Sue

catsoul

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Sue steht am Fenster und schaut auf das Meer. 'Wieder habe ich alles verdorben!' denkt sie. Die Wellen schlagen gegen die Felsen und der Wind streicht leicht durch ihr Haar. Sie geht einen Schritt auf das Fenster zu und erkennt, das es nur wieder ein Trugbild war, was sie gerade sah.
'Warum? Warum nur passieren mir immer wieder die gleichen Fehler?'
Hinter ihr wird es laut, die Kinder stürmen ins Haus und fordern ihr Recht. Keine Zeit zum nachdenken.
Vielleicht ist das auch gut so. Sie müsste sich eingestehen, daß sie unglücklich ist. Mit der Situation in der sie sich befindet und mit allem was in den letzten Monaten passiert ist. Sie müsste sich eingestehen, das sie immer nur an ihn denkt. Alles andere ist unwichtig geworden.
Sie geht in die Küche und macht das Abendbrot für die Familie. Ihr Mann wird gleich nach Hause kommen und sie werden die einzige Mahlzeit des Tages, die sie zusammen verbringen, essen.
Ihre Gedanken aber lassen sich nicht anhalten oder gar verbieten. Und so denkt sie an die letzte Nacht.
Sie war zusammen mit einer Freundin unterwegs. Ihr Mann war zu Hause bei den Kids. Die Freundin war ein Alibi, damit sie sich mit IHM treffen konnte. Er war ein ganz liebevoller Mann von 35 Jahren. Pechschwarzes Haar und grüne Augen. Der einzige Nachteil war, er war liiert. Zwar nicht verheiratet wie sie, aber doch fest verbunden. Auch er hatte Kinder. Zwei. Eins weniger als sie. Sie hatten sich bei einer Freundin kennen gelernt. Die ersten Male, als sie sich trafen, redeten sie kaum mehr als zwei Worte zusammen. Aber einmal, als die Freundin unvermittelt aufbrechen musste, entstand ein Gespräch, ein sehr langes. Sie vergaßen die Zeit. Und seit dem wurden die Gespräche intensiver. Es war so, das sie bald nicht mehr ohne ihn sein konnte. Wenn sie sich mal einen Tag nicht sahen, war sie krank. Sie konnte nix essen und es ging ihr schlecht. Er nahm einen festen Platz in ihrem Leben ein. Und nicht nur in ihren Leben. Der Platz, den er in ihren Gedanken und in ihrem Herzen einnahm war weitaus größer, als sie es sich und ihm jemals eingestehen würde.
Sie träumte davon ihn zu berühren. Ihn zu verwöhnen und ihm nah zu sein. So nah, wie nur eine Frau einem Mann sein kann, die ihn unendlich liebt.
Alles war gut. Das diese Nähe noch nicht vollzogen wurde, störte sie wenig. Sie konnte warten. Und dann kam gestern abend. Sie trafen sich in einer Bar. Er war sehr traurig und irgendwie verändert. Sie war mit ihrer Freundin unterwegs. Alle drei redeten eine Weile miteinander, wobei es beiden Freundinnen auffiel, wie schlecht es ihm zu gehen schien. Plötzlich stand er auf und ging. Er sagte er müsse mal kurz weg, käme aber gleich wieder. Wenige Augenblicke später sahen sie wie er die Bar verlies. Sie machten sich beide große Sorgen um ihn und irgendwann hielt Sue es nicht mehr aus und rief bei ihm an. Sie hatte ihm gesagt, sie würde das nie tun. Aber die Angst lähmte sie und nur noch der Gedanke daran, es könne ihm schlecht gehen beherrschte ihr handeln. Ihre Freundin bestärkte sie in dem Gedanken zu telefonieren und so wählte sie schließlich seine Nummer.
Als der Anrufbeantwortet ansprang, war sie verwirrt und sagte nur: 'Hi, ich bin’s, ich mach mir Sorgen um Dich, bitte komm zurück!' und legte auf. Bange Minuten vergingen, in denen sie nicht wusste, ob es richtig war was sie getan hatte.
Ihre Freundin sprach ihr Mut zu und versucht sie so gut es ging zu beruhigen. Als die Tür aufging, und er wieder vor ihnen stand war alles gut. Ihre Ängste waren verflogen und sie wollte ihn nur noch spüren. Sie umarmte ihn und flüstere ihm ins Ohr: 'Danke, das Du wieder gekommen bist, so hat mein Anruf also doch geholfen!' Als er das hörte, stieß er sie weg von sich und schaute sie böse an. 'Was hast Du getan? Du hast doch nicht etwa... Du sagtest, Du würdest es nie tun!'
'Ich weiss, was ich sagte, aber... Du sagtest, ich dürfte.. im Notfall... es war ein Notfall... für mich!' stotterte sie als Antwort. Sie schaute ihn mit tränenerfüllten Augen an.
Er drehte sich um und ging.
Sie wollte ihm nach eilen, aber eine magische Kraft ließ sie nicht von der Stelle. Erst als er weg war, konnte sie sich wieder bewegen.
Und nun, nachdem sie mehr schlecht als recht geschlafen hatte, waren alle Gedanken wieder da. Den ganzen Tag grübelte sie schon. Sie fragte sich immer wieder: 'Warum?'
'Hab ich kein Recht auf Liebe und Zuneigung?' ' Reicht es nicht schon, das mein Mann mich nicht liebt.. unsere Ehe eine Farce ist?'
Immer wieder die gleichen Fragen. Immer wieder keine Antwort. Sie dreht sich im Kreis, wie schon seit Monaten.
Als sie sich letzte Woche ihre Liebe zu ihm endliche eingestand, war sie glücklich. Nie hätte sie geglaubt, das das Glück so kurz sein könnte. Sie hatte mal wieder alles zerstört.
Durch ihre furchtbaren Ängste, die sie schon seit über 30 Jahren kannte und nicht beherrschen konnte. Damals, als sie 4 oder 5 war, verließen sie zwei ihrer Geschwister. Sie kamen in ein Heim und kurze Zeit später ging auch noch der letzte Bruder dort hin. So wurde aus dem viel behüteten 4. Kind ein Einzelkind. Die Ehe ihrer Eltern wurde geschieden und sie traf ihren Vater nur noch ein einziges mal. Heute hatte sie kam noch Erinnerungen an diese Zeit. Eigentlich hatte sie die nie gehabt. Einiges weiß sie durch Erzählungen, aber das war auch nicht viel. Sie hat ihre Geschwister später wieder gefunden.
Mit dem ältesten Bruder konnte sie nix anfangen. 9 Jahre Altersunterschied und über 10 Jahre Trennung hatten Spuren hinterlassen. Ihrer Schwester vertraute sie da eher. Sie war 6 Jahre älter, war verheiratet und hatte, als sie sich wieder trafen, zwei Mädchen. Sie hatten eine lose Freundschaft, wie man sie selten unter Schwestern findet. Sie sahen sich nicht oft, aber wenn, dann war die Zeit immer schön und die Stunden vergingen wie in Flug. Bis zu jenen Tagen im August vor 6 Jahren. Sie war mal wieder an der Wohnung ihrer Schwester vorbei gefahren, hatte einen Zettel in den Briefkasten geworfen mit der Aufschrift: 'Hi, ich war hier. Vermisse Dich! Wo steckst Du? Bitte meld Dich doch wieder mal. Deine Sue'
Doch es kam keine Reaktion.
Nach einer Woche fuhr sie wieder hin und schrieb wieder einen Zettel. Dieses mal schon dringender: 'Bitte Melde Dich bei mir!! Ist alles ok? Sue'
Wieder nix. Die Ungewissheit zerschnitt ihr das Herz.
In der Woche darauf, als sie abermals zu Wohnung ihrer Schwester fuhr, und endlich eine Nachbarin traf und diese fragte, ob sie was von ihr gehört hätte, antwortete die: 'Die Wohnung ist zwangsgeräumt worden. Wo die Mieter hin sind, weiß niemand!'
Sie verlor fast den Boden unter den Füßen.
Nur mit Mühe gelang sie zum Auto zurück. Dort saß sie stundenlang und weinte.
Es war wieder passiert.
Sie war wieder allein.
Zurückgelassen.
Ihre Schwester hatte es wieder getan. Sie hatte sie wieder allein gelassen und Sue hatte nix tun können um es zu verhindern. Seit dem hat sie nie wieder was gehört von ihr.
Der einzige der noch da war, war ihr kleiner Bruder, der war 4 Jahre älter und sie sahen sich oft, seit er geschieden war und einer seiner Söhne bei ihm lebte noch öfter.
Aber jedes Mal, wenn sie auch nur den Hauch einer Ahnung hatte, es könnte jemandem ihrer Freunde schlecht gehen, versetzte sie das so in Panik, das sie nix anderes tun konnte als dort anzurufen oder vorbeizufahren.
Das hatte ihr Freund letzte Nacht zu spüren bekommen.
Und es war eingetreten, was sie schon vorher geahnt hatte.
Jetzt hatte sie nur noch Angst, aus diesem dummen Fehler würden Konsequenzen auftreten, die sie nicht beherrschen konnte.
Im Moment wollte sie nur noch weg.
Doch wohin? Am liebsten schlafen und nicht mehr aufwachen!
Endlich saß sie da und gestand sich ein, das Angst ihr Leben beherrscht. Auch wenn das sonst niemand merkt.
Wenn jemand in ihrem Kollegenkreis nach ihr gefragt würde, er würde mit einem Brustton an Überzeugung sagen: 'Sue ist eine sehr glückliche Frau. Steht’s freundlich und fröhlich.'
Das dumme ist nur, wenn sie ihre Maske ablegte, war nix mehr von der Fröhlichkeit vorhanden. Ihre Angst kam zum Vorschein und wer liebt schon einen Menschen, der beherrscht wird von Angst?
Der sich nicht mal selbst lieben kann?
Alles Grübeln hilft nix!
Irgendwas muss sie tun, sie weiß nur noch nicht was...
 

 
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