Sretni Vasptar

Michele.S

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"Sretni Vasptar"

David konnte sich beim Aufwachen nicht mehr an den Traum erinnern. Er wusste nur noch, dass er seltsam und intensiv gewesen war. Er schlüpfte in seine Jeans und sein T-Shirt und ging ins Badezimmer. Er drehte den Wasserhahn auf. Als das kalte Wasser sein Gesicht berührte, hatte er plötzlich ganz deutlich einen Satz in seinem Kopf. Eigentlich nur zwei Worte:
"Sretni Vasptar"
Ja, diese Worte waren in seinem Traum gewesen. Immer wieder.
Er wiederholte die Worte mehrmals im Kopf, dann schrieb er sie auf einen Block.
Er blickte eine ganze Weile auf das Geschriebene.
"Sretni Vasptar"
Die Worte sahen sehr bedeutsam aus. Er war zufrieden.
Dann ging er hinunter in die Küche, zum Frühstück.

David lebte bei seiner Tante Margareth und seinem Onkel Harry. Seine Eltern waren kurz hintereinander gestorben, beide bei einem Unfall, als David fünf Jahre alt gewesen war. Heute war er zehn.
Seine Tante gab sich zwei Löffel Zucker in ihren Earl Grey.
"Ich hatte heute Nacht einen komischen Traum"
Margareth sagte, ohne Aufzublicken "So?"
"Ja"
"Um was gings denn da?"
"Weiß ich nicht mehr"
Seine Tante schaute ihn verduzt an.
"Dann musst du auch nicht davon erzählen, oder?"
David schwieg und biss in seinen Toast.

Am nächsten Tag schlang er schnell sein Mittagessen hinunter und sprach währenddessen fast nichts.
"Du hast keine Manieren" schimpfte sein Onkel.
Er antwortete nicht darauf.
Dann trug er Teller und Besteck in die Küche und ging die Treppe hinauf in sein Zimmer.
Dort legte er sich aufs Bett und dachte nach.
Aber nach zehn Minuten stand er wieder auf.
Er wollte die beiden Worte auf dem Block sehen.
Er hatte gestern und heute morgen extra nicht mehr draufgeguckt, damit die Wirkung sich nicht abstumpfen würde.
Er ging zu seinem Schreibtisch und blickte ganz langsam auf den Block.
Er ließ seine Sicht mit Absicht erst verschwimmen.
Dann fixierte er mit seinen Augen die Seite.
Auf dem Papier stand:
"retni Vaspt"
David stutzte.
Hatte jemand die fehlenden Buchstaben ausradiert?
Aber wer hätte das machen sollen? Und wozu?
Dann fiel ihm noch etwas auf.
Die Worte auf dem Block waren nicht seine Handschrift.
Sie waren ziemlich ähnlich.
Aber er schrieb das "e" immer so, dass es eher wie ein "l" aussah.
Er überlegte, den Zettel zu zerreißen und wegzuschmeißen.
Aber irgendwie, er wusste nicht warum, wollte er das nicht tun.

David konnte sich nur noch ganz undeutlich an seine Eltern erinnern. Nur an einzelne, kurze Augenblicke. Er wusste noch, dass er sich eines Morgens, als seine Mutter ihn wecken wollte, nicht gerührt hatte. Er hatte dagelegen, völlig regungslos, und dabei versucht, nicht zu atmen.
Seine Mutter hatte laut seinen Namen gerufen. Er hatte nicht reagiert. Dann hatte sie ihn geschüttelt und er hatte seinen Körper ganz locker gemacht, so dass seine Mutter gar keinen Widerstand darin fühlen konnte. Dann hatte sie angefangen zu schreien und verzweifelt zu schluchzen. Nur für eine Sekunde.
Er hatte dann sofort gerufen "Mama, was ist denn?"
Dies war seine deutlichste Erinnerung an seine Mutter.
Sein Vater war sehr groß gewesen und hatte aschblonde Haare gehabt. An mehr konnte er sich nicht erinnern.
Tante Margareth hatte ihm nie erzählen wollen, was das für ein Unfall gewesen war, bei dem seine Eltern gestorben waren. Sie hatte gesagt "Da bist du noch zu jung für".
Zuerst war seine Mutter gestorben.
Kurz darauf sein Vater.

David hatte den Block umgedreht. Er wollte sich die Worte erst wieder in zwei oder drei Tagen angucken.
Er war sich nicht sicher, ob er Angst davor hatte, oder sich darauf freute. Es war irgendwie beides gleichzeitig.

Zwei Tage später war Freitag. Als er von der Schule heimkam, lag das Wochenende vor ihm.
Heute in der Englischstunde war sein Aufsatz vor der ganzen Klasse vorgelesen worden. Er war der Klassenbeste gewesen.
Beim Mittagessen erzählte er es seiner Tante in beiläufigem Ton.
Sie blickte weiterhin in ihre Zeitung.
"Das ist aber schön"
David schwieg und kaute auf einem Stück Roastbeef.
Dann sagte er vorsichtig "Willst du ihn vielleicht lesen?"
Seine Tante blickte kurz auf "Was?"
"Meinen Aufsatz"
Margareths Lippen wurden etwas schmaler.
"Vielleicht später"
David spürte, dass sich in seinem Hals etwas zusammenzog.
Er schaute jetzt nur noch runter auf seinen Teller und aß schnell den restlichen Roastbeef auf.

Als er damit fertig war, sprang er schnell die Treppe hinauf in sein Zimmer.
Er wollte es sehen, jetzt sofort.
Der Block lag noch an der gleichen Stelle auf seinem Schreibtisch.
Er zählte drei Sekunden ab, dann drehte er den Block um und schaute auf das Papier.
Dort stand:
"rni asp"
Die Schrift war seiner eigenen jetzt nur noch ganz entfernt ähnlich.

Am nächsten Abend saß David auf dem Wohnzimmersofa und las "Harriet, the spy"
Er hatte das Buch bestimmt schon zehnmal gelesen, aber heute Abend wollte er es eben nochmal tun.
Ihn bedrückte etwas. Er hatte sich am Nachmittag mit seinem Freund Ethan getroffen. Erst hatten sie Fußball gespielt, danach Monopoly. Dort hatte Ethan einfach die Regeln geändert und behauptet, man könne schon Häuser bauen, wenn man noch nicht alle der Straßen gekauft hatte. Sie hatten sich gestritten.
Am Ende hatte Ethan ihm gesagt, er wäre ein widerlicher Bastard und solle abhauen. David war dann einfach gegangen.
Seine Tante saß auf der anderen Seite des Sofas und las ebenfalls.
"Tante Margareth?"
"Hm" machte sie, ohne Aufzublicken.
"Ich glaube, Ethan will nicht mehr mein Freund sein"
Sie schaute ihn nun doch an "Ethan war sowieso ein schlechter Umgang für dich"
Wieder schnürte sich etwas in seinem Hals zusammen.
Er schwieg eine Weile, dann sagte er leise "Ich hab aber keine anderen Freunde außer ihm"
Margareth schnaubte etwas Luft durch die Nase "Weißt du, das ist auch kein Wunder. Niemand will mit jemandem befreundet sein, der immer nur liest und ansonsten den Mund kaum aufmacht"
In Davids Brust löste sich irgendetwas.
Bevor er es verhindern konnte, fing er an zu schluchzen.
Margareth schaute ihn völlig verblüfft an "Was hast du denn auf einmal, um Gottes Willen?"
Er konnte nicht aufhören zu weinen.
Alles brach jetzt aus ihm heraus.
"Nur weil du nicht meine richtige Mama bist, kannst du mich doch trotzdem ein bisschen lieb haben"
Die Worte kamen stoßweise und abgebrochen aus seinem Mund.
Margareth blickte ihn ganz betroffen an.
Dann kam sie herüber und setzte sich zu ihm.
"Du vermisst deine Mama sehr oft, oder?" fragte sie sanft.
"Ja" presste David hervor. "Und ich hab fast nichts von ihr. Ich kann mich an nichts mehr erinnern".
Margareth schwieg eine ganze Minute lang.
Dann sagte sie nachdenklich "Morgen ist es genau fünf Jahre her, dass deine Mutter uns verlassen hat"
David weinte leise weiter und sagte nichts. Er hatte das nicht gewusst.
Margareth erhob sich langsam vom Sofa.
"Bleib hier sitzen. Ich bin gleich zurück"
David weinte noch immer, als sie mit einem dünnen Buch in der Hand zurückkam.
"Ich hätte dir das schon lange geben sollen. Das ist das Tagebuch von deiner Mama".
Er hörte auf zu Weinen.
Er nahm das Buch entgegen und hielt es eine Weile wie einen Schatz in seinen Händen.

David lag bis spät in der Nacht wach in seinem Zimmer und las in dem Tagebuch.
Fast alle Einträge handelten von ihm.
Sie waren datiert.
"11/02/1956: David hat im Kindergarten einen neuen Freund gefunden, George. Er spricht jetzt über nichts anderes mehr. Heute hat er zu mir gesagt "George ist eigentlich fast so schön wie ein Mädchen". Das ist so süß!"

"26/03/1956: David sagt jetzt immer "Fuck". Keine Ahnung, wo er das Wort aufgeschnappt hat, aber er lacht sich jedes Mal kaputt, wenn er es sagt".
David lächelte und hatte gleichzeitig Tränen in den Augen. Er klappte das Buch zu und wollte schlafen.
Aber dann holte er es wieder hervor und machte etwas, dass er eigentlich nicht hatte tun wollen. Er blätterte bis zum letzten Eintrag.
Er fand die Seite, zählte drei Sekunden ab und blickte dann auf das Papier. Oben rechts in der Ecke stand das Datum: 18/03/1957
Sie hatte das nur vier Tage vor ihrem Tod geschrieben!
Er zögerte ein paar Sekunden, aber dann begann er zu lesen:
"David wollte heute Nacht wieder bei uns im Zimmer schlafen, weil er einen Albtraum hatte. Und anscheinend".
Der Satz war offenbar nicht zu Ende geschrieben worden.
David blätterte auf die nächste Seite, aber die war leer.
Ohne große Hoffnung, nur um ganz sicher zu gehen, blätterte er noch eine Seite um.
Und da stand tatsächlich etwas.
"haben Davids Albträume mich angesteckt. Ich hab auch total komisch geträumt, aber kann mich an nichts mehr erinnern. Ich weiß nur noch, dass in dem Traum der Satz "Sretni Vasptar" vorgekommen ist. Verrückt."
Davids Herz hämmerte.
Er starrte mehrere Minuten lang nur auf den Eintrag.
Dann fiel ihm etwas ein.
Er machte das Zimmerlicht an und ging zu seinem Schreibtisch.
Dort lag noch immer unverändert der Block, umgedreht.
David schloss die Augen und zählte von zehn herunter.
Dann riss er den Block ganz schnell herum und las, was da jetzt stand:
"rip"
 

jon

Mitglied
Och bitte! Du setzt uns einen Text mit massenhaft fehlenden Satzzeichen als Lektorats-bereit vor?
 



 
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