terra incognita

Mimi

Mitglied
das weh das aufrichtige
sprich: kennst du die farbe der ferne
und wer lehrte dich was die farbe der ferne ist
sie zog vorbei an der bläserin
die spielte auf der neunknotigen nay
gesellte sich zu den phönizierinnen
vor deren wangen widerschein das licht ein schatten ist
und dennoch
ist sie ihnen in nichts gleich
sie nahm zuflucht vor dem übel der neider
dort wo das paradies und die erde sich lieben
erkennst du nicht das strahlenschwert das weh dir spricht
der künstler glaubt dass seine kunst die schönheit ist
sieh: die wahre schönheit kennt er nicht
dem mächtigen der glaubt dass seine macht nicht untergeht-
kein aug um aug kein zahn um zahn
sein böses herz ist trüb und blind
 

Mondnein

Mitglied
Liebe Mimi!

der künstler glaubt dass seine kunst die schönheit ist
sieh: die wahre schönheit kennt er nicht
ich vermute, Du zählst Dich nicht zu den Künstlern?

Mir sind viele, viele Künstler bekannt, die die wahre Schönheit kennen, -
ja die sie zeigen.

Zum Beispiel William Blake in seinem Sandkorn-Gedicht.

grusz, hansz
 

Mimi

Mitglied
...zähle ich mich zu den Künstlern?...
...hmmm... nun lieber Hansz, ich sehe dies ähnlich wie Picasso...
" Als Kind ist jeder ein Künstler.
Die Schwierigkeit liegt darin, als Erwachsener einer zu bleiben"
...ist man ein Schriftsteller/Lyriker, wenn man den unerschütterlichen Drang hat zu schreiben?...
ist das Künstlertum nicht eine menschliche Daseinsform?...
vielleicht wäre die Frage im Sinne der klassischen Form der Klassifikation leichter zu beantworten...

...das LI ist auf der Suche nach der " wahren Schönheit " ...
... im Gedicht ist es erstmal ein agonaler Begriff... komparativ... multimodal...
es lässt offen: ist die wahre Schönheit Natur oder Kunst?... ist sie die Regel oder doch eher die Ausnahme?... ist Schönheit das Ergebnis objektiver Messung... etwa einer harmonisch klingenden Melodie... oder Proportionen und Symmetrie...?
oder nüchtern gesagt: ist sie das Ergebnis eines subjektiven Geschmacksurteils...?

...und letztendlich ist es auch der
" Wachstumsjuckreiz am Seelengefieder" , der das LI schmerzhaft begleitet..



...für mich bedeutet Schönheit in erster Linie Selbsttransparenz der Lebendigkeit, sie ist das Sichtbarwerden ihres Grundcharakters ...Gefühl... Kreativität...Sympathie... natürlich Schmerz und Liebe... in allen Formen auf einer Skala... vom vollkommen unbewusst Körperlichen bis zum total künstlich Geistigen....

...ich verstehe William Blakes Gedicht als... nun ja... als Aufforderung in die Welt hinaus zu gehen und sie zu entdecken ... zu erleben... zu genießen...

... die ersten Zeilen mag ich besonders...( hier in spanischer Sprache )...

Ver a un mundo en grano de arena
Y un cielo en una flor silvestre
Toma la infinitud en la palma de tu mano
Y la eternidad en una hora
( Auguries of Innocence )

... halte die Unendlichkeit auf deiner flachen Hand... ja , lieber Hansz... das hat wahrlich etwas Schönes, Erhabenes...

... es grüßt dich ...
Mimi
 

Daniel Techet

Mitglied
" Als Kind ist jeder ein Künstler.
Die Schwierigkeit liegt darin, als Erwachsener einer zu bleiben"
Das gefällt mir gut.
Insbesondere weil für mich zur Kunst das Spielerische, Träumerische und ganz und gar un-analytische gehört. Das Geschaffene dann in bestimmte festgeschriebene Formen, Richtlinien und Gesetze zu bringen ist dann doch wieder eine - manchmal etwas unangenehme Eigenart - der Erwachsenen.
Worin ist mehr Lebendigkeit? Im kindlichen Spiel oder in erwachsener Analyse und Struktur? Und.. könntes es Kunst geben ohne das Leben?
 

Mondnein

Mitglied
...das LI ist auf der Suche nach der " wahren Schönheit " ...
aber wie kann es dann behaupten:
der künstler glaubt dass seine kunst die schönheit ist
sieh: die wahre schönheit kennt er nicht
?
Denn wenn das lyrische Ich auf der Suche nach der wahren Schönheit wäre, würde es sie in großer Fülle finden, in den Werken der Künstler. Wo denn sonst?

Und das heißt: Im Blick der findigen Betrachter, Hörer, Leser. Die Schönheit eröffnet sich dem lesenden Auge.

Aber ich sehe, daß der Ausruf "die wahre schönheit kennt er nicht" gar keine allgemeine Alllaussage über die Künstler sein soll, sondern eine Art Verzweiflungslied: über das Mißverhältnis von Schönheitssehnsucht (im lyrischen Ich) und Schönheitsfund (im lesenden Auge, im Hören der Verse), ein melodisch klagender Gesang.

grusz, hansz
 

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