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Akiiiii

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„Bitte schon mal ausziehen Frau Schneider. Ich hole sie dann gleich zur Untersuchung.“ Die Tür fällt ins Schloss. Maria geht zum Bett und stellt ihre Tasche ab. Das Zimmer hat zwei Betten. Das Bett am Fenster ist bereits belegt. Auf der Decke sitzt eine Frau von vielleicht 30, leicht übergewichtig, mit einem Plastikbehälter Fertigpudding. Der Löffel schwebt über dem kleinen Becher. „Guten Tag.“ sagt Maria und nickt leicht.
Die Frau nickt zurück. „Hallo. Berger. Eileiterentzündung.“ Die Jüngere stellt den Rest Pudding auf ihren Nachttisch. Daneben steht das Foto eines Mannes mit einem pausbäckiges Kleinkind neben sich und einem Säugling auf dem Schoß. Dann deutet sie auf den Tropf an ihrem Arm. „Antibiotika. Keine Beschwerden mehr. Bisschen wie Urlaub. Endlich mal ausschlafen.“ Sie hebt entschuldigend die Arme, zuckt mit den Schultern und ihr Mund verzieht sich zu einem Lächeln. Die Augen bleiben forschend.
Ein Besucherstuhl steht direkt neben Marias Bett. Maria hält sich am Nachttisch fest und setzt sich zaghaft auf die äußerste Kante des Stuhles. Die jüngere Frau plappert. „Ich hab’ das mal gegoogelt - Eileiterentzündung und so. Hier hat ja keiner Zeit fürs große Schwätzchen. Heißt, man kann vielleicht dann keine Kinder mehr bekommen und so. Wäre vielleicht auch nicht schlecht. Die können einem manchmal ganz schön auf die Nerven gehen.“ Sie zuckt mit dem Kopf in Richtung des Bildes. „Die nächsten 2 Tage trampeln sie erstmal Papa auf den Nerven rum.“ Ein strahlendes Lächeln erhellt ihr Gesicht. Sie wartet. Maria schlägt die Augen nieder.
Plötzlich fliegt die Zimmertür auf. Die Schwester kommt herein und drückt Maria einen Stapel Binden in die Hand. „Ihre Einlagen. Fast vergessen.“ Die Tür fällt abermals ins Schloss. Die Eileiterentzündung schaut auf die Binden. Dann schaut sie Maria ins Gesicht. Jeder Humor ist aus ihrem Blick gewichen. Wahrscheinlich überschlägt sie gerade, seit wie vielen Jahren die Alte so etwas eigentlich nicht mehr brauchen sollte.
„Angenehm, Schneider. Krebs.“ sagt Maria. Und als die andere nichts erwidert, senkt sie den Blick und streicht über das goldene Kreuz an ihrer Kette. „Martin, mein Mann hat sich lang gewehrt. Hat’s länger ausgehalten mit dem Scheisszeug, als irgendjemand gedacht hätte. Aufgefressen hat’s ihn bei lebendigem Leib. Hatten nie Kinder. Ich hab’ versucht es ihm leichter zu machen.“ Sie berührt sachte ihren Bauch. „Wusst schon lang, dass bei mir was is.“
Sie steht auf - vorsichtig - und nimmt ihre Tasche.
„Gute Besserung für sie.“
 

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