Tod durch Schrittzähler

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Die Meldung vom ersten Todesfall, der auf einen digitalen Schrittzähler zurückzuführen ist, zumindest indirekt, blieb in der internationalen Berichterstattung eine Randnotiz. Es handelte sich um den zweiundsiebzigjährigen Rentner Haruto Yamauchi aus dem Tokioter Bezirk Shibuya, der dort am Rande des Yogiyogi Parks tot aufgefunden wurde - den Anzeichen nach war es Tod durch Herzversagen. Der Schwiegersohn des Verstorbenen rekonstruierte später den vermutlichen Verlauf der Vorgeschichte.

Der alte Herr hatte sich nach dem Tod seiner Ehefrau einen Hund zugelegt - gegen Einsamkeit, und um durch das Ausführen des Tieres für ausreichend Bewegung zu sorgen. Aufgrund einer fortschreitenden Herzschwäche musste er seine körperlichen Belastungen limitieren. Als gesundheitliche Orientierungshilfe benutzte er dazu einen sogenannten Manpo-kei, übersetzt 10.000 Schritte Messgerät. Solche Geräte sind weltweit millionenfach im Einsatz, um die Benutzer zu einem Minimum an täglichen Schritten zu animieren. Herr Yamauchi, früherer Produktentwickler eines Elektronikkonzerns, wandelte die Benutzung dieses Geräts um. Diese Veränderung sah vor, die programmierte Schrittzahl nicht wie üblich als minimales Ziel festzulegen, sondern als absolutes Maximum – das war mit seinem Hausarzt so abgesprochen. Für seinen Hund, ein lebhaftes Exemplar der Rasse Ainu-ten, war dieses Mobilitätsprofil ausreichend. Auch sonst hatte Herr Yamauchi sein Leben gut organisiert: Er mochte es, in der stark durchregulierten Mega-City Tokio nach festen Regeln zu leben, auch in Bezug auf Hundehaltung. So hatte er zum Beispiel bei der Stadtverwaltung die dringende Empfehlung angeregt, Hunde vorm Verlassen des Hauses ihre Notdurft bereits zuhause verrichten zu lassen. Für das anschließende Ausführen von Hunden ist in Tokio unter anderem strikte Leinenpflicht vorgeschrieben, mit Ausnahme genau definierter Flächen, für die man sich registrieren lassen muss, um gebührenpflichtig Zeitfenster buchen zu können. Das gleiche gilt für die Fäkalien-Hotspots, die behördlich überwacht und entleert werden. Der Einführung eines Gewichtslimits für in Miethäusern wohnende Hunde, kombiniert mit einer Sonderregelung beim Benutzen des Fahrstuhls, stimmte Haruto Yamauchi begeistert zu. Dass Hundehalter ihre Tiere in japanischen S-Bahnen ausschließlich in geschlossenen Behältern mitführen dürfen, passte gut in sein Ordnungsverständnis.

Dann verschlechterte sich der Gesundheitszustand des Rentners - auf seine Gassi-Touren wollte er jedoch nicht verzichten. So änderte er die Einstellung des Schrittzählers, der ihm nun bereits nach der halben Strecke sein persönliches Limit anzeigte. Für seinen bewegungsfreudigen Hund wäre das zu kurz gewesen, sodass er für diesen die doppelte Distanz als Grenzwert einstellte. Das Problem, der Hund musste die zweite Hälfte der Gesamtstrecke ohne sein Herrchen bewältigen. Und hier wurde Herr Yamauchi als technischer Tüftler wieder aktiv. Was er an der Entwicklung zum autonomen Fahren von Autos bewunderte, Steuerung der Assistenzsysteme durch Kameras, müsste auch bei einem Tier möglich sein, so seine Annahme. Er entwickelte eine Software, die statt optischer Impulse wie bei dem System für Fahrzeuge mit einem implantierten Chip bei seinem Hund arbeitete: Das Tier wurde durch diesen neurologisch und hormonell per Algorithmen einer App zielgenau geleitet - für das Ausleben tierischer Bedürfnisse war nun Technik statt Instinkt die treibende Kraft. Der Hund hatte in kurzer Zeit diese Art der Impulssteuerung verinnerlicht – es gab keinen nennenswerten Zwischenfall.

Bis zu dem Nachmittag, an dem der Probealarm für eine Erdbebenschutzübung das Funknetz im Bezirk Shibuya irritierte und die Datenübertragung des Schrittzählers störte - Harutos Hund lief die Reststrecke orientierungslos weiter. Er wurde in seiner Mobilität inzwischen komplett von Algorithmen gesteuert und irrte nun ziellos außerhalb der vorgegebenen Streckenführung umher. Nach einer Karenzzeit von zwanzig Minuten überkam den alten Mann Panik. Diese Stresssituation trieb ihn in eine hektische Suchaktion, die ihn schnell an seine körperlichen Grenzen führte, sein Herz raste - er musste für einen Moment innehalten. Während dieser Verschnaufpause wurde die Frequenzstörung behoben, der unkontrolliert umher laufende Hund wurde wieder von der Software gesteuert und rannte hastig in Richtung Ausgangspunkt. Dabei lief er im Verkehrsgewühl auf einer stark befahrenen Kreuzung direkt vor einen Servicewagen des städtischen Elektrizitätswerks und kam beim Aufprall in dem Moment zu Tode, als sein Herr ihn gerade erblickt hatte und ihm freudig erregt entgegenlaufen wollte.
 



 
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