Tierisches Verlangen

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Morgens und abends war er in Geschäften unterwegs und kam täglich zur etwa gleichen Stunde über die große Kreuzung, um dann durch den Park nach Hause zu gehen. Ob er sie heute wohl wieder-sehen würde? Manchmal ergab es sich ja, doch man konnte sich nicht darauf verlassen. Als er sie das zweite oder dritte Mal hier gehen sah, hatte sie bereits ein Erkennen signalisiert und darüber war er hoch erfreut gewesen. Nun, was würde heute sein? Er blieb stehen und gab vor, sich mit irgendetwas zu beschäftigen, um damit sein Warten zu kaschieren. Gestern fand ja ein Wiedersehen statt und obwohl sich beide kaum kannten, standen sie sich für einen Moment so nahe gegenüber, dass sich ihre Nasenspitzen fast berührten. Doch dieser flüchtige Augenblick war in der Tat sehr flüchtig. Später gelang ihm sogar ein kleiner, unbeobachteter Spaziergang mit ihr im Park. Zart setzte sie ihre kleinen Füßchen zu kurzen Trippelschritten und er, neben ihr, war glücklich. Er ging auch oft rückwärts vor ihr her, um ihr beim Gehen in die Augen schauen zu können. In diese schönen, hellbraunen Augen, die immer leicht spöttisch zu schauen schienen. Manchmal öffnete sich dann leicht ihr Mund und ließ, neben ihrer rosa Zungenspitze, auch ihre kleinen perlweißen Zähnchen sehen. Dann wurden gestern vom spätnachmittäglichen Sonnengegenlicht sogar ihre lieblichen Öhrchen durchleuchtet und zeigten ein rötliches Adergeflecht. Ach, wie war das alles schön, er war ja so verliebt.

Doch bald würde er nicht länger hier warten können, er war ja nicht alleine, und zügiger Heimgang wurde unvermeidlich. Bläuliche Autoabgase kamen von der großen Kreuzung jetzt auf ihn zu gewabert, es war ohnehin heute herbstliches, unschönes Wetter. Bestimmt kam sie nicht mehr. Leider. Auch fing es an zu regnen und er spürte leichten Zug von der Leine. Seine Versorgerin war mit ihrem Telefonat inzwischen fertig geworden, steckte das Telefon ein und sprach: “Komm!“ zu ihm. Der Regen wurde stärker und warf kleine Wasserbomben in die flott strömende Leine, und aus dem leichten Zug wurde richtiger Wind. Damit war sein Traum für heute ausgeträumt. Diese Liebe würde wohl keine Zukunft kennen, waren doch beide fest an ihr Leben und Heim gekettet. Seine Versorgerin und er machten sich über die Straßenbrücke „Leinenschloss“ auf den Heimweg in ihre kleine Wohnung in der Markthallengegend Hannovers. Die Frau war ziemlich groß, so schaute er von unten schräg zu ihr hinauf, fühlte sich nicht gerade unglücklich, aber bestens versorgt. Und morgen würde aus Herbst und Regen ein neuer Tag empor wachsen, vielleicht gelänge am Ufer das Ausbüchsen mit der Rehäugigen. Mit nichts wie hin zum Dampferanleger und dann: „Leinen los!“.

Erfüllt von diesem seinen Innenleben marschierte er, die eigene zarte Seele streichelnd, in Richtung seines Heimes, bereit zu Aufnahme von Speis und Trank und folgender Entspannung. Ach, hätte er bloß, hätte er, und nicht nur seiner Selbst gedenkend, doch einen einz‘gen Blick beim Gehen er zurück geworfen! Dann hätte er sie sehen können! Von Ferne kommend, bog sie um die Ecke, erspähte ihn nun, der sich flugs entfernte und rannte los, den Abstand überbrückend, denn ihm zu nahen, war nun hohes Ziel. Doch, ach, es rast ein Moped schnell vorüber und Unglück folgt, schneller als Schreiben geht. Von starkem Aufprall in die Luft geschleudert, bestimmt schon tot, und dann, nach Flug und Fall, zerschmettert kommt zur Ruhe der lieb gewonn’ne Körper und das Haupt. Nur ihm gedachte sie in ihrer letzten Lebensfrist. Dem Mopedfahrer ist nicht viel geschehen, denn Hundetod bleibt Sachbeschädigung.

Hingegen er bleibt mit sich selbst beschäftig und tut sich richtiggehend leid. Der Blick zurück fand, wie gesagt, nicht statt. So wird er in den nächsten Tagen zwar noch warten, jedoch mit kleinem Ärger auf des Weibs Unzuverlässigkeit. Und nach und nach wird er sie dann vergessen, bei Trank und Fressen in der Folgezeit.
 

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