Spurensuche in Neustrelitz

Ruedipferd

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Geheimnis um ein Grabmal

Zweiter Teil Tagebuch: Spurensuche in Neustrelitz


Ein schöner Kurz- Urlaub in Neustrelitz ist vorbei. Während des Abendessens im Bootshaus am Zierker See versank die Sonne am Abendhimmel und zauberte ein Meer von Rottönen über den Horizont. Dasselbe gelang der Sonne mit ihrer Gelbpalette am nächsten Tag, als ich den Glambecker See zum Baden entdeckt hatte. Nach dem Besuch im Familienmuseum des Kulturquartiers tat eine Erfrischung gut. Die Geschichte des Hauses Mecklenburg-Strelitz und die vielen Fotos der herzoglichen Kinder werden mich noch lange beschäftigen. In den drei Tagen wandelte ich wahrhaftig auf etlichen großherzoglichen Spuren.
Mit dem Aufenthalt in der Familiengruft der Johanniter Kirche in Mirow begann die Anreise nebst Rundgang auf der Mirower Schlossinsel bei herrlichem Kaiserwetter am 12.08.2021.

Nach dem Kaffee im drei Königinnenpalais des Schlosses und einer Adolf Friedrich IV Torte erregten zwei Bücher im dazugehörigen Shop meine Aufmerksamkeit. Die Historikerin Sandra Lembke schrieb von Majestäten, Feldherren und Herzensbrechern. Als ich mir, leider für meine Zwecke, den falschen Band kaufte, ahnte ich noch nicht, dass ich sie am nächsten Abend in zauberhaftem Ambiente vor dem Königinnenpalais bei einem Vortrag über Napoleon und die Strelitzer live erleben durfte.

Mein Weg führte anschließend über die Brücke zum Grab des jungen Großherzogs, dessen mystische Aura mich so tief berührt hat.

Gott ist die Liebe

Fürwahr, Johannes 4 Vers 16 hat es in sich.
Der außergewöhnliche in der Mitte abgebrochene Stein mit der sich darum windenden Schlange, entstand bereits ein Jahr vor Adolf Friedrichs Tod, zusammen mit einem Testament, in welchem er den kleinen 1912 geborenen Schweriner Prinzen Christian begünstigte. War es Vorahnung? Oder bezogen sich Grablege und Testament auf den 1. Weltkrieg, in dem er als Soldat diente und wie alle anderen täglich den Tod vor Augen hatte? Laut Vertrag von 1701 würde Neustrelitz automatisch bei Aussterben der herzoglichen Linie im Mannestamm auf Schwerin übergehen. Eines besonderen Testaments bedarf es dazu nicht.

Das II Strelitzer Bataillon beklagte am Ende des 1. Weltkrieges 2177 Tote, 8048 Verwundete, 1323 Männer galten als vermisst. Welch ein Grauen muss Adolf Friedrich im Stab des Gefechtsstandes Noyon in Frankreich erlebt haben? Welches Entsetzen hat ihn angesichts der Giftgasangriffe mit Phosgen und Blaukreuz gepackt? Am 27.02.1916 wohnte er zusammen mit dem Schweriner Großherzog Friedrich Franz IV im Gefechtsstand des Generalkommandos dem Sturm der Grenadiere auf französische Stellungen bei. Die Einnahme der Festung Douaumort markierte den Beginn des entsetzlichen Kampfes um Verdun und seines mörderischen Stellungskrieges.
Ich denke, die beiden wuchtigen Steinbänke am Grabmal wollen nicht nur zur Rast auf der Liebesinsel einladen, sondern vor allem zum Gespräch mit dem Toten. Ich möchte wissen, was an dem kalten Winterabend des 23.02.1918 in Neustrelitz passiert ist. Selbstmord, Unfall oder Fremdverschulden? Die Spurensuche beginnt hier in Mirow.
Das Grab ist etwas Besonderes. Es ist ein außergewöhnlicher Friedhof, ein bezaubernder wunderschöner Ort. Ruhe und Frieden wechseln sich mit geschäftigen Besuchern ab, die auf Fahrrädern, zu Fuß oder mit dem Kanu die kleine Insel bevölkern. Kinder, die nichts ahnend auf die Steinplatte klettern und von ihren erschrockenen Müttern zurecht gewiesen werden, dass man solches nicht tue, denn es handle sich mitnichten um ein Klettergerät, sondern um ein Grabmal. Mit den Hunden hast du weniger Glück, lieber Adolf. Herrchen und Frauchen merken meist zu spät, was geschehen ist. Und die Grabplatte lädt einen Rüden geradezu ein, seine Duftmarke daran zu hinterlassen.

Ich glaube, du hättest angesichts deiner Freundschaft mit Daisy von Pless und ihren kleinen Jungen, die in Heringsdorf am Strand viel Spaß mit dir hatten, auch jetzt an den vielen Kindern deine Freude. Und als Hundebesitzer wirst du sicher über die kleinen Geschäfte schmunzeln. Ich werde mein Bestes zur Aufklärung deines Sterbefalles geben, Adolf Friedrich.

Freitag, 13.08.2021

Wie schnell ich auf die richtigen Spuren kommen würde, erlebte ich am nächsten Tag. Auf der Suche nach der Parkvilla und dem möglichen Weg, den der Großherzog mit seinem Hund an besagtem Nachmittag genommen hatte, fand ich mich plötzlich auf der Straße nach Userin wieder. Ich dachte, ich hätte mich verfahren und suchte nach einer Wendemöglichkeit. Es kam eine Brücke. Irgendetwas veranlasste mich, anzuhalten und auszusteigen. Anfangs sah ich nur eine Bank und Leute, die am Tisch saßen und picknickten. Doch daneben, als ob ich ihn zuerst finden sollte, befand sich der Gedenkstein des jungen Mannes, den man am 24.02.1918 tot hier im Wasser des Kammerkanals fand.

Es fühlte sich merkwürdig an, dem Ziel so nahe gekommen zu sein. Auf der Karte wurde die neu erbaute Brücke Kuhbrücke genannt. Ich fotografierte den Kanal von allen Seiten, fand alte Steinfragmente, die möglicherweise von der alten Brücke stammen und versuchte den früheren Verlauf zu rekonstruieren. Auf der Rückfahrt hielt ich noch einmal an einer Anzeigentafel, die hinter der Brücke an der Schlosskoppel angebracht war, an. War dies schon damals ein Verbindungsweg gewesen? Ich stellte den Tacho, wollte wissen, wie weit es vom Parkhaus zur Brücke ist. Beim Spaziergang zum Kanal hatte ich einen Angler getroffen, war ihm ins Unterholz gefolgt und stellte fest, dass es aus heutiger Sicht, außer der Brücke selbst, keinen Ort am Kammerkanal gibt, an dem der Körper mit Wasser in Berührung gekommen sein konnte. Das lässt den Schluss zu, dass der Ort, an dem der Leichnam gefunden wurde, auch der Tatort sein kann. Das Unterholz ist sumpfig, heute gibt es an beiden Uferseiten kein Durchkommen.

War ihm jemand gefolgt? War es der Gardeoffizier, welcher mit Marie Auguste anreiste und sich im Mecklenburger Hof einquartierte? Kam es zu Wortgefechten, zum Streit? Zum Kampf? Fiel die Pistole dabei ins Wasser? Oder schoss der andere mit der eigenen Waffe, die er wieder mitnahm? Fiel Adolf Friedrich einem Komplott zum Opfer? Was stand im Brief des Kaisers?

Recherchen müssen das Auffinden des Briefes, ggfs als Abschrift, beinhalten. Name und Regiment des Offiziers sind zu ermitteln, ein Bewegungsprofil am Todestag zu erstellen. Gibt es Zeugenaussagen von Bediensteten im Hotel über Erdreste an den Stiefeln? Wurde er von der Polizei befragt?

Wer sprach in den Wochen des Dezembers und Januars 1917 und 1918 mit dem Kaiser über den Großherzog? Gibt es Unterlagen über berechtigte Spionagevorwürfe? Warum sollte Marie Auguste den Brief überbringen? Warum erschoss sich ihr Mann 1920? Hatte er von einer Intrige ihrerseits gegen Adolf Friedrich erfahren? Das Obduktionsprotokoll von Dr. Wilda muss auf seine Originalität geprüft werden. Stimmt es mit denen überein, die früher bei anderen Todesfällen angefertigt wurden oder hat jemand Seiten entfernt, etwas hinzugefügt oder ausradiert? Was sagt ein heutiger Rechtsmediziner dazu? Was sagt ein Ballistiker? Passt der Einschusswinkel zur Selbstmordtheorie?

Es müssen handfestere Gründe für den Brief des Kaisers vorgelegen haben, als Gerüchte um Spionage oder angebliche Briefe über homosexuelle Neigungen. Warum tauchten letztere erst 1918 auf, als die Heirat mit der Köstritzer Prinzessin angebahnt wurde? Was konnte der Kaiser gegen diese Verbindung haben? Adolf Friedrich war reich und hätte dem Kaiser mit Sicherheit auch finanziell unter die Arme gegriffen, wenn dies aus Kriegsgründen erforderlich gewesen wäre.

Leider wurde das Neustrelitzer Schloss in den letzten Kriegstagen 1945 niedergebrannt. Es war Archiv gewesen. Somit sind möglicherweise auch wichtige Dokumente im Zusammenhang mit Adolf Friedrichs Regentschaft und seinem Tod sowie der polizeilichen Untersuchung vernichtet worden.

Ich bin den Weg bei schönem Wetter abgegangen. Nach 45 Minuten erreichte ich die Kuhbrücke. Ein junger Mann, der vom Parkhaus kommt und Abkürzungen kennt, schafft die Strecke locker in einer halben Stunde. Er wird sie regelmäßig gegangen sein und der Dienerschaft davon berichtet haben, damit man ihn im Notfall schnell erreicht, falls es die Staatsgeschäfte erfordern. Dadurch ist der tägliche Spaziergang aber auch für potentielle Attentäter leicht auszuspionieren.
Die Brücke war der Verbindungsweg nach Mirow und führte über Wesenberg. Kutschen, Pferdefuhrwerke, Reiter und Fußgänger nutzten den Weg durch den Schlosswald. Den Untertanen war es gestattet, sich selbst mit Brennholz zu versorgen, vor allem zu Kriegsende wurde nur eine geringe Gebühr erhoben. Bucheckern, Pilze, alles, was in der Natur wächst, stand dem Volk zur Verfügung. Wild gab es Ende des Krieges nur noch wenig.
Wo verlief sie? Gab es ein Geländer? Wo kann eine kleine Waffe das Jahrhundert überdauert haben? Gibt es Inventarlisten, die belegen, welche Waffen fehlen?

Wie weit wurde für die neue Brücke gebaggert? Ein Kranführer merkt nicht immer, wenn er Kleinteile auf der Schaufel hat. Einen Teil des Schutts hat man als Untergrund für die neue Brücke genutzt. Auf beiden Kanalseiten sind alte Holzbohlen zu finden und altes Gestein mit Draht. Gehörte der Schutt zur Brücke von 1918? Oder wurde später noch eine weitere gebaut?
Hinter der Stelle, an der heute der Gedenkstein steht, liegen alte Steine. Es ist ein Hügel und die Bäume dort sind alt. Auch auf der gegenüberliegenden Seite gibt es sehr alte Bäume. Die Brücke muss sich in Richtung See von der neuen Brücke aus, befunden haben.
Wenn der Weg über die Schlosskoppel von Userinern oder Strelitzer Bürgern genutzt wurde, ist es möglich, dass Pferdefuhrwerke oder Reiter dort vor Einbruch der Dunkelheit vorbei kamen. Haben sie etwas gesehen oder gehört? Ein Schuss macht Krach.

Auf dem Gedenkstein steht, dass sein Tod ein ewiges Rätsel sei. Vielleicht habe ich Glück und komme diesem Rätsel auf die Spur.

Samstag,14.08.2021

Nach dem Frühstück im Hotel fahre ich nach Burg Stargard. Auf der alten Ritterburg finden Burgfestspiele statt. Sie kam 1292 durch Heirat an Mecklenburg. Als nach dem Hamburger Vergleich 1701 Mecklenburg-Strelitz entstand wurde die Burg sich selbst überlassen. 1726 fand dort noch der letzte Hexenprozess Mecklenburgs statt.
Der Aufstieg vom Parkplatz ist etwas mühselig, aber das Ambiente entschädigt. Ich erlebe den Einzug des Fürsten Heinrich und seiner Gemahlin Beatrix, sowie seiner Herolde, Hofnarren und der Vertreter der umliegenden Gemeinden. Alle sind in historische Gewänder gekleidet. Es finden Turniere im Bogenschießen statt. Zu essen und trinken gibt es auch genug. Mittelalterliche Musik erklingt. Ich fühle mich in der Tat einige Jahrhunderte zurückversetzt.

Auf der Rückfahrt mache ich Halt am Jagdschloss Prillwitz und erlebe den schönsten Teil des Urlaubs.

Das Jagdschloss liegt direkt am Tollensesee und der Lieps. Es wurde bis 1888 vom Großvater Adolf Friedrichs für dessen Vater Adolf Friedrich V gebaut. König Wilhelm II von Württemberg war im Dezember 1907 zur Jagd zu Gast. Von Adolf Friedrich VI, damals Erbgroßherzog, gibt es ein Foto, das den jungen Mann ziemlich desinteressiert inmitten der Jagdgesellschaft zeigt. Ob ihm die vielen Wildschweine, die rechts außen im Bild zu sehen sind, leidtun?
Der Schlossgarten ist für die Öffentlichkeit zugänglich. Ich schaue mir Schalen und Skulpturen an, die es früher schon gab und entdecke eine entzückende kleine Kinderbank aus Metall. Sie ist verrostet und man erkennt ein Wappen in der Mitte. Hat Adolf Friedrich als Kind darauf gesessen? Waren seine beiden Schwestern und der jüngere Bruder auch hier?
Gehörte diese Bank den großherzoglichen Kindern? Wie alt ist sie? Was verbirgt sich unter dem Rost? Ist das in der Mitte ein Wappen?

Ich genieße den herrlichen Nachmittag und fühle mich wie ein Großherzog an der Badestelle am See.
Auf dem Rückweg betrete ich die alte Kirche von Prillwitz. Sie stammt aus dem Mittelalter. Haben die Jagdgäste dort Gottesdienste gefeiert? Im Eingang sind die Namen der 1914 bis 1918 gefallenen Soldaten auf einer Tafel zu lesen. Hat der junge Großherzog einige davon gekannt? Man brauchte Treiber und Hilfskräfte zur Jagd. Auf dem Weg zurück gabelt sich die Straße und führt durch einen dunklen Waldweg über eine alte Brücke, mit Pferdepflaster belegt. Die Bäume sind alt. Sie standen vor 100 Jahren bereits hier. Die Straße führt nach Hohenzieritz, das Schloss, in dem 1810 die Königin von Preußen, Louise, starb.
In Hohenzieritz gibt es ein Spielzimmer. Haben die Prinzen hier herumgetobt? An den Bäumen, die den Schlosspark begrenzen, sind merkwürde Buchstaben eingraviert, die an den Namen Adolf erinnern, begleitet von Initialen, B. M. R.P. Wer sich dahinter verbirgt ist ein Geheimnis.

Ich fahre nach Neustrelitz und kann noch einmal an diesem Tag baden, diesmal in der Badeanstalt vom Glambecker See. Es war schön, einfach nur schön. In Prillwitz spürte ich die Gegenwart Adolf Friedrichs, obwohl er sicher den Jagden seines Vaters nicht viel abgewinnen konnte.

Sonntag, 15.08.2021

Nach dem Frühstück geht es nach Hause. Ich fahre noch einmal zum Gedenkstein, fotografiere, mache mir Gedanken über den Tathergang. Ein kurzer letzter Besuch in Mirow am Grab und es heißt heimwärts fahren. Viele Fotos habe ich aufgenommen, die es zu speichern und zu sichten gibt. Der Urlaubsbericht endet hiermit vorläufig. Der nächste Besuch in Neustrelitz wird von der Arbeit im Archiv des Kulturquartiers gekennzeichnet sein.

Ich hoffe, die Wahrheit herauszufinden, so schmerzlich sie auch sein mag. Es ist Verbrechen, einen anderen in den Selbstmord zu treiben. Somit wird auf jeden Fall ein Verbrechen aufgeklärt.


Quellen


Schloss Neustrelitz – Wikipedia

Mirow, Schloßinsel, Mirow, Deutschland nach Höhenburg Stargard (Burg Stargard - Burganlage) - Google Maps

DeWiki > Kammerkanal

Stiftung Kulturgut Mecklenburg-Strelitz -Start

DeWiki > 17. Division (Deutsches Kaiserreich)

Großherzoglich Mecklenburgisches Grenadier-Regiment Nr. 89 – Wikipedia

Noyon – Wikipedia

Pistolen im 1. Weltkrieg I DER ERSTE WELTKRIEG Special - YouTube

Historienblog: Der mysteriöse Tod des Großherzoges

8.3.1918 - Historisches Wetter am 08. März 1918

Karte Bahnstrecke Wittenberge-Strasburg - Bahnstrecke Wittenberge–Strasburg – Wikipedia

Liste der Kriegsgefangenenlager in Deutschland 1914–1918 – Wikipedia

1. Weltkrieg: Die Stadt Noyon im Rampenlicht

Mecklenburger Militär – Wikipedia

Stargarder Burgverein e.V. » Geschichte der Burg

Jagdschloss Prillwitz – Wikipedia
 
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