Tatsachen

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Der Neue

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Ich erzähle eigentlich nicht gerne Geschichten.

Dass „an jenem Morgen die Luft schon mild nach Heu, überreifen Zwetschgen und einer Ahnung des bevorstehenden heißen Tages duftete“ und dass „der Gesang der Buchfinken und das Knirschen meiner Schritte auf dem sandigen Wirtschaftsweg die perfekte Stille des jungen Morgens nicht störten, sondern vielmehr noch betonten“ – wen juckt das?

Tatsache ist, dass die Pistole im Dreck lag, und zwar genau an der Stelle, wo ich immer links abbiege, um die Abkürzung über´s Feld zu nehmen.

Zuerst hab ich natürlich gedacht, es ist eine Softair, aber als ich sie in der Hand hatte, war mir sofort klar, die ist echt. Auch keine Gaspistole. Volles Magazin. Da ging mir schon etwas die Pumpe, sag ich mal. Es war jetzt keine, die mir aus Call of Duty oder Receiver bekannt vorkam. Da ist mir mal aufgefallen, dass es keine Waffen-Erkennungs-App für das Iphone gibt. Für Blumen gibt’s sowas. Da macht man ein Foto und die App zeigt einem den Namen der Pflanze an. Mein Dad hat die App.

Aber kein Ding, Google ist dein Freund. Am Schlitten waren so russische Buchstaben eingeprägt, also kyrillisch heißt das ja, und dadurch wusste ich, wonach ich suchen musste. Bingo – unter einer Minute! Wenn ich freie Praktikumsplätze genauso schnell googeln könnte, hätte ich eine Sorge weniger. Eine Makarow.
Ein ziemlich hässliches Ding. Ich hätte lieber eine Glock gefunden oder eine P99. Aber das war jetzt nicht so mein Hauptproblem. Sondern, dass ich eine scharfe Knarre im Rucksack hatte.

Ich könnte jetzt sagen, ich musste doch die Hände frei haben zum Tippen und da hab ich sie erstmal eingesteckt, vorläufig. Aber in Wirklichkeit wollte ich sie wohl einfach besitzen in dem Moment. Ein bisschen kommt´s mir auch so vor, als hätte die Makarow einen eigenen Willen gehabt, wie der Ring in „Herr der Ringe“, der immer dafür sorgt, dass er gefunden wird. Aber das ist mir jetzt zu creepy, um darüber nachzudenken.

Tatsache ist: Hätte ich die Knarre nicht eingesteckt, wäre die Geschichte an dieser Stelle zu Ende.

Ob ich nicht überlegt habe, die Waffe bei der Polizei abzugeben? Hallo? Geht´s noch? Wir machen im Bewerbungstraining immer diese Eignungstest, Multiple Choice. Räumliches Vorstellungsvermögen, Mathe, Problemlösungskompetenz, Wortschatz. Jetzt stelle ich mal so eine Aufgabe: „Streichen Sie das Wort durch, das nicht in die Reihe passt: Polizei – Knarre – hingehen – wegrennen.“

Und? Also. „Hingehen“ passt ja mal gar nicht. „Wegrennen“ schon eher. Ich bekam nämlich Schiss, dass mich jemand sieht. Mir war ja schon klar, dass die Pistole irgendjemandem gehören muss und dass derjenige die vielleicht auch sucht. Also bin ich vom Weg runter und über das Stoppelfeld gestapft.

Ich war heute mit Brötchenholen dran, deshalb der Rucksack. Die Abkürzung über das Feld hat den Vorteil -also den zweiten Vorteil neben der Kürze – dass schon ab der Hügelkuppe die Bäckerei in Sicht kommt. Noch ein paar Meter weiter, dann kann ich so von schräg oben schon durch die Schaufensterscheibe gucken und Laura sehen, wie sie Leute bedient oder die Theke abwischt. Das ist immer schön. Deshalb macht mir das auch nichts aus, wenn ich an meinen freien Tagen, wenn keine Maßnahme ist, morgens Sachen für´s Frühstück holen muss. Ich gehe also meinen normalen Weg weiter Richtung Bäckerei, aber dabei hab ich immer das Wort „Russenmafia“ im Kopf und fange an zu schwitzen. Ich hab dann sogar gegoogelt, ob kürzlich irgendwelche Überfälle oder sowas in der Gegend passiert sind und ob vielleicht nach einer „Tatwaffe“ gesucht wird. Aber nix gefunden.

Tatsache ist einfach, außer weiterzugehen ist mir in dem Moment nichts eingefallen. Normales Programm durchziehen und unauffällig gucken. Aber das hat nicht so richtig geklappt.

Es gibt doch dieses Gefühl, wenn einem klar wird, dass man gerade etwas super Dämliches gemacht hat. Der Nacken versteift sich, die Stirn wird heiß und der Magen krampft sich zusammen und im Kopf geht das los, was ich immer Kopfkino nenne. Alle möglichen Worst-Case-Szenarien spielen sich vor dem geistigen Auge ab und man bekommt so einen Tunnelblick, mit dem man nur noch die unabwendbare Katastrophe sehen kann. So ging´s mir und so muss ich auch ausgesehen haben, als ich die Bäckerei betrat.

Aber ich glaube, Laura ist das nicht aufgefallen. Es ist nämlich -ich sag mal – nicht auszuschließen, dass ich immer so aussehe, wenn ich ihr begegne.
Mit Laura ist es nämlich so, dass die mir ziemlich gut gefällt. Schon lange. Sogar, als sie noch mit Torben zusammen war, fand ich die rein optisch schon mega, aber damals dachte ich natürlich, sie kann nur ne Kuh sein bei dem Freund.
Die sieht nicht nur super aus, sondern ist auch immer so freundlich, also nicht so fake freundlich, weil das als Bäckereifachverkäuferin zu ihrem Job gehört, sondern so echt. Die meisten Mädchen bei uns im Dorf sind Zicken, auf die hab ich gar keinen Bock. Aber Laura mit ihrer herzlichen Art, die ist was anderes.

Sie immer so: „Hallo Sebastian! Na, was geht? Zu Hause alles klar? Was darf´s denn sein?“
Und ich immer so: „Sechs Krustis.“
Flirten? Kann ich. Aber ich hab mir da eh keine Chancen ausgerechnet. Und dann war da natürlich die Frage, ob ich nicht irgendwie immer an Torben denken müsste, wenn ich tatsächlich was mit ihr hätte.

Tatsache ist, ich habe Torben gehasst. Das ist mein Ernst. Dieser Hass war so sehr Tatsache, wie ein Gefühl nur Tatsache sein kann. Das war so sehr Tatsache wie... die Sparkassenfiliale gegenüber dem Haus meiner Eltern. Jeden Morgen, wenn ich aus meinem Fenster gucke, ist die da. Egal, was ich vorher geträumt habe oder wie mein Abend war. Ist einfach immer da. Ich könnte da noch dagegentreten oder Graffiti dransprühen, das würde gar nichts ändern. Solider Beton.
Gut, der Vergleich war jetzt vielleicht ein bisschen lahm. Vielleicht fällt mir da noch was Besseres ein.

Also, eigentlich ist Torben genauso ein Loser wie ich. Wohnt auch noch zu Hause, was ja schon peinlich ist, aber bei ihm klingt sogar das noch cool, er hat nämlich eine „Einliegerwohnung“. Jetzt ist er sogar in derselben Wiedereingliederungsmaßnahme wie ich gelandet. Eine scheiß Zeitverschwendung, aber auch irgendwie genial. Da sind die Teilnehmer einfach für drei Monate aus der Arbeitslosenstatistik verschwunden und in so einer beknackten Maßnahme geparkt. Wer nicht mitmacht, dem werden die Bezüge gesperrt. Dann darf man umsonst irgendwo arbeiten, Praktikum, und am Ende geht man mit nichts raus. Vielen Dank, tut uns sehr leid.

Aber Torben regelt das natürlich ganz cool. Wie man hört, ist er jetzt mit dieser Jenny aus dem Nachbardorf zusammen, deren Eltern dieses Busunternehmen haben. Da hat er sein Praktikum gemacht und wird jetzt wahrscheinlich sogar übernommen.

Seit der Grundschule ist Torben Sandig meine persönliche Hölle gewesen. Er war natürlich der tolle Fußballer und hatte schon in der zweiten Klasse seine „Bande“. Ich durfte nicht mitmachen. Stattdessen haben die mich eines Tages nach der Schule überfallen und meinen Ranzen die Böschung runtergeworfen. Ich durfte das Ding suchen gehen und der Bus ist mir vor der Nase weggefahren. Die anderen haben mich aus dem Bus heraus ausgelacht und ich durfte heimlaufen.

In der Gesamtschule haben er und seine Fußballerfreunde mich dann richtig gemobbt. Wahrscheinlich hat er das längst vergessen.Ich glaube nicht, dass der eigentlich was gegen mich hatte. Ich hab mich wohl nur so angeboten. Ich hatte es nicht so mit Fußball und eigentlich auch nicht mit Leuten, dafür hab ich damals noch viel gelesen und mich noch etwas, ich sag mal, gewählter ausgedrückt, jedenfalls für hiesige Verhältnisse. Was ich halt in Filmen und Büchern so aufgeschnappt habe. Aber das hab ich mir dann weitgehend abgewöhnt. Kommt nicht so gut an im Dorf, wenn man Sachen sagt wie „durchaus“ oder „in der Tat“. Die denken dann, man will sie verarschen oder man hält sich für was Besseres.

Nach der Zehnten wurde es dann besser. Er ist abgegangen und hat ne Ausbildung gemacht und ich Schule weiter. Seitdem ging’s eigentlich. Torben beachtet mich gar nicht mehr. Für ihn bin ich nur noch ein Statist in einem Film, in dem er täglich den Helden spielt. Aber das hat nichts an meinem Hass geändert, im Gegenteil. Seine bloße Existenz war für mich schon der Beweis, dass das Leben scheiße und ungerecht ist.
Ein arbeitsloser Proll, aber „sozial voll integriert“. Heißt bei uns, er ist im FC-Fanclub, spielt Skat und säuft mit den Straußbuben. Führt im Sportlerheim das große Wort und kriegt die besten Mädchen. Der Gedanke, dass der und Laura...

Laura sah wieder besonders wundervoll aus an diesem Tag.

Ich nehme also meine sechs Krustis und stecke sie in den Rucksack. Da sehe ich die Makarow wieder. Ich lege die Brötchentüte drauf und ziehe schnell die Schnürung zu, damit Laura die Knarre nicht sieht. Ob ich was gesagt habe, weiß ich nicht mehr, nur noch, wie ich plötzlich draußen vor der Bäckerei stehe. Und ich weiß noch genau, dass mir in diesem Moment dieser Werbespruch eingefallen ist: „Entdecke die Möglichkeiten“. Original mit dem schwedischen Akzent.

Ich hatte nicht gewusst, dass Gefühle abstürzen können wie ein Rechner, wenn man zu viele Programme auf einmal geöffnet hat. Die ganze Angst und der ganze Hass und dazu noch Laura hatten irgendwie meinen Kopf getiltet. Ich war ganz klar und kühl und mein Körper funktionierte wie von selbst, wie so leicht auf Speed, wer das kennt.

Meine Füße setzten sich in Bewegung. Dabei hatte ich so eine doppelte Sicht, so wie bei dem Nintendo DS mit den zwei Bildschirmen, den ich früher hatte.
Unten sah ich meine Füße und konnte wie auf einer Landkarte den Weg sehen, der noch vor mir lag. Wie mit so einer gestrichelte Linie vorgezeichnet. Und der Weg führte nicht nach Hause, das war mir klar. Und oben, ich sag mal, auf den anderen Bildschirm projizierte mir meine Fantasie das Bild eines selbstgefälligen, grinsenden Dorfassis.

Na ja, wer schon mal einen Thriller geschaut hat, sollte spätestens jetzt absehen können, worauf das hinausläuft. Selbst meine Eltern würden das checken als alte Tatort-Suchties. Knarre, Rache, Neid, Eifersucht... Da kann man praktisch jetzt auf´s Klo gehen oder Chips holen. Man weiß eh, was als Nächstes passiert.

Wie ich das auch nur im Entferntesten auch nur eine Sekunde lang für eine gute Idee halten konnte?
Darauf hab ich sogar vier Antworten anzubieten. Da kann man sich eine raussuchen. Richtig überzeugend ist keine, wahr sind alle.

Erstens: Hab ich gar nicht. Plötzlich habe ich mich in der Gartenstraße wiedergefunden, wie ich von der anderen Straßenseite auf das Grundstück der Sandigs starre. Der Rucksack pendelte aus und etwas Hartes, Schweres stieß rhythmisch gegen meine untere Wirbelsäule. „Klopf, klopf“, die Makarow rief sich in Erinnerung.

Zweitens: Woher soll ich das wissen? Ich bin kein Psychologe.

Drittens: Wer weiß, wie viele Leute auf der Straße rumlaufen, die nur aus Mangel an Gelegenheit noch keine Mörder geworden sind. Wenn jeder, der auf irgendwen sauer ist, morgens beim Brötchenholen eine Pistole finden würde – mein lieber Mann, dann würd´s aber abgehen!

Viertens: Das muss man an der Stelle dann auch mal klar sagen: Die Vorstellung, das Arschloch wegzupusten, war halt auch einfach verlockend. Moral und sowas jetzt mal außen vor.

Ein Teil von meinem Verstand hat da immer noch ganz prima funktioniert. Heute ist keine Maßnahme, dachte ich so, schönes Wetter, also wird Torben wahrscheinlich bald rauskommen, sich das erste Bier aufmachen und sich in die Sonne legen. Aber das hab ich nicht wirklich gedacht, das lief irgendwie anders, dieses Wissen war einfach da, ohne den Umweg über Worte.

Ich bin rückwärts ins Gebüsch gekrochen, bin die Hocke gegangen, habe den Rucksack aufgeschnürt, an den Brötchen vorbei nach der Makarow gefummelt und sie schließlich rausgekriegt. Durchladen und entsichern war kein Problem, das war wie in den ganzen Filmen und Ballerspielen. Und dann habe ich gewartet.

Tatsache ist: Wenn man jemanden so lange gehasst hat wie ich Torben Sandig, dann kennt man ihn besser als einen guten Freund. Es hat nicht lange gedauert, bis er dann wirklich rauskam.

Ich streckte die Arme aus, leicht angewinkelt, zielte. Legte den Finger auf den Abzug.

Jetzt könnte ich natürlich so richtig Gas geben: Ellenlange Schilderungen, welche inneren Kämpfe ich ausgefochten habe und so weiter. Ich denke, das würde ich vielleicht sogar noch hinkriegen. Wegen Deutsch bin ich nicht durch´s Abi gefallen. Sondern wegen Mathe und Physik. Und Sport. Torben war natürlich immer super in Sport.

Ich sag´s einfach mal so:
Kennt jemand noch den deutschen Film „Knallhart“, wo man am Anfang kurz die Brüste von Jenny Elvers sieht? Da richtet der junge Typ doch am Ende die Waffe auf seinen Peiniger und braucht die ganze Nacht, um zu entscheiden, ob er jetzt abdrücken soll oder nicht.
Als die Sonne aufgeht, hört man dann einen Schuss. Wir waren damals mit der ganzen Klasse in dem Film gewesen, Schulkinowoche. Die ganzen Schüler im Kino hatten gejubelt: „Na endlich!“ „Headshot!“ „Der hat´s verdient, der Wichser!“ Ich hatte bei dem Geschrei nicht mitgemacht, sondern mir meinen Teil gedacht. Jedenfalls, so ungefähr kann man sich das vorstellen.

Nur, dass ich nicht abgedrückt habe. Bloß in meiner Vorstellung. Aber davon will ich nichts erzählen, das ist sozusagen privat.

Zwei Stunden habe ich in dem blöden Gebüsch gekauert mit dieser Makarow in der Hand. Anschließend war ich mit dem Thema durch. Einfach so! Zwei Stunden hatte ich den Finger am Abzug und dann war Torben Sandig plötzlich egal. Ein tiefes Durchatmen und er war raus aus meinem Kopf. Das hört sich vielleicht blöd an, aber es war, als würde ich zu mir selbst sprechen:
„Alter, bist du eigentlich dumm oder sowas?“
Klingt nicht sehr würdevoll, wenn ich jetzt so drüber nachdenke. Meine innere Stimme hätte sich auch was stilistisch Anspruchsvolleres ausdenken können. Aber es hat sich super angefühlt, so Buddha-mäßig. Loslassen können und so weiter. Danach habe ich erstmal die rechte Hand ausgeschüttelt. Ein kleines Zucken vom Zeigefinger dieser Hand hätte die Geschichte, sagen wir mal, ein bisschen verändert.

Ich bin dann einen Umweg gegangen und habe die Knarre in den Fluss geworfen. Ich sag natürlich nicht, wo. Vorher noch mit einem Taschentuch drübergewischt um Fingerabdrücke zu beseitigen, obwohl ich nicht weiß, ob sich Fingerabdrücke unter Wasser überhaupt halten. Auf dem Rückweg habe ich mich ganz leicht gefühlt und die Luft hat wirklich super gerochen, muss ich sagen. Das ist mir aufgefallen. Meine Eltern waren natürlich schon längst weg, als ich heimkam. Aber die wundern sich bei mir eh über nix mehr. Es lag nur ein Zettel auf dem Tisch: „Mussten weg. Frühstücken unterwegs. LG“. Abends haben sie nicht mal gefragt, wo ich gewesen bin.

Ich will jetzt aber nicht den Coolen machen, als hätte mich das nicht irgendwie noch verfolgt. Ich sag mal: Manchmal hat man doch ganz kurz vor dem Einschlafen das Gefühl zu fallen. Dann zuckt man so zusammen, als hätte man einen Elektrozaun angefasst. Das hatte ich mehrmals in dieser Nacht.

Heute habe ich Torben in der Maßnahme wiedergesehen. Er große Fresse wie immer, aber bei mir hat sich was verändert. Und ich denke, das bleibt auch.

Das Witzige ist ja, wenn Torben jetzt eine Geschichte schreiben müsste über diesen Tag, also diesen speziellen Tag, dann würde da wahrscheinlich fast nichts drinstehen. Einmal natürlich, weil er zu doof zum Schreiben ist, klar, aber auch aus einem anderen Grund. Für ihn war das ja ein normaler Tag.
Der hat ja keine Ahnung, dass er fast gestorben wäre. Dass ich ihm sozusagen das Leben geschenkt habe. Und mir selbst ja irgendwie auch.
Also „witzig“ ist natürlich relativ. Sagen wir so: „Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie“.

Ach, und jetzt kommt das Geilste, hätte ich fast vergessen: Heute Morgen sagt mein Dad beim Frühstück so nebenbei hinter seiner Zeitung heraus, dass die Sparkassenfiliale demnächst schließen wird. Die Sparkasse ändert ihr Konzept und die Filiale wird nicht mehr benötigt. Das Gebäude wird dann auch abgerissen und an der Stelle soll eine Wohnanlage entstehen. Krass, oder? Da soll man mal nicht ins Grübeln kommen.

Morgen früh bin ich wieder mit Brötchenholen dran. Dann sage ich mal „Hallo“ zu Laura. Vielleicht geht da was.
 
Zuletzt bearbeitet:

Ji Rina

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Hallo Der Neue,

Eine seltsame Story, die mich nachdenklich stimmte. Ich fragte mich, was ich wohl täte, wenn ich mal eine Pistole fände. Anfassen würde ich das Ding nie. Finde, die sehr einfache Sprache passt gut zur Geschichte, auch wenn ich englische Ausdrücke in deutschen Erzählungen garnicht leiden kann. Aber hier passt es (wohl). Die Struktur der Geschichte fand ich ein wenig ausschweifend: Es fängt ja gleich spannend an, ich war vom Fund der Pistole beeindruckt und dann gehts aber erstmal sehr lang weiter mit Laura. Aber dann fand ich auch, es passt irgendwie, dank deiner saloppen Ausdrucksweise. Im Grossen und Ganzen fand ich das Erzählte interessant, aktuell könnte man fast sagen, da das geschilderte eigentlich ein ernstes Problem darstellt.
Schön, mal eine Erzählung von dir zu lesen.;)

Liebe Grüsse, Ji

Ist mir beim ersten Lesen aufgefallen:

Spannender Einstieg: :cool:

Ich erzähle eigentlich nicht gerne Geschichten.
Dass „an jenem Morgen die Luft schon mild nach Heu, überreifen Zwetschgen und einer Ahnung des bevorstehenden heißen Tages duftete“ und dass „der Gesang der Buchfinken und das Knirschen meiner Schritte auf dem sandigen Wirtschaftsweg die perfekte Stille des jungen Morgens nicht störten, sondern vielmehr noch betonten“ – wen juckt das?
Tatsache ist, dass die Pistole im Dreck lag,




Sondern mein Problem war, dass ich (jetzt) eine scharfe Knarre im Rucksack hatte. Denn da lag die Makarow mittlerweile drin. Klingt das nicht spannender?

Ich könnte jetzt sagen, ich musste doch die Hände frei haben zum Tippen und da hab ich sie erstmal eingesteckt, vorläufig. Aber in Wirklichkeit wollte ich sie wohl einfach haben in dem Moment. Sozusagen schlicht und ergreifend. (Diesen Satz habe ich nicht verstanden)


Ein bisschen kommt´s mir auch so vor, als hätte die Makarow so eine Art Eigenleben entwickelt,
(Eigenleben? Warum?)

dass ich schon ab der Hügelkuppe die Bäckerei in Sicht kommt.

wenn ich ich an meinen freien Tagen

also wenn keine Maßnahme ist, morgens Sachen für´s Frühstück holen muss.
Ich gehe
also


Aber das hab ich mir dann weitgehend abgewöhnt. Kommt nicht so gut an im Dorf, wenn man Sachen sagt wie „durchaus“ oder „in der Tat“. Die denken dann, man will sie verarschen
;)

dem anderen Bildschirm

Drittens: Wer weiß, wie viele Leute auf der Straße rumlaufen, die nur aus Mangel an Gelegenheit noch keine Mörder geworden sind. Wenn jeder, der auf irgendwen sauer ist, morgens beim Brötchenholen eine Pistole finden würde – mein lieber Mann, dann würd´s aber abgehen!
;):rolleyes:

Ich streckte die Arme aus, leicht angewinkelt, kneife (kniff) das linke Auge zu, zielte. Legte den Finger auf den Abzug.
 

Der Neue

Mitglied
Hallo Ji Rina,

ja, ich nähere mich dem „richtigen“ Erzählen (hoffentlich) an, jedenfalls arbeite ich daran.
Die Geschichte hat stellenweise ihre Längen, das gebe ich zu. Ein halbweg glaubwürdiges Motiv für den Beinahe-Mord habe ich aber nicht kürzer hinbekommen. Zeitweise hatte ich überlegt, Laura sogar ganz rauszulassen.

Über den Akkusativ im Zusammenhang mit Bildschirm habe ich mehrmals drübergeschaut. Die Fantasie projizierte ein Bild auf den Bildschirm. Müsste stimmen. Aber ich bin beim Lesen auch immer darüber gestolpert.

Danke auch für die anderen (Korrektur-) Hinweise und Anregungen. Wenn es später etwas kühler ist, werde ich diese noch einmal in Ruhe lesen.

Viele Grüße
 

Languedoc

Mitglied
Hallo Der Neue,

Die Geschichte hat mir gut gefallen: Ein "Assi", der nach zwei Stunden Sitzmeditation im Gebüsch, mit einer Knarre in der Hand, eine Art Läuterung erfährt. Man denkt, der junge Mann wird einen Neuanfang schaffen, so wie das gehasste Sparkassengebäude (Abriss und was Neues bauen).

Der Ton des Jugendlichen ist auch gut getroffen: flüssig und schnodderig geht's dahin, so, als würde der Erzähler sich mündlich an den Leser/einen Zuhörer wenden.

Aus handwerklicher Sicht hat der Text noch Schwächen. Ji Rina hat Dir ja schon einiges angestrichen. Ich möchte hinzufügen, dass der Fließtext optisch nicht gut gegliedert ist. Wenn Du nochmal über den Text gehst, dann mach doch "schönere" Absätze. Das Leserauge freut's.

Liebe Grüße
Languedoc
 

Der Neue

Mitglied
Hallo Languedoc und Ji Rina,
es hat mir jetzt keine Ruhe gelassen, ich habe mich trotz der Hitze an den Rechner gesetzt und den Text anhand eurer Anregungen und Korrekturen noch einmal bearbeitet. Vielen Dank und schöne Grüße
 

ThomasQu

Mitglied
Hallo Der Neue,

mir hat deine Geschichte auch gut gefallen, vor allem der Ton.
Ein wenig enttäuscht war ich vom Plot. Ich hätte es gern gesehen, wenn der Protagonist geschossen hätte. Man kann ja dreimal absichtlich danebenschießen, dabei die Panik des Opfers genießen und danach die Flucht ergreifen. Wäre das nicht toll gewesen?

Grüße, Th.
 
Hallo Der Neue,
jetzt habe ich doch mal geschafft, Deine Geschichte mit der nötigen Ruhe zu lesen. Ich muss sagen, die hat was. Die Sprache kommt authentisch rüber, der innere Kampf des Protagonisten mit seinen Gefühlen hält die Spannung hoch genug. Am Ende siegt dann die Vernunft, heißt, er musste gar nicht schießen, um zu erkennen, dass es keinen Unterschied mehr macht. Schließlich ist Torben auch nur ein Mensch, aber einer, über den es sich nicht weiter nachzudenken lohnt. Dafür umso mehr aber über Laura. Sie lag immer im Fokus, und jetzt erst recht, wie ich finde. Darum hätte ich es schade gefunden, wenn Du sie ganz rausgelassen hättest. Denn jetzt wäre es ausbaufähig, wie auch immer ... ;)
Schöne Grüße,
Rainer Zufall
 

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