Teilzium 15 B

John Goodman

Mitglied
Ein ölgetränkter Lappen zog gerade Bahnen über die Klinge, tief in der kristallinen Struktur pulste ein Schimmer. Luana säuberte Wasserkind. Kohlenstoffketten des Schmiermittels hatte sie selbst zusammengefügt. Atom für Atom. Maßarbeit am Molekulargitter. Reine Routine. Sandelholz, Mohnblüte, feuchte Erde stieg auf. Benetzte die Zunge. Füllte den Rachen. Sickerte tiefer. Ein dumpfer Tritt hinter dem Brustbein. Claras Planet. Gemeinsam im Gras. Violettblauer Himmel im Blick.
Das Bewusstsein der Mutter brach in den Cortex. Blei überzog die Zunge. Pelzig. Stumpf. Schwer. Aufgekratztes Gewebe. Gelber Schmerz blitzte. Der starre Befehl: Luana. Eine Aufgabe. Finde dich im Thronsaal ein. Der Lappen stoppte. Ein Gedanke zuckte. Abbruch. Die Königin duldete keine Fragen.
Die Klinge versank im Mundblech, pulsierendes Leuchten schrumpfte, presste sich als kobaltblauer Haarriss hindurch, bevor die Parierscheibe bündig schloss. Ein dumpfer Klick erstickte das restliche Licht. Sie legte Wasserkind auf die goldene Tischplatte, erhob sich und verließ ihre Gemächer.
Die Korridore verloren sich in der Tiefe des Palasts. Bedienstete kreuzten den Pfad, beugten die Wirbelsäule, fixierten den Marmor. Luana zog vorbei. Ihr Schritt hielt den Takt. Gardisten flankierten die Wände. Goldene Rüstungen warfen sepiafarbenes Licht zurück. Hände ruhten auf den Knäufen. Augen fixierten das Gegenüber.
Der Marmor wich einem geschlungenen Pfad aus geschwärztem Glas. Die Kurven zwangen den Lauf in weite Bögen. Flankierend falteten sich Tesserakt-Kelche in sich selbst, flüchteten vor dem Auge in ungesehene Dimensionen. Der Dunst von Schweißrauch und kaltem Glas rang mit dem Blei auf ihrer Zunge. In den einzelnen Windungen verrichteten die Gärtner isoliert ihre Arbeit. Im ersten Abschnitt schnitten Sonnenlicht-Skalpelle stumm durch das schwebende Gitter-Myzel, verströmten verbranntes Plasma und bittere Mandel. Die Werkzeuge froren ein. Die Strahlen erloschen. Ihre Leiber knickten, die Stirn suchte das geschwärzte Glas. Luanas Schatten zog an ihnen vorbei. Die Sonnenlicht-Skalpelle flammten auf. Ihre Finger griffen wieder nach den Trieben.
Tiefe, hohle Töne fluteten den folgenden Bogen. Ein dämmeriges Vibrato legte sich auf die Sinne. Die Diener führten Stäbe über bleigraue Klangschalen. Die Schwingung regte die leuchtende Frequenz der Isotopen-Farne an. Ihr Glühen glich exakt dem Palast. Luanas Schritte durchschnittenen den Abschnitt. Die Schalen verstummten. Erneute Verbeugung. Erneute Starre. Hinter ihrem Rücken erwachte der Klang von neuem.
Der Blick stieg. Das Gewölbe verlor sich in weißem Leuchten. Ein konturloser Himmel, der das Gold der Tore schluckte. Luana hielt an. Ihr Atem flachte ab. Die Stimme der Königin besetzte den Cortex: Tritt herein, Kind.
Luana stemmte sich gegen das Gold. Das Gefüge wich träge. Eine Schwingung wanderte durch die Finger, kroch die Arme hinauf zu den Schultern, weitete sich im Brustkorb aus. Muskelgewebe erzitterte, ein kristallines Singen in den Knochen jagte aus den Stiefelsohlen in den Marmor, kehrte nach oben und brandete gegen die Schädeldecke. Ein Spalt brach zwischen dem Gold auf, schoss als vertikaler Strahl empor, stach in das Gewölbe. Das Licht des Himmels schwappte. Ein scharfer Sog riss an der Atmosphäre. Luftmassen prallten aufeinander, entluden ein hohles Tosen. Der Sturm peitschte ihr ins Gesicht. Schneeweißes Haar floh nach hinten. Schweißrauch verflog. Kälte flutete die Lunge. Das Blei auf ihrer Zunge gefror. Luana stieß die Tore auf, durchschritt die Schwelle.
Hinter ihr schloss sich das Gold. Ein dumpfes Donnern. Der Scherwind zerrte an Gewand und Haar, warf die Strähnen nach vorne. Stille. Die Königin stand im Zentrum des Saals. Eine Skulptur aus Fleisch. Die Arme hingen starr an den Schultern. Fremdkörper ohne Muskelspannung. Ihr Haar verschmolz mit dem gleißenden Weiß.
Luanas Blick folgte dem Zenit. Eine Weite, die schwere Gewitterfronten zusammenballte oder ein solares Lodern entfachte, abhängig von der geistigen Verfassung. Die Leere der Königin erstickte den Himmel. Das Licht ruhte im klinischen Weiß. Luana näherte sich.

Die Lippen ihrer Mutter. Regungslos. Das Wort brach ohne Richtung aus dem Weiß, formte sich von allen Seiten und vibrierte tief in ihrem Schädel.
„Mein Kind. Heute gehören die Audienzen dir. Du hörst die Bittsteller an. Du wägst ab. Du entscheidest, welcher Entwurf das Gefüge neu ordnet. Ich stehe an deiner Seite. Die Verantwortung liegt in deinen Händen.“
Das klinische Weiß sackte in ein mattes Grau. Der aufziehende Schatten entblößte sie. Luanas Blick schnellte in die Höhe. Noch formten sich keine Wolken. Sie zwang die Atmung in einen ruhigen Takt. Sie wollte das hier nicht. Nicht nach Klara. Nicht nach den Leichen, die sie hinterlassen hatte. Das Fleisch zog sich eng um die Knochen. Sie schob die Bilder beiseite. Das Grau verblasste, steriles Weiß übernahm.
Luana trat vor. „Wie Ihr befehlt, Mutter.“ Sie neigte ihr Haupt. Forderte Distanz.

Die Worte stachen in ihrem Gehirn. „Keine Unterwerfung, mein Kind. Ich verlange nur, dass du deine Natur akzeptierst.“
Nun stand Luana direkt vor ihr. Die Haut: glatter, klinischer Marmor. Im Licht kreiste die Iris als zonale Strömung. Schichten aus Smaragdgrün und Violett glitten aneinander vorbei. Feine Sturmwirbel flossen zusammen, ohne sich zu vermischen. Die Pupille im Zentrum ein tiefschwarzer Punkt.
„Meine Natur?“
Die Mutter blieb stumm. Ein trockenes Klicken riss durch den Saal. Das Weiß gerann, verdichtete sich in der Schwebe zu flüssigem Stein. Die graue Masse floss in vertikalen Bahnen aufwärts, erstarrte zu mattem Marmor. Zwei Throne brachen aus dem Nichts.
Luana folgte dem Aufstieg. Ihre eigene Rückenlehne jagte in die Höhe, stoppte abrupt weit unter dem Zenit. Der Thron ihrer Mutter brach durch diese Grenze. Die graue Flucht schoss weiter aufwärts, durchstach das Weiß und verlor sich darin. Ein Monolith, der den Himmel aufspießte. Ein mattes Grau lagerte im Weiß des Zenits. Diesmal verblasste es nicht.
Luana nahm Platz. Ihre Hände umschlossen die Armlehnen. Der graue Marmor schmiegte sich elastisch an ihren Leib. Darunter griff die Starre. Mitten im Saal schoss ein feiner Lichtstrahl aus dem Boden, entfaltete sich zum Rechteck. Das Leuchten zerfloss. Konturen eines menschlichen Körpers schälten sich aus dem Licht. Der erste Bittsteller stand im Saal.
Ein Krieger. Obsidianplatten umschlossen seinen dunklen Leib. Stechend blaue Augen. Schwere, gedrehte Kordeln fielen in den Nacken. Eine kahle Furche teilte die Bartstoppeln der Wange und verschwand unter dem Kinn. Die Sehnen am Hals strafften sich zu Strängen. Sein Brustkorb hob sich zäh. Der Atmosphärendruck des Saals stauchte das molekulare Gerüst. Ein Niederwesen aus der neunten Dimension. Kaum mehr als zwanzigtausend Jahre Lebenszeit. Ein flüchtiges Aufblitzen von Fleisch. Der Mann brach auf die Knie. Das Gelenk schlug stumpf auf den Boden.
„Erhabene.“ Er neigte das Haupt. „Ihr gewährt mir Gehör. Eine seltene Gnade.“ Seine Stimme verhallte in der Weite des Saals. Seine Kehle arbeitete. Die Kiefermuskeln mahlten. Die Lippen schlossen sich wieder, öffneten einen Spalt. „Die Sklavenhändler von Kanusaru brechen durch das Gefüge“, stieß er hervor. „Sie … Sie treiben mein Volk zusammen wie Vieh. Sie reißen uns in die Kerne ihrer Fabriken. Meine Heimat … stirbt.“ Der Speichel auf seinen Lippen trocknete. Er hob das Gesicht.

Kanusaru. Bei dem Namen dachte Luana sofort an ihren Leibwächter. An das dumpfe Echo der Klingen im Simulationsraum und an seine Berichte. Ein Dasein voller Agonie in den Fabriken. Ein Ring aus kaltem Eisen, tief in den Knochen getrieben. ein Werkzeug, das jedes eigenständige Denken zerschlug, bis nur Gehorsam blieb.
„Ich flehe um Hilfe“, rang er der gestauchten Lunge ab. „Wir brauchen Erizium. Dieses Erz entfesselt das Feuer unserer Fusionswaffen und treibt die Schilde an. Ohne es bricht unsere Front zusammen. Gewährt uns das Element, oder unser Planet stirbt.“ Die Worte verendeten in der Stille.

Die Präsenz ihrer Mutter wand sich in feinen Schlingen an Luanas Haut empor. Die Königin blickte starr geradeaus, aber jede Nichtigkeit von Luanas Körper, jedes unwillkürliche Muskelspiel lag nackt da.
Das Gesetz duldete kein neues Leben, keine Rettung für das Sterbende. Ein Sakrileg an der Entropie. Erizium war tote Materie; seine Schöpfung brach kein Verbot. Doch das Feuer der Fusionswaffen griff tief in die Kausalität des Planeten ein. Im Gewölbe verdichtete sich das Grau und senkte sich als durchscheinender Dunst. Hauchfeine Eisblumen erblühten auf dem Marmor, krochen die Armlehnen empor und tasteten sich unter Luanas Handflächen. Erizium entfesselte eine Kettenreaktion, die den Planeten in Asche legte. Ein offener Krieg korrigierte nichts; er dehnte das Sterben nur aus.
Luana fixierte den Knienden. Trotz der erdrückenden Dichte des Saals, die seine Lunge stauchte, blieb er reglos. Die Augen mieden die Throne, starr auf den grauen Marmor gerichtet.
Wenn sie dem Krieger das Erizium verwehrte, musste sie die Beute für Kanusaru verbergen. Sie wob einen Schleier. Eine Krümmung des Raums um den gesamten Sektor, die jede Regung von Leben verschluckte. Ein blinder Fleck im Gefüge.
Die Eisblumen auf den Armlehnen wuchsen weiter und krochen unter Luanas Unterarme.
„Erizium wird deinen Planeten verbrennen.“ Sie hob ihren Arm, die Handfläche nach außen gewandt. „Die Schöpfersprache liefert keine Munition für eure Auslöschung. Es gibt einen anderen Weg.“

Sein Nacken knackte, als er das Kinn hob. Ein Zucken in den Augen des Kriegers. Keine Furcht. Dieser Mann suchte keinen Schutz, keine bloße Abwehr. Er wollte Vergeltung. Der Blick traf Luana unverwandt. Starr, kalt, erfüllt von einer tiefgefressenen Schwere. Rache. Ein blinder Impuls. Sie ordnete nichts, sie beschleunigte nur den Zerfall. Rache baute keine Welten auf.
„Wie gedenkt Ihr dann zu verfahren?“ Die Stimme des Kriegers war merklich flacher geworden, jede Demut war verflogen. „Wenn kein Krieg erlaubt ist, was geschieht mit den Toten? Was mit denen, die sie verschleppt und in die Kerne getrieben haben?“
Das Grau im Gewölbe ballte sich zu einer Sturmwand. Ein violetter Blitz zuckte lautlos in der Tiefe. Lichtadern zeichneten die Konturen der Wolken nach. Sein Hass war gerechtfertigt. Jedes Wort. Und doch durfte sie diesem Hass keine Waffe geben.
Sie strich sich eine weiße Strähne aus der Stirn. „Erizium besiegelt eure Vernichtung. Die Schöpfersprache liefert keine Munition.“ Ein Haarriss spaltete die Eisblumen unter ihren Fingern. „Aber ich kann deinen Sektor verbergen. Ein blinder Fleck. Kein Jäger von Kanusaru wird euch finden. Ihr werdet überleben.“

Ein schwerer Atemzug hob seinen Brustkorb. Am Hals pulsierte eine dicke Ader. Die Kiefer mahlten. Die Pupillen verengten sich zu Punkten. Er presste seine Lippen zu einem blutleeren Strich. Seine Finger krallten sich in den glatten Marmor.
„Rache ist kein Sieg. Am Ende löscht ihr euch selbst aus. Ich nähre kein Sterben.“
Der Krieger riss sich empor. Seine Kordeln sackten auf die Schultern – dicke, nasse Schiffstaue. „Und unsere Frauen?“, spuckte er. „Unsere Kinder in den Fabrikkernen von Kanusaru. Wer holt sie zurück? Sollen wir sie dort sterben lassen?“

Sterben. Das Wort riss an einer alten Narbe. Ihr Gesetz verbot den Griff in die Finsternis. Sie konnte kein Leben herbeischöpfen, ohne das Gefüge der Welt zu zertrümmern. Für die Schöpfersprache existierten die Gefangenen in den Kernen von Kanusaru nicht mehr. Verlustmasse.
Die Sturmwand brach nach unten aus. Wolken stürzten. Rauschender Regen. Kein Tropfen berührte den Marmor. Das Wasser verdampfte, stieg empor. Violette Lichtadern zuckten durch das Gewölbe, ein Netz aus feinen Verästelungen.
Luana öffnete den Mund. Sie wollte Rache erklären. Dass Vergeltung nichts heilte. Sie brannte eine Leere in die Existenz, die keine Schöpfersprache jemals schloss. Sie musste ihm sagen: Die Frauen und Kinder waren verloren. Abgeschrieben. Tot. Ihr Geist prallte auf ein einziges Wort. Akzeptanz. Was bedeutete Akzeptanz für ein sterbliches Wesen?
Eine Lüge. Sie forderte von ihm, was sie selbst nicht konnte. Sie hatte es nie akzeptiert. Kein einziges Mal.

Seine Stimme zerschlug ihr Zögern. „Ich kann so nicht zurück“, sagte er. „Nicht zu den Ältesten. Ich trete ihnen nicht mit leeren Händen gegenüber.“ Luanas Atem setzte aus. Ein Muskel im Kiefer verhärtete sich. Ihr Blick nagelte ihn fest.
Dichte Wolken drehten sich ineinander. Das schwarze Zentrum ballte sich zusammen und wuchs zu einem schneidenden Wirbel. Ein donnerndes Grollen zerriss die Luft. Der Krieger blickte hinauf. Violette Blitze fingen sich in seinen geweiteten Pupillen. Seine Kieferknochen traten scharf hervor.

Luana gab das Erklären auf. Um den Thron herum und auf den Armlehnen verloren die Eisblumen ihre Symmetrie. Sie splitterten, mutierten zu scharfen Zacken. Ihre Stimme stauchte die Atmosphäre. „Du stellst die Entscheidung einer Schöpferin in Frage?“

Der Krieger setzte einen Fuß zurück. Er schob das Gewicht nach vorn. Die Nackenmuskulatur wölbte sich über den Obsidianplatten. Die Lider verengten sich. Seine blaue Iris fror ein. Er maß die Schritte zum Thron. Der Krieger wollte sich abstoßen.

Luanas Arm ruhte auf der Lehne. Die Hand lag flach. Ihr Zeigefinger hob sich, zog eine Linie. Ein glatter Schnitt spaltete das Gefüge. Der Oberkörper versetzte sich um zwei Meter nach links. Die Hände griffen nach den Hüften, fassten ins Leere. Die Rüstung prallte mit der Brust voran gegen den Marmor. Das Gesicht schlug hart auf. Handflächen stemmten sich in den Stein, drückten den Rumpf hoch. Er blickte zu ihr hinauf. Ein Atemzug jagte in seine Lunge. Die Kehle riegelte ab. Er blickte an sich herunter. Unter den Rippen begann der Marmor. Der Kopf ruckte nach rechts. Becken, Obsidianplatten, Stiefel, standen unbeweglich auf dem Stein. Unter den Hüftknochen endete das Fleisch kantenlos. Der Blick flog zurück zur Trennlinie. Die Brust pumpte in flachen, schnellen Stößen. Er riss den Kopf hoch, fixierte Luana. Seine Pupillen weiteten sich. Das Blau der Iris wich einem dünnen Kranz.
Die schwarze Wolkensäule zerriss. Die Schlieren glitten in trägen Bahnen. Das Dröhnen verstummte. „Akzeptanz führt euch voran“, sagte Luana. Ihre Stimme blieb leise. „Nur sie gibt deinem Volk einen Neuanfang.“

Nässe quoll aus den Augenwinkeln. Sie lief durch den Schmutz seiner Wange. Ein Tropfen barst auf dem Marmor, bäumte sich kreisrund auf, flachte ab. Der Nachhall füllte den Saal. „Dann tötet mich“, sagte er. „Ohne Rettung für mein Volk ist dieses Leben wertlos. Ihr bietet uns nichts.“

Unter ihren Rippen zog sich das Fleisch zusammen. Ihre Eingeweide verkrampften. Warum wollte ihre Mutter, dass sie das hörte? Um abzustumpfen? Um zu lernen, die Qual der niederen Dimensionen zu ignorieren? Jede Entscheidung hinterließ Verletzte. Kein kosmisches Rätsel. Ein schäbiges, kaltes Aufrechnen. Man schob Leben hin und her, zog am Ende Bilanz.
Die Schlingen der Mutter wanden sich enger um Luanas Hals. Luana wandte den Kopf. Die Königin fixierte die Lichtwand am Ende der Halle. Regungslose Mundwinkel. Ihr Profil war flach, konturarm. Die Kanten brachen stumpf ab, ungeglättet. Der Steinmetz hatte das Werkzeug vor der Fertigstellung niedergelegt. Keine Mutter. Ein grob gehauener Rohling.

Ihre Stimme riss durch Luanas Hirnwindungen. „Kind. Beende die Aufgabe.“ Ein Zucken hinter den Schläfen. Das Genick straffte sich und zwang ihren Blick auf den halbierten Leib. Ihm das Erizium zu verweigern, korrigierte nichts. Ihn zur Flucht zu zwingen, verhöhnte seine Ehre. Sie erinnerte sich an die Chroniken der Menschen aus der dritten Dimension. Primitive Wesen mit einem seltsamen Gespür für die Dunkelheit. Jemand dort hatte geschrieben: Wer das Ungeheuer nährt, wird am Ende selbst zu einem. Sie kannte den genauen Wortlaut nicht. Aber die Logik dahinter war fehlerfrei.
„Du musst begreifen“, sagte Luana. Die herrische Distanz schwand aus ihrer Stimme. „Du musst begreifen, dass das nur zum Tod führt. Rache tilgt nichts. Sie nützt deinen Ältesten nicht, sie schützt dein Volk nicht. Ich zeige es dir.“
Sie brach in seinen Verstand, infizierte sein Denken mit nackter Kausalität und zeigte ihm die Zukunft, die er forderte. Der Wurm wand sich in seinem Schädel, schlug Widerhaken in sein Fleisch.

Er sah sich selbst, das Erizium-3 in den Händen. Seine Armee stand hinter ihm, die Fusionswaffen schussbereit. Sie brachen in den Sektor der Kanosaru-Sklavenhändler ein. Ein Kampf entbrannte. Ganze Welten schmolzen unter dem Strahlungsdruck. Blaue Flammen atomisierten die Planetenkruste, verdauten die Materie, bis kein fester Zustand mehr existierte. Nicht einmal mehr Asche verblieb. Nur glühendes Gas.
Er brach durch das sterbende Feuer. Das Erizium-3 pulsierte durch seine Adern. Er war das Epizentrum dieser Hölle. Er wütete. Er exekutierte. Er tilgte jeden Sklavenhändler, den er erreichte. Die Raserei trieb ihn blind voran. Dann sackte die Stille über ihn. Die Armee in seinem Rücken, schutzlos gegen die fraktale Plasmawelle, verdampfte. Die Sklavenhändler waren ausgelöscht. Er war allein.
Er rettete niemanden. Die Eruption aus seinem Leib zerschmetterte die Kerne. Die Gewölbe krachten auf die Sklavenpferche. Der Krieger starrte in den Schutt zu seinen Füßen. Zwischen dem verbogenen Metall lagen die Toten seines Volkes. Die Frauen. Die Kinder. Und direkt vor ihm das bleiche Gesicht seiner Frau. Der seltsam verdrehte Körper seines Kindes.
„NEIN“, wimmerte der Krieger. Er stützte sich auf den Armen ab, der Kopf lag im Nacken. „Aufhören. Auf... aufhören.“ Er wuchtete seinen Rumpf herum. Die Obsidianplatten seiner Rüstung schepperten auf dem Marmor. Die Handflächen pressten sich auf das Gestein, hielten den Oberkörper schwebend. Das Kinn gegen den Brustpanzer gedrückt. Zäher Speichel zog Fäden aus seinem Mund. Seine Stimme zitterte. „AUFHÖREN!“ Die Beine krachten flach auf den Marmor, verkrampften, zuckten – die Kniebuckeln klackerten. Er drückte den Rumpf hoch, die Unterarme bebten. Er hob das Gesicht. Die geweiteten Pupillen fixierten Luana, sahen sie aber nicht. Sein Blick verlor sich in den blauen Flammen. Speichelfäden dehnten sich, rissen, benetzten den Brustpanzer, zogen Schlieren über das schimmernde Kristallschwarz. „Aufhören“, krächzte er. „BITTE. AUFHÖREN.“ Die Unterarme knickten ein, die Stirn schlug auf den Marmor. Die Beine scharrten im Kreis über den Stein, schwenkten herum, schlugen gegen den Rumpf, erstarrten. Stiefelspitzen dicht vor seinem Gesicht. Raue Silben brachen aus ihm heraus. „Laszara.“ Er schluckte. „Lmina.“

Luana saß starr, atmete flach. Die Namen verhallten. Ihre Finger pressten sich auf die schmelzenden Eiszacken der Armlehnen. Wasser floss den Thron hinab, versickerte im grauen Marmor. Bleiernes Grau des Gewölbes schluckte das letzte Licht.
Das Schweigen der Mutter verdichtete sich, feine Schlingen krochen über Luanas Lippen, glitten in die Nasenlöcher, schoben sich in die Gehörgänge, bohrten sich tiefer, bis in das Zentrum der pulsierenden Fleischmasse.
Lautloses Schaben auf der Innenseite des Schädels – eine trockene Reibung blockierte den Kiefer. Zähne knirschten. Die Schlingen wühlten im Gewebe, streiften ihre Nervenbahnen.
Der Krieger riss den Kopf hoch, die Wirbelsäule krümmte den Rumpf zur hohlen Schale, Beine hämmerten blind gegen den Marmor. Ein gequälter Schrei schwoll in der Kehle an, barst heraus, überschlug sich, zerfaserte in gehetztes Tierbellen – Luana kappte die Verbindung, bevor sein Verstand zerriss.
Das Tierbellen brach ab. Ein rasselndes Keuchen. Ihr Arm ruhte weiterhin auf der Lehne. Sie zog Daumen und Zeigefinger zusammen. Der Unterkörper schleifte über den grauen Marmor. Das Becken wandte sich. Schlaffe Beine verhakten über Kreuz, vollzogen in der Kurve eine halbe Drehung und lösten sich voneinander. Stiefelspitzen kippten abwärts. Die Hüfte dockte an den Rumpf. Fleisch verflocht sich. Schmatzend glitten die Knochen in die Gelenkpfannen.

Der Mann warf sich auf den Rücken, richtete den Oberkörper auf. Seine Hände tasteten über die Hüftgelenke, krallten sich in das Kristallschwarz. Weit aufgerissene Augen starrten auf den zusammengesetzten Körper. Er stemmte sich hoch, zitterte, sackte zurück auf die Knie.
Ein stummes Schwarz-Weiß flutete aus dem Zenit, fraß jede Farbe, tilgte jedes Pigment. Luana blickte auf ihre Arme – lebendiger Hautton wich matter Kreide. Der Krieger im Staub, der Saal, der Marmor brachen in Licht und Schatten. Ihr Blick wanderte zur Mutter – eine leblose Silhouette.

Der Krieger hob den Kopf. „Bitte“, wimmerte er. „Vergebt meine Arroganz. Ich kam als Bittsteller, und trat auf als Herrscher.“ Er schluckte, stützte die Handflächen flach auf den Marmor. „Aber ich kann euer Angebot nicht annehmen. Ich kann es nicht.“
Ein Stoß im Brustkorb. Sie biss sich in die Innenseite der Wange. Zink. Alles umsonst. Die Qual, die Verstümmelung – nichts davon bewegte ihn. Er wollte nicht verstehen.
Kein erneuter Blick nach rechts. Die Silhouette der Mutter registrierte jedes Zögern. Sie musste es beenden. Jetzt. Ein Brennen kroch das Rückenmark hoch. Sie war versucht, das Erizium-3 zu schöpfen. Sollte er das verdammte Element haben. Sollte er seine Waffen laden und sich verdammt noch mal an der Asche seines Planeten verschlucken.
Es war falsch. Sie konnte es nicht tun. Sie musste den Krieger abweisen. Er verweigerte die Flucht – sie würde seinem Volk das Versteck nicht aufzwingen. Schöpfer diktierten die Materie, doch das Brechen eines kollektiven Willens entfesselte Chaos. Sie würde ihn nicht deportieren.

Die Chronologie des Untergangs stand fest: Die Jäger von Kanusaru würden zurückkehren. Sie würden die Atmosphäre durchbrechen, Körper aus den Betten zerren und in die Kerne treiben. Dieser Krieger würde im Abgrund verenden – ohne Waffen.
Luana fixierte das grau-schwarze Gesicht des Mannes. Seine Augen stachen als kalkweiße Scheiben aus dem Schatten. Ihr Geist jagte nach einem Ausweg, einer dritten Wahl. Keine Waffen. Keine Umsiedlung.
Warum erst jetzt? Kanusaru versklavte. Sklaverei brauchte intakte Körper. Sie nutzten sie, sie verkauften sie. Das bedeutete: Sie lebten.
Sie lebten. Sie atmeten noch. Das Verbot der Totenerweckung griff nicht. Keine Übertretung der Entropie, keine verbotene Syntax. Bloße Relokation lebender Materie – ein mechanischer Akt. Sie musste den Raum nicht falten. Sie dehnte ihn, bis der Zielort die Schwelle des Thronsaals berührte.

Sie brauchte nur seine Erinnerung. Die Resonanz der Orte, an denen er die Versklavten vermutete. Sie musste lediglich hindurchgreifen und sie herbeiziehen. Es war so einfach. Die Gleichung ging auf.

Luana holte Atem, um die Koordinaten zu fordern. Die Luft erstarrte zu Glas und brach die Sicht auf den Krieger in scharfen Kanten. Die Kälte des Vakuums stach in ihre Organe, fror die Zwischenrippenmuskeln ein, blockierte jede Kontraktion. Die Schlingen wanden sich um das Gehirn, pressten sich tief zwischen die Windungen. Ein Gedanke bäumte sich auf: Flucht. Den Raum falten, verschwinden. Dafür war nicht einmal eine Handbewegung nötig: nur der Wunsch — versickerte im Morast des Unterbewusstseins. Ein Blubbern und Gurgeln quoll auf. Der Schlamm schlug Blasen, zog das Aufbegehren abwärts. Schleimige Schwärze füllte die Lunge des Instinkts. Er ertrank. Ein Funke zündete auf dem pulsierenden Gewebe, glitt in das Nervenzentrum und verzweigte sich zu einem reißenden Netz. Das belagerte Organ übersetzte den Schmerz in Sprache: „Die Entscheidung liegt ganz bei dir, wie du verfährst. Doch bedenke, Kind: Was tot ist, bleibt tot.“

Gefangen in der absurden Logik dieser Silben. Die Machtlosigkeit der Allmacht — ein Gesetz, das den Schöpfer zum Zuschauer degradierte. Den Raum dehnen, die Brücke schlagen und am Zielort bloß die verdorrten Hüllen vorfinden, verendet im Maschinendreck. Was dann?
Das würde den Krieger in den Wahnsinn treiben. Aus Hoffnung entstünde Hass. Hass, den er ins Universum tragen würde. Die Luftstarre löste sich auf. Das Glas verdampfte. Luana fixierte den Knienden im monochromen Licht. Ihre Finger zitterten auf der Armlehne. Die vermeintliche Lücke in der Entropie wurde zur Klinge an seiner Kehle. Der Krieger kroch.

Er presste Knie und Ellenbogen in den Marmor, zog den Rumpf schluchzend vorwärts. Die schweren Kordeln schleiften über den Stein. Der Abstand zu den Thronstufen schrumpfte. Ein Brennen dehnte sich hinter Luanas Brustbein aus. Sie wollte die Hand heben. Ihm zurufen: Steh auf. Hör auf, im Staub zu kriechen. Sie wollte sein Volk retten, seine Familie aus den Kernen schneiden. Ihr Körper rührte sich nicht.

Der Krieger erreichte die unterste Stufe. Er winselte, das Gesicht flach auf dem Marmor. Er verstummte, hob den Kopf. Speichel und Tränen verschmierten die Haut. Die Pupillen verengten sich zu senkrechten Schlitzen. Tiefe Furchen gruben sich um seine Augen. Sein Blick ruhte auf Luana. Die Mundwinkel wanderten nach oben. Die Haut warf Falten über den Wangenknochen, entblößte spitz zulaufende Zähne. Speichelfluss stürzte über das Zahnfleisch, rann über sein Kinn, sammelte sich als Pfütze zwischen seinen Knien. Er blickte aus dem Staub auf sie herab. Sie war unbedeutend.

Der Rumpf richtete sich auf, neigte sich nach hinten, er warf den Kopf in den Nacken, ein Arm hing herab, Fingerkuppen suchten den Rand der Panzerung, tasteten nach der verborgenen Schließe, ein trockenes Klacken löste die Arretierung und die Brustplatten klappten seitlich nach außen, in der Brusthöhle saß der Zylinder, starr, tief verankert im Gewebe, ein Kristallgehäuse umschloss das Teilzium, das graue Korn ruhte darin, feine Haarrisse zogen sich durch das Glas, Linien kreuzten sich, die Facetten splitterten, aus dem offenen Kiefer stieß er ein raues Lachen, der Speichelfluss blockierte den Atem, er verschluckte sich, ein gurgelndes Husten verkrampfte die Halsmuskeln, schüttelte den Leib, das Lachen quoll stoßweise aus der Kehle, die Augäpfel pressten sich tief an den unteren Lidrand, erzwangen den Blick auf Luana, das Weiß des Augapfels schluckte die kalkweißen Scheiben der Iris, bis im kahlen Rund nur noch die senkrechten Schlitze der Pupillen standen.

Das graue Korn zerfiel, erste Lichtfäden drangen aus dem Inneren hervor, flossen um seinen Körper, verdrängten das monochrome Schwarz-Weiß, das Leuchten quoll durch das Fleisch der Rippen, die Muskeln verglasten, die Bauchhaut spannte sich, dünnte aus, das Skelett warf Schatten, Wirbelknochen, Rippenbögen und Becken bildeten pechschwarze Konturen unter der glühenden Oberfläche, das verzweigte Geäst der Blutbahnen formte ein dunkles Netz auf den Wangen, die Glut verzehrte das Gewebe, das Obsidian der Rüstung verflüssigte sich, zähe Lava tropfte auf den Marmor, Lichtpunkte zündeten in den Fingerkuppen, Strahlen stachen aus den Augenhöhlen hervor, die Nasenflügel verglühten, der Mund verformte sich zum stummen Trichter, ein gleißender Strom stürzte aus dem Schlund, die Fleischmasse zerfloss und blähte sich auf.
Die Luft zerriss, stauchte sich zu weißem Feuer, dehnte sich kreisförmig aus, walzte über den Marmor, brandete gegen den Thronsockel, zerschellte an ihrem Leib, schlug in Kälte um, ein kühler Wind streifte die Wangen, rührte an den Schläfenhaaren, presste das Gewand gegen den Oberkörper, zeichnete die Wölbung ihrer Brüste ab, glitt über unbedeckte Unterarme und die ruhenden Fingerspitzen, lebendiger Hautton verdrängte die matte Kreide, das Sternenlicht fand keine Nahrung, flutete in die Weite, verebbte im Weiß und erlosch.

Es roch nach nichts. Die Sonne hatte jeden Geruch getilgt. Auf der Zunge haftete Eisen. Blutnebel. Verdampftes Fleisch belagerte den Gaumen. Ihre Finger verharrten auf den Armlehnen. Sie fixierte den eingebrannten Schatten, der im Grau des Marmors versickerte. Ein leidender Vater. Ein Sklave. Ein Attentäter. Die Puzzleteile splitterten. Der Widerspruch blockierte das Denken. Zu viele Eindrücke stürzten gleichzeitig ein. Eine Prüfung? Ein Test ihrer Mutter? Hatte sie versagt?

Die Schlingen entwichen ihrem Kopf. Ein kreischender Schmerz schabte durch die Windungen, kratzte über die Innenseite des Schädels. Fingernägel auf blankem Schiefer. »Mutter, es … es tut mir …«, presste Luana hervor. »Ich hätte ihn durchschauen müssen, ich—«
»Mein Kind, richte deine Aufmerksamkeit auf den nächsten Bittsteller.«
Die Stimme nistete in ihren Gedanken.
Blut rauschte in den Ohren. Wärme stieg den Nacken hinauf, biss in die Wangen. Sie hatte versagt. Und wofür das alles? Ein ausgelöschtes Leben nur für diese eine Lektion? Das Gefüge sperrte sich gegen jede Rettung, verweigerte dem Sterbenden den Halt, aber nahm jeden Tod dankbar an. Würde sie irgendwann genauso veröden? Luana sprang vom Thron. Ihr Oberkörper neigte sich vor, sie fing den Schwung ab. Es brach aus ihr heraus: »Kannst du nicht ganz normal mit mir sprechen? Warum musst du ständig in meinem Scheißkopf wühlen? Was soll das hier? Was willst du mir überhaupt beibringen?«
Die Lider der Königin wanderten nach oben. Die Pupillen weiteten sich. Das Violett im Inneren schwappte in den smaragdgrünen Außenrand der Iris, gerann zu einem stumpfen Amethyst. Die Brauen über der Nasenwurzel stiegen und gruben senkrechte Falten in die Stirn.

Sie baute sich vor ihrer Mutter auf. Der Brustkorb hob und senkte sich in schnellen Stößen. »Alles gehorcht dir, und doch bist du nur eine Zuschauerin! Du verwaltest das Sterben, aber du fühlst überhaupt nichts! Du bist … du bist nichts weiter … nichts weiter als eine leblose Statue!« Der Atem riss die Spucke von der Zunge. Speicheltröpfchen verpufften eine Haaresbreite vor dem Gesicht ihrer Mutter.
Sie zog das Kinn an, die Muskeln im Nacken verhärteten. Sie ballte die Hände und erwartete das erneute Eindringen der Schlingen.
Ihre Mutter sank gegen die Rückenlehne, straffte den Hals. Ihr Kehlkopf zuckte. Der Monolith hinter ihr wankte, seine Spitze scherte aus der Achse des weißen Himmels und drohte auf Luana zu stürzen. Sie taumelte nach hinten.

Schneeweiße Strähnen glitten ihrer Mutter ins Gesicht. Fingerkuppen pressten in die Lehnen, fahle Haut spannte sich über die Knöchel. Die starre Naht der Lippen wich. Ein feiner Spalt öffnete und schloss sich wieder.
Luanas Schultern sackten ein. Die Königin versuchte ihrem Blick auszuweichen. Eine nackte Verletzlichkeit trübte den Amethyst ihrer Iris. Dieser Ausdruck war neu für Luana. Sie fixierte das Gesicht ihrer Mutter, wollte die Worte zurücknehmen, die zwischen ihnen faulten. Ihre Lunge brannte.
Die Innenseite des Schädels schwieg, als die Königin den Mund öffnete. Ein fremder Klang floss sanft und lieblich. »Du verlangst nach Antworten, die … die für dich wertlos sind.«
Ihr Kiefer verhärtete sich. Ein neuer Vorwurf drängte auf ihre Zunge: Warum zwingst du mich dann in die Pflichten, nur um mir meine Unzulänglichkeiten zu verschweigen? Das Verlangen nach Flucht. Aber kein Exil war sicher vor ihrem Ereignishorizont. Ihr Herzschlag stolperte. Die Königin hob zwei Finger von der steinernen Armlehne. »Nimm deinen Platz ein. Bitte.« Ein feuchter Schimmer lag auf ihren Augen.

Luanas Stiefelsohlen pressten sich in den Stein. Füße schleiften über den Boden. Kniekehlen stießen gegen die Kante. Sie sank auf ihren Thron.
Blasses Glimmen auf dem grauen Marmor ballte sich. Licht floh von Luanas Stirn, verdampftes Fleisch löste sich aus dem Rachen, Blutnebel riss vom Gaumen, zog sich aus dem Mund. Sie musste unwillkürlich schlucken. Zunge glitt über blanke Zähne, suchte nach der klebrigen Süße, fand nur säuerlichen Speichel. Magen verkrampfte, stieß nach oben, verengte den Hals. Seltsame Leere verblieb.

Das Leuchten wich von der Brust, schälte sich von den Knien und verdichtete sich zu einer Kugel. Eine Sonne erstarrte vor den Thronstufen.
Gleißendes Gas schrumpfte zu einem nadelscharfen Punkt. Atome verketteten sich zu Molekülen. Schienbeine pressten flach auf den Marmor. Knie knirschten im harten Winkel, Beingelenke glitschten in die Hüftschalen. Wirbel fädelten nass zur Säule auf. Graue Substanz quoll empor, faltete sich in Windungen. Der Knochenstrom floss über die Schultern, trieb Arme hervor, fächerte zu Fingern, formte Wangen, Stirn und Schädel. Weiß glibberte in den Augenhöhlen. Stechendes Blau rahmte die Pupillen — die Luana anstarrten. Ein klaffendes Maul aus Knochen schnappte gierig zu und wölbte Rippenbögen. Magenwände zogen sich hoch, gefüllt mit brennender Säure. Vier fleischige Herzen schwollen an, pumpten trocken im asymmetrischen Takt. Nervennetze griffen aus, Blut flutete in pulsierende Adern. Muskelstränge umflochten Knochen, Gewebesaft schwitzte aus den Fasern. Sehnen zurrten fest. Fleisch füllte Konturen. Dunkle Haut kroch über die Kiefer, spannte Nasenflügel, bettete spitz zulaufende Zähne ein. Schwere, gedrehte Kordeln sprossen vom Schädel und legten sich um den Nacken. Die Pfütze zwischen den Knien perlte dem Gesicht entgegen. Speichel floss über das Kinn, erstarrte zu gläsernen Fäden im aufgerissenen Maul.

Fauchend wälzte sich zähe Lava den Krieger empor, umschloss seinen Leib. Die glühende Masse erkaltete und brach klirrend in scharfe Kanten zu kristallschwarzen Platten. Flügelgleich klappte der Brustkorb auseinander und zog schleimige Fäden hinterher. Ein Grollen drang aus der Kehle, kippte in ein verzerrtes Jaulen. Die Stiefelspitze klackerte gegen den Marmor, ein nasses Knacken brach aus dem Gelenk, das Bein knickte seitlich weg, rastete ruckartig ein und wich einer meditativen Ruhe. Pisse quoll als Rinnsal aus den Rüstungsspalten am Knie. Gequältes Kreischen verebbte. Pupillen verengten zu Schlitzen. Augen flüchteten zu Boden, eines zitterte, kroch nach oben, fixierte Luana — das andere Auge verharrte am unteren Lidrand und zog langsam nach.
In der Brusthöhle grießelten graue Partikel zum Korn. Talzium 15 B. Gleißender Prismanebel füllte den Hohlraum, spaltete das Licht in blaugrüne Farblinsen, die träge um das Zentrum kreisten. Sirrend zogen kristalline Splitter zusammen, schossen zu Schollen. Risse verschmolzen, formten das innere Gehäuse. Weitere Splitter flossen heran, schlossen die Wandung und erstarrten zum Zylinder.




Fortsetzung folgt.
 
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