Stolz - Sonett

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Walther

Mitglied
Stolz

Es ist ein Tag aus jenem raren Holz,
Das man nicht einfach so am Wegrand findet,
Wenn man sich bückt und Schuhe bindet:
In seinen Fasern und im Herz lebt Stolz.

Der Ast hat sich den Stürmen nicht gebeugt.
Hat sich dem Wind, der kam, gestellt,
Und ist in seine Form zurückgeschnellt,
Was er mit seinem graden Wuchs bezeugt.

Der Tag, der allem trotzt und widersteht,
Geht nun zur Nacht. Sie hat ihn umgebracht.
Er spürte, dass sein Ende kommt, zu spät.

Zur Mittagszeit hat er im Sonnenbad gelacht,
Getanzt hat er, und wie die Zeit vergeht,
Hat sie den Ast gebrochen und verweht.
 

Mondnein

Mitglied
Das Gleichnis vom "Holz", Walther,

tritt im zweiten und dritten Vers der ersten Strophe ein wenig zurück, in den Hintergrund, weil das Verglichene des Vergleichs, der Sinn der Metapher, schon im Vordergrund als erstes Subjekt genannt ist, und nun sieht man einen Spaziergänger vor sich, der eine Kurzszene seines "Tages" beiläufig reflektiert und diese Beiläufigkeit selbst zum Vergleichsbild der Metapher nimmt: Der heutige Tag ist ein Fund, wie ihn jener Waldläufer beim Schuhezubinden nicht gemacht hat.
Und so kehrt die Holz-Metapher wieder, tritt in den Vordergrund statt des "Tages", auf den der Hörer des ersten Verses gewartet hat. Die Erwartung sagt: Der Tag hat ein Herz; und Herzfasern, er hat Stolz. Der Mensch eben, der den Tag erlebt. Aber der Schlenker schlägt zurück in das Gleichnisbild. Zunächst für das zweite Quartett.
Ab den Terzetten ist es wieder der "Tag", der nun in einer neuen Metapher eingebildert erscheint, indem er abendmüde personifiziert zur Nacht eingeht. Eine Gottesanbeterin, diese Nacht. Sie frißt ihn.
Der Schluß geht von der Tag-Nacht-Gleichnisebene wieder hinauf zu der vom Holz. Widerpart des Holzes ist die Zeit, so wie die Gegenspielerin des Tages die Nacht war.

Die beiden sind einander Metapher, das Holz dem Tag, der Tag dem Holz, die Nacht der Zeit, die Zeit der Nacht.

Weil sie in ihrem Gleichgewicht ausgependelt werden von einem sich in diesem Sonett reflektierenden Leben. Das Gleichnispaar, die einander spiegelnden Metaphern, sie reflektieren beide den gebrochenen Stolz eines seltenen Lebens.

Gern gelesen!

grusz, hansz
 

Walther

Mitglied
Lb Hansz,

danke fürs besprechen und sehr tiefe schürfen. wenn man einen text beginnt, kennt man sein ende nicht. er fügt sich wie von fremder hand geführt.

dem sonett als lehrgedicht steht das gleichnis gut zu gesicht. es ist daher probat, in bildern zu sprechen, um bedeutungsebenen auszuleuchten und zu spiegeln. nicht immer will das gelingen. ich selbst habe dieses sonett nicht als besonders eingeschätzt. das ausrufezeichen setzten leser*innen - und kommentatoren wie du. woran man wieder erkennen kann, daß poeme kommunikation sind, die ohne den resonanzraum beim empfänger/hörer/leser nicht wirken und sich nicht entfalten können.

der poet lehrt sich selbst, indem er sich versichert. seine botschaft ist, daß man seine tage wählen kann in der spanne zwischen morgen und abend. das andere, der rahmen, ist gesetzt. es mag sein, daß aus einem besonderen. aus einem stolzen holz geborene tage, die besseren sind.

lg W.
 
G

Gelöschtes Mitglied 20370

Gast
Was mir zuerst auffiel - die sperrige Reimung Holz/Stolz, etwas, das nicht so recht passen will. Dann aber (bereinigt) finden/binden, beugen/zeugen, stellen/schnellen, stehen/gehen ... worin sich Text und Aussage gegenseitig Halt geben und es ertragen, dass es knackt, ja, zu brechen droht, wie es bei Stolz und Holz immer gegeben ist. Die herrliche Szene, sich zu bücken, um die Schuhe zu schnüren, die ihre antwortende Entsprechung in ' Und ist in seine Form zurückgeschnellt' findet, ruft nach einer Fortführung, die - wie es sich gehört im literarischen Fortgang - im Unvermeidbaren mündet (ach, wir können/wollen es nicht anders!): Hat sie den Ast gebrochen und verweht.
Ganz wunderbar, lieber Walther!

Schönen Gruß von
Dyrk
 

Walther

Mitglied
Hi Dyrk,
danke für deine tiefgehende analyse. dieses sonett war schon beim schreiben sehr störrisch. die entsprechungen der bilder ist ab einem gewissen fortschritt bewußt entstanden - wenn auch nicht alles "geplant". das läßt ein kreatives vorgang auch nicht zu.
das unvermeidbare ist teil der lehre, die das leben bietet. heute schwelgen wir nicht mehr darin, wie es der barock tat, dem noch das paradies danach geschenkt war. heute sind wir lapidar.
lg W.
 

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