Strandleben

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Klaus K.

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Mutter und Tochter hatten sie seit Tagen beobachtet. Hier, am Strand von Bibione. Es war eine Familie, die eine Geschichte erzählen konnte. Und gleichzeitig Spaß bedeutete, viel Spaß.

Jeden Morgen kam die Familie pünktlich um zehn Uhr an den Strand und belegten ihre reservierten Liegen mit den zwei Sonnenschirmen. Vater, Mutter, Tochter und Sohn. Allein der Anblick, wenn sie angewackelt kamen. Die Mutter vorneweg, im Bikini. Es sei dazu nur soviel gesagt: Jeder Produzent dieser attraktiven und minimalistischen Kleidungsstücke hätte sich sofort erschossen, wenn er seine Kreation an dieser Frau gesehen hätte. Sie war zwar groß, aber etwas – gelinde ausgedrückt – zu üppig. Und dazu war sie kein Ausbund an weiblicher Schönheit mit ihrer Hakennase. Kurz, das Geld für den Bibione-Aufenthalt wäre sicher in einer kosmetischen Operation besser angelegt gewesen. Dann die Kinder, der Junge ungefähr zwölf, das Mädchen eher noch zehn Jahre alt. Beide Kinder watschelten hinter der Mutter her, der Junior mit großen Segelohren und die Kleine mit einem starken Überbiss. Also ebenfalls Korrekturbedarf. Aber dann der Ernährer, ganz am Schluss der Schwadron. Klein, dick, Glatze … und der Bauch! Sein feister und viel zu fetter Körper wurde von einer Kugel gekrönt, die es in sich hatte und tief über seinen altmodischen Schwimm-Shorts herunterhing. Zu allem Überfluss trug er noch weiße Socken und Sandalen, das Haupt gekrönt von einem lächerlichen Hütchen mit Luftlöchern. Und er schleppte die ganze Ausrüstung in zwei prall gefüllten Leinentaschen mit dem Aufdruck «New Zealand is around the corner!». Die vier belegten ihre Liegestühle, der Vater links, die Mutter rechts, die Kinder in der Mitte. Dann wurden Zeitungen und Bücher ausgepackt und es tat sich erst einmal gar nichts, bis die beiden Kinder irgendwann aufstanden um ins Wasser zu gehen oder Sandburgen zu bauen. Die Eltern blieben sitzen, Kommunikation fand im Prinzip nicht statt.

«Da müssen wir etwas tun!», sagte die Mutter zu ihrer Tochter. Beide trugen Gucci-Sonnenbrillen und schicke blaue Baseball-Caps. «Ich weiß auch schon, was …», meinte die Tochter, die ungefähr 20 Jahre alt war. «Wir schreiben ihm einen Brief!»

Der nächste Morgen. Die Familie kam und okkupierte wie gewohnt ihre Liegestühle. Der Vater wie immer links außen, aber da lag etwas. Ein Briefumschlag. Er öffnete ihn, entfaltete den darin befindlichen Bogen und las: «Liebster! Ich beobachte Dich seit Tagen. Du bist der Mann, von dem ich immer geträumt habe – ich muss Dich kennenlernen! In Liebe, E.»

Er drehte den Kopf, schaute erst nach links, dann nach rechts. «Was hast Du da?» keifte seine Frau. «Ähh … nichts … nur eine Information, dass man keine Abfälle am Strand zurücklassen soll ...»

Die beiden bebrillten Damen lagen nur wenige Meter entfernt und hatten alles beobachtet. Zur Sicherheit hatten sie noch Modezeitschriften mitgebracht, hinter denen sie ihre Reaktionen verstecken konnten. «Na, geistesgegenwärtig ist er ja wenigstens», flüsterte die Mutter zur Tochter. Ihr Opfer hatte den Brief schnell wieder gefaltet und in der Leinentasche verschwinden lassen.

«So ein Blödsinn! Als ob wir so etwas machen würden! Du schreibst denen sofort zurück – das ist eine Unverschämtheit!» Damit war der Fall zumindest für sie erledigt, und sie legte sich auf ihre Liege. Aber jetzt er. Nach einem prüfenden Blick auf seine Frau – die Kinder waren ausnahmsweise diesmal sofort ans Wasser gegangen –, ließ er erneut seinen Blick schweifen. Ungefähr 50 Gäste waren bereits auf dem eingezäunten Stück Strand und sonnten sich. Er straffte seinen Körper und drückte seine Schultern nach hinten. Dann nahm er sein Hütchen ab, fand in der Reisetasche einen Kamm und brachte damit sein Resthaar in Form. Als Nächstes entledigte er sich seiner Sandalen und der weißen Socken. Dann zog er seine Schwimm-Shorts etwas höher. Zur Krönung kam eine dunkle Sonnenbrille zum Einsatz. Er war jetzt perfekt ausstaffiert, um das Abenteuer zu beginnen.

Mutter und Tochter hielten hinter ihren Illustrierten die Luft an. «Was soll das? Was hast Du vor?» Seine Frau passte auf. «Ein Strandspaziergang – etwas Bewegung kann nicht schaden!» «Na dann viel Spaß! Pass’ bloß auf, dass Dich niemand anspricht!» Das sagte die Richtige.

Er marschierte los, gerader Rücken, sondierender Blick, den Bauch angezogen, kraftvoller Schritt mit dicken, kurzen Beinchen. Als er sich außer Sichtweite seiner Frau glaubte, wurde er mutiger. Er blieb stehen und seine Augen suchten die Liegestühle vor ihm ab. Er wartete auf ein Zeichen. Nichts. Dann kam er zurück, passierte Frau und Kinder, die keine Notiz von ihm nahmen, und lief in die entgegengesetzte Richtung. Doch auch dort blieb der Erfolg aus. Er kam erneut zurück und ließ sich erschöpft in seinen Liegestuhl fallen.

«Da bist Du ja endlich wieder! Setz’ Deinen Hut auf, sonst bekommst Du noch einen Sonnenstich – das hätte uns gerade noch gefehlt! Na, wieviel Quallen hast Du denn getroffen?» Er brummte irgendetwas Unverständliches und schlug seine Zeitung auf.

«Das hat ja prima geklappt …», meinte die Mutter zu ihrer Tochter. «Ja, Mama ... er ist sozusagen waidwund … morgen geht es weiter!»

Am nächsten Morgen das gleiche Spiel. Nur dieses Mal war der Brief viel kleiner. Er sah ihn sofort, nahm ihn auf und ließ ihn in der Tasche seiner Schwimm-Shorts verschwinden. Als seine Frau kurz darauf mit den Kindern ans Wasser ging, nutzte er die Gelegenheit. «Liebster – leider hat es gestern nicht geklappt! Ich warte auf Dich! In Liebe, E.»

Die Zeremonie begann erneut, sein Auftritt diesmal noch getoppt von einer Goldkette für den Hals und einer schweren Ausführung für das Handgelenk. Schuhe aus, Socken aus, Schwimm-Shorts hoch, Hut ab, einmal kurz das Resthaar gekämmt, Sonnenbrille auf – er war startklar. «Sag’ bloß, Du willst wieder einen Spaziergang machen? Unter einem Gigolo verstehen die hier aber etwas anderes!» «Du musst ja nicht mitkommen!» Er ging los, die Schultern nach hinten durchgedrückt und den Bauch einziehend. Und er wusste, dass seine Frau ihn beobachtete. Aber er war zum Glück nicht der einzige Strandläufer an diesem Vormittag. Nach ein paar Metern war er aus ihrem Blickfeld verschwunden.- Diesmal blieb er länger weg und bearbeitete das in Frage kommende Terrain mehrfach. Ohne Erfolg.

Wieder kam er dann zu seiner Liege zurück, für Mutter und Tochter als Beobachter sichtlich irritierter als am Vortag. Erschöpft schlief er kurz darauf unter seinem Sonnenschirm ein. «Morgen gibt’s den Fangschuss …», meinte die Mutter zu ihrer Tochter, als sie beide ihre großen Sonnenbrillen abnahmen, um ihre Dolce&Gabbana–Shirts überzustreifen.

Der nächste Morgen. Die Familie nahte. Mutter und Tochter waren auf ihrem Posten Er stapfte zielsicher auf seinen Liegestuhl zu. Nichts. Seine Frau hingegen, vor ihrem Liegestuhl stehend: «Huch! Was ist das denn?» Sie öffnete den kleinen Briefumschlag, entnahm den Bogen. Ihr Körper straffte sich, sie hob den Kopf und ließ ihre Augen suchend schweifen. «Ist was?», fauchte sie ihren Mann an, der mit offenem Mund vor ihr stand.
 
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