Stürmisches Gemüt

Mutter schwärmte oft von der trüben, kalten See. Wenn sie wieder einmal vom Ufer zurückkam, nachdem sie das kleine Boot eingeholt hatte, kam sie zu uns an den Strand und setzte sich neben mich in den Sand. Sie wirkte völlig losgelöst.
Vater konnte nicht schwimmen, weshalb er oft vom Ufer aus zuschaute, wie sie mit uns ins Boot stieg und hinaus auf das dunkle Gewässer paddelte. Ich winkte ihm dann oft noch hinterher und fand es amüsant, wie er immer kleiner wurde, je weiter wir uns vom Ufer entfernten.
Sie liebte es, an stürmischen Tagen hinaus auf das offene Gewässer zu segeln. Mitten hinein in die Naturgewalten. Am wohlsten fühlte sie sich, wenn sich das Wasser zu allen Seiten auftürmte, wenn die Wellen gegen das kleine Boot schlugen und es zum Wanken brachten. Stürmische Böen zerrten am Segel. Tosender Regen peitschte ihr ins Gesicht. In diesen Augenblicken veränderte sich etwas in ihr.
Dann hörte man sie oft vom Ufer aus schreien. Kein Angstschrei, sondern einer, der von einer eigentümlichen, fast unbegreiflichen Freiheit zeugte. Als würde sie erst im Sturm wirklich zu sich selbst finden.
An anderen Tagen, gerade dann, wenn die grauen Wolkenmassen vorüberzogen und die Sonne den Strand erhellte, blieb sie den Tag über unter der dicken Decke liegen. Wartete darauf, dass sich der Himmel wieder verfinstern würde. Erst wenn die Wellen wieder um sich schlugen, kehrte etwas in ihr zurück.
Vater mochte es nicht, wenn sie sich in den Nächten hinausschlich. Es erleichterte ihn, wenn die Sonne sie im Haus hielt. Doch es tat ihrer Laune nicht gut. Sie liebte das nasskalte, raue Gewässer und war fasziniert vom eisigen Wind, der mit aller Kraft gegen das Haus blies. Die Regentropfen, die gegen die Fenster prasselten und in langen Bahnen die Scheiben hinabflossen, brachten ein Lächeln auf ihr Gesicht.
Als es eines Abends wieder einmal heftig stürmte und im Radio vor einem Unwetter gewarnt wurde, war Vater sichtlich angespannt. Er versuchte, sie zurück ins Haus zu bewegen. Doch sie lief, trunken vor Glück, zum kleinen Boot hinaus –
Das Boot kenterte. Ein Blitz schlug ein. Sie ertrank in den peitschenden Wellen. Ich stellte mir vor, wie sie ein Teil der stürmischen See geworden war.
Vater hasste die See, seit unsere Mutter von uns gegangen war. Wir gingen nicht mehr hinaus auf das trübe Gewässer, hielten uns nur noch am Strand auf und rannten zurück ins Haus, sobald der Regen einsetzte. Dort lag Vater unter der dicken Decke und schlief, bis die schweren, grauen Wolken vorübergezogen waren und die Sonne wieder hoch am Himmel stand.
Wir sprachen kaum noch über sie. Ihr Name fiel nur selten, fast so, als könnte schon sein Klang die See wieder näher an uns heranholen. Manchmal, wenn der Wind besonders stark um das Haus strich und die Fensterscheiben erzittern ließ, glaubte ich, ihr Lachen darin zu hören – fern und doch vertraut, als würde sie noch immer draußen auf den Wellen treiben.
Und in diesen Momenten wusste ich nicht, ob ich sie vermissen oder fürchten sollte
.
 



 
Oben Unten