SilberneDelfine
Mitglied
Die Frau, die von den beiden Streifenpolizisten Kramer und Hahnes auf die Wache gebracht wurde, wirkte von der äußerlichen Erscheinung her gepflegt. Ihre Kleidung – dunkelblaue Jeans und weißes T-Shirt – war sauber. Körpergeruch war nicht festzustellen. Auf dem Kopf trug sie einen schwarzen Schlapphut mit breiter Krempe. Eine Sonnenbrille bedeckte ihre Augen, sodass von ihrem Gesicht kaum etwas zu sehen war. Sie torkelte leicht, als die Beamten sie zu Polizeihauptkommissar Wenger führten und schimpfte auf Französisch vor sich hin.
„Imbéciles! Vous êtes imbéciles!“
„Das ist die Frau, die wir vorhin gemeldet haben“, sagte Kramer.
„Dachte ich mir. Die, die zwischen Kehl und Straßburg unterwegs war. Wie heißt sie?“
„Das wissen wir nicht. Sie hat auf unsere Fragen nicht geantwortet“, erklärte Hahnes.
„Wir mussten sie mitnehmen“, mischte Kramer sich ein. „Sie ist auf der Straße herumgetorkelt, hat laut geschrien und ließ sich nicht beruhigen. Wir dachten, sie ist betrunken. Pusten wollte sie nicht, das heißt, sie hat auf unsere Fragen gar keine Antwort gegeben, nur vor sich hin geflucht und sogar versucht, nach uns zu schlagen. Wir dachten schon, wir müssten ihr Handschellen anlegen. Auf alle Fälle hat sie eine Gefahr für andere für sich dargestellt. Ehe da noch was passiert wäre …“
„Wie heißen Sie?“, wandte Wenger sich nun direkt an die Frau und unterbrach damit Kramers Redeschwall.
Mit einem Aufschrei riss die Frau sich den Hut vom Kopf und die Sonnenbrille vom Gesicht. Ihre blonden Haare ergossen sich bis zur Taille. Wenger sah ihr ins Gesicht, direkt in ihre himmelblauen Augen. Anklagend zeigte sie auf Kramer und Hahnes.
„Regardez! Regardez!“
„Was denn?“, fragte Wenger. „Was soll ich schauen? Das sind nur zwei harmlose Streifenpolizisten.“
„Ce sont …“ Die Frau zögerte, dann beugte sie sich zu Wenger hinunter und flüsterte ihm ins Ohr: „Ce sont …des extraterrestres!“
Du lieber Himmel, dachte Wenger.
„Madame!“ Er schüttelte energisch den Kopf. „Jamais, Madame. Ils travaillent à la police, regardez les uniformes?“ Er wandte sich an Hahnes und Kramer. „Ihr könnt jetzt gehen. Das wird etwas länger dauern.“ Die beiden Streifenpolizisten entfernten sich. Wenger wartete, bis sie außer Hörweite waren, dann sah er die Frau ärgerlich an. „Was um alles in der Welt soll dieses Theater, Monique?“
„Je ne m’appelle pas Monique“, gab die Frau zur Antwort.
Wenger schlug mit der Faust auf den Tisch. „Hör auf, mich zu verarschen, Monique! Hat deine Schwester dich geschickt? Das kann sie sich schenken. Ich komme nicht zurück, das kannst du ihr ausrichten. Sie hat mich nur ausgenutzt. Zum Glück habe ich es noch rechtzeitig gemerkt.“
„Je n’ai pas une soeur.“
„Klar. Und ich bin der Weihnachtsmann. Wie hast du es eigentlich geschafft, dich von genau den richtigen Streifenpolizisten aufgreifen zu lassen? Du hättest genauso gut auf einer anderen Wache landen können.“
„Monsieur! Vraiment! Mon nom n’est pas Monique. Je ne vous connaissez pas, Monsieur.“
„Du verstehst doch Deutsch, warum redest du es denn nicht?“
„Parce que je ne veux pas.“
„Okay, das ist das erste, was mir einleuchtet. Wie auch immer, ich muss deine Personalien feststellen. Hast du deinen Personalausweis dabei?“
Die Frau griff in ihre Handtasche, zog ein Portemonnaie hervor, klappte es auf, holte einen Personalausweis hervor und reichte ihn Wenger.
„Warum nicht gleich so“, sagte Wenger selbstzufrieden, studierte den Personalausweis und schüttelte anschließend den Kopf. „Das ist weder dein Name noch dein Bild.
„C’est mon nom, Monsieur. Cést ma photo.“
Wenger seufzte. „Ich glaub dir kein Wort, aber von mir aus kannst du gehen. Ich frag mich nur, was das sollte.“
„Tout le monde est fou, Monsieur.“
„Das weiß ich schon lange.“ Wenger wies zur Tür. „Au revoir, Monique.“
Die Frau ging ohne ein weiteres Wort zur Tür.
„Grüß Jacqueline nicht von mir“, rief ihr Wenger hinterher und ärgerte sich im gleichen Moment über sich selbst. Das wäre nicht nötig gewesen.
In dieser Nacht schlief er schlecht. Er träumte von Monique, Jacqueline und den beiden Streifenpolizisten, die sich in Außerirdische verwandelt hatten und nur noch mit Raumanzug und Helm zur Arbeit kamen. Als er sie fragte, warum sie ihre Uniformen nicht mehr trugen, bekam er nur den Satz: „Tout le monde est fou, Monsieur“ zur Antwort. Er stand um fünf Uhr auf, fragte sich, was der Traum ihm hatte sagen wollen und fuhr missgestimmt zur Arbeit.
An diesem Tag brachten ihm Hahnes und Kramer einen Mann auf die Wache. Er war ca. 35 Jahre alt, schlank, gepflegt, trug einen Sonnenhut und eine Sonnenbrille und torkelte leicht. Er schimpfte leise vor sich hin, aber außer „Dummköpfe“ verstand Wenger nichts. Er warf einen misstrauischen Blick auf die beiden Streifenpolizisten. Keiner trug einen Raumanzug mit Helm.
„Das ist der Mann, den wir vorhin gemeldet haben“, sagte Kramer.
„Der, der zwischen Kehl und Straßburg unterwegs war?“, fragte Wenger.“
„Genau“, bestätigte Hahnes. „Aber seine Personalien konnten wir nicht feststellen.“
„Wir mussten ihn mitnehmen“, mischte Kramer sich ein. „Er ist auf der Straße herumgetorkelt, hat laut geschrien und ließ sich nicht beruhigen. Wir dachten, er ist betrunken. Pusten wollte er nicht, das heißt, er hat auf unsere Fragen gar keine Antwort gegeben, nur vor sich hin geflucht und sogar versucht, nach uns zu schlagen. Wir dachten schon, wir müssten ihm Handschellen anlegen. Auf alle Fälle hat er eine Gefahr für andere für sich dargestellt. Ehe da noch was passiert wäre …“
„Schon gut, schon gut“, unterbrach Wenger gereizt. „Also im Prinzip dasselbe wie gestern.“
Er wandte sich an den Mann. „Wie heißen Sie?“
Der Mann riss sich die Sonnenbrille vom Gesicht, den Hut vom Kopf und zeigte anklagend auf Kramer und Hahnes.
„Schauen Sie sich das mal an!“, rief er aus.
„Was denn? Das sind nur zwei harmlose Streifenpolizisten.“
Der Mann beugte sich über Wengers Schreibtisch, winkte ihn zu sich heran und flüsterte ihm ins Ohr: „Das sind Außerirdische!“
Wenger schüttelte den Kopf. „Niemals. Sie tragen ganz normale Polizistenuniformen.“
An Hahnes und Kramer gerichtet, sagte er dann: „Ihr könnt gehen. Das wird länger dauern.“
Die beiden Polizisten verschwanden durch die Tür. Wenger wandte sich an den Mann.
„Was um alles in der Welt soll dieses Theater, Bruno?“
„Wer ist Bruno?“, fragte der Mann. „Ich heiße nicht Bruno.“
„Klar. Und ich bin der Weihnachtsmann. Wie hast du es eigentlich geschafft, dich von genau den richtigen Streifenpolizisten aufgreifen zu lassen? Du hättest genauso gut auf einer anderen Wache landen können. Zeig mir mal deinen Personalausweis.“
Der Mann griff in die Hosentasche, zog einen Personalausweis hervor und reichte ihn Wenger. Dieser studierte ihn eingehend. „Das ist weder dein Name noch dein Bild.“ Er reichte ihm den Personalausweis zurück. „Weißt du was, hau einfach ab. Ich habe keine Lust, meinen Bruder zu verhaften. Und ich habe auch keine Lust, dich schon wieder aus irgendeinem Schlamassel rauszuboxen. Du bist wirklich alt genug.“
„Ich habe keinen Bruder“, sagte der Mann.
„Jaja, schon gut.“ Wenger zog einen Fünfzig-Euro-Schein aus der Tasche und reichte ihn ihm. „Hier, das wird fürs erste reichen. Und lass dich bloß nicht mehr hier blicken.“
„Die ganze Welt ist verrückt geworden“, sagte der Mann, steckte den Fünfzig-Euro-Schein ein und spazierte zur Tür hinaus.
Am nächsten Tag brachten ihm Hahnes und Kramer eine Frau auf die Wache. Sie wirkte gepflegt, trug eine Sonnenbrille und einen Sonnenhut und torkelte leicht, als die Beamten sie zu Wenger führten.
„Das ist die Frau, die wir vorhin gemeldet haben“, sagte Kramer.
„Die, die zwischen Kehl und Straßburg unterwegs war? Wie heißt sie?“
„Das wissen wir nicht. Sie hat auf unsere Fragen nicht geantwortet“, erklärte Hahnes.
„Wir mussten sie mitnehmen“, mischte Kramer sich ein. „Sie ist auf der Straße herumgetorkelt, hat laut geschrien und ließ sich nicht beruhigen. Wir dachten, sie ist betrunken. Pusten wollte sie nicht, das heißt, sie hat auf unsere Fragen gar keine Antwort gegeben, nur vor sich hin geflucht und sogar versucht, nach uns zu schlagen. Wir dachten schon, wir müssten ihr Handschellen anlegen. Auf alle Fälle hat sie eine Gefahr für andere für sich dargestellt. Ehe da noch was passiert wäre …“
„Nicht schon wieder“, unterbrach Wenger ihn. „Ihr könnt gehen.“
Die beiden Polizisten entfernten sich, und Wenger sah die Frau unwirsch an. „Was soll das, Jacqueline?“
„Je ne m’appelle pas Jacqueline, Monsieur“, sagte die Frau laut und deutlich, dann beugte sie sich vor und flüsterte in vertraulichem Ton: „Pscht … ici sont des extraterrestres.“
„Na klar. Was soll das eigentlich alles hier? Erst taucht deine Schwester auf, dann mein Bruder, jetzt du, und alle behaupten, nicht die zu sein, die sie sind. Und wie hast du es eigentlich geschafft, dich von genau den richtigen Streifenpolizisten aufgreifen zu lassen? Du hättest genauso gut auf einer anderen Wa…“ Als er die Worte aussprechen wollte, wusste er es. Das war die Lösung. Er stürzte zum Fenster und sah hinaus. Auf der Straße stand ein Raumschiff, davor drängten sich einige Leute. Hahnes und Kramer, immer noch in ihrer Uniform, standen vor der Treppe, die in das Innere des Raumschiffes führte und wiesen offenbar die Leute an, einzusteigen. Ob diese das freiwillig taten, war nicht auszumachen.
„Komm mit!“, sagte Wenger zu Jacqueline, „nichts wie weg hier!“ Mit Jacqueline an der Hand rannte er aus der Wache und auf die Straße. Dort ließ er sie los. „Renn nach links!“ Jacqueline lief ohne ein weiteres Wort davon.
Er wollte an dem Raumschiff rechts vorbei flüchten, doch Kramer trat ihm in den Weg.
„Hier geht es entlang“, sagte er und wies in das Innere des Raumschiffes. „Sie wollen doch sicher einsteigen.“
Das wollte Wenger keineswegs, aber Kramer unterstrich die Einladung mit einer auf ihn gerichteten Pistole.
„Ihr seid also wirklich Außerirdische“, stellte Wenger fest. „Und ihr wollt sicher zu eurem Heimatplaneten. Mit ein paar Leuten von der Erde. Aber warum so umständlich? Wozu habt ihr mir drei Personen geschickt, die alle gesagt haben, dass sie nicht die sind, die sie sind und mich vor euch gewarnt haben?“
Kramer fuchtelte mit der Pistole. „Du willst verdammt viel wissen, Herr Polizeihauptkommissar. Nun gut, wir fanden es fairer, dich zu warnen. Du warst schließlich immer nett zu uns. Die Personen haben wir programmiert. Das war für uns eine Kleinigkeit. Die wissen jetzt gar nicht mehr, dass sie bei dir waren. Aber es mussten Leute sein, denen du vertraust. Keiner kann was dafür, dass du ihnen nicht geglaubt hast. Es hätte ja sein können, dass du lieber auf der Erde bleiben willst. Und jetzt steig endlich ein.“
„Ich will lieber auf der Erde bleiben“, sagte Wenger trotzig. „Ich werde nicht einsteigen.“
Kramer zielte mit der Pistole auf seinen Brustkorb. „Und ob du wirst. Stell dich nicht so an. Du kennst doch sicher ein paar Weltraumfilme. Haben sich die Leute da so unvernünftig angestellt? Sicher nicht. Wenn jemand Kartoffeln auf dem Mars anbauen kann, kannst du auch mit uns in den Weltraum fliegen. Wir sind schließlich nur drei Lichtjahre unterwegs.“
„Was?“ Wenger sah sich um. Die Sonne schien unbekümmert weiter. Er hörte Vögel zwitschern. Es war das Paradies. Das sollte er gegen einen dunklen Weltraum eintauschen? Nie im Leben. Auf dem Platz vor dem Raumschiff standen nur noch Kramer und er. „Wo ist Hahnes eigentlich? Und die anderen Leute? Sind die eigentlich freiwillig eingestiegen?“
„Sind alle schon drin und warten auf dich, Herr Polizeihauptkommissar. Sie sind alle freiwillig gekommen. Wir hatten ein Stellenangebot ausgeschrieben, wir brauchen ja eine Crew. Und jetzt Schluss mit den Fissematenten. Rein mit dir.“
„Wenn alle freiwillig da sind, warum zwingt ihr mich zum Mitfliegen?“
„Du stellst vielleicht blöde Fragen. Hast du nicht vor ein paar Jahren diese Artikel über Weltraumflüge verfasst? Über Außerirdische und das Leben im All? Und darüber, dass das keineswegs alles nur Humbug ist, wie manche Leute meinen? Du hast sehr überzeugend argumentiert. Du selbst hast geschrieben, dass man offen für alle Möglichkeiten sein muss. Dass man den Außerirdischen helfen muss, falls sie selbst nicht klarkommen. Weißt du das nicht mehr? Und jetzt darfst du helfen.“
„O mein Gott“, stöhnte Wenger. „Diesen Quatsch habe ich damals geschrieben, weil ein paar Leute scharf auf diese Geschichten waren. Ich hab damit Geld verdient. Ich hab geschrieben, was die Leute lesen wollten. Das könnt ihr doch nicht ernst nehmen.“
Hahnes erschien in der Tür des Raumschiffes. „Wo bleibt ihr denn? Der Start ist in sieben Minuten.“
„Wir kommen sofort“, erwiderte Kramer. Er stieß Wenger mit der Pistole an. „Jetzt geh schon. Freu dich, dass du den Weltraum sehen kannst. Das ist nicht jedem vergönnt.“
Das kann nur ein Traum sein, dachte Wenger. Wenn es ein Traum ist, steige ich einfach ein. Und wache bald auf und lache mich kaputt.
Er stieg ein. Kramer geleitete ihn zu einem freien Platz am Fenster. „Siehst du“, sagte er. „Du hast die beste Aussicht.“
Wenger schlug die Hände vors Gesicht. „Tout le monde est fou“, murmelte er.
„Was? Ich kann dich nicht verstehen.“
„Die ganze Welt ist verrückt“, sagte Wenger laut.
„Ja“, sagte Kramer. „Aber das wissen wir doch schon lange.“
„Imbéciles! Vous êtes imbéciles!“
„Das ist die Frau, die wir vorhin gemeldet haben“, sagte Kramer.
„Dachte ich mir. Die, die zwischen Kehl und Straßburg unterwegs war. Wie heißt sie?“
„Das wissen wir nicht. Sie hat auf unsere Fragen nicht geantwortet“, erklärte Hahnes.
„Wir mussten sie mitnehmen“, mischte Kramer sich ein. „Sie ist auf der Straße herumgetorkelt, hat laut geschrien und ließ sich nicht beruhigen. Wir dachten, sie ist betrunken. Pusten wollte sie nicht, das heißt, sie hat auf unsere Fragen gar keine Antwort gegeben, nur vor sich hin geflucht und sogar versucht, nach uns zu schlagen. Wir dachten schon, wir müssten ihr Handschellen anlegen. Auf alle Fälle hat sie eine Gefahr für andere für sich dargestellt. Ehe da noch was passiert wäre …“
„Wie heißen Sie?“, wandte Wenger sich nun direkt an die Frau und unterbrach damit Kramers Redeschwall.
Mit einem Aufschrei riss die Frau sich den Hut vom Kopf und die Sonnenbrille vom Gesicht. Ihre blonden Haare ergossen sich bis zur Taille. Wenger sah ihr ins Gesicht, direkt in ihre himmelblauen Augen. Anklagend zeigte sie auf Kramer und Hahnes.
„Regardez! Regardez!“
„Was denn?“, fragte Wenger. „Was soll ich schauen? Das sind nur zwei harmlose Streifenpolizisten.“
„Ce sont …“ Die Frau zögerte, dann beugte sie sich zu Wenger hinunter und flüsterte ihm ins Ohr: „Ce sont …des extraterrestres!“
Du lieber Himmel, dachte Wenger.
„Madame!“ Er schüttelte energisch den Kopf. „Jamais, Madame. Ils travaillent à la police, regardez les uniformes?“ Er wandte sich an Hahnes und Kramer. „Ihr könnt jetzt gehen. Das wird etwas länger dauern.“ Die beiden Streifenpolizisten entfernten sich. Wenger wartete, bis sie außer Hörweite waren, dann sah er die Frau ärgerlich an. „Was um alles in der Welt soll dieses Theater, Monique?“
„Je ne m’appelle pas Monique“, gab die Frau zur Antwort.
Wenger schlug mit der Faust auf den Tisch. „Hör auf, mich zu verarschen, Monique! Hat deine Schwester dich geschickt? Das kann sie sich schenken. Ich komme nicht zurück, das kannst du ihr ausrichten. Sie hat mich nur ausgenutzt. Zum Glück habe ich es noch rechtzeitig gemerkt.“
„Je n’ai pas une soeur.“
„Klar. Und ich bin der Weihnachtsmann. Wie hast du es eigentlich geschafft, dich von genau den richtigen Streifenpolizisten aufgreifen zu lassen? Du hättest genauso gut auf einer anderen Wache landen können.“
„Monsieur! Vraiment! Mon nom n’est pas Monique. Je ne vous connaissez pas, Monsieur.“
„Du verstehst doch Deutsch, warum redest du es denn nicht?“
„Parce que je ne veux pas.“
„Okay, das ist das erste, was mir einleuchtet. Wie auch immer, ich muss deine Personalien feststellen. Hast du deinen Personalausweis dabei?“
Die Frau griff in ihre Handtasche, zog ein Portemonnaie hervor, klappte es auf, holte einen Personalausweis hervor und reichte ihn Wenger.
„Warum nicht gleich so“, sagte Wenger selbstzufrieden, studierte den Personalausweis und schüttelte anschließend den Kopf. „Das ist weder dein Name noch dein Bild.
„C’est mon nom, Monsieur. Cést ma photo.“
Wenger seufzte. „Ich glaub dir kein Wort, aber von mir aus kannst du gehen. Ich frag mich nur, was das sollte.“
„Tout le monde est fou, Monsieur.“
„Das weiß ich schon lange.“ Wenger wies zur Tür. „Au revoir, Monique.“
Die Frau ging ohne ein weiteres Wort zur Tür.
„Grüß Jacqueline nicht von mir“, rief ihr Wenger hinterher und ärgerte sich im gleichen Moment über sich selbst. Das wäre nicht nötig gewesen.
In dieser Nacht schlief er schlecht. Er träumte von Monique, Jacqueline und den beiden Streifenpolizisten, die sich in Außerirdische verwandelt hatten und nur noch mit Raumanzug und Helm zur Arbeit kamen. Als er sie fragte, warum sie ihre Uniformen nicht mehr trugen, bekam er nur den Satz: „Tout le monde est fou, Monsieur“ zur Antwort. Er stand um fünf Uhr auf, fragte sich, was der Traum ihm hatte sagen wollen und fuhr missgestimmt zur Arbeit.
An diesem Tag brachten ihm Hahnes und Kramer einen Mann auf die Wache. Er war ca. 35 Jahre alt, schlank, gepflegt, trug einen Sonnenhut und eine Sonnenbrille und torkelte leicht. Er schimpfte leise vor sich hin, aber außer „Dummköpfe“ verstand Wenger nichts. Er warf einen misstrauischen Blick auf die beiden Streifenpolizisten. Keiner trug einen Raumanzug mit Helm.
„Das ist der Mann, den wir vorhin gemeldet haben“, sagte Kramer.
„Der, der zwischen Kehl und Straßburg unterwegs war?“, fragte Wenger.“
„Genau“, bestätigte Hahnes. „Aber seine Personalien konnten wir nicht feststellen.“
„Wir mussten ihn mitnehmen“, mischte Kramer sich ein. „Er ist auf der Straße herumgetorkelt, hat laut geschrien und ließ sich nicht beruhigen. Wir dachten, er ist betrunken. Pusten wollte er nicht, das heißt, er hat auf unsere Fragen gar keine Antwort gegeben, nur vor sich hin geflucht und sogar versucht, nach uns zu schlagen. Wir dachten schon, wir müssten ihm Handschellen anlegen. Auf alle Fälle hat er eine Gefahr für andere für sich dargestellt. Ehe da noch was passiert wäre …“
„Schon gut, schon gut“, unterbrach Wenger gereizt. „Also im Prinzip dasselbe wie gestern.“
Er wandte sich an den Mann. „Wie heißen Sie?“
Der Mann riss sich die Sonnenbrille vom Gesicht, den Hut vom Kopf und zeigte anklagend auf Kramer und Hahnes.
„Schauen Sie sich das mal an!“, rief er aus.
„Was denn? Das sind nur zwei harmlose Streifenpolizisten.“
Der Mann beugte sich über Wengers Schreibtisch, winkte ihn zu sich heran und flüsterte ihm ins Ohr: „Das sind Außerirdische!“
Wenger schüttelte den Kopf. „Niemals. Sie tragen ganz normale Polizistenuniformen.“
An Hahnes und Kramer gerichtet, sagte er dann: „Ihr könnt gehen. Das wird länger dauern.“
Die beiden Polizisten verschwanden durch die Tür. Wenger wandte sich an den Mann.
„Was um alles in der Welt soll dieses Theater, Bruno?“
„Wer ist Bruno?“, fragte der Mann. „Ich heiße nicht Bruno.“
„Klar. Und ich bin der Weihnachtsmann. Wie hast du es eigentlich geschafft, dich von genau den richtigen Streifenpolizisten aufgreifen zu lassen? Du hättest genauso gut auf einer anderen Wache landen können. Zeig mir mal deinen Personalausweis.“
Der Mann griff in die Hosentasche, zog einen Personalausweis hervor und reichte ihn Wenger. Dieser studierte ihn eingehend. „Das ist weder dein Name noch dein Bild.“ Er reichte ihm den Personalausweis zurück. „Weißt du was, hau einfach ab. Ich habe keine Lust, meinen Bruder zu verhaften. Und ich habe auch keine Lust, dich schon wieder aus irgendeinem Schlamassel rauszuboxen. Du bist wirklich alt genug.“
„Ich habe keinen Bruder“, sagte der Mann.
„Jaja, schon gut.“ Wenger zog einen Fünfzig-Euro-Schein aus der Tasche und reichte ihn ihm. „Hier, das wird fürs erste reichen. Und lass dich bloß nicht mehr hier blicken.“
„Die ganze Welt ist verrückt geworden“, sagte der Mann, steckte den Fünfzig-Euro-Schein ein und spazierte zur Tür hinaus.
Am nächsten Tag brachten ihm Hahnes und Kramer eine Frau auf die Wache. Sie wirkte gepflegt, trug eine Sonnenbrille und einen Sonnenhut und torkelte leicht, als die Beamten sie zu Wenger führten.
„Das ist die Frau, die wir vorhin gemeldet haben“, sagte Kramer.
„Die, die zwischen Kehl und Straßburg unterwegs war? Wie heißt sie?“
„Das wissen wir nicht. Sie hat auf unsere Fragen nicht geantwortet“, erklärte Hahnes.
„Wir mussten sie mitnehmen“, mischte Kramer sich ein. „Sie ist auf der Straße herumgetorkelt, hat laut geschrien und ließ sich nicht beruhigen. Wir dachten, sie ist betrunken. Pusten wollte sie nicht, das heißt, sie hat auf unsere Fragen gar keine Antwort gegeben, nur vor sich hin geflucht und sogar versucht, nach uns zu schlagen. Wir dachten schon, wir müssten ihr Handschellen anlegen. Auf alle Fälle hat sie eine Gefahr für andere für sich dargestellt. Ehe da noch was passiert wäre …“
„Nicht schon wieder“, unterbrach Wenger ihn. „Ihr könnt gehen.“
Die beiden Polizisten entfernten sich, und Wenger sah die Frau unwirsch an. „Was soll das, Jacqueline?“
„Je ne m’appelle pas Jacqueline, Monsieur“, sagte die Frau laut und deutlich, dann beugte sie sich vor und flüsterte in vertraulichem Ton: „Pscht … ici sont des extraterrestres.“
„Na klar. Was soll das eigentlich alles hier? Erst taucht deine Schwester auf, dann mein Bruder, jetzt du, und alle behaupten, nicht die zu sein, die sie sind. Und wie hast du es eigentlich geschafft, dich von genau den richtigen Streifenpolizisten aufgreifen zu lassen? Du hättest genauso gut auf einer anderen Wa…“ Als er die Worte aussprechen wollte, wusste er es. Das war die Lösung. Er stürzte zum Fenster und sah hinaus. Auf der Straße stand ein Raumschiff, davor drängten sich einige Leute. Hahnes und Kramer, immer noch in ihrer Uniform, standen vor der Treppe, die in das Innere des Raumschiffes führte und wiesen offenbar die Leute an, einzusteigen. Ob diese das freiwillig taten, war nicht auszumachen.
„Komm mit!“, sagte Wenger zu Jacqueline, „nichts wie weg hier!“ Mit Jacqueline an der Hand rannte er aus der Wache und auf die Straße. Dort ließ er sie los. „Renn nach links!“ Jacqueline lief ohne ein weiteres Wort davon.
Er wollte an dem Raumschiff rechts vorbei flüchten, doch Kramer trat ihm in den Weg.
„Hier geht es entlang“, sagte er und wies in das Innere des Raumschiffes. „Sie wollen doch sicher einsteigen.“
Das wollte Wenger keineswegs, aber Kramer unterstrich die Einladung mit einer auf ihn gerichteten Pistole.
„Ihr seid also wirklich Außerirdische“, stellte Wenger fest. „Und ihr wollt sicher zu eurem Heimatplaneten. Mit ein paar Leuten von der Erde. Aber warum so umständlich? Wozu habt ihr mir drei Personen geschickt, die alle gesagt haben, dass sie nicht die sind, die sie sind und mich vor euch gewarnt haben?“
Kramer fuchtelte mit der Pistole. „Du willst verdammt viel wissen, Herr Polizeihauptkommissar. Nun gut, wir fanden es fairer, dich zu warnen. Du warst schließlich immer nett zu uns. Die Personen haben wir programmiert. Das war für uns eine Kleinigkeit. Die wissen jetzt gar nicht mehr, dass sie bei dir waren. Aber es mussten Leute sein, denen du vertraust. Keiner kann was dafür, dass du ihnen nicht geglaubt hast. Es hätte ja sein können, dass du lieber auf der Erde bleiben willst. Und jetzt steig endlich ein.“
„Ich will lieber auf der Erde bleiben“, sagte Wenger trotzig. „Ich werde nicht einsteigen.“
Kramer zielte mit der Pistole auf seinen Brustkorb. „Und ob du wirst. Stell dich nicht so an. Du kennst doch sicher ein paar Weltraumfilme. Haben sich die Leute da so unvernünftig angestellt? Sicher nicht. Wenn jemand Kartoffeln auf dem Mars anbauen kann, kannst du auch mit uns in den Weltraum fliegen. Wir sind schließlich nur drei Lichtjahre unterwegs.“
„Was?“ Wenger sah sich um. Die Sonne schien unbekümmert weiter. Er hörte Vögel zwitschern. Es war das Paradies. Das sollte er gegen einen dunklen Weltraum eintauschen? Nie im Leben. Auf dem Platz vor dem Raumschiff standen nur noch Kramer und er. „Wo ist Hahnes eigentlich? Und die anderen Leute? Sind die eigentlich freiwillig eingestiegen?“
„Sind alle schon drin und warten auf dich, Herr Polizeihauptkommissar. Sie sind alle freiwillig gekommen. Wir hatten ein Stellenangebot ausgeschrieben, wir brauchen ja eine Crew. Und jetzt Schluss mit den Fissematenten. Rein mit dir.“
„Wenn alle freiwillig da sind, warum zwingt ihr mich zum Mitfliegen?“
„Du stellst vielleicht blöde Fragen. Hast du nicht vor ein paar Jahren diese Artikel über Weltraumflüge verfasst? Über Außerirdische und das Leben im All? Und darüber, dass das keineswegs alles nur Humbug ist, wie manche Leute meinen? Du hast sehr überzeugend argumentiert. Du selbst hast geschrieben, dass man offen für alle Möglichkeiten sein muss. Dass man den Außerirdischen helfen muss, falls sie selbst nicht klarkommen. Weißt du das nicht mehr? Und jetzt darfst du helfen.“
„O mein Gott“, stöhnte Wenger. „Diesen Quatsch habe ich damals geschrieben, weil ein paar Leute scharf auf diese Geschichten waren. Ich hab damit Geld verdient. Ich hab geschrieben, was die Leute lesen wollten. Das könnt ihr doch nicht ernst nehmen.“
Hahnes erschien in der Tür des Raumschiffes. „Wo bleibt ihr denn? Der Start ist in sieben Minuten.“
„Wir kommen sofort“, erwiderte Kramer. Er stieß Wenger mit der Pistole an. „Jetzt geh schon. Freu dich, dass du den Weltraum sehen kannst. Das ist nicht jedem vergönnt.“
Das kann nur ein Traum sein, dachte Wenger. Wenn es ein Traum ist, steige ich einfach ein. Und wache bald auf und lache mich kaputt.
Er stieg ein. Kramer geleitete ihn zu einem freien Platz am Fenster. „Siehst du“, sagte er. „Du hast die beste Aussicht.“
Wenger schlug die Hände vors Gesicht. „Tout le monde est fou“, murmelte er.
„Was? Ich kann dich nicht verstehen.“
„Die ganze Welt ist verrückt“, sagte Wenger laut.
„Ja“, sagte Kramer. „Aber das wissen wir doch schon lange.“