tagesraum

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Mondnein

Mitglied
[ 4]tagesraum


komponist wollte ich werden
[ 4]als kind schon und auch später
geigen kämpften mit blech
[ 4]pubertierend um mich den verräter

ich wollte ein guru verkannt
[ 4]wie ein soph sein oder ein dichter
nietzsche bleute mein wollen
[ 4]zum heimlichen ruhm der verzichter

das wühlte mir stets durch den sinn
[ 4]fünfwöchige radtour im regen
orgeln trat ich - pedale
[ 4]ad astra von asperis wegen

in der jugendherberge dann saß ich
[ 4]vorm klavier und rührte die laute
der saiten - ein vater entfloh
[ 4]riß sein töchterlein mit sich - sie schaute

nur kurz mit verachtung zurück
[ 4]ihr befremden war kaum zu verhüllen
durch den katarakt meiner musik
[ 4]gestürzt in die peinlichen stillen
 

Tula

Mitglied
Hallo mondnein

um hier eine erneute (ungerechtfertigte) Stille zu unterbrechen, sei gesagt: ich mag hier vor allem den Humor in diesem Gedicht; so ergeht es den jungen Dichtern und Komponisten, die stolz ihre Künste an die Damen bringen wollen

LG
Tula
 

Mondnein

Mitglied
@tula

nun ja, der Lyri-Narziß addressiert sich gewiß eher selbst, und das "Töchterlein" ist kollateral-dressiert.
 

Mondnein

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@rogathe

dankeschön, und gut bemerkt. Organisten (oder bei ihnen sitzende Blattumwender) bemerken sowas. Und Radtouristen. Den einen sind dabei die Fahrradpedale "bloße" Metaphern, den anderen die Orgeln.

In der Tat kann so ein Radtourenmüller ein heftiges Orchester in sich durchorgeln. Mein Lyri tut, vollzieht, konkretisiert es, weil sein Autor selbst so ein unstillbarer Musiktäter ist, der immer Musik in sich hört, d.h. vollführt, etwa so, wie einer intensiv tätig ist, wenn er den Durchbruch einer Idee im Gedankengewühle "sucht". Das geht auch eher durch den Körper (deshalb ist das Radtouren eine Extremsituation für den existentiellen "Komponisten") als durch die Ohren. Und deshalb auch eher durch ein Tätigsein als durch ein Empfinden.
 

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