Szene im Baumarkt

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Meine Dracaena deremensis will umgetopft werden. Ich eile zu einem Bau- und Gartenmarkt, besorge rasch ein neues Gefäß. Als ich mich dem Kassenbereich nähere, ertönt von dort lautes Gezeter. Ich höre eine gellende Männerstimme, sehr empört, verstehe immer wieder: „ … Maske … Corona … Maske … !“ Dazwischen ein weniger lautes, souveränes Organ: „ … Polizei … sonst Polizei … “ Es hört nicht mehr auf.

Kunden stehen nur an Kasse 2 an. Von dort fällt mein Blick auf die zwar besetzte, doch momentan gemiedene daneben und der maskenlose Zeternde kommt mir ins Blickfeld. Er mag Anfang fünfzig sein und läuft vor dem Terminal aufgeregt hin und her - er ist bereit für die Polizei, sagt er. Der Wachdienst lässt ihn den Eingang ins Innere nicht passieren und er will sich nicht entfernen. An meiner Kasse geht der Betrieb weiter unaufgeregt seinen bürgerlichen Gang. Bald habe ich die Ware bezahlt und stehe draußen.

Ich nehme die Abkürzung über den benachbarten Supermarktparkplatz. Als ich mich der großen Hauptstraße nähere, höre ich das Martinshorn. Von der Brücke über die Bahn kommt sehr zügig mit Blaulicht das Polizeifahrzeug. Es schnurrt die Allee herunter, ist im Nu zu uns abgebogen, verschwindet nahe am Baumarkt aus meinen Augen. Wie gut eingeübt das alles wirkt.

Während ich die Dracaena umtopfe, wundere ich mich ein wenig. Mich wundert, wie wenig ich mich wundere. Was nicht alles binnen kurzem Normalität werden kann.
 

Ciconia

Mitglied
Hallo Arno,

betrachtest Du es wirklich als Normalität, wenn die Polizei wegen eines solchen „Vergehens“ in kürzester Zeit angerast kommt? Oder habe ich da etwas missverstanden?

Gruß, Ciconia
 
Danke an Otto wie an Ciconia für die kurzen Äußerungen. Auf Ciconias Frage meine Antwort: Es kommt nicht darauf an, was meiner eigenen Idealvorstellung von Normalität entspricht. Ich habe nur den realen Ablauf beobachtet und - mit Verwunderung übrigens - konstatiert, wie so etwas wie am Schnürchen zu klappen scheint. Immerhin hat der Baumarkt die Polizei gerufen, da der Mann randaliert und den Geschäftsbetrieb erheblich gestört hat.

Freundliche Grüße
Arno Abendschön
 
Hallo Arno,

bei euch wird wohl hart durchgegriffen. Das wundert mich doch :). So habe ich das noch nicht gesehen oder gehört. Da geht es bei uns eher lasch zu. Ich wundere mich zwar auch, aber genau über das Umgedrehte: Manche fahren rotzfrech ohne Maske in Bus und Bahn und keiner sagt etwas dazu. Oder sie tragen zwar eine Maske, aber so, dass sie sie genauso gut weglassen könnten: nasenfrei oder ganz unters Kinn gezogen. Es kann doch einfach nicht sein, dass sie es nicht besser wissen...

Den Vogel schoss kürzlich ein Mann am Fahrkartenschalter ab, als meine Lesebrille über meiner Maske andauernd beschlug: „Nehmen Sie doch mal das Ding ab, Sie sehen ja gar nichts mehr!" Und was macht man dann? Genau.
Ich weiß nicht, normal finde ich das alles schon lange nicht mehr... Weder in der einen noch in der anderen Richtung. In jeder Richtung wird mE nach überreagiert.

Danke für diesen Tagebucheintrag.

P. S. Deine und meine Antwort haben sich gerade überschnitten.

LG SilberneDelfine
 
Zuletzt bearbeitet:
Danke, Delfine, für die Reaktion. Nun, die Polizei hatte und hat hier immer viel zu tun, aus den unterschiedlichsten Anlässen. So habe ich z.B. in den letzen zwei Wochen zwei Einsätze von meiner Wohnung aus beobachtet (Haus jenseits des Hofs, erst Überwachung durch einen Polizisten von außen, tags darauf dann großer Aufmarsch, auch Männer in weißen Kitteln - Mord?). Und dann die große Schule, die neulich stundenlang abgeriegelt war, auch die Straßen rundum gesperrt - es war nur ein technischer Fehlalarm.

Hier konkret hatte der Baumarkt von seinem Hausrecht Gebrauch gemacht, da der Mann randalierte und den Geschäftsbetrieb störte, und zur Durchsetzung wird eben die Polizei gerufen. Was mich beeindruckte und zum Beschreiben veranlasste, war nicht das Geschehen an sich, sondern die Routine, mit der sich alles abwickelte.

Freundlichen Gruß
Arno Abendschön
 

Ciconia

Mitglied
Danke für die Erläuterungen, Arno. Das ist dann wohl leider großstädtische „Normalität“. Ich bin sehr froh, dass ich nicht mehr in der Großstadt wohne. In der Provinz kann es lange dauern, bis mal eine Polizeistreife vorbeikommt – es gibt viel zu wenige.

Gruß, Ciconia
 

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