Tagesrettung

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anbas

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Tagesrettung

Ich hatte auf der Arbeit zwei harte Tage hinter mir. Es waren die ersten nach meinem Urlaub über den Jahreswechsel gewesen, einschließlich der kompletten ersten beiden Januarwochen.
Zunächst hatte alles so schön begonnen: So fand ich dank der guten Vertretung durch meine Kollegin nicht die befürchteten Aktenberge vor. Auch mein Briefkorb war nur wenig gefüllt und mein Kalender wies für die gesamte Woche keine Termine aus. Einen so entspannten Einstieg nach dem Urlaub hatte ich bisher nur selten gehabt.

Doch das Glücksgefühl hielt keine zehn Minuten an.

Als erstes erfuhr ich, dass die angekündigten Bauarbeiten in unserem Bürogebäude nicht wie geplant während meines Urlaubs stattgefunden hatten – sie begannen genau nach zehn Minuten Glücksgefühl auf der Arbeit, was ich auch sofort schmerzhaft zu hören bekam. Das einsetzende Dröhnen und bis in den Magen durchdringende Vibrieren eines Bohrhammers ließ mich erahnen, was auf mich zukommen würde. Und obwohl die Arbeiten im Erdgeschoss stattfanden und sich mein Büro im vierten Stock befand, hatte ich das Gefühl, fast daneben zu stehen. Das Ganze sollte mindestens eine Woche dauern.
Dann wurde mir mitgeteilt, dass ich aufgrund der aktuell hohen Krankheitsquote sofort für den ganzen Tag einen Telefondienst übernehmen musste. Damit war schon mal klar, dass ich zu meiner regulären Arbeit kaum kommen werde. Mit etwas Glück würde ich es gerade schaffen, die Mails zu sichten, die während meiner Abwesenheit eingegangen waren. Als dann gegen Mittag auch noch ein Notfall vor der Tür stand, den ich nicht an andere Kollegen abgeben konnte, war meine anfängliche Glückseligkeit endgültig verschwunden und auch der Erholungswert meines Urlaubs hatte sich schlagbohrhammerartig in Luft aufgelöst.

Auch der zweite Tag nach meinem Urlaub war geprägt von Vertretungen, Baulärm und der Klärung von Notfällen. Zu den wenigen Arbeiten, die nach meinem Urlaub auf dem Schreibtisch gelegen hatten, war ich bisher nicht gekommen. An diesem Tag blieb ich länger im Büro, um wenigstens etwas von dem, was liegengeblieben war, abzuarbeiten. Erst nach gut neuneinhalb Stunden ging ich endlich in den Feierabend.

Auf meinem Heimweg machte ich einen Zwischenstopp im Supermarkt. Ich war müde, mein Kopf dröhnte und meine Laune befand sich noch unterhalb des Kellers. Eigentlich wäre ich viel lieber gleich nach Hause gegangen, um mich vor der Glotze abzulegen und eine Tafel Schokolade zu vernichten. Aber morgen stand unser abteilungsinternes Neujahrsfrühstück an, und ich hatte versprochen, den Käse zu besorgen.
Nun wartete ich bereits seit einigen Minuten vor der Käsetheke, die nicht besetzt war. Da niemand kam und auch keine Mitarbeiter weit und breit zu sehen waren, entschloss ich mich, zunächst die Käsesorten zu besorgen, die im Kühlregal zu finden waren. Außerdem benötigte ich noch ein paar Kleinigkeiten für mich selber. So drehte ich also eine Runde durch den Supermarkt bis ich mit einem nun schon recht anständig gefüllten Einkaufswagen wieder vor der Käsetheke stand. Es war immer noch niemand zu sehen. Irgendwann entdeckte ich einen anderen Angestellten des Supermarktes, der dann auf mein Bitten hin den für die Käsetheke zuständigen Mitarbeiter aus einem der hinteren Räume holte. Meine Laune hatte inzwischen einen neuen Tiefstand erreicht – also sehr weit unterhalb des Kellers.
"Ich hoffe, Sie mussten nicht so lange warten", begrüßte mich der junge Mann ein wenig verlegen und zuckte leicht zusammen, als ich erwiderte, dass ich hier durchaus schon länger stehen würde. An jedem anderen Tag hätte ich eher nachsichtig reagiert. Dazu war ich heute einfach nicht in der Lage.
"200 Gramm mittelalten Gouda", orderte ich dann recht schroff. Mir fiel zwar auf, dass ich mich von meinem normalerweise recht freundlichen und zugewandten Umgangston Lichtjahre entfernt hatte, doch ich war unfähig mich diesem auch nur ansatzweise wieder zu nähern.
"Wo sehen Sie den mittelalten Gouda?", fragt mich daraufhin der junge Mann.
"Ich sehe ihn nicht, dachte aber, dass sie ihn, wie immer da haben", antwortete ich nun leicht irritiert.
"Nee, der ist in letzter Zeit nicht so gut gelaufen. Zurzeit haben wir nur den jungen und den alten Gouda. Ich kann Ihnen den Beamster empfehlen, der schmeckt ähnlich wie der mittelalte Gouda."
Kurzentschlossen stimmte ich zu.
"Da Sie so lange warten mussten, bekommen Sie 300 Gramm, und ich berechne nur 200. Ist das okay?"
Freudig überrascht bedankte ich mich. Gerade als ich gehen wollte fiel mir ein, dass auch mein privater Käsevorrat fast aufgebraucht war. Eigentlich kaufe ich ja immer den jungen Gouda. Manchmal aber, so wie an diesem Tag, habe ich auch schon mal Lust auf ein wenig Abwechslung.
"Geben Sie mir doch bitte noch 400 Gramm Butterkäse", bat ich und merkte, dass mir der Name meiner bevorzugten Sorte nicht einfiel. Ich war wirklich platt und am Ende meiner geistigen Kräfte.
"Wir haben den hier", sagte er und zeigte auf eine mir unbekannte Sorte. "Außerdem müssten wir hier irgendwo auch noch der Benjamin…"
"Genau, den Benjamin möchte ich haben", unterbrach ich ihn.
"Tut mir leid", sagte er einen Moment später. "Der scheint ausverkauft zu sein."
Ich atmete tief durch. Mein Blick wurde starr, und ich spürte, wie sich meine Fäuste ballten. Als Kleinkind hätte ich mich spätestens jetzt schreiend auf den Boden geworfen. Das tat ich jetzt nicht, obwohl mir durchaus danach war.
"Heute ist echt nicht Ihr Tag, oder?" sagte der junge Mann, um sich sogleich für seine Bemerkung zu entschuldigen.
"Ist schon gut", antwortete ich. "Sie haben mir immerhin gerade 100 Gramm Käse geschenkt …"
 
Zuletzt bearbeitet:

petrasmiles

Mitglied
Lieber Anbas,

ja, an Tagen wie diesen ... gelingt nichts, und ob die 100g Käse wirklich der Tagesretter sind?
Ich finde, dass Du diese Verkettung, ja schon fast Verschnürung des zarten Seelenpflänzchens in die Tücken des Alltags sehr gut herausgearbeitet hast. Ich bin mir nur nicht sicher, ob es jedes Detail gebraucht hätte. Aber für den Autor scheint das manchmal zwingend, vielleicht, weil es 'so' gewesen ist?

Gerne gelesen.

Liebe Grüße
Petra
 
Tagesrettung

Ich hatte auf der Arbeit zwei harte Tage hinter mir. Es waren die ersten nach meinem Urlaub über den Jahreswechsel gewesen, einschließlich der kompletten ersten beiden Januarwochen.
Zunächst hatte alles so schön begonnen: So fand ich dank der guten Vertretung durch meine Kollegin nicht die befürchteten Aktenberge vor. Auch mein Briefkorb war nur wenig gefüllt und mein Kalender wies für die gesamte Woche keine Termine aus. Einen so entspannten Einstieg nach dem Urlaub hatte ich bisher nur selten gehabt.

Doch das Glücksgefühl hielt keine zehn Minuten an.

Als erstes erfuhr, dass die angekündigten Bauarbeiten in unserem Bürogebäude nicht wie geplant während meines Urlaubs stattgefunden hatten – sie begannen genau nach zehn Minuten Glücksgefühl auf der Arbeit, was ich auch sofort schmerzhaft zu hören bekam. Das einsetzende Dröhnen und bis in den Magen durchdringende Vibrieren eines Bohrhammers ließ mich erahnen, was auf mich zukommen würde. Und obwohl die Arbeiten im Erdgeschoss stattfanden und sich mein Büro im vierten Stock befand, hatte ich das Gefühl, fast daneben zu stehen. Das Ganze sollte mindestens eine Woche dauern.
Dann wurde mir mitgeteilt, dass ich aufgrund der aktuell hohen Krankheitsquote sofort für den ganzen Tag einen Telefondienst übernehmen musste. Damit war schon mal klar, dass ich zu meiner regulären Arbeit kaum kommen werde. Mit etwas Glück würde ich es gerade schaffen, die Mails zu sichten, die während meiner Abwesenheit eingegangen waren. Als dann gegen Mittag auch noch ein Notfall vor der Tür stand, den ich nicht an andere Kollegen abgeben konnte, war meine anfängliche Glückseligkeit endgültig verschwunden und auch der Erholungswert meines Urlaubs hatte sich schlagbohrhammerartig in Luft aufgelöst.

Auch der zweite Tag nach meinem Urlaub war geprägt von Vertretungen, Baulärm und der Klärung von Notfällen. Zu den wenigen Arbeiten, die nach meinem Urlaub auf dem Schreibtisch gelegen hatten, war ich bisher nicht gekommen. An diesem Tag blieb ich länger im Büro, um wenigstens etwas von dem, was liegengeblieben war, abzuarbeiten. Erst nach gut neuneinhalb Stunden ging ich endlich in den Feierabend.

Auf meinem Heimweg machte ich einen Zwischenstopp im Supermarkt. Ich war müde, mein Kopf dröhnte und meine Laune befand sich noch unterhalb des Kellers. Eigentlich wäre ich viel lieber gleich nach Hause gegangen, um mich vor der Glotze abzulegen und eine Tafel Schokolade zu vernichten. Aber morgen stand unser abteilungsinternes Neujahrsfrühstück an, und ich hatte versprochen, den Käse zu besorgen.
Nun wartete ich bereits seit einigen Minuten vor der Käsetheke, die nicht besetzt war. Da niemand kam und auch keine Mitarbeiter weit und breit zu sehen waren, entschloss ich mich, zunächst die Käsesorten zu besorgen, die im Kühlregal zu finden waren. Außerdem benötigte ich noch ein paar Kleinigkeiten für mich selber. So drehte ich also eine Runde durch den Supermarkt bis ich mit einem nun schon recht anständig gefüllten Einkaufswagen wieder vor der Käsetheke stand. Es war immer noch niemand zu sehen. Irgendwann entdeckte ich einen anderen Angestellten des Supermarktes, der dann auf mein Bitten hin den für die Käsetheke zuständigen Mitarbeiter aus einem der hinteren Räume holte. Meine Laune hatte inzwischen einen neuen Tiefstand erreicht – also sehr weit unterhalb des Kellers.
"Ich hoffe, Sie mussten nicht so lange warten", begrüßte mich der junge Mann ein wenig verlegen und zuckte leicht zusammen, als ich erwiderte, dass ich hier durchaus schon länger stehen würde. An jedem anderen Tag hätte ich eher nachsichtig reagiert. Dazu war ich heute einfach nicht in der Lage.
"200 Gramm mittelalten Gouda", orderte ich dann recht schroff. Mir fiel zwar auf, dass ich mich von meinem normalerweise recht freundlichen und zugewandten Umgangston Lichtjahre entfernt hatte, doch ich war unfähig mich diesem auch nur ansatzweise wieder zu nähern.
"Wo sehen Sie den mittelalten Gouda?", fragt mich daraufhin der junge Mann.
"Ich sehe ihn nicht, dachte aber, dass sie ihn, wie immer da haben", antwortete ich nun leicht irritiert.
"Nee, der ist in letzter Zeit nicht so gut gelaufen. Zurzeit haben wir nur den jungen und den alten Gouda. Ich kann Ihnen den Beamster empfehlen, der schmeckt ähnlich wie der mittelalte Gouda."
Kurzentschlossen stimmte ich zu.
"Da Sie so lange warten mussten, bekommen Sie 300 Gramm, und ich berechne nur 200. Ist das okay?"
Freudig überrascht bedankte ich mich. Gerade als ich gehen wollte fiel mir ein, dass auch mein privater Käsevorrat fast aufgebraucht war. Eigentlich kaufe ich ja immer den jungen Gouda. Manchmal aber, so wie an diesem Tag, habe ich auch schon mal Lust auf ein wenig Abwechslung.
"Geben Sie mir doch bitte noch 400 Gramm Butterkäse", bat ich und merkte, dass mir der Name meiner bevorzugten Sorte nicht einfiel. Ich war wirklich platt und am Ende meiner geistigen Kräfte.
"Wir haben den hier", sagte er und zeigte auf eine mir unbekannte Sorte. "Außerdem müssten wir hier irgendwo auch noch der Benjamin…"
"Genau, den Benjamin möchte ich haben", unterbrach ich ihn.
"Tut mir leid", sagte er einen Moment später. "Der scheint ausverkauft zu sein."
Ich atmete tief durch. Mein Blick wurde starr, und ich spürte, wie sich meine Fäuste ballten. Als Kleinkind hätte ich mich spätestens jetzt schreiend auf den Boden geworfen. Das tat ich jetzt nicht, obwohl mir durchaus danach war.
"Heute ist echt nicht Ihr Tag, oder?" sagte der junge Mann, um sich sogleich für seine Bemerkung zu entschuldigen.
"Ist schon gut", antwortete ich. "Sie haben mir immerhin gerade 100 Gramm Käse geschenkt …"
Als erstes erfuhr, dass die a
die Stelle meinte ich...
 

anbas

Mitglied
Hallo Petra,

die 100g Käse sind wohl eher ein Strohhalm - der Versuch, dem Tag noch irgendetwas Positives abzuringen.

Was die vielen Details angeht, so ist es zum einen tatsächlich so, dass diese Geschichte wirklich passiert ist. In solchen Fällen passiert es mir schnell mal, dass ich zu sehr ins Detail gehe. Hier finde ich es allerdings nicht so störend.



Hallo Stadtgeflüster,

vielen Dank für den Hinweis und die Sterne!
Hab's schon geändert.



Liebe Grüße an Euch beide!

Andreas
 

molly

Mitglied
Hallo Andreas,

Gute Geschichte!
Ich glaube, dass die freundliche, geduldige Art des jungen Verkäufers, mitgeholfen hat, den Tag zu retten, nicht nur der geschenkte Käse. Er hat erkannt, wie gestresst Du warst.

Friedvollen 3. Advent

Monika
 



 
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