Tankstellenneon

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Heute trägt der Himmel
einen Mantel aus nassem Beton.

Die Straßen versuchen,
das Licht von den Schaufenstern zu lecken.
Es schmeckt nach Kälte
und nassen Ärmeln.

Unter der Brücke
schläft ein Einkaufswagen
mit offenem Metallgerippe.

In einer Pfütze neben ihm
sammelt sich Wasser
in der Form eines
stillgelegten Aquariums.

An der Ampel wartet ein Mann
mit einem Blumenstrauß
aus Tankstellenneon.

Die Rosen hängen dunkel nach unten,
als hätten sie etwas gesehen,
das sie nicht mehr verlassen wird.

Ich nicke ihm zu,
doch er sieht mich nicht.

Nur die Ampel reagiert
und wechselt die Farbe.

Ich stehe in einem Hauseingang
wie ein vergessenes Paket
und weiß nicht,
wohin mit meinem Herzen.
 

trivial

Mitglied
Hallo Chandrika,

vielleicht werde ich zu kritisch, aber merkwürdigerweise stört mich hier etwas ganz Ähnliches wie bei „Feldpost“ von Dionysos. Ich spüre keine Notwendigkeit. Es sind alles sehr originelle Bilder, aber ich habe nicht das Gefühl, in die Perspektive des Autors hineingezogen zu werden und dass sich mir dadurch eine neue Sichtweise eröffnet. Stattdessen beobachte ich den Autor beim Arrangieren von Bildern, die größtenteils schön komponiert sind, mir aber nicht das Gefühl vermitteln: „So und nicht anders habe ich es erlebt.“

Ich stehe nicht in der Szene. Der Autor verschwindet nicht, sondern ich stehe gewissermaßen über ihm und beobachte, wie er am Schreibtisch nach überraschenden Bildern sucht.

Authentizität und Kitsch sind zwei harte Wörter, die sich mir aufdrängen, die ich aber ebenso schnell wieder verwerfe und in dieser Strenge nicht benutzen möchte. Ich führe sie nur an, um einen Rahmen für meine Gedanken zu schaffen. Worum es mir geht, ist vielleicht der Unterschied zwischen: „Es musste so gesagt werden“ und „Das ist eine interessante Möglichkeit, es zu sagen.“

Also wären die Kategorien für mich wohl eher Notwendigkeit und Möglichkeit, wobei ich wiederum unterscheiden möchte zwischen äußerer Kontingenz und innerer Notwendigkeit. Das Unverfügbare muss in uns entborgen werden. (Sorry für die Abschweifung, das war nur gerade mein eigener Ah-Moment;))

Wahrscheinlich gibt es weit mehr, was ein Gedicht ausmacht, und weit weniger, was ich davon verstehe. Aber dies scheint momentan mein Bedürfnis beim Lesen zu sein: Eine gefühlte Notwendigkeit.

So wirkt das Gedicht auf mich eher als Zweck an sich denn als Mittel zum Zweck. Es transportiert für mich keine Erfahrung, sondern zeigt vor allem sich selbst.

Ich hoffe, Du verstehst das nicht als generelle oder objektive Kritik. Dazu fehlt mir jede Kompetenz. Es ist lediglich meine individuelle Leseerfahrung bei diesem Text.

Wie auch bei „Feldpost“ von Dionysos ist sie nicht sonderlich konstruktiv im Sinne von: Hier fehlt A oder dort ist B zu viel. Vielleicht will der Text gar nicht unbedingt eine Erfahrung transportieren, sondern vielmehr aufzeigen, was Sprache mit Wahrnehmung machen kann und, wiederum anders, spricht er bestimmt viele doch genau auf dieser Erfahrungsebene an.

Liebe Grüße
Rufus
 
Hallo Rufus,
danke dir für deine ausführliche Rückmeldung. Dass die Bilder irgendwie komponiert wirken ,ist beabsichtigt. Vielleicht liegt die innere Notwendigkeit des Textes weniger in einem :"So habe ich es erlebt.", sondern eher in einem"So verwandelt sich dieser Ort, wenn man lange genug hinsieht." Gerade in dieser Möglichkeit der Verwandlung liegt für mich die Notwendigkeit des Textes. Vielleicht verlangt das Gedicht weniger nach Authentizität im biografischen Sinn als nach Stimmigkeit im Wahrnehmungsraum.
LG
Chandrika W.
 



 
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