Heinrich VII
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Es war Nacht, die Sonne schien und ich befand mich noch nicht einmal in Norwegen. Nein, Spaß beiseite: Bei mir lagen die Dinge geographisch und zeitlich ein wenig anders. Also durfte man das mit der Nacht und der Sonne nicht zu wörtlich nehmen.
Ich war gerade aus dem Zug gestiegen, hielt einen Koffer mit meinem Habseligkeiten in der Rechten und marschierte aus dem Bahnhof. Die Stadt kannte ich nur vom Namen her. Hoffte aber, dass sie mir bei meinem Vorhaben behilflich sein würde, einen Job zu finden - falls man das von einer Stadt überhaupt verlangen konnte. Meine Schuhsohlen waren so dünn wie Zeitungspapier, so dass ich jede Unebenheit und jeden Kiesel spürte. Es war, als liefe ich barfuß. Am liebsten hätte ich das auch getan und diese verdammten Schuhe in die nächste Mülltonne gestopft. Sie waren nur noch gut, um nicht irgendwie ausgezogen zu wirken. Ich hatte die Spitzen vorne mit Klebeband umwickelt, weil sich das Oberleder mehr und mehr von der Sohle löste. Na ja, dachte ich, das wird sich hoffentlich bald ändern und sah mich hoffnungsvoll nach allen Seiten um.
Nachdem ich eine Weile Richtung Zentrum gelaufen war, kam ich in eine Straße, in der mich eine Frau ansprach:
„Was ist, haste Lust auf ´n heißen Ritt?“
Ich war nicht abgeneigt; eine Frau hatte ich schon eine ganze Weile keine mehr gehabt.
„Wie viel?“, fragte ich und rieb Daumen gegen Zeigefinger.
Sie grinste. „Für dich n Fünfziger, Baby.“
Ich ging weiter, ohne ihr Antwort zu geben.
„Was ist denn?“, schrie sie mir nach.
Ich schwieg. Die Frage nach dem Preis war ohnehin nur hypothetisch gemeint.
„Was kannste denn bezahlen?“
Ich machte eine abwehrende Geste und bog in die nächste Gasse ab.
Mein Geld war knapp, und was ich zuerst brauchte, war ein Dach über dem Kopf.
Mein Zimmer lag im zweiten Stock mit Blick auf die Straße.
Privat, möbliert, ich konnte erst mal für eine Woche drin wohnen – bezahlen im Voraus. Abends stand ich oft am Fenster und starrte hinunter in das schäbige Viertel. Man sah eine Menge Autos, Leute und irgendwie lenkte mich das ab. Tagsüber klapperte ich das Viertel nach Firmen ab. Ich fuhr auch in andere Stadtteile – schwarz mit der U-Bahn. Zuvor holte ich mir immer eine Tageszeitung mit Stellenangeboten, um nicht ganz planlos loszuziehen. Ich werde jeden Job annehmen, hatte ich mir geschworen. Diese Einstellung war unter den Umständen vermutlich die beste, denn lange würde mein Geld nicht mehr reichen. Und bis die Amtskohle fließt, das konnte noch dauern. Ich aß nur morgens etwas – abends meist Brot ohne was drauf und billigen Wein dazu. So würde mein Geld vielleicht ein paar Tage länger reichen.
Manchmal, wenn ich tagsüber eine Weile unterwegs war und sich nichts ergeben hatte, ging ich runter zum Bahnhof. Dort gab es eine Brücke und man konnte die Züge unter sich ein und ausfahren sehen. Das hatte etwas Beruhigendes.
Ich hatte ein paar Gespräche führen können. Doch man sagte mir in allen Fällen, dass es viele Bewerbungen für den Job gäbe, dass man sich aber gegebenenfalls bei mir melden werde. Wie oft hatte ich diesen Spruch schon gehört. Er bedeutete nichts anderes als: Du kannst warten, bis du schwarz wirst.
Am Freitag der gleichen Woche war ich, wie die anderen Tage auch, wieder auf Arbeitssuche. Ich hatte in der Zeitung von einer Autovermietung gelesen, die einen Fahrer suchte. Selbst konnte ich mir zu der Zeit kein Auto leisten, aber einen Führerschein besaß ich. Also ging ich rein in den Laden und stand einen Moment später vor dem Mann, der die Einstellungen machte. Er musterte mich einen Moment. Dann sagte er: „Setzen Sie sich doch.“
Ich nickte und nahm Platz.
„Die Arbeit ist nicht schwer. Sie fahren Autos zu anderen Filialen, holen dort welche ab und bringen sie hierher.“
Ich nickte und freute mich schon – ließ mir die Freude aber nicht anmerken. Man macht sich ja immer gleich verwundbar, wenn man um etwas froh ist.
„Wir bezahlen fünf Euro die Stunde“, sagte der Mann, „mehr ist bei der Arbeit nicht drin.“
„Was?“, wollte ich entgegnen. Doch die Kinnlade klappte mir so weit nach unten, dass ich keinen Ton heraus brachte. Es war ohnehin zwecklos – er würde wohl kaum mit seinem Angebot höher gehen. Ich stand auf, drehte mich um und verließ wortlos den Raum.
„Andere wären froh, sie könnten diese fünf Euro verdienen!“
„Die müssen vielleicht nicht davon leben.“
Ich ließ die Tür offen stehen und bewegte mich im Eilschritt aus dem Gebäude.
Meine Akte musste dem zuständigen Arbeitsamt bereits vorliegen. Ich hatte sie, von dem Ort an dem ich vorher gewohnt hatte, hierher schicken lassen. Jetzt musste ich nur noch meine neue Adresse nachreichen und alles ging seinen Gang. Aber genau das hatte ich mit meiner sofortigen Arbeitssuche ja verhindern wollen – dass sich alles wieder so einspielt. Für diesen Tag hatte ich trotz allem genug und machte mich auf den Weg zu meinem Zimmer. Unterwegs an einer Straßenecke saß ein Bettler und hob auffordernd den Hut, als ich an ihm vorbei lief.
„Hab selbst nichts“, sagte ich.
„Das behaupten alle.“
„Bei mir stimmt´s aber.“
„Geizhälse seid ihr allesamt, das ist es!“
Seine Stimme überschlug sich, als er hinzufügte: „Wartet nur ab, bis ihr selbst mal in Not geratet.“
Ich musste grinsen und dachte: Wenn ich das Zimmer nicht mehr bezahlen kann, setze ich mich zu dir.
Ich war gerade aus dem Zug gestiegen, hielt einen Koffer mit meinem Habseligkeiten in der Rechten und marschierte aus dem Bahnhof. Die Stadt kannte ich nur vom Namen her. Hoffte aber, dass sie mir bei meinem Vorhaben behilflich sein würde, einen Job zu finden - falls man das von einer Stadt überhaupt verlangen konnte. Meine Schuhsohlen waren so dünn wie Zeitungspapier, so dass ich jede Unebenheit und jeden Kiesel spürte. Es war, als liefe ich barfuß. Am liebsten hätte ich das auch getan und diese verdammten Schuhe in die nächste Mülltonne gestopft. Sie waren nur noch gut, um nicht irgendwie ausgezogen zu wirken. Ich hatte die Spitzen vorne mit Klebeband umwickelt, weil sich das Oberleder mehr und mehr von der Sohle löste. Na ja, dachte ich, das wird sich hoffentlich bald ändern und sah mich hoffnungsvoll nach allen Seiten um.
Nachdem ich eine Weile Richtung Zentrum gelaufen war, kam ich in eine Straße, in der mich eine Frau ansprach:
„Was ist, haste Lust auf ´n heißen Ritt?“
Ich war nicht abgeneigt; eine Frau hatte ich schon eine ganze Weile keine mehr gehabt.
„Wie viel?“, fragte ich und rieb Daumen gegen Zeigefinger.
Sie grinste. „Für dich n Fünfziger, Baby.“
Ich ging weiter, ohne ihr Antwort zu geben.
„Was ist denn?“, schrie sie mir nach.
Ich schwieg. Die Frage nach dem Preis war ohnehin nur hypothetisch gemeint.
„Was kannste denn bezahlen?“
Ich machte eine abwehrende Geste und bog in die nächste Gasse ab.
Mein Geld war knapp, und was ich zuerst brauchte, war ein Dach über dem Kopf.
Mein Zimmer lag im zweiten Stock mit Blick auf die Straße.
Privat, möbliert, ich konnte erst mal für eine Woche drin wohnen – bezahlen im Voraus. Abends stand ich oft am Fenster und starrte hinunter in das schäbige Viertel. Man sah eine Menge Autos, Leute und irgendwie lenkte mich das ab. Tagsüber klapperte ich das Viertel nach Firmen ab. Ich fuhr auch in andere Stadtteile – schwarz mit der U-Bahn. Zuvor holte ich mir immer eine Tageszeitung mit Stellenangeboten, um nicht ganz planlos loszuziehen. Ich werde jeden Job annehmen, hatte ich mir geschworen. Diese Einstellung war unter den Umständen vermutlich die beste, denn lange würde mein Geld nicht mehr reichen. Und bis die Amtskohle fließt, das konnte noch dauern. Ich aß nur morgens etwas – abends meist Brot ohne was drauf und billigen Wein dazu. So würde mein Geld vielleicht ein paar Tage länger reichen.
Manchmal, wenn ich tagsüber eine Weile unterwegs war und sich nichts ergeben hatte, ging ich runter zum Bahnhof. Dort gab es eine Brücke und man konnte die Züge unter sich ein und ausfahren sehen. Das hatte etwas Beruhigendes.
Ich hatte ein paar Gespräche führen können. Doch man sagte mir in allen Fällen, dass es viele Bewerbungen für den Job gäbe, dass man sich aber gegebenenfalls bei mir melden werde. Wie oft hatte ich diesen Spruch schon gehört. Er bedeutete nichts anderes als: Du kannst warten, bis du schwarz wirst.
Am Freitag der gleichen Woche war ich, wie die anderen Tage auch, wieder auf Arbeitssuche. Ich hatte in der Zeitung von einer Autovermietung gelesen, die einen Fahrer suchte. Selbst konnte ich mir zu der Zeit kein Auto leisten, aber einen Führerschein besaß ich. Also ging ich rein in den Laden und stand einen Moment später vor dem Mann, der die Einstellungen machte. Er musterte mich einen Moment. Dann sagte er: „Setzen Sie sich doch.“
Ich nickte und nahm Platz.
„Die Arbeit ist nicht schwer. Sie fahren Autos zu anderen Filialen, holen dort welche ab und bringen sie hierher.“
Ich nickte und freute mich schon – ließ mir die Freude aber nicht anmerken. Man macht sich ja immer gleich verwundbar, wenn man um etwas froh ist.
„Wir bezahlen fünf Euro die Stunde“, sagte der Mann, „mehr ist bei der Arbeit nicht drin.“
„Was?“, wollte ich entgegnen. Doch die Kinnlade klappte mir so weit nach unten, dass ich keinen Ton heraus brachte. Es war ohnehin zwecklos – er würde wohl kaum mit seinem Angebot höher gehen. Ich stand auf, drehte mich um und verließ wortlos den Raum.
„Andere wären froh, sie könnten diese fünf Euro verdienen!“
„Die müssen vielleicht nicht davon leben.“
Ich ließ die Tür offen stehen und bewegte mich im Eilschritt aus dem Gebäude.
Meine Akte musste dem zuständigen Arbeitsamt bereits vorliegen. Ich hatte sie, von dem Ort an dem ich vorher gewohnt hatte, hierher schicken lassen. Jetzt musste ich nur noch meine neue Adresse nachreichen und alles ging seinen Gang. Aber genau das hatte ich mit meiner sofortigen Arbeitssuche ja verhindern wollen – dass sich alles wieder so einspielt. Für diesen Tag hatte ich trotz allem genug und machte mich auf den Weg zu meinem Zimmer. Unterwegs an einer Straßenecke saß ein Bettler und hob auffordernd den Hut, als ich an ihm vorbei lief.
„Hab selbst nichts“, sagte ich.
„Das behaupten alle.“
„Bei mir stimmt´s aber.“
„Geizhälse seid ihr allesamt, das ist es!“
Seine Stimme überschlug sich, als er hinzufügte: „Wartet nur ab, bis ihr selbst mal in Not geratet.“
Ich musste grinsen und dachte: Wenn ich das Zimmer nicht mehr bezahlen kann, setze ich mich zu dir.
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