Szenen aus dem Flüchtlingsdrama

Languedoc

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Szenen aus dem Flüchtlingsdrama


Fakten und Fiktionen,
zusammengestellt und gestaltet von Languedoc



Zigtausend und erster Akt:​

Traglufthalle

Samstag, 2. April 2016, 19.00 Uhr. Die Signation der ORF-Fernsehnachrichten BUNDESLAND HEUTE erklingt. Im Bundesland Tirol geht TIROL HEUTE auf Sendung und bringt an erster Stelle den zwei Minuten und acht Sekunden dauernden Beitrag „Massive Proteste gegen Flüchtlingsunterbringung“.

DER MODERATOR
(im Live-Studio)
„Gegen die derzeit noch unbewohnte Traglufthalle im Innsbrucker Stadtteil Arzl hat es heute Vormittag massive Proteste gegeben. Die Interessensgemeinschaft Arzl hatte zu einer Kundgebung eingeladen, und Hunderte sind gekommen. Sie wehren sich gegen die Massenunterbringung von Flüchtlingen in ihrem Stadtteil. Die Stimmung war mehr als aufgeheizt.“

(Das erste Kamerabild)
Im Freien. Ein kleines Podium mit drei Personen. In der Mitte ein Redepult. Dahinter, brusthoch verdeckt, eine schwarzgekleidete Frau am Wort. Sie hält ein imposantes Handmikrofon waagrecht vor ihren Mund. Ihre freie linke Hand ist zur Faust geballt und sticht mit hochgestrecktem Daumen nach oben in einen saharastaubgetrübten Vorfrühlingshimmel. Das Äußere der Frau ist ausnehmend gepflegt. Glatte schulterlange Haare und ebenmäßige, jung wirkende Gesichtszüge, die trotz des nun folgenden heftigen Gebarens nicht wesentlich störend entgleisen.
Links der Rednerin steht ein älterer, hagerer und gerader Herr im aufgeknöpften dunklen Jacket; dazu ein weißes, von einer überbreiten gallengrünen Krawatte geschmücktes Hemd. Rechts der Rednerin ein mittelalter sonnengebräunter Kerl von bulliger Statur. Sein Anorak klafft offen. Ein hängendes Hemd umspielt einen beeindruckend voluminösen Bauch. Der Mann starrt zu Boden. Seine rechte Hand klammert an einem Geländer.

DIE SCHWARZGEKLEIDETE FRAU
(mit hochgerecktem Mikrofon und sich überschlagender Stimme)
„Wir brauchen die Polizei! Wir brauchen eine gescheite Regierung! Und wir brauchen euch! Als Volk! Ganz wichtig!“

(Applaus und Bravo-Rufe aus dem versammelten Volk)
Kameraschwenk zu einem Menschengrüppchen auf der Anrainerstraße, die vom Rednerpodium wegführt. Schneebedeckte Berggipfel im Hintergrund. Einige Anwesende haben die rot-weiße Tiroler Fahne mit dem Adlerwappen vor sich aufgepflanzt. Zu sehen ist auch ein Transparent mit der Aufschrift: INNSBRUCK WEHRT SICH.

DIE OFF-STIMME
(Eine weibliche ORF-Mitarbeiterin)
„Der Unmut der Demonstranten richtet sich nicht nur gegen Flüchtlinge in der Traglufthalle, er richtet sich heute allgemein gegen Überfremdung, Kriminalität und finanzielle Einbußen.“

Die Kamera schwenkt
vom Volk auf der Straße zurück zum Podium. Es spricht ein junger Mann mit stoppelkurzem Haupthaar, einem Schnauzer und einem akkurat fassonierten Spitzbärtchen. Er trägt ein schwarzes T-Shirt, das seine austrainierten Oberarmmuskeln zur Geltung bringt.

DER JUNGE MANN
„Aber ich glaube, jeder da hat den Gedanken im Hinterkopf, dass bald der Bürgerkrieg kommt. Und das wollen wir nicht!“ (Schreit ins Mikrofon) „Weil wohin sollen wir dann gehen!“ (Reißt den linken Arm in die gestreckte Horizontale und weist in die mutmaßliche Richtung, wo in unbestimmter Entfernung die Traglufthalle bezogen werden wird. Schreit noch lauter) „Sollen wir dann da drinnen sein? Dass sie dann in unseren Wohnungen wohnen?“

Kamera schwenkt
auf ein kreisrundes Schild mit einem weißen Dislike-Daumen auf rotem Grund und dem Schriftzug: ASYLANTENHEIM? NEIN DANKE!

EINE ÄLTERE DAME
(auf dem Podium. Korrekt frisierter hennaroter Bubikopf. Sichtlich erregt mit weinerlich brüchiger Stimme)
„Aber die Leidtragenden, das sind im Endeffekt immer wir. Nur, wir sind das Volk! Das ist unser Geld!“

(Applaus und Bravo-Rufe)
Der ORF-Reporter befindet sich auf der Straße mitten unter dem Volk und hält sein Mikrofon vor den Mund eines gefälligen Seniors.

DER GEFÄLLIGE SENIOR
(bedachtsam)
„Ich bin fünfundvierzig Jahre lang arbeiten gegangen, hab mein Leben aufgebaut, und jetzt wäre es bald so, dass ich mein Leben, mein Heim, aufgeben muss … für die -“ (Ton- und Bildschnitt.)

EINE BLASSE SENIORIN
(mit erloschenen Augen und zitternder Stimme)
„Wir haben Kinder, wir haben Enkelkinder, und da mache ich mir wirklich Sorgen um unsere Zukunft.“

Kamera schwenkt
zum Podium. Ein mittelalter Mann in schwarzem Mantel und mit lässig geschlungenem Schal will etwas sagen, wird jedoch von den johlenden Demonstranten mundtot gepfiffen.

DIE OFF-STIMME
„Gastredner wie der Grüne Gemeinderat M.O. und der ÖVP-Stadtrat F.G. können sich kaum durchsetzen.“

(Schnitt. Das ORF-Mikrofon)
vor dem Gesicht des Grünen Gemeinderates M.O., nun auf der Straße. Sowohl der Vorname M. als auch der Nachname O. sind eindeutig türkisch.

DER GRÜNE GEMEINDERAT MIT MIGRATIONSHINTERGRUND
(In akzentfreiem Innsbrucker Dialekt. Leicht gehetzt)
„Ich freue mich, wenn Menschen aktiv werden, und ich selber bin absolut gegen Traglufthallen und ich bin auch absolut gegen große Unterkünfte, weil sie mehr Probleme schaffen, als wie, als wie ..., als wie ... als wie lösen.“

(Schneller Schnitt)
Nächste Wortmeldung in das ORF Mikrofon. Eine junge, überaus fesche Frau. Sie ist die Sprecherin der Interessensgemeinschaft Arzl.

DIE FESCHE FRAU
„Unsere Forderungen sind einfach, äh, keine Massenquartiere. Nirgendswo in Tirol. Am besten wäre, gar nicht in Österreich. Es sind menschenunwürdige Zustände, wie die Leute untergebracht sind, und für uns Anrainer, für uns Bevölkerung, ist es eine Zumutung. Wir haben Angst“.

(Sehr schneller Schnitt)
Die Kamera zoomt auf die Rücken eines Grüppchens abziehender Demonstranten.

DIE OFF-STIMME
„Noch steht die Halle in Arzl leer. Bis Mitte der Woche sollen die Genehmigungsverfahren abgeschlossen sein, dann sollten hier bis zu 240 Flüchtlinge eine vorläufige Unterkunft finden.“

(Ende des Fernsehbeitrages zur besten Sendezeit im reichweitenstarken Regionalsender.)

Szenennachtrag
Das maßgebliche Printmedium des Landes, die Tiroler Tageszeitung TT, berichtet in ihrer Online-Ausgabe vom 2. April 2016 ebenfalls von der „Demo gegen Traglufthalle in Innsbruck-Arzl“ und von „hitzigen Debatten“. Sie zitiert Aussagen wie jene der Sprecherin der Interessensgemeinschaft Arzl, wonach „wir uns nicht nicht mehr auf die Straße trauen, uns mit Pfeffersprays und Elektroschockern bewaffnen und Selbstverteidigungskurse belegen müssen“, und sie sich frage: „Wer kümmert sich denn um uns?“

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Zigtausend und zweiter Akt:

Rentenzuschuss
Samstag, 2. April 2016, 19.21 Uhr. In der zirbengetäfelten Wohnküche eines Ausgedingehäuschens. Der Altbauer und die Altbäuerein sitzen auf der Eckbank am Ecktisch und löffeln Grieskoch aus der Kupferpfanne in der Tischmitte, während sie zum Flachbildschirm auf dem Kachelofensims hinüberschauen. Der Wetterbericht auf TIROL HEUTE kündigt einen warmen und trockenen Sonntag an.

DIE ALTBÄUERIN
Geh, schalt den Kasten aus. Jetzt kommt nur mehr Werbung.

DER ALTBAUER
(greift zur Fernbedienung und stellt den Ton auf stumm)
Morgen wär das Wetter richtig zum Brennholzmachen. Ich bin immer noch nicht fertig mit dem Brennholz.

SIE
Magst noch ein Apfelkompott?

ER
Ja.

SIE
(steht auf, nimmt die Kupferpfanne und humpelt zur Küchenzeile)
Der Ischias zwickt aber bös heute. Ich spür den Föhn.

ER
Ja. Ja.
(Starrt auf die flackernden Bilder der stummgeschalteten Werbeclips. Schweigt. SIE kommt mit einer Schüssel Apfelkompott zurück an den Tisch. ER isst zeitlupenlangsam. Trotzdem kleckert es vom Löffel. SIE räumt das Geschirr in den Abwasch. Beide schweigen. SIE setzt sich mit ihrem Strickzeug an den Tisch.)

SIE
(strickt eine Sockenferse)
Diese Flüchtlinge haben's echt nicht leicht.

ER
(ungehalten)
Ja Herrschaftsseiten, was kann ich dafür!

SIE
Der Feichtinger-Junior hat eine Flüchtlingsfamilie aufgenommen. Die Feichtingerin hat mir erzählt, dass sie genug Platz haben im neuen Bauernhaus und dass die Diakonie alles vermittelt hat.

ER
Hast sie am Ende schon besucht?

SIE
Nein, aber im Dorf drunten hab ich sie getroffen. Im Sozialmarkt, wo ich den Kaffee einkaufe. Da habe ich sie getroffen und den Flüchtling auch, den Vater von der Ausländerfamilie. Muhammed heißt der. Er hilft im Geschäft mit. Im Irak ist er Krankenpfleger gewesen.

ER
Und das glaubst du? Die Asylanten dürfen doch gar nicht arbeiten.

SIE
Der Muhammed arbeitet aber im Markt drunten. Die Feichtingerin und noch so eine Frau von der Diakonie waren da, wie ich grad eingekauft habe. Die haben mir das gesagt.

(Die Altbäuerin strickt eifrig. Der Altbauer plagt sich mit dem Transport der schlüpfrigen Apfelschnitzen von der Schüssel in seinen Mund. Das zuckrige Kompottwasser rinnt über sein Kinn und tropft auf den Tisch.)

SIE
Zwei kleine Kinder haben die Armen. Auf Weihnachten hin sind sie im Feichtingerhof eingezogen. Wär ja arg gewesen, den Winter über in so einer Halle zu hausen. Ist wohl besser, wenn man ein richtiges Dach überm Kopf hat.

ER
Wir haben keinen Platz hier. Im Bauernhaus drüben haben sie auch keinen Platz. Die Zimmer sind für die Fremdenvermietung, damit ein Geld hereinkommt. Unser Junger hat eh immer zu wenig.

SIE
Ich hab gehört, der Feichtinger kriegt ein Geld für die Flüchtlinge. So einen Zuschuss von der Gemeinde, glaub ich.

ER
Wär gescheiter, die Gemeinde gäb uns einen Zuschuss auf die Rente.

SIE
Aber wir zwei haben doch genug. Ich kann mir alles kaufen, was ich brauch.

ER
(schweigt und löffelt)

SIE
(strickt ohne aufzuschauen)
Die Feichtingerin sagt, dass sie miteinander kochen und essen, sie und die Iraker. Das sei ganz interessant. Die Irakerfrau will auch nur, dass ihre Kinder sicher sind und eine Zukunft haben. Ganz nette kleine Kinder. Ein Bub und ein Maderl.

ER
Einen Haufen Lärm machen sie. Mir reicht das Geschrei, das die unsrigen Fünf die ganze Zeit aufführen.

SIE
Ach was, fünf oder sieben Kinder, das wär grad schon gleich mit dem Lärm. Und die junge Feichtingerin sagt, dass ihre Kinder und die fremden Kinder ganz brav miteinander spielen.

ER
Wir haben selber genug zu tun. Und unsere Jungen im Hof drüben wissen eh nicht, wie sie mit der ganzen Arbeit fertig werden. Einen Saustall haben sie beinander. (Fuchtelt mit dem Löffel.) Und dann will er im Mai mit dem Neubau vom Stall anfangen! Da kann er nicht auch noch auf die Asylanten aufpassen. (Leckt den Löffel ab und legt ihn aus der Hand.) Was der Stall wieder kostet! Ich möcht gar nicht wissen, wieviel Schulden er wieder aufnimmt. Der Traktor ist auch noch nicht abgezahlt. (Schnauft hörbar.)

SIE
(lässt das Strickzeug sinken)
Hast genug Kompott?

ER
(schiebt die halbleere Schüssel in die Tischmitte)
Ja, genug. Ich kann nimmer.

SIE
(steht auf und trägt die Schüssel und den Löffel zum Abwasch. Dann nimmt sie die Schüssel abermals in die Hand und stellt sie in den Kühlschrank. Sie schiebt das geblümte Tüchlein, das sie sich als Dreieck um den Kopf gebunden hat, nach hinten von den Haaren. Eine graue Tolle fällt in die Stirn.)

SIE
(murmelt)
Die Irakerin hätt ich auch gern mal gesehen.

ER
Was sagst?

SIE
Ah, nichts. Der Ischias zwickt.

ER
Ich geh jetzt schlafen. Wann kommst nach?

SIE
Später. Ich räum noch auf.

ER
Aber dann nicht wieder die halbe Nacht Fernsehschauen.

SIE
Nein, nein. Heut kommt sowieso nichts Gescheites.

ER
(geht ohne weiteres Wort in die Schlafkammer)

SIE
(wäscht die Kupferpfanne und die Löffel ab und verräumt das saubere Geschirr. Trocknet mit einem Küchenhandtuch die Resopal-Tischplatte im Zirbenholzlook ab. Setzt sich stöhnend und ächzend unter dem Herrgottswinkel auf die Eckbank, nimmt aufs Neue ihr Strickzeug in die Hand und schaltet mit der Fernbedienung den Ton auf kleine Lautstärke. ORF2 kündigt sein Hauptabendprogramm an: „Die Toten vom Bodensee – Stille Wasser“, TV-Krimi.)

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Zwischenakt

Welcome

EIN BÜHNENSCHAFFENDER
(steht vor einem zugezogenen Bühnenvorhang und guckt auf sein Tablet, von dessen Schirm er in monotonem Tonfall abliest)
Im Gegensatz zur TIROL HEUTE-Sendung meldet die Tiroler Tageszeitung TT in ihrem Artikel ein weiteres Ereignis zum Thema Flüchtlinge, nämlich dass nur – Zitat: wenige Stunden später vor der Annasäule Flüchtlinge unter anderem von der Plattform Bleiberecht und der Kommunistischen Jugend Österreichs ausdrücklich willkommen geheißen wurden, sowie gegen die geplanten Grenzkontrollen am Brenner demonstriert wurde – Zitat Ende.

ER
(blickt ins Publikum)
Zu eurer Information, die Annasäule ist ein Denkmal im Zentrum Innsbrucks, errichtet zum Gedenken an das Vertreiben der eingefallenen bayrischen Truppen. Lang ist's her. Auf der Säule oben ist eine Statue der Mondsichelmadonna.

ER
(scrollt auf seinen Tablet. Dozierend)
Wieviele Bleiberechtbefürworter und wieviele jugendliche Kommunisten demonstrierten, schreibt die Zeitung indessen nicht, und sie schreibt auch kein Wort über die Stimmung, die bei dieser Veranstaltung in der Innenstadt geherrscht hat.

ER
(pausiert kurz, sagt dann frei erzählend)
Bis zu 240 Flüchtlinge in der Traglufthalle. Heißt es im Fernsehbericht über Arzl. So eine Halle gibt es schon. In Hall unten. Die ist seit Februar in Betrieb, das habt ihr mitgekriegt, oder? Dann wisst ihr auch, wie die Halle ausschaut, in Hall unten. Das Ding schaut aus wie eine gewaltiges Iglu, wie ein UFO, oder besser gesagt ein U-I-O, Unbekanntes Iglu Objekt. Aus purer reiner weißer High-Tec-Folie. Eine Blase aus Plastik.

ER
(beschreibt mit ausgestreckten Armen einen Bogenkreis über seinem Kopf)
Dieses UIO haben sie neben dem Krankenhaus aufgestellt, und 1,8 Millionen Euro soll's gekostet haben. Keine Ahnung, ob da die Inneneinrichtung dabei ist, in dem Budget. Jedenfalls sind weitere Traglufthallen geplant. - Welcome in Tyrol.

BÜHNENSCHAFFENDER
(ab)

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Zigtausend und dritter Akt, Version Fernsehen:

Brennergrenze

Sonntag, der 3. April 2016, 19.00 Uhr. Regionalsender TIROL HEUTE wünscht seinen treuen Zuschauern einen wunderschönen guten Abend und bringt seinen ersten Beitrag unter dem Titel „Für offene Grenzen“:

DER MODERATOR
(im Live-Studio)
„Menschenrechtsaktivisten aus den verschiedensten Regionen Italiens, Österreichs und Deutschlands haben sich heute am Brenner zu einer Demonstration für offene Grenzen und gegen Grenzschließungen in Europa versammelt. Um die tausend Menschen haben sich beim Bahnhof Brenner getroffen, um von dort aus ohne Kontrollen nach Österreich zu gelangen.“

(Erstes Bild zum Bericht)
Ein Einsatzfahrzeug mit vorerst ausgeschalteten, dann blinkenden Blaulichtern rollt auf die Kamera zu. Dahinter tragen mehrere Personen ein weißes Transparent, dessen Aufschrift teilweise vom Auto verdeckt wird. Vom Ton-Techniker gedimmte Lautsprecherdurchsagen sind zu hören, allerdings unverständlich.

DIE OFF-STIMME
(weiblich)
„Zunächst verlief die Demonsstration am Brenner noch friedlich. Am Schluss der Kundgebung kam es dann auf Nordtiroler Seite zu Zwischenfällen. Eine Gruppe von fünfzig Aktivisten soll Polizeibeamte attackiert haben, mehrere Beamte wurden verletzt, unter anderem kam es dann zum Einsatz von Pfefferspray, teilt die Polizei mit.“

Die Kamera
zeigt zuerst Männer mit dunklen Sonnenbrillen in einer rosa wabernden Wolke, danach uniformierte Beamte abseits der Menge und Fotografen inmitten derselben. Einige himmelblaue Campingzelte ohne Inhalt wogen durch das Bild, die jeweils von zwei bis vier Marschierenden getragen und hochgehalten werden. Jedes Zelt ist aus einer hauchdünnen, federleicht wirkenden Kunststoffhaut gefertigt und handschriftlich versehen mit dem Slogan AGAINST ANY BORDER!

DIE OFF-STIMME
„Über tausend Aktivisten trafen sich heute beim Bahnhof Brenner, um von dort aus ohne Kontrollen nach Österreich zu marschieren, um für offene Grenzen zu werben.“

EIN JUNGER MANN
(aus Bregenz, Typ schmächtiger Student, mit Schnauzer und Kinnbärtchen, spricht ins ORF-Mikrofon)
„Viele motivierte Menschen, es ist cool, dass so viele Leute aus so vielen verschiedenen Nationen da sind, um für eine Sache zu kämpfen, und zwar einfach offenere Grenzen, es sind echt viele Leute da, die genau dieses Ziel erreichen wollen, und die dafür kämpfen wollen, und es stimmt mich positiv, dass wir nicht nur eine rechte Stimmung haben, sondern auch ein bisschen eine Stimmung, die auf Positiveres hoffen lässt.“

(Während der Student sich bemüht, seinen Satz zu Ende zu bringen, zeigt die Kamera ein Schild mit der Aufschrift: „Flüchtinge herzlich WILLKOMMEN in Tirol“.)

EINE JUGENDLICHE
(aus der Ortschaft Steinach am Brenner in pinkfarbenem Kapuzenshirt, postiert neben einem rot-weißen Rettungsreifen mit der Aufschrift: FLÜCHTLINGE WILLKOMMEN)
„Sehr ruhig. Also ich hab es mir aufgeregter vorgestellt, aufgewühlter. Ich bin sehr zufrieden, weil ich denke, dass es alles so ist, wie es sein soll. Es ist noch nicht eskaliert, es ist … ja, gut“ (lächelt) „meine erste Demo heute!“ (Ihre langen offenen Haare flattern, was auf kräftigen Wind hindeutet. Es ist sonnig.)

Die Kamera
gleitet über die langsam gehenden Demonstranten. Sie tragen Transparente vor sich her, darunter #OVERTHEFORTRESS, und skandieren ihre Sprechchöre, johlen, applaudieren. Der Fernsehtechniker dreht diese Geräusche zurück.

DIE OFF-STIMME
„Ruhig ist es dann leider nicht geblieben. Dabei marschierte man gemeinsam für ein Anliegen, Menschenrechtsgruppierungen aus Italien, Österreich und Deutschland an einer historisch bedeutenden Grenze.“

Bildschnitt
Das ORF-Mikrofon. Der Bundessprecher der Jungen Grünen Österreichs. Er trägt Brille und spricht mit wienerisch gefärbtem Akzent vor dem Hintergrund eines architektonisch interessanten Gebäudekomplexes. Es handelt sich um das beliebte Brenner-Outlet-Center.

DER JUNGE GRÜNE
„Der Brenner ist aber ein sehr symbolträchtiger Ort, die Grenze zwischen Österreich und Italien, die solange umstritten war und die auch gewissermaßen für die europäische Einigung steht. Das ist jetzt wo jetzt Verteidigungsminister, äh, und Innenminister aus Österreich mit Soldaten wieder Grenzkontrollen aufziehen wollen. Das ist ein riesiger Rückschritt und steht nicht für Europa.“

Einblendung eines Archivfilmclips ohne Ton
Besagter Verteidigungsminister in schwarzem Anzug und roter Krawatte. Beherrschte Gestik, gefrorene Mimik. Der Minister tut an einem durchsichtigen Rednerpult seine Entscheidungen den anwesenden Pressevertretern kund. Die Raumwand hinter ihm ist mit dem Tiroler Wappen und den vielfachen Schriftzügen „Unser Land“ dekoriert.

(währenddessen)
DIE OFF-STIMME
„Der Verteidigungsminister hatte zuletzt seine Pläne für die Sicherung des Grenzübergangs Brenner konkretisiert. Dafür stehen drei Kompanien à hundert Mann zur Verfügung. Einen fixen Zeitplan, wann die Soldaten eingesetzt werden sollen, gibt es noch nicht.“

(Bildschnitt)
Die Kamera an der Brennergrenze schwenkt zurück zu einer Verkehrstafel ÖSTERREICH AUSTRIA—›. Eine entgegenkommende Gruppe Demonstranten. Sie halten ein weißes Tuch, so breit wie die Straße, der Kamera entgegen. Darauf in schwarzer Schrift zu lesen: EURE ASYLPOLITIK TÖTET - TUT WAS!

DIE OFF-STIMME
„Die Demonstration am Brenner hat sich dann am Nachmittag wieder nach Südtirol zurückgezogen. Um Viertel nach fünf hat sie sich dann aufgelöst.“

Szenennachtrag:
Der Bericht dauert zwei Minuten und neunundzwanzig Sekunden und endet mit einem zurückzoomenden Bild auf die Straße voller Menschen, die alle in eine Richtung gehen.

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Zwischenakt

Zahlen
EINE BÜHNENSCHAFFENDE
(steht vor dem zugezogenen Bühnenvorhang liest in einem Zug von einem Blatt Papier)
Tirol ist flächenmäßig das drittgrößte der neun österreichischen Bundesländer. Es zählt knapp 740.000 Einwohner. Seine Hauptstadt ist Innsbruck mit aktuell gut 130.000 Einwohnern. Arzl ist ursprünglich ein Bauerndorf, das 1940 nach Innsbruck eingemeindet worden ist. Heute ist der Ortskern mit den alten, gediegen gepflegten Bauernhöfen umgeben von modernen Wohnsiedlungen für alle jene, die sich die teure Vorstadtidylle kaufen können.

SIE
(blickt kurz auf, liest dann unbewegt weiter)
Aufgrund seiner Bevölkerungszahl hat das Land Tirol 8,4 % der in Österreich Asyl suchenden Menschen zu versorgen. Das sind 6.823 Personen gemäß Auskunft auf der Homepage der Tiroler Sozialen Dienste, der zuständigen Organisation für Asylwerber. Dort heißt es auch, dieses Soll sei zu 90 % erfüllt, was bedeutet, dass in Tirol 6.210 hilfs- und schutzbedürftige Fremde die vorübergehende Grundversorgung entsprechend der Grundversorgungsvereinbarung gemäß Art. 15 B-VG, erhalten. Dies ist der Datenstand vom 15.1.2016.

SIE
(atmet durch, dann weiter)
Diese 6.210 grundversorgten Asylanten sind auf die Tiroler Gesamtbevölkerung von 740.000 Menschen gerechnet ein Prozentsatz von 0,8391. Statistisch gesehen mischt sich also unter 120 Tiroler Ansässige ein asylwerbender Flüchtling.“

SIE
(lässt Papierblatt sinken und sieht ins Publikum)
Aber hier geht es ja nicht um Zahlen, oder?

BÜHNENSCHAFFENDE
(ab)

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Zigtausend und dritter Akt, Version Tageszeitung:

In der Krise handeln

Montag, 4. April 2016, vormittags. Café Central in der Innsbrucker Innenstadt. Ein Student (21) und eine Studentin (22) sitzen auf Thonetstühlen an einem runden Tischchen. Ein Ober bringt die zwei bestellten Kleinen Braunen und stellt die Serviertabletts auf der Marmorplatte des Tischchens ab.

DIE STUDENTIN
(starrt mit gekrümmtem Nacken auf ihr Smartphone)
Hast schon gehört? Da war ja was los gestern.

DER STUDENT
(schlürft Kaffee)
Hm. Ich war Schifahren.

SIE
(liest vom Handy-Bildschirm)
„Demo am Brenner eskalierte.“

ER
War furchtbar warm gestern. Ich will den Schnee noch ausnutzen, bevor er ganz weg ist.

SIE
„Fünf Polizisten verletzt.“

ER
Hm?

SIE
(scrollt die Handy-Bildschirmseiten)
Da, die TT schreibt das. Soll ich vorlesen?

ER
Das Käsblatt?

SIE
Ist doch wurscht. Willst jetzt hören oder nicht?

ER
Mhm.

SIE
(liest vor)
„Innsbruck. Die Bewegung Agire nella crisi – In der Krise handeln – hatte in Italien für gestern eine Demonstration am Brenner gegen die Grenzschließungen in Europa angemeldet. Bereits vor Tagen haben die Aktivisten an einem Protestmarsch im Flüchtlingslager Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze teilgenommen.“

ER
Demo-Touristen.

SIE
(liest ungerührt weiter)
„Ab 13.30 Uhr sollte sich der Demonstrationszug in Bewegung setzen, begleitet von rund 80 Polizisten. Es wurde eine großteils friedliche Kundgebung erwartet, schließlich war mit den Aktivisten vereinbart, dass sie sich 600 Meter über die Staatsgrenze geordnet auf der Bundesstraße bewegen dürfen. Schon auf italienischer Seite musste jedoch die Polizia di Stato einschreiten, nachdem vereinzelt bengalische Feuer entzündet und Gewaltbereitschaft signalisiert worden war.“

ER
Randalierer. Nicht schon wieder.

SIE
(liest weiter)
„Gegen 15.15 Uhr bewegte sich der Zug weiter in Richtung Staatsgrenze und geriet dann außer Kontrolle. Bezirkspolizeikommandant Gerhard Niederwieser zur Tiroler Tageszeitung – Zitat: Der Bahnverkehr am Brenner musste über eine Stunde gesperrt werden, da immer wieder Leute auf die Gleise sprangen. Dann wurden jedoch immer mehr strafrechtlich relevante Handlungen gesetzt, sodass die Auflösung der Demons­tration von der Bezirkshauptmannschaft Innsbruck angeordnet wurde. Zitat Ende. Die Massivität des weiteren Vorgehens einer 50-köpfigen Gruppe der Aktivisten überraschte selbst Niederwieser.“

ER
Mich nicht. Das sind organisierte Krawallschläger.

SIE
(liest weiter ohne aufzusehen)
„So wurden die Beamten teils massiv attackiert und mit Steinen beworfen. Im Bereich des alten Grenzhauses wurden Tafeln besprüht und noch in Sichtweite zur bekannten Shell-Tankstelle bengalische Feuer und Knallkörper entzündet. Eine schwere Aufgabe für die Polizisten vor Ort, die zusätzlich das Platzverbot auf der Tankstelle sicherzustellen hatten. Fünf Beamte wurden verletzt, zwei in die Klinik gebracht, etliche erlitten Reizungen durch den vermehrten Einsatz von Pfeffersprays.“

ER
Die haben sich wahrscheinlich gegenseitig ins Gesicht gesprüht. Friendly fire, oder so.

SIE
(sieht IHN an, sagt nichts, und liest weiter)
„An Verhaftungen war in dieser Situation laut Niederwieser gar nicht mehr zu denken. Bereits gestern begann allerdings die Auswertung des Videomaterials, um die gewaltbereite Gruppe auszuforschen. Gegen 16.30 Uhr zog sich der Demonstrationszug wieder friedlich in Richtung Süden zurück. Auch auf italienischer Seite sei es zu keinen Verhaftungen gekommen. Informationen zu verletzten Demonstranten lagen der Polizei gestern noch nicht vor.“

ER
Was sag ich, die Bullen haben sich gegenseitig angepfeffert.

SIE
(ist noch nicht fertig, liest)
„Das Outlet-Center am Brenner hatte übrigens während des Vorfalls durchgehend geöffnet. Kein einziger Vorfall sei zu verzeichnen gewesen, hieß es seitens des Centers zur TT. Herr Landeshauptmann Günther Platter verurteilte den Vorfall noch gestern auf das Schärfste ? Zitat: Es ist legitim, in der Frage von Grenzkontrollen geteilter Meinung zu sein, und es hat auch jeder das Recht, seine Meinung im Rahmen einer Kundgebung zu äußern. Wenn dieses Recht aber für die Anwendung von Gewalt missbraucht wird, geht das zu weit, ist entschieden abzulehnen und verlangt nach harten Strafen. Zitat Ende.“

ER
Tja, wenn wir unsere gescheite Regierung nicht hätten.

SIE
(trinkt ihren kalt gewordenen Kleinen Braunen in einem Zug)
Strafe muss sein.

ER
Und wieviel Leut' waren's insgesamt da oben?

SIE
(scrollt suchend)
Da steht's, unterm Foto: „Etwa 600 Teilnehmer nahmen laut Polizeiangaben an der Demonstration teil.“

ER
Scheiße, ich muss auf die Statistik-Prüfung lernen!

SIE
Ist eh nur Multiple-Choice. Das kann jeder Depp.

ER
Trotzdem. Fragen, Fragen, endlos Fragen. Mir geht das voll krass auf die Eier.

SIE
(lehnt sich zurück)
Da hast mein vollstes Mitgefühl.

ER
Im Ernst, wenn ich die Statistik vermassle, sitz ich in der Scheiße.

SIE
Dann sollst vielleicht besser aufbrechen und lernen.

ER
Eine weise Entscheidung. Gehst mit?

SIE
Nein, ich werd mich auf die Kostenrechnung stürzen. Ich brauch Gott sei Dank nur die Mindestpunktezahl, das reicht für den blöden Schein.

ER
Scheiß Zahlenzeugs. Hoffentlich kann ich nächstes Wochenende noch eine Schitour machen.

SIE
Vielleicht gehen wir auch mal demonstrieren? Irgendeine Demo gibt’s sicher bald wieder.

ER
Ah geh, ich will meine Ruhe. Ready to go?

SIE
Yes Sir. (Bleibt sitzen) Der Brenner ist nicht Köln, oder?

DER STUDENT
(kramt Münzen aus der Hosentasche)
Hm. Hm.
(Er legt das Kleingeld aufs Serviertablett, steht auf und geht zum Caféhausausgang.)

DIE STUDENTIN
folgt ihm.


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Pause
 

 
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