Stecker raus oder ‘Mexican Overdrive‘ an der ScheinBAR

Hagen

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Stecker raus

„Boh, war das wieder mal ein Tag!“ Die Wunderbare Ulrike stellte ein Sträußchen Veilchen auf die die ScheinBAR, „hübsch nicht? Die wachsen im Garten.“
Sie panterte auf einen Barhocker und sagte: „Hast du wieder mal einen neuen Cocktail kreiert? Mir ist heute nach etwas Süßem; - aber nicht zu süß.“
„Selbstverständlich, Wunderbare Ulrike. Da wären der ‘Mexican Overdrive‘, der ‘Dauntless‘ und der ‘Vindicator‘. – Weißt du, für mich ist das immer ein Problem, die passenden Namen für die Cocktails zu finden.“
„Ja, wenn das so ist und du auf Authentizität verzichtest … naja, Authentizität hat ja auch in der Kunst des Cocktailkreierens nichts zu suchen … aus meiner Situation heraus hätte ich gerne einen ‘Mexican Overdrive‘, denn der ‘Mexican Overdrive‘, ein Ausdruck aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, insbesondere in der Sprache, die von Fernfahrern verwendet wird, bezeichnet die neutrale Gangposition beim praktisch antriebslosen Ausrollen bergab. – Genau das, was ich jetzt brauche! Dazu etwas Sergio Leone Greatest Western Music.“
„Dann sollst du einen ‘Mexican Overdrive‘ und Sergio Leone haben, Wunderbare Ulrike.“
Während ich die CD einlegte, den Cocktail, für mich natürlich auch einen, zubereitete, redete die Wunderbare Ulrike munter weiter: „Du, in einem Krankenhaus wunderte man sich, dass am Donnerstag auf einer der Intensivstationen immer die Patienten starben. Bis man auf den Bolzen kam, dass die Putzfrau, die Donnerstags kam, immer den Stecker des Beatmungsgerätes rausgezogen hat, um ihren Staubsauger anzuschließen. Sie hat ihn nachher ordentlich wieder reingesteckt und ist weggegangen.“
„Tatsächlich?“, meinte ich, „das erinnert mich irgendwie an unsere Frau Kastner, die alle zwei Wochen zu uns zum Saubermachen kommt und anschließend an der ScheinBAR mächtig viel von unseren Bénédictine trinkt.“
„Lass‘ man, Frau Kastner ist eine richtige Perle, die unbedingt ihre schmale Rente aufbessern muss. Da kann sie sich nach der Arbeit gerne zwei, drei Bénédictine genehmigen.“
„Ich habe ja auch nichts dagegen; - wenn sie nur dieses verhängnisvolle Hobby nicht hätte. – So, wunderbare Ulrike, hier hast du deinen ‘Mexican Overdrive‘. Ich hoffe, er schmeckt dir.“
Die Wunderbare Ulrike nahm einen Schluck. „Vielleicht etwas weniger süßen Granatapfelsaft, dann ist er perfekt, du hast es wieder mal zu gut gemeint. – Aber erzähl‘, was hat Frau Kastner denn für ein verhängnisvolles Hobby?“
„Tja,“ ich nahm auch einen Schluck ‘Mexican Overdrive‘, „Frau Kastner pflegt immer Stecker rauszuziehen. Am Tage nachdem sie erste Mal zu uns gekommen war, bereitete ich das Frühstück vor. Das heißt erst mal Kaffee ansetzen, dann den Ofen vorheizen, um Brötchen knusperig aufzubacken, die Eier genau dreieinhalb Minuten zu kochen, dann raus, Vögel füttern. Das dauert insgesamt ungefähr fünf Minuten. Der Kaffee ist dann soweit, dass er angefangen ist, durchzulaufen, richtiger Betonkaffee wie ich ihn erst mal brauche.“
Schluck ‘Mexican Overdrive‘.
„Aber diesmal nichts dergleichen,“ fuhr ich fort, „kein Kaffee hatte angefangen durchzulaufen. Im Geiste sah ich mich schon die Kaffeemaschine auseinanderschrauben und Fehler zu suchen, weil ich mir als ehemaliger Homo Electricus immer zuerst die Frage stelle, wann ein elektrisches Gerät kaputt geht und nicht warum, denn alles was irgendwie elektrisch ist, geht früher oder später kaputt, oder alles was aus zwei oder mehreren Teilen besteht, fällt früher oder später von Selbst auseinander. Einer der Gründe, weshalb wir leidenschaftlich gerne Billard spielen, aber das nebenbei. – Wollen wir gleich noch eine Runde Billard spielen?“
„Unbedingt!“
Bis die Wunderbare Ulrike reinkam und feststellte dass lediglich der Stecker gezogen war, dauerte es eine Weile, so erinnerte ich mich.
„Die Frage, die sich mir erbarmungslos aufdrängte,“ fuhr ich fort, „war: Warum? Es gibt keinen logischen Grund den Stecker zu ziehen!“
Schluck ‘Mexican Overdrive.
„So kam ich ungefähr sieben Minuten später zu meinem Betonkaffee, sieben Minuten, das muss man sich mal vorstellen! – Zudem geriet mein ganzer, genau ausgetüftelter, Zeitplan aus den Fugen!“
Schluck ‘Mexican Overdrive‘.
Die Wunderbare Ulrike nahm auch einen Schluck ‘Mexican Overdrive‘ und bemerkte, dass jeder seine Macken hat, ich auch, aber egal, aber damit ist nicht genug!
„Ich habe aus rein nostalgischen Gründen eine alte Weckuhr mit roten Leuchtziffern,“ bemerkte ich weiterhin. „Bis die kaputt geht, behalte ich die, denn sowas gibt’s heute nicht mehr. Das Ding steht auf dem Nachttisch und ist an die Steckdose hinter besagten Nachttisch angeschlossen. Warum Frau Kastner jedes Mal ausgerechnet den Stecker der Uhr rauszieht, anstatt die Steckdose für den Staubsauger unter den Lichtschaltern zu benutzen, wird mir ein ewiges Rätsel bleiben. Ich darf dann die Uhr wieder stellen, das dauert auch wieder ein paar Minuten, sie sagt auch nicht Bescheid, warum soll sie auch?“
„Ist nicht schlimm“, meinte die Wunderbare Ulrike in ihrer grenzenlosen Hochherzigkeit, „wer mit den Händen arbeitet, denkt nicht! – Curt Goetz, ein deutsch-schweizerischer Schriftsteller, hat mal gesagt: ‚Wer in einem gewissen Alter nicht merkt, dass er hauptsächlich von Idioten umgeben ist, merkt es aus einem gewissen Grund nicht!‘ – Du hast schließlich auch deine Macken. Ich denke da an die Lautsprecher an unserer ScheinBAR, die immer in einem Winkel von sechzig Grad ausgerichtet sein müssen.“
Schluck ‘Mexican Overdrive‘.
„Dann ist da noch die Sache mit den Bewegungsmeldern,“ fuhr ich fort. „Ich habe mehrere davon in unser Haus integriert, und zwar so, dass man nie Licht anmachen braucht, wenn man mal nachts aufs Klo muss. Eine feine Sache, aber Frau Kastner schaltet die Dinger regelmäßig aus, damit ich nachts im Dunkeln über den dunklen Flur tapern muss, obwohl ich Angst im Dunklen habe. – ‚Reine Gewohnheit“, meint Frau Kastner, ‚das müssen sie entschuldigen!“
Ich entschuldigte, weil Frau Kastner ja mit den Händen arbeitete. Drei bis fünf Mal, aber dann? ‚Ach habe ich die schon wieder ausgeschaltet? Müssen sie entschuldigen, reine Gewohnheit!‘ – Man, man, man.“
Schluck ‘Mexican Overdrive‘.
„Lass doch die Frau Kastner. Dafür putzt sie ausgezeichnet! Du hast, wie gesagt, auch deine Macken!“
Die Wunderbare Ulrike nahm auch einen Schluck ‘Mexican Overdrive‘
„Aber, da ich gerade dabei bin,“ fuhr ich fort, „da ist noch die Sache mit der Fernbedienung. Ich habe, wie du weißt, ein paar Leuchtstofflampen auf den Schränken in der Küche installiert, mit meinen Händen, habe aber trotzdem nachgedacht! Weil keine Steckdosen und Schalter mehr frei waren, diese mit einer Fernbedienung ausgerüstet. Die Fernbedienung liegt immer gut sichtbar auf der Arbeitsplatte. Aber jetzt kam Frau Kastner! Als ordentliche Haushaltshilfe ist die Arbeitsplatte nach ihrem Besuch blitzblank und leer. Keine Spur mehr von der Fernbedienung. Nun such mal im Dunkeln eine Fernbedienung! Frau Kastner anrufen geht nicht, weil da grundsätzlich der Anrufbeantworter läuft.“
Schluck ‘Mexican Overdrive‘.
„Du musst dich eben in das Seelenleben von Frau Kastner versetzen! Die denkt nicht, die arbeitet mit den Händen“, sprach die Wunderbare Ulrike, „aber ich hab die Fernbedienung dann doch gefunden, in der Besteckschublade, aber da war sie beim nächsten Mal überhaupt nicht.“
Schluck ‘Mexican Overdrive‘.
„Stimmt!“ fuhr die Wunderbare Ulrike fort. „Ich fand sie im Gläserschrank. Frau Kastner legt jedes Mal ungeahnte Kreativität an den Tag, wenn es darum geht, die Fernbedienung an einem anderen Ort zu verstecken, obwohl ich sie gebeten habe, das Ding gut sichtbar auf der Arbeitsplatte zu lassen, wo es hingehört. – ‚Ach du je, habe ich die schon wieder ordentlich weggelegt? Müssen sie entschuldigen, reine Gewohnheit.‘“
„Wie gut, dass sie weiß was das ist“, sagte ich, „du musst das auch mal positiv sehen, denn sonst hätte sie die Fernbedienung bestimmt entsorgt, wie die Verpackung von den Staubsaugerbeuteln. Den letzten Beutel in den Staubsauger, und die Verpackung weg, aber nicht Bescheid sagen. Als dieser auch voll war, hieß es. „Da hätten sie doch …“
Schluck ‘Mexican Overdrive‘.
„Gut, aber was für ein Beutel war das? Es gibt unzählige verschiedene Sorten.“
„Das müssen Sie doch wissen, welcher Beutel in den Staubsauger gehört!“, meinte Frau Kastner.
„Muss ich das als Mann?“
„Es fördert dein Denkvermögen“, sprach die Wunderbare Ulrike, „das hilft gegen Alzheimer und Demenz.“
„Tatsächlich? Schlimm genug, dass sie den Staubsauger grundsätzlich im Weg rumstehen lässt wenn sie geht, aber ich kann ihr ja nacharbeiten, sind zusammengenommen ja nur drei Stunden, die ich mit Uhrenstellen, Fernbedienung suchen und sonem Kram bisher verschwendet habe, und das Kabel der Antenne für unseren Fernseher im Schlafzimmer auch schon wieder rausgezogen, und der Goetheband, den ich als Türstopper benutze, liegt auch schon wieder auf meinem Schreibtisch, weil man Goethe doch nicht als Türstopper benutzen darf, das ist schließlich Literatur.
Wen soll ich denn dann als Türstopper benutzen?
Heinrich Heine vielleicht?
Ein wenig abgewandelt würde ein Gedicht von ihm etwa so klingen:

Leise zieht durch mein Gemüt
Liebliches Geläute.
Klinge, kleines Frühlingslied,
Kling hinaus ins Weite.

Kling hinaus bis an das Haus,
Wo die Veilchen sprießen!
Wenn du die Frau Kastner schaust,
Sag, ich lass sie grüßen.“​

Die Wunderbare Ulrike war mit der Umwandelung dieses Gedichtes von Heine gar nicht einverstanden.
Warum nur?



Für den geneigten Leser, den die Cocktails interessieren, die in dieser wahren Geschichte vorkommen:

Mexican Overdrive
1 Tropfen Granatapfelsirup
4 cl Cachaça
2 cl Tequila
6 cl Granatapfelsaft
1 Limette oder Zitronenscheiben
3 Eiswürfel
Deko Cocktailkirsche

Dauntless
In hitzebeständigem Glas

1 Tässchen Espresso
4 cl Sambuca
1 cl Rum
3 Eiswürfel
Deko Pfefferminzscheibe

Vindicator
1 cl Gin
2 cl Sambuca
Auffüllen mit Ginger Aale
Eis
Deko Pfefferminzscheibe
 

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