zurück. Das Schrankenwärterhäuschen an der anderen Straßenseite war verschwunden. Ich konnte mich noch an den alten Mann erinnern, wenn er auf seinem Hocker saß und Zigarre rauchend aus dem Fenster schaute oder stehend, mit kreisenden Armbewegungen, den großen Drehgriff betätigte und die Schranken herunter und hinauf kurbelte.
Rechts in die Nebenbahnstraße abbiegend, erreichte ich nach wenigen hundert Metern die dreistöckigen Blocks. Die Dächer schienen neu gedeckt, und die Fassaden, damals in einem schmutzigen Grau, leuchteten ockerfarben.
Vor der Haustür mit der Nummer fünfzehn blieb ich stehen und schaute hinauf in den ersten Stock. Hier hatten wir gewohnt.
Gleich nach der 'Ausbombung' mit Verwandten und Bekannten zusammen in dieser Zwei-Zimmer-Wohnung, in der es nur eine Toilette mit einer kleinen Duschecke gab. Nachts lagen wir, Männer und Frauen, die Kinder neben den Müttern, auf neunzehn Strohsäcken verteilt auf dem Boden der ineinander gehenden Zimmer. Während der Angriffe hatte die Hausgemeinschaft, in den Waschkeller geflüchtet, gezittert und gebetet, dass die Flugzeuge ihre tödliche Last nicht auch noch auf unsere Blöcke fallen ließ.
Wehmütig blickte ich auf die Klingelschilder mit den unbekannten Namen. Es war unfassbar, dass ich Jahrzehnte hatte verstreichen lassen und jetzt traurig war, niemand von den Nachbarn mehr anzutreffen.
Langsam ging ich den Weg zurück. Aus dem Haus dreizehn, zweiter Stock links, hatte mir manchmal meine erste Freundin
Liane gewinkt. In Nummer elf in der ersten und dritten Etage hatten zwei Klassenkameraden gewohnt. Ich wollte erst vorbeigehen. Dann überlegte ich, wenn die Eltern nicht mehr lebten, so könnte doch einer der Söhne die Wohnung übernommen haben. Aber gleichzeitig fiel mir das Unglück ein, und es blieb nur eine vage Möglichkeit nach. Ich studierte die Namenschilder und ging einen Schritt zur Seite, um die Frau, die hinter mir den Gang betreten hatte, vorbei zu lassen.
Sie trug einen braunen, glänzenden Wettermantel. Wie von einer Windböe verrutscht, hing der gelbe tellerförmige Hut über dem linken Ohr. "Suchen Sie jemanden?" fragte sie ohne mich anzusehen und dabei in dem über der Schulter hängenden Lederbeutel nach dem Schlüssel suchend.
"Nicht direkt", antwortete ich. "Dafür ist es wohl zu spät. Es ist eher eine Spurensuche."
Sie blickte mich kritisch, aber nicht unfreundlich, an. "Sind Sie von der Kripo? Wegen des Einbruchs von letzter Woche?"
Ich musste lachen. "Nein, ich bin nicht von der Polizei und von dem Einbruch weiß ich nichts. Ich habe hier vor sechzig Jahren gewohnt."
Sie schloss auf und ging hinein, und einen Augenblick hatte ich das Gefühl, sie würde die Tür hinter sich zuschlagen lassen
und stellte einen Fuß dazwischen.
"Habe ich richtig gehört? Sagten Sie, Sie hätten hier vor sechzig Jahren gewohnt?"
"Ja, aber nicht in diesem Haus, in Nummer fünfzehn. Hier wohnten zwei Schulfreunde von mir."
Ungläubig fragte sie: "Wie hießen die denn?"
"Der eine Erwin Kretschmar und der andere...Ja, wie hieß der noch? Ein häufiger Name wie Meier oder Schultze. Seinen richtigen Vornamen kenne ich auch nicht mehr; er wurde von allen nur 'Steppke" genannt."
"Was wissen Sie von Erwin?"
"Er ist nicht alt geworden", antwortete ich ohne Überlegung.
Sie schwieg einen kurzen Moment und bat mich, mit hinauf zu kommen. "Ich wohne noch immer im dritten Stock. Erwin war mein Bruder."
Zwiespältig folgte ich ihr in die Wohnung, aus der ich ihren Bruder oft abgeholt hatte. Sie ließ mich den Mantel an die Garderobe hängen und bat mich, im Wohnzimmer Platz zu nehmen.
Der mit Auslegeware und Brücken bedeckte Boden bestand damals aus groben Dielen, auf denen wir bei schlechtem Wetter gespielt, und die uns so manchen Splitter in den Hosenboden verpasst hatten. Erwin hatte einige Holzautos und eine Lokomotive mit Tender besessen, die man nach wenigen Runden im Schienenkreis wieder aufziehen musste. Mit Bausteinen hatten wir Häuser und einen Bahnhof gebastelt. Bleisoldaten und Indianer umschlichen dieses Gebiet. Ich war immer bei den Indianern, weil Erwin sie mit den Soldaten 'totschießen" wollte.
"Ich habe die Kaffeemaschine angestellt", sagte sie, mich lächelnd aus meinen Erinnerungen reißend, und setzte sich mir gegenüber.
"Das ist nett von Ihnen, aber das wäre nicht nötig gewesen. Ich will das nicht ausnutzen!"
"Wieso ausnutzen? Ich habe Sie doch gebeten, mitzukommen."
In dem grünen Rolli und der eng geschnittenen Hose machte sie einen sportlichen Eindruck. Dunkelbraune Augen forschten in meinem Gesicht. Die Ponyfrisur ihres brünetten Haars passte zum ovalen Gesicht mit blassem Teint. Sie hatte absolut nichts von Erwin, den ich als strubbeligen Blondschopf vor mir sah.
"Ich wusste gar nicht, dass er eine Schwester hatte. Sie sehen sich auch überhaupt nicht ähnlich!"
"Konnten Sie auch nicht wissen! Wir sind fünf Jahre auseinander." Und jetzt lächelnd: "Für Neunjährige sind Vierjährige Babys!"
Ich nickte und sagte entschuldigend: "Ich habe mich noch nicht mal vorgestellt. Ich bin Gerfried Döring. Ihr Name, Frau Suhr, steht ja auf dem Türschild."
"Gerfried", wiederholte sie. "Ein seltener Name. Trotzdem kann ich mich nicht daran erinnern." Sie ging in die Küche und kam mit einer Thermoskanne und einem Tablett mit Geschirr zurück.
Sie schenkte uns Kaffee ein und fragte: "Waren Sie in der Kiesgrube dabei?"
"Nein, wir haben es in der Klasse erfahren. Steppke schilderte, immer noch fassungslos, wie er sich mit einem anderen Freund befreien konnte und wie sie verzweifelt mit bloßen Händen nach Erwin gegraben hatten, um ihn aus der
zusammengestürzten Höhle zu befreien. Der andere war dann nach Hause gelaufen und Steppke hatte weiter gesucht. Als endlich die Feuerwehr eintraf, war es zu spät. Erwin war erstickt."
Sie nahm einen Schluck Kaffee und sagte dann: "Richtig begriffen habe ich es erst später. Meine Eltern haben bis zu ihrem Tode darunter gelitten."
"Ja, das kann ich verstehen", antwortete ich und trank meinen Kaffee aus."Es wird jetzt aber Zeit, dass ich gehe! Ich möchte Ihre Gastfreundschaft nicht über Gebühr in Anspruch nehmen!"
Sie lachte. "Warum so gedrechselt, Gerfried? Wo wir uns doch schon aus der Kindheit kennen und uns nur nicht mehr daran erinnern können! Sie waren doch der Freund meines Bruders. Sind Sie gar nicht interessiert, ein wenig über mich zu erfahren?"
Ich stand auf. "Ich bin darauf nicht vorbereitet. Wie konnte ich mit Ihnen, Erwins Schwester, rechnen? Glauben Sie mir, dieser Weg in die Vergangenheit, den ich schon so lange gehen wollte, ist mir nicht leicht gefallen."
Sie begleitete mich zur Tür. "Schade! Es gibt nur noch wenige Menschen aus meiner Kindheit."
Ich wurde unschlüssig, meine sentimentale Stimmung verflog. Vielleicht hatte ich hier jemanden gefunden, den ich unbewusst gesucht hatte. Sie gab mir die Hand, und damit war es für eine Umkehr zu spät.
"Aber Sie kommen doch wieder?!" Ihre braunen Augen strahlten mich an.
Das war für mich keine Frage, das klang wie eine Einladung!
"Bestimmt!" sagte ich freudig erregt und sprang übermütig, wie damals als Kind, die Stufen hinunter.
 

Wipfel

Mitglied
Maribu, da hast du eine Kurzgeschichte zu den Erzählungen verfrachtet, warum?

Irgenetwas fehlt mir. Lebendigkeit? Sauber geschrieben mit tragischem Element. Ich rätsel noch, was die Würze sein könnte, die der Suppe fehlt.

Grüße von wipfel
 

Maribu

Mitglied
Danke Wipfel!

Ich geh mal auf Spurensuche nach mehr Würze?

Wenn dir noch etwas einfällt, ich bin für Tipps, positive oder negative Kritik immer dankbar!

L.G. Maribu
 

ThomasQu

Mitglied
Guten Morgen Maribu,

jetzt bin ich noch mal über “Spurensuche“ gestolpert und stimme Wipfel zu.
In deinem Text besucht der Prot. mit einem klammen Gefühl zum ersten Mal seit sechzig Jahren die Orte seiner Kindheit. Im Verlauf der Story baut sich eine Spannung auf, was könnte damals wohl geschehen sein, warum hat er diesen Besuch so lange vor sich her geschoben?
Diese Spannung löst sich leider nicht auf. Erwins Tod vor sechzig Jahren scheint mir als Auslöser für dieses Beklommenheitsgefühl nicht geeignet. Der taugt nur als Eintrittskarte für die neue Freundschaft, eine neue Beziehung mit Frau Suhr.
Vielleicht kannst du damit etwas anfangen?

Gruß Thomas
 

Oben Unten