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Strohfeuer

visco

Mitglied
Strohfeuer

Ein kontrollierender Blick auf die Uhr. Kurz nach halb Drei. Keine zwei Stunden hatten sie für die Autofahrt bis ins „Northeast Kingdom“ benötigt, wie die nordöstliche und nur sehr dünn besiedelte Region Vermonts an der Grenze zu Kanada liebevoll genannt wird. Bestimmt würden sie pünktlich sein.

Das von lustigen Locken eingerahmte Gesicht an ihrer Seite hatte seine kindliche Fröhlichkeit eingebüßt. Fahl und ausdruckslos war es geworden, seit sie in Montreal gelandet waren. Schon seit Tagen hatte sie nicht mehr gesprochen. Es gab auch nichts mehr zu sagen. Die Entscheidung war gefällt, endgültig, unwiderruflich.

Die dicht bewaldete und von zahlreichen natürlichen Seen und Flüssen überzogene Landschaft Neu Englands präsentierte sich in herbstlich atemberaubender Schönheit. Die von der Sonne wirkungsvoll in Szene gesetzte, leuchtend bunte Laubfärbung war ein prachtvoller Anblick, und ein strahlend blauer Himmel rundete das eindrucksvolle Panorama eines vollkommenen Naturerlebnisses ab. Nun war es nicht mehr weit.

Es war nicht ihre Schuld. Sie hatten sich doch alle Mühe gegeben. Es gab keine andere Lösung. Mit Engelszungen hatten sie auf sie eingeredet. Ohne Erfolg. Nun gab es kein Zurück mehr. Sie würde es verstehen, wenn sie älter war.

Ein herrlicher Anblick! Nicht zu vergleichen mit dem gewohnten, allzu schnellebigen Zentrum kollektiven Erfolgstrebens, in dem kein Platz war für Andersdenkende und keine Zeit für Erklärungen. Fasziniert von der sie umgebenden ländlichen Idylle, die trotz ihrer Unberührtheit so wenig amerikanisch wirkte und auf gewisse Weise eher an Europa erinnerte, hätte sie beinahe die Abzweigung verpaßt.

Staub wurde vom sandigen Untergrund aufgewirbelt und ließ eine Wolke entstehen, die der Wagen wie eine Rauchfahne hinter sich her zog. Die knapp zwei Meilen lange Zufahrt endete an einem breiten Metalltor. Zu beiden Seiten verlor sich eine hohe Steinmauer in der malerischen Landschaft. Kurz vor Drei. Pünktlich auf die Minute.

Von unsichtbaren Augen gelenkt schob sich das Tor mit polterndem Abrollgeräusch zur Seite. Ein freundlich lächelnder Uniformierter empfing sie auf der anderen Seite, und nach der Klärung üblicher Formalitäten dirigierte er sie per Handzeichen auf einen Parkplatz zwischen die Nobelkarossen anderer Eltern.

Karen kannte den Weg. Lässig schulterte sie ihre Sporttasche, in der sie ihre wenigen Habseligkeiten aufbewahrte, und durchquerte die elektronisch gesicherte Einzäunung, sobald das erwartete Surren deren Entriegelung verkündete.


*​

Kalt und naß zeigte sich der Oktober von seiner gewohnten Seite. Die beiden Flügel einer kunstvoll verarbeiteten Abschirmung zogen sich auf Anweisung zurück und gaben die Auffahrt zu der zurückliegenden Villa frei. Eine namenlose Hausangestellte nahm ihren Mantel entgegen und führte sie in das Innere der architektonischen Umsetzung übersteigerten Geltungsbedürfnisses.

»Florence! Was für eine Überraschung!« wurde sie dort von ihrer besten Freundin empfangen. »So früh hatte ich euch nicht zurück erwartet.«

»Wir sind nicht gefahren«, gestand sie aufklärend ein. »Gregory ...«

»... ist wieder einmal etwas dazwischen gekommen«, beendete Laura die zögerlich angesetzte Erklärung für sie. »Es ist doch immer dasselbe. Die Arbeit, dann die Arbeit und nochmals die Arbeit. Maynard ist nicht anders. Sie können einfach nicht Nein sagen.«

»Ja, da hast du sicher Recht«, stimmte sie ihr mit leidvollem Unterton zu und nahm Laura gegenüber auf einer der langgestreckten Ledergarnituren Platz.

»Also los, ´raus damit! Was hast du auf dem Herzen? Dich bedrückt doch etwas, das sehe ich dir an. Was ist es? Ist es Gregory?« Die viel zu kurze Unterbrechung, in der Laura sie argwöhnisch musterte, bot keine ausreichende Gelegenheit zu einer Antwort. »Oh nein, es ist Gregory!« glaubte diese inzwischen die Antwort von ihren Augen abgelesen zu haben. »Doch nicht deswegen? Das kann doch passieren. Daran mußt du dich doch schon gewöhnt haben. So sind sie eben. Aber davon geht doch die Welt nicht unter!«

»Es ist nicht Gregory«, winkte sie ab, als Laura mit forderndem Blick nach einer Bestätigung für ihre Weisheiten fischte. »Es ist wegen Karen.«

»Karen?« fragte Laura ungläubig zurück.

»Meine Tochter«, reagierte sie pikiert, da Laura diesem Namen offenbar keinen Einfluß auf ihr Leben beimaß, der groß genug gewesen wäre, als daß davon hervorgerufene Probleme nicht alleine zu regeln gewesen wären.

»Das war von Anfang an keine gute Idee, das habe ich dir ja gleich gesagt«, überwand Laura ihre nur kurzzeitig eingetretene Sprachlosigkeit. »Warum mußtest du dir auch ein Kind anschaffen? Es war doch nichts weiter als eine deiner spliniösen Ideen, ... von denen du viele hattest, wenn ich dich daran erinnern darf, ... und die sich allesamt in Luft auflösten, sobald sich einer neuer Spuk in deinem Kopf festsetzte. Erst war es die Malerei, dann die Bildhauerei, du hast geschneidert, getanzt, bist geritten, gesegelt und hast Golf gespielt.«

»Du hast meinen Beruf vergessen.«

»Vielleicht hättest du besser den wieder aufgenommen als dieses ... Kind ... zu adoptieren.«

»Gregory wollte es nicht.«

»Das ist ja auch nicht weiter verwunderlich. Warum solltest du dich auch damit belasten? Genieße doch das Leben, das er dir bietet! Ich finde, du könn...«

»Ich will nicht mehr«, fiel sie Laura niedergeschlagen ins Wort, die auf dieses nur leise verkündete Eingeständnis erschrocken reagierte.

»Was ... was meinst du damit, du willst nicht mehr?«

»Ich kann einfach nicht mehr. Und ich will es auch nicht«, erklärte sie nun selbstbewußter. »Ich hab´ es einfach satt! Es ist alles so verlogen ... so falsch! Mein Leben, meine Ehe, einfach alles!« Schuldbewußt strich sie ihre Haare zurück. »Ich hätte nie zustimmen dürfen, daß sie in diese Anstalt gesteckt wird.«

»Oh Himmel! Und ich dachte schon, du wolltest dir etwas antun! Kannst du dir auch nur entfernt vorstellen, wie sich das auf Gregorys Image niederschlagen würde? Mußt du mir denn einen solchen Schrecken einjagen? Also schön. Du denkst also an Trennung, hm? Das geht jeder ´mal so. Mach´ dir nichts ´draus. Das geht vorbei.«

»Ich mein´s ernst, Laura! Ich kann so nicht leben!«

Die mit bisher nicht gekannter Entschlossenheit erklärte Absichtsbekundung ließ die Eingeweihte gedankenvoll aufstehen und sich neben sie setzen. Mit mütterlich anmutender Zärtlichkeit nahm sie die Hände der unterstellt Trostbedürftigen in ihre, um ihrem nachfolgenden Rat durch eine demonstrierte Anteilnahme mehr Gewicht zu verleihen.

»Jetzt hör´ mir ´mal zu, Liebes. Das Leben an der Seite eines Mannes, dessen Entscheidungen die Fortführung einer jahrzehntelangen Tradition garantieren oder für Hunderte von Mitarbeitern den Verlust der Arbeitsstelle bedeuten können, verlangt uns gewisse Opfer ab. Dafür werden wir mit einem gehobenen Maß an Wohlstand entschädigt. Und wir haben unsere Freiheiten. Diese beinhalten jedoch nicht, daß man aus diesem Leben einfach aussteigen kann wie aus einem Zug. Du bist enttäuscht, vielleicht sogar verärgert, aber das gibt dir noch lange nicht das Recht, deine Interessen über seine zu stellen. Du fühlst dich vernachlässigt? Dann laß´ dir gesagt sein, Gregory ebenso. Und ich kenne meinen Bruder! Einer Trennung würde er niemals zustimmen! Also sprich in seiner Gegenwart besser nicht davon, Liebes. Eigentlich solltest du so etwas nicht einmal denken!«

»Weil das schlecht für sein Image wäre? Was meinst du, wie egal mir das ist!« Sie zog ihre Hände zurück. »Immer geht es nur um ihn! Was ist denn mit mir? Und was ist mit Karen?«

»Was soll mit ihr sein? Sie muß eben begreifen, daß es gewisse Regeln zu beachten gilt, insbesondere dann, wenn man die Tochter eines Firmeninhabers ist. Die Öffentlichkeit achtet auf so etwas.«

»Sie ist auch mein Kind!«

»Für dich gelten übrigens die gleichen Regeln wie für dieses ungezogene Gör, mein Schatz! Daran solltest du dich vielleicht von Zeit zu Zeit erinnern. Sei also bitte nicht so egoistisch und vergiß diesen Unfug mit der Trennung. Fahr´ ein paar Tage ´raus auf´s Land, such´ dir ein neues Hobby, ... leg´ dir einen Hund oder von mir aus einen Liebhaber zu, wenn es dir hilft, aber sorge dafür, daß eure Ehe zumindest nach außen hin intakt bleibt. Das ist deine Aufgabe. Um alles andere brauchst du dich nicht zu kümmern. Meinst du etwa, du wärst die einzige, der das ab und an nicht leicht fällt? Glaubst du das? Ich habe mich genauso daran gewöhnen müssen. Und wenn ich das kann, dann kannst du das ebenso!«

In vor Argwohn glühenden Augen begann eine schmerzende Erkenntnis zu funkeln.

»Es war deine Idee, oder? Du hast ihm von dieser Anstalt erzählt!«

»Gregory ist nicht blind. Natürlich hat er gemerkt, daß nicht alles rund läuft zwischen euch. Ja, ich habe mich für ihn erkundigt. Ich habe ihm diese Einrichtung empfohlen, da ich der Meinung bin, daß es euch die Gelegenheit bietet, wieder etwas Ruhe in eure Beziehung zu bringen. Letztes Mal hat es doch auch geholfen, oder etwa nicht? Denk´ doch auch ´mal an ihn! Ein Mann sollte immer wissen können, daß er sich jederzeit auf seine Frau verlassen kann. In letzter Zeit hast du ihm nicht unbedingt dieses Gefühl vermittelt. Du warst eher mit dir selbst oder mit Karen beschäftigt. Nicht unbedingt erfolgreich, wie ich hinzufügen möchte. So konnte es doch nicht weiter gehen!«

»Und ich dachte, du wärst meine Freundin! Was bist du nur für ein Mensch?« entfuhr es ihr fassunglos, bevor sie voller Verachtung den Abstand zwischen ihnen vergrößerte.

»Jetzt bleib´ aber auf dem Teppich, ja? Es gibt übrigens Siebenschläfer zum Dinner. Ich werde Maria bitten, ein weiteres Gedeck aufzulegen. Du bleibst doch? Maynard würde sich sicher sehr darüber freuen. Maria, unsere neue Köchin, sie ist eine Zauberin ... oder eine Hexe, ganz wie man will, ... aber ihr Siebenschläfer ist exzellent, einfach unvergeßlich. Wir könnten Gregory Bescheid geben lassen. Er kann es sicher einrichten. Ich lasse sie übrigens extra aus England einfliegen«, trug die sich als exentrisch entlarvende Liebhaberin exotischer Delikatessen dick auf. »Wußtest du, daß es sich ... zumindest dem Gewicht nach berechnet ... um eine der teuersten Fleischsorten überhaupt handelt?«

»Tatsächlich?« reagierte sie sichtlich irritiert auf den kaltherzigen Themenwechsel.

»Mein Metzger macht damit etwa Hundert in der Woche«, benannte die in anderen Größenordnungen denkende Laura das sechsstellige Einkommen lasch. »Köstlichkeiten haben eben ihren Preis. Marias Rezept ... Maria Gasparian, so heißt meine Köchin, ... sie kommt aus Georgien, ...«

»Ach wirklich.«

»... ihr Rezept stammt noch aus der Römerzeit. Stell´ dir das vor! Es ist über zwei Tausend Jahre alt! Richtig antik! Sie füllt ihn mit gehacktem Schweinefleisch, Pfeffer, Pinienkernen und einem nach Knoblauch riechenden Harz. ... Wahrscheinlich ist sie doch ein Hexe«, lachte Laura kurz auf, bevor sie ihre Beschreibung fortsetzte. »Maynard mag sie lieber geröstet. Ich hingegen bevorzuge sie in Butter gebraten und anschließend anderthalb Stunden in Rotwein geschmort.«

»Eine sicher ausgezeichnete Wahl«, stimmte sie ihr nur halbherzig zu, während ihr längst jeder Appetit vergangen war.

Binnen weniger Augenblicke hatte sich ihre bisherige Vertraute so sehr von ihr entfremdet, daß sich die längst für überwunden geglaubte Unsicherheit ihrer erneut bemächtigte. Die vorausgegangene und nun als unerträglich empfundene Täuschung war mehr als sie verkraften konnte. Der Schmerz saß einfach zu tief, als daß jedwede Form einer offenen Reaktion diesem hätte gerecht werden können. Also schwieg sie. Den ganzen restlichen Abend über würde ihr kein einziges weiteres Wort mehr über die Lippen kommen.

Gregory nahm dies mit seiner unnachahmlichen Gelassenheit zur Kenntnis, die weniger überheblich, vielmehr erleichtert wirkte, als stellten schweigsam eingenommene Mahlzeiten keine ernsthafte Bedrohung dar. Sie schienen ihm zumindest weitaus angenehmer als emotionsgeladene und dann meist unsachlich geführte Argumentationen, denen er ohnehin nicht folgen konnte oder wollte.

Natürlich hatte er es einrichten können, und wie selbstverständlich gab er ihr völlig unbeachtet ihres teilnahmslos zu Boden gerichteten Blicks zur Begrüßung einen Kuß auf die Stirn. Die bereits im Stillen brodelnde Auflehnung bemerkte er nicht. Vielleicht ignorierte er sie auch, so wie er allem in seinen Augen Nebensächlichem keine Beachtung schenkte. Viel zu lange schon hatte sie das kommentarlos hingenommen, und nun haßte sie sich dafür. Sie war doch mehr als nur ein Teil von ihm, mehr als nur ein vorzeigbarer Bestandteil eines makellosen, blütenreinen Images, und sie verdiente es nicht, daß er sie als einen solchen behandelte.

Die georgische Hexenmeisterin hatte den Kopf des Siebenschläfers nicht entfernt, angeblich des ansprechenderen Aussehens wegen, wie Laura versicherte, wahrscheinlich aber nur deswegen, weil die Auflehnungsbereitschaft einer vermeintlich Abtrünnigen auf die Probe gestellt werden sollte, die ihre Zugehörigkeit wenn auch nur einen Moment lang in Abrede gestellt hatte. Er bleckte die Zähne, die Schnurrhaare sträubten sich spröde, und unter der aufgeplatzten Haut sah der nackte Schädel hervor.

Karen verdiente es gewiß nicht. Aber sie hatte wenigstens den Mut aufgebracht, es ihm offen ins Gesicht zu sagen – und wurde aus Feigheit dafür bestraft. Sie lehne es ab, einfach nur anzugehören, hatte sie altklug erklärt. Wer angehört, sei nicht mehr er selbst. Wer angehört, der sei verfügbar, verwaltbar, ausgeliefert. Wie Recht sie doch hatte!

Der Geschmack war mit dem eines Kaninchens vergleichbar, vielleicht etwas süßer. Lauras Metzger, dessen Name originellerweise Blunt lautete (engl.: to blunt = abstumpfen), sei rechtschaffen stolz auf seine Siebenschläfer, die er nach eigenen Angaben bei einer Hochzeit in Frankreich entdeckt und kurzentschlossen in sein Sortiment aufgenommen haben soll. Der Kaufpreis für ein Paar, den er zum einen mit den Schwierigkeiten bei der Nachzucht der wieselflinken Nager sowohl deren Talent rechtfertigte, selbst aus gesicherten Gehegen zu entfliehen, lag Lauras Aussage zufolge derzeit bei etwa 250 Dollar, Tendenz steigend.

Sie hätte indes eine profanere Fleischsorte bevorzugt oder noch besser einen gemischten Salatteller der Saison mit italienischem Dressing. Die Vorstellung, mit dem Verzehr eines Nimmersatt den Geldbeutel eines britischen Metzgers mit sechsstelligen Einnahmen pro Woche zu füllen und damit zu dem fragwürdig erlesenen Kreis der Unersättlichen zu zählen, konnte eben keine wahren Gourmetfreuden ersetzen. Die weiteren Empfehlungen aus Maria Gasparians Speisekarte, angeführt von Alligatorenfleisch, Schwarzbär und Löwe bis hin zu Klapperschlange, darunter Umschreibungen wie nahrhaft, dunkel, würzig, fettig oder geschmacklich vergleichbar mit zähen Muscheln, bestärkte sie in ihrer Absicht, die Annahme zukünftiger Einladungen auf ein Minimum zu beschränken.

»Ich werde mich von dir trennen«, platzte sie achtlos in den angeregten Austausch extravaganter Belanglosigkeiten hinein. »Gleich morgen früh hole ich Karen ab«, ergänzte sie mit unumstößlicher Entschlossenheit und ohne ihn dabei anzusehen.

In der vorübergehend eingetretenen Stille wechselten entgeisterte Gesichter fragende Blicke.

»Einen Dreck wirst du!« ließ Gregory die Hüllen der Höflichkeit fallen, um ihre Entschlossenheit durch Einschüchterung noch zu übertreffen.

»Das werden wir ja sehen«, gab sie herausfordernd zurück.

Ihre Erregung mühsam unterdrückend faltete sie ihre Serviette, legte sie behutsam auf ihrem Teller ab und stand auf. Noch bevor sie den ersten Schritt in Richtung Tür tun konnte, war Gregory bereits aufgesprungen und um den Tisch herum zu ihr hingelaufen. Außer sich vor Wut packte er sie am Arm und hinderte sie daran zu gehen.

»Was bildest du dir eigentlich ein, he?« brüllte er sie an. »Glaubst du, ich lasse mir ein solches Verhalten bieten? Von niemandem, hörst du? Von niemandem! Und ganz sicher nicht von dir!«

»Laß´ mich gehen, Gregory«, forderte sie völlig ruhig.

Keine Drohung oder Diskussion, nicht einmal ein Versprechen konnte sie jetzt noch umstimmen. Dafür war es längst zu spät. Gregory realisierte das sofort, und es machte ihn rasend. Er war nicht bereit, seine Überlegenheit der Uneinsichtigkeit einer in seinen Augen selbstsüchtigen Undankbaren zu opfern. Womöglich war er nicht einmal dazu im Stande, aber welchen Unterschied machte das schon?

»Nirgendwo wirst du hingehen! Verstehst du? Nirgendwo! Du wirst dich jetzt wieder hinsetzen und erst wieder aufstehen, wenn ich es dir sage! Hast du verstanden? Wenn ich es dir sage!«

»Nein, Gregory, ich werde mich nicht hinsetzen, und ich werde nicht länger nur das tun, was du von mir erwartest. Das habe ich schon viel zu lange getan. Und jetzt laß´ bitte meinen Arm los. Du tust mir weh.«

»Ich tue dir weh, wie? Tue ich das, ja?«

»Gregory! Bitte!« mischte sich nun Laura ermahnend ein, während sich der wortkarge Maynard beobachtend im Hintergrund hielt und nicht eingriff, wie es von ihm auch nicht anders zu erwarten gewesen wäre.

Sich dem rücksichtslosen Einsatz körperlicher Überlegenheit nicht widersetzend ließ sie sich vor ihren Stuhl zerren und an den Schultern darauf niederdrücken. Im Anschluß an die vollendete Machtdemonstration rückte er unnötigerweise sein Jackett zurecht, bevor ein stets griffbereiter Kamm den einwandfreien Sitz seiner Frisur wiederherstellte.

»Und jetzt glaubst du wohl, damit sei die Sache erledigt. Der Herr braucht nur ein Machtwort zu sprechen, und alles kuscht? Für wen hälst du dich? Etwa für meinen Vormund?«

»Das ist wohl kaum der richtige Zeitpunkt, Florence!« hielt Laura ihr vorwurfsvoll vor, aber die Gescholtene konnte sich gar keinen besseren Zeitpunkt vorstellen.

Im Beisein der anderen würde er sich nicht einfach dadurch aus der Affäre ziehen können, indem er einem strategisch unbedeutenden Schlachtfeld kampflos den Rücken kehrte. Außerdem hatte er doch diese Situation erst provoziert. Er würde ihr also entweder Rede und Antwort stehen oder sie gehen lassen müssen.

»Ich werde mich von dir trennen, ob dir das nun paßt oder nicht. Aber was sollte dir das schon ausmachen? Ein Bild von mir sollte allemale genügen, um die Art von Beziehung aufrechtzuerhalten, die uns noch verbindet, die dich mit mir verbindet!«

»Maynard, so sag´ doch etwas!« drängte Laura, aber noch ehe dieser seine gewohnt bedächtigen Worte formulieren konnte, sah sich Gregory bereits weiteren Vorwürfen ausgesetzt.

»Deine Tochter würdest du ja nicht einmal auf einem Bild wiedererkennen! Weißt du eigentlich, wie sie sich dabei fühlt? Interessiert dich das überhaupt? Sie heißt Karen, falls ich dein Gedächtnis auffrischen darf. Du hast sie vor kurzem in eine Erziehungsanstalt für schwererziehbare Jugendliche abschieben lassen. Daran erinnerst du dich doch sicher. Natürlich nicht wegen der Betroffenen. Sicher aber wegen der 18 Tausend Dollar, die dich der Zwangsaufenthalt wieder einmal kostet.«

»Habe ich sie da etwa hingebracht?« hielt er ihr den Spiegel vor Augen, dessen Abbild unwillkürlich zu einer entstellten Fratze verzerrte.

»Maynard! Jetzt sag´ doch endlich ´was!« unternahm Laura einen zweiten Anlauf, und dieses Mal schuf die anhaltend konsternierte Reaktion seitens der Mitschuldigen die nötige Voraussetzung.

»Unter Berücksichtigung aller mir derzeit bekannten Fakten scheint deine erneut dokumentierte emotionale Verwirrung genügend Anzeichen dafür zu liefern, daß ein professioneller Beistand dringend geboten ist, meine Liebe. In zunehmendem Maße etablierte Bereiche deiner bizarren Vorstellungswelt ...«

»Was?« fuhr sie aufgebracht zu ihm herum, aber es gelang ihr nicht, seine bereits begonnenen Ausführungen zu unterbrechen.

»... verringern proportional deinen Bezug zur Realität. Die daraus resultierenden Widersprüche in deinem eigenen Wertesystem, die unter anderem für deine extremen Stimmungsschwankungen verantwortlich sind, erzeugen eine stabile Charakterabwehr, mittels derer widersprüchliche Forderungen toleriert werden, allerdings eine offene Auseinandersetzung verhindern und schließlich in der Leugnung der eigenen Mitverantwortung münden. Mit dem Verlust der Fähigkeit zur Selbstkritik schwindet auch dein Verantwortungsempfinden für das eigene Tun.«

»Du bist krank, Florence! Sehr, sehr krank!« brachte Laura es auf den Punkt.

»Was wollt ihr mir hier weismachen? Daß ich unzurechnungsfähig bin?« Den beinahe betroffen wirkenden Gregory durchbohrte ein giftiger Blick. »Damit kommst du nicht durch!«

»Das werden wir ja sehen«, gab er fingerzeigend ihre Drohung mit gleicher Münze zurück und erzielte damit das angestrebte Remis, aus dem er bei weitem den größeren Nutzen zog.


– Ende –
 

visco

Mitglied
Also jetzt bin ich wirklich platt! :eek:
Ist mein Text wirklich so gut, daß niemand etwas daran auszusetzen hat? Nicht das Geringste? - Das kann ich gar nicht glauben!

Oder ist er so langweilig, daß man ihn gar nicht zu Ende lesen mag? :(
Vielleicht ist er aber auch nicht flüssig zu lesen?
Oder unverständlich?
Oder blöd?
Oder, oder, oder ...?

Ihr wollt doch sicher auch, daß EURE Beiträge kommentiert werden, oder etwa nicht? ;)

Mit freundlichem Rundumgruß,
Viktoria.
 

Roberpropp

Mitglied
Da hast du ja zweifellos Recht...
Aber ich bin ganz ehrlich: Wenn ich zu einem Text wenig Konstruktives zu sagen hab, ziehe ich's vor, ueberhaupt nichts zu sagen.
Da ich aber verstehe, was du meinst, vielleicht drei generelle Dinge (bitte immer in Gedanken hinzufuegen: Es handelt sich selbstverstaendlich NUR um meinen persoenlichen Eindruck - damit nur um eine Lesermeinung von vielen):
1.) Die Personen sind sehr stark klischeeisiert. Das macht sie uninteressant und austauschbar. Sie "leben" nicht, wirken auf mich nicht glaubhaft.
2.) Lange Schachtelsaetze stoeren den Lesefluss.
3.) Persoenlich mag ich Formulierungen wie "»Das werden wir ja sehen«, gab er fingerzeigend ihre Drohung mit gleicher Münze zurück" ueberhaupt nicht. Natuerlich ist es nicht weniger unerfreulich, staendig Synonyme von "sagte er" zu lesen. Aber im lebendigen Dialog, in dem jede handelnde Person ihre eigene Sprache besitzt, sind die auch meist ueberfluessig (bzw. koennen sparsam gehandhabt werden). Gehaeufte lange Erklaerungen und Begruendungen fuer etwas Gesagtes ("Show, don't tell") finde ich im Dialog ermuedend.

Ich hoffe, Du verstehst das nicht falsch. Ich kann (wie auch bei deiner anderen Geschichte, zu der ich - wie schon gesagt - gern einen Original-Ausschnitt lesen wuerde)an einzelnen Elementen deutlich erkennen, dass du treffend und sinnlich schreiben kannst. Im Ganzen aber erscheint mir diese Erzaehlung nicht gelungen. Vor allem durch die starke Klischeeisierung entsteht ein "Kenn-ich-schon" Eindruck, durch den mich das weitere Schicksal der Personen kaum interessiert. Eventuell zu viel Plot fuer eine kurze Erzaehlung? Es ist ja nicht einfach, auf wenigen Seiten mehrdimensionale Charaktere zu schaffen, wenn man gleichzeitig eine so umfangreiche Handlung praesentieren muss. (Dabei faellt mir noch etwas ein: Die wiederholte, ausfuehrliche Abhandlung ueber das Fleisch, dessen Preis etc. kann auf alle Faelle raus. Damit haettest du Platz gespart!)

Noch einmal: Dies ist nur eine Einzelmeinung. Vielleicht haben andere (Zaunpfahlschwenk) ja einen ganz anderen Eindruck?!?

Schoenes Wochenende und viele gute Einfaelle wuenscht
Robert.
 

visco

Mitglied
Danke, Roberpropp!

Auf dich ist wenigstens Verlaß, Robert! Danke dir für deine Kritik und Ratschläge. Genau das habe ich haben wollen.

Ich denke, ich verstehe, was du meinst, und jetzt ist mir sogar peinlich, daß mir das nicht selber aufgefallen ist.
Deine Anmerkungen werde ich mir bei meiner nächsten Geschichte auf jeden Fall zu Herzen nehmen. Dabei werde ich mich ´mal einem ganz anderen Thema zuwenden. ´Mal sehen, ob mir das besser liegt.

Ich muß allerdings gestehen, daß es mir etwas schwer fällt, Geschichten zu schreiben, die "kurz genug" sind, um hier veröffentlicht zu werden. Aber das macht nichts (siehe Signatur).

Es grüßt dich herzlichst,
Viktoria.
 

Roberpropp

Mitglied
Ach Gott, da koennen wir uns die Haende reichen... ich muss (bzw. besser "muesste") seit WOCHEN zwei Kurzgeschichten schreiben - und es kommt absolut nichts.
Oh ja, ich gehoere auch zu denen, die 400 Seiten fuer durchaus machbarer halten als vier...
Auf kleinstem Raum eine dichte Atmosphaere zu schaffen, glaubhafte Charaktere vorzufuehren UND einen interessanten, moeglichst pointierten Plot zu erzaehlen - ich bewundere jeden, der das fertig bringt. Was soll's, ueben wir eben - im Sinne deiner Signatur - weiter!

Aber hier kannst du doch durchaus auch Ausschnitte aus laengeren Erzaehlungen (in einer anderen Rubrik zumindest) einstellen, oder? Ich weiss natuerlich nicht, wie es den anderen geht, aber ich zumindest lese sowas genauso gern wie in sich abgeschlossene Texte (Verlagslektoren urteilen schliesslich auch nach drei bis fuenf Seiten Leseprobe...). Und wenn ich mich dann aergere, weil der Text ploetzlich abbricht - dann ist das wohl das groesste Kompliment, was ich Autor und Text machen kann!

Produktiven Sonntag wuenscht
Robert.
 
E

ElsaLaska

Gast
auch auf mich ist ab und an verlass,

visco,
diese geschichte hat mir besser gefallen als die schicksalhafte begegnung. sie war schlicht interessanter zu lesen.
du kannst dich sehr gut ausdrücken, aber deine sätze sind bisweilen derart gedrechselt, das sie eine gewisse kälte beim lesen verursachen. dabei fällt es dann schwer, zu deinen helden einen emotionalen bezug aufzubauen.
das ende ist mir auch zu abrupt gewesen. dann soll er sie doch gleich einliefern lassen, und nicht nur damit drohen.
im übrigen war ich zum schluss fast auf gregorys seite, die heldin ging mir ein wenig auf den keks. das war aber sicher nicht deine absicht, oder?
das mit den siebenschläfern ist wirklich zu langatmig. es genügt der hinweis, dass in diesem haushalt kistenweise exotenfleisch vertilgt wird, egal , was es kostet.
beste grüsse
elsa
 

visco

Mitglied
Reaktionen

Hallöle!

@Robert:
Meine Hand tastet nach deiner, findet sie und hält sie fest umschlungen.

@Elsa:
Dein Betreff treibt mir die Schamesröte in die Wangen. So hatte ich es natürlich nicht gemeint (versöhnliches Bussi).
Der Hinweis bzgl. der "gedrechselten" Sätze und der daraus resultierenden Wirkung gibt mir sehr zu denken. Danke dir dafür.
Ich hoffe, hier liegt kein Mißverständnis vor. Es bleibt bei der Drohung (sonst wäre es ja kein Remis).
Ich persönlich würde meine Tochter (auch nicht meine Adoptiv-Tochter) niemals abschieben; schon in diesem Moment hätte Florence bei mir alle Sympathien verspielt. Schlag´ dich ruhig auf Gregorys Seite; das geht mit mir in Ordnung.
Okay, okay, der Bilch, dieser Knilch, treibt sein Unwesen zu lange und sollte eher (aus der Gesichte) entfliehen. Es aber auf den schlichten Hinweis zu reduzieren (wie vorgeschlagen), wäre doch etwas schade, oder?
Übrigens reden Amerikaner (nicht nur dem Ruf nach sondern auch nach meiner persönlichen Erfahrung) sehr gerne über Preise, insbesondere in Zusammenhang mit überreichten Geschenken.

Viele liebe Grüße an euch beide,
Viktoria.
 

flammarion

Foren-Redakteur
Teammitglied
jetzt,

wo ich endlich weiß, wie man lange texte auf die festplatte legt, kann ich dir auch etwas zu deiner geschichte sagen. ich finde sie gut. etwas lang, aber gut. besonders das offene ende. sonst hasse ich offene enden, aber hier nicht. der titel ist m.e. etwas irreführend. ich glaube, ich hätte die geschichte "Das Weib sei dem Manne untertan" genannt. wenn du tatsächlich die sache mit dem essen kürzen solltest, dann bitte so, daß noch ersichtlich bleibt, was für n tier gemeint ist. ich konnte mit siebenschläfer überhaupt nichts anfangen, nie was von gehört. es sind mir 3 unstimmigkeiten aufgefallen: stelle dir sich das vor - da ist das sich zuviel, sie setzte sich auf eine der Ledergarnituren - ja, hat denn die frau mehr als eine ledergarnitur in ihrer stube? und spliniös - das sollte doch spleenig heißen, oder? aber vielleicht wolltest du ja deutlich machen, wie überkandidelt die dame ist. dann finde ich das wort ganz toll. ganz lieb grüßt
 

visco

Mitglied
Hi flammarion!

ich muß zugeben, so wahnsinnig glücklich bin ich mit dem Titel auch nicht. Der Text war schon fertig, als ich mir wegen des Titels anfing Gedanken zu machen (ist bei mir fast immer so).
Du kennst doch sicher das Murmeltier aus dem Film mit Bill Murray "Und ewig grüßt ..."? Nach einer alten Bauernregel wird es 40 Tage Regen geben, wenn es an ”Siebenschläfer”, also am 27. Juni, regnet.

Gut aufgepaßt! Ich habe es einfach überlesen. Erst sollte es "Stell´ sich das einer vor!" heißen, bevor daraus "Stell´ dir das vor!" wurde. - Hab´ ich sofort korrigiert. Danke.

Yep, Laura ist stinkreich, hat ein monstermäßiges Wohnzimmer und zwei langgestreckte Sitzgarnituren.
Und sie ist tatsächlich etwas überkandidelt; sie redet jedenfalls so.

Liebe Grüße zurück,
Viktoria.
 

flammarion

Foren-Redakteur
Teammitglied
ja,

daß es den tag gibt, der siebenschläfer genannt wird, weiß ich, aber ich habe nicht gewußt, daß es ein tier gibt, das so heißt. den film fand ich gut, eine wahnsinnsidee, einen tag immer wieder von neuem beginnen zu lassen!
das monstermäßige wohnzimmer kann ich mir bildlich vorstellen. es und seine besitzerin sind mir recht unsympathisch. lg
 

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